frei nach Maxi Wander
BIRGIT,Autorin
THOMAS, Autor
KATHI, ihre Tochter 17
MARGOT,Physikerin 30
GUDRUN,Schülerin 17
ROSI,Sekretärin 32
RUTH,Kellnerin 28
PROFESSOR, Onkologe 38
Ostberlin 1977-1981GLUTSTERNE/ DUNKLE NACHT IM DEZEMBER 1980
(B auf dem Bett mit Manuskripten.)
BIRGIT
Hallo! Könnte ich bitte eine Schreibunterlage bekommen?
PROFESSOR
ham wir nich
BIRGIT
Das ist meine Situation
Eine Autorin Anfang 40 mit Knoten in der Brust/ rennt Woche um Woche zu den Ärzten.Keiner weiß was. Keiner sagt was. Da stimmt doch was nicht. Eine Frauenärztin in Pankow sagt nur: »Das müssen wir im Auge behalten! Fremdkörper abklären. Und gibt mir eine Salbe, die ich auf die Brust schmieren sollte. Und warten / warten in Pankow warten in der Charite
Überweisung an die Charite / eine ganz junge Ärztin, Sächsin, betastet den Knoten in meiner Brust und sagt was von Mammographie . „Ich will den Chefarzt sprechen, Kann mir hier jetzt endlich mal jemand sagen was los ist mit mir“? Nach drei Wochen schaut sich der Chefarzt das an und sagt: 'raus muß das auf jeden Fall!« Und verschwindet. Die haben keine Zeit, keiner hat hier Zeit. Hab ich die denn noch? „beruhigen sie sich,fahren sie in den Urlaub Bulgarien CSSR und schmieren sie sich die Salbe drauf dann werden wir sehen.
Also Ist das jetzt Krebs oder nicht
PROFESSOR
Ich kenne jetzt fünfzig Frauen, bei denen es Krebs war, und fünfzig, bei denen es kein Krebs war. Wissen Sie, nur bei der der einen Hälfte ist es Krebs, bei der anderen Hälfte ist alles in bester Ordnung.
BIRGIT
Und was fang ich mit diesem Wissen an? Mein Manuskript über Chemieseen in Wolfen hat keinen Verlag, ist ungebunden, so kann ich nicht arbeiten. Ich brauche eine Schreibunterlage!
KATIE
frauenklinik. Charite 1980 die frauen mädchen am fenster / die kalte spree kriecht durch das marode fenster/ das mädchen mit dem zerstörten geschlecht zeigt ihre zunge / die losung auf zum 9. parteitag hängt von der zentralen poststelle auf einem schwarzen schneeberg / die synagoge fensterlos /hannelore schläft heute nach einer woche mit ihrem mann/ der dichter richard leising liebt gebrochen inmitten von vier dutzend flaschen korn/ dt 64 spielt kampf um den südpol von der stern combo meissen / in der schoppenstube küssen sich vier männer/ der sohn von biermann tanzt zu cream und sein vater singt etwas in köln/ auf der spree treiben eisschollen/vater Thomas sitzt im Auto und heult, schreibt im auto die schreibmaschine auf den knien seit Prag 68 für die Schublade / die vopo verhaftet meinen freund / thomas brasch schreibt in westberlin ein gedicht / zigaretten ihre glut leuchten wie rote sterne in der nacht in ostberlin
MARIANNE
könntet ihr bitte leiser sein ich arbeite und macht doch mal das Fenster auf ,es stinkt
RAMONA
Is ja gut, ick mach auf. So, reicht.
RONJA
Haben Sie was dagegen wenn ich Radio höre
SIMONE
Aber kein RIAS SFB …übrigens hier ist alles im Arsch, die Fenster schließen nicht
die Klos stinken, die Schwestern sind unfreundlich
RAMONA
Frau Mann, Sie müssen sich was in Gesicht schmeißen, so ein bisschen Action, die Typen solln sich ja freuen
wenn sie uns besuchen, aufm Dach kann man sich ganz gut sonnen
PROFESSOR
Frau … Remann bitte zur OP
POSTOPERATIV CHARITÉ 1980
(B.wird operiert.Patientinnen erwachen.)
MARIANNE
Nach der OP, Aufwachraum, graue Wände im Neonlicht. Um mich herum andere Frauen, wie ich. Mir Schlauch in der Nase.
SIMONE
Flaschen hängen über meinem Kopf und ich ssehe unruhig zu, wie die milchige Flüssigkeit aus der Flasche in den Schlauch tröpfelt, in meine Venen
RAMONA
Ich kann nicht atmen.Der Verband schneidet die Luft ab.Die Brust ist weg! Und ich verbrenne.
RONJA
Ich kotze, kotze, den Rest des Tages und die Nacht / Diese Scheiße, eine halbierte Frau, wer soll mich jetzt noch lieben und ich kotze 2 Tage lang.
MARIANNE
Ich kann den Arm nicht heben. Was ist denn jetzt unter dem Verband? Ist jetzt alles raus? Kann mir mal irgendwer was sagen?
SIMONE
Kein Mensch, der mich beruhigt:Noch immer hat kein Chrirurg Schwester (ALLE SCHWESTER)
RAMONA
Die Schwester wechselt den Verband sagt: Nicht hinsehen
Aber ich habe hingesehen /Da wo eine Brust war ist nun dicker roter Strich,ich möchte sterben
(Alle: Schwester!)
BAUMALLEEN / ZU HAUSE
THOMAS
Pablo Neruda. Hat dir Franz Fühmann geschickt. Christa konnte nicht kommen ist auf Lesereise in Westdeustchland.
Der Verlag hat sich noch nicht wegen des Manuskriptes gemeldet
RAMONA
Sie sind doch Thomas Remann!? (Rudi schüttelt Hände, stellt sich vor)
THOMAS
Komm, Birgit, lass uns fahren. Unter den Bäumen durch die du so magst. Birgit…Ich hab deine Geschichte „Ankunft im Alltag“ zum viertenmal gelesen und ein paar Anmerkungen. Gut, aber noch nicht fertig. Das ist eine Geschichte, in der das Wichtigste zwischen den Zeilen steht, das macht ihren ganzen Reiz aus, aber dieses Zwischendenzeilen muß aber noch transparenter werden. Du hast hier als Autorin auf Anhieb dein Thema gefunden hat: die Welt der kleinen Leute
Du gibst denen eine Stimme, die sonst keiner hört. Die kleinen Leute, Neubaugebiet, die Benachteiligten, die junge Arbeiterfamilien. Das ist super, das ist genau, worum es geht. Das bist du als Autorin, man spürt deine Liebe zu den Menschen. Aber sachlich, so wie sie sind.
aus’m Neubaugebiet, der Benachteiligten, der jungen Arbeiter. Und was den entscheidenden Ausschlag gibt - und du liebst diese Menschen, aber sachlich, so wie sie sind.
BIRGIT
Aber an der Interpunktion muss ich noch arbeiten.
Zu bürgerlich, zu gestelzt.
THOMAS
Die Namen sind nicht gut gewählt, Georg, Stephan mit ph und Christian, die klingen ausgedacht, hochgestochen, bürgerlich, also Scheiße! Wir wollten nie so ne bürgerliche Scheiße. Unsere Sätze sollen klingen wie Beats von Jimmy Hendrix. Aber es ist ne Geschichte von jungen Arbeitern die noch suchen, sich Fragen stellen und sich nicht einschläfern lassen von Losungen und Paraden.
BIRGIT
Hast du was neues?
THOMAS
Nur so eine lyrische Skizze:
ich häng mir dem fotoapparat um und fotografier das leben das sterben
frage mich, wie es dem Polizisten ging als er mich 68 im Knast
Knipste mit seiner orwoleica aus Wolfen
die fotos trag ich im kopf von meinen aschebrüdern
Aus Prag von sowjetischen Panzern zermalmt
seitdem knipse ich nur weite Landschaften
und les lieber nen text von meiner frau
BIRGIT
die so gerne lebt liebt
THOMAS
so wie ich gerne sterbe jede nacht
denn ich bin im Knast gestorben
BIRGIT
lieber überlebe ich leck dir die tätowierung von der haut und wenn ich lange genug lecke
wird vielleicht ein anker draus seemann
KATIE
jeden Tag stehn die Grenzer in unserem Pankower Garten in eurem Auberginenbeet. Ich sollte heute in der Schule einen Satz schreiben in dem die vier Substantive Kapitalismus Faschismus Imperialismus Chavinismus vorkommem, meine Seite blieb leer. ich hab was vor: Wo ist jetzt meine Kassette (Sucht Kassette.) (Julia: Ich würd’ hier auch nichts finden!)
rosa extra im franz (hört an Kassette)
STATION V
(Telefon klingelt.)
KATIE
Ne, das ist nicht Rosa Extra. (Geht an Telefon.)
Ja, Kotze, ich komme ja.
BIRGIT
Heißt der Kotze?
THOMAS
Wahrscheinlich kurz für Konstantin
KATIE
Mutti, is’ für dich. Klinikum Buch.
SIMONE
Die Schwester schlechtgelaunt wie immer sagt: was stehen sie hier rum und gackern.Wir werden sie alle bestrahlen müssen. Weil wir nich wissen, wie schlampig die OP in der Charité ausgeführt wurde.
RONJA
Sie werden nach Buch überwiesen. Ob wirklich alle Lymphknoten entfernt wurden keine Ahnung
RAMONA
was stinkt hier denn so. Die werden nächste Woche auch den Bauch aufschneiden. Im Eileiter ist ne Zyste. Kann gutartig sein, aber mir fehlt im Augenblick der Humor.
MARIANNE
Wird ne totale Entfernung der Eierstöcke.Darf ich die Pille nehmen / Weiss ich doch nich
Solange Eierstöcke Hormone produzieren sind sie gefährdet
BIRGIT
(Schlagwerk/Waldrodung)
Tut mir leid ich hab mich gehen lassen.
KOBALDBESTRAHLUNG / BUCH 1980
(Die Frauen und Mädchen bereiten sich auf die Bestrahlung vor / die Bestrahlung beginnt /Professor mit Klavier.)
PROFESSOR
Herzlich willkommen in unserer neue Krebsabteilung in Buch ja bei uns fühlen sie sich wie in einem richtigen Hotel,jedes Bett hat ein Spiegelschränckchen über dem Waschbecken,
Lampen über dem Bett,Zentralheizung,Einbauschränke,Föhren vor dem Fenster klinikeigene Kaufhalle mit Spee gekörnt und drei Sektsorten. (Call an Response: Sekt!) Wir nutzen als erste in der Republik den neuesten Bluttest vom VEB Dresdenchemie Quick 70 der Tumore feststellen kann und sogar ihren Sitz. Bestrahlen mit dem neuesten Kobaldkanone aus der BRD die sehr dosiert, sehr elegant drauflosschiesst postoperativ verabreichen wir nyropamin eldostin glykolat klardotin.
Ach sind Sie nicht…Ich habe ihre Bücher gelesen also von ihrem Mann und Ihnen…Ankunft im Alltag … Sie müssen was über New York schreiben
Diese Kontraste / diese Kontraste
RONJA
Herr Doktor sie sind aber freundlich
RAMONA
Der sieht gut aus
SIMONE
Schöne Haares
RAMONA
Sind sie verheiratet
MARIANNE
Samtpfötchen
SIMONE
Duschen sie sich stundenlang ?
MARIANNE
Der Kobaltbestraler hat eine Leistung von (/bestrahlt mit einer Energiedosisleistung von bis zu 10 Mikrogray pro Sekunde) und durchdringt den Körper
PROFESSOR
Die Damen die Bestrahlung beginnt in zwei Minuten,vorher gibt es noch einen rosa Kreuz hierhin dahin, für den Probeschuss. Bitte einmal die Arme nach oben für die Achselhöhlen. Und drehen. Und drehen. Und drehen…
RAMONA
Wir sind ein Köper
MARIANNE
wir sind voller Hoffnung
SIMONE
nur noch zweimal die Kobaltkanone dann die Chemo
RONJA
wir leuchten wie Sterne
RAMONA
danach ne Astoria mit Orangengeschmack
SIMONE
eine rauchen im Park
MARIANNE
Westautos zählen
RONJA
ein lied von queen singen / mich ans schwarze meer erinnern
RAMONA
mit nem ami schlafen oder chillen die sind schön traurig
BIRGIT
Thomas
zum Festival,des politischen Liedes waren junge Kommunisten bei uns
aus Kuba / unsere Liebe war lahm und ich schreibe öde und ich liebte einen jungen Kommunisten aus Kuba / ich liebte G im Heu und H an der Ostsee der wenig sprach schön rauchte
Und schreibe gerade nur Quark / tausend Zettel in mein Krankenbett gestopf/ und bei mir reichts zur stummen Dichterfrau / Putzkolonne und Kochmutti/ meine Sätze sind unlebendig/ lebendig ist nur der arme Dichter von Prenzlauer Berg/ Er ist zehn Jahre jünger als Du / es geschieht dir recht
/ du schläfst auf dem samtenen Ruhekissen ausgeschlossen ausm Schriftstellerverband /Man soll nicht ausruhen auf den Lorbeeren vergangener Tage. Verstehst Du/ ich geh zu meinem Paul auf dem Prenzlauer Berg / der hat das nackte Bett mit der Tischdecke bedeckt ganz einfach, um mich nicht zu beschämen, die blaukarierte. Und die ist schließllich weggerutscht, war zwecklos. So, nun weißt Du wie andere um mich werben und wie / ich hab Dich trotzdem gern, falls Du noch Wert darauf legst
THOMAS
Liebe Birgit du musst wachsen in deinen nackten Betten
aus gebrochener deutscher Lyrik in deinen Prenzlauer Hinterhöfen /
Wachse aus deinen Ohren in seinen schönen Mund
verlass alles/ verlass unsre kleinkarierten Tischdecken,
unsre sonntäglichen Frühstückstische Kaffee Käse Kuchen/ lass alles hinter dir/
Auch meinen Hendrix zur Nacht / um die Hunde nicht zu hören
die Grenzer am Tag / die uns in die schale Suppe spucken
durchbrich die Mauer Birgit Voodoo Child / verlass die Verlage voll steifer Kälte / verlass die Parteisitzungen voll bleiernem Schlaf / Verlass deinen Mann MICH den vom Sozialismus müden und komm wieder
wachse aus deinen Eingeweiden voll Zorn und Liebe und allem /
Birgit, du bist Dichterin und frei.
Ich liebe Dich
Ich liebe Dich
Ich liebe Dich wie immer
ALRAUNE / PHYSIKERIN
MARGOT
In meinem Leben verlief alles sehr glatt. Ich hatte früh meinen Berufswunsch, ich hätte ziemlich alles machen können, in allen Fächern war ich gleichmäßig gut. Ich wählte Physik. Physik ist die Königin der Wissenschaften, sie braucht von vielen Gebieten etwas und geht in alle Gebiete ein. Der Meinung bin ich heute noch. Später bin ich von der Experimentalphysik auf die theoretische Physik umgestiegen, weil die experimentellen Dinge mich zu ungeduldig gemacht haben. Man mußte lange was aufbauen, und dann hatte man doch nicht Weltniveau, die Geräte waren nicht gut genug. Was brauche ich in der Theorie? Meinen Kopf,Bleistift, Papier und die neueste Literatur, an die kam ich ran. Fertig. Ich wollte alles aus eigener Kraft machen. Auch im gewöhnlichen Leben, mein Mann liebt mich, habe ich alles erreicht. Und jetzt ists plötzlich aus, jetzt machts plötzlich keinen Spaß mehr.
Wenn alles läuft, Karriere Mann wie man es plant, wenn man irrsinnig kämpft, weil es mal nicht so läuft, wenn man so unter Leistungsdruck arbeitet wie ich, jahrelang, kriegt man Komplexe, wenn man nicht jeden Moment optimiert, wenn man einfach nur ruhig dasitzt und nicht eingreift in die Ereignisse. Auf einmal spürt man, man ist nicht mehr unterwegs, man ist irgendwo angekommen, man hat seine eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft. Es gibt nichts mehr zu kämpfen. Aus! Es war wichtig für mich, daß ich zuerst Physik gemacht habe. Ich bin ein schlampiger Mensch, ich mußte mir bestätigen, daß ich das überwinden kann. Wenn ich es nicht gemacht hätte, würde ich denken, ich hätte versagt. Wenn ich nicht arbeite, habe ich nicht das Gefühl, mich selbst zu gestalten, ich bin mir fremd.
Ich brauche einen neuen Anfang. Ich muß mich auf einem anderen Gebiet erproben als in der Physik. Ich habe plötzlich einen jungen Mann gern, einen Menschen mit vielen Häuten, schwer durchdringbar, ein bißchen zynisch, das hat mich verführt, das war neu. Ich wollte plötzlich eine neue Persönlichkeit sein, aber Ich habe diese Liebe nicht als schön empfunden.Sie hat mich belastet bis zu Magengeschwüren. Später habe ich diese Liebesgeschichte als psychisches Doping empfunden, das mir Spannkraft gegeben hat. Ich habe mir einfach auf erotischem Gebiet die Spannung verschafft, die ich im Beruf verloren hatte.Wenn man mit so vielen Verklemmungen groß geworden ist wie ich, von einem Vater erzogen, der strenge bürgerliche Moralvorstellungen hat, von einer Mutter, die na ja…“Man darf sich nicht treiben lassen. Man muß lernen, richtig zu gehen, zu lieben ... Sex hat mir eigentlich immer Spaß gemacht. Auf dem Land wars so, daß die Mädchen zusammen ins Heu gingen, mit neun oder zehn Jahren. Die Verklemmungen entstanden erst später, als meine Mutter meine Sexualerziehung in die Hand nahm. Männer sagen mir heute, ich sei hypersexuell veranlagt. Ich kann das nicht so beurteilen, weil ich nicht weiß, wie andere Frauen sind. In der Ehe hat mir auf die Dauer die erotische Spannung nicht gereicht. Sicherlich hat mich das auch bedrückt. Viele Leute halten mich für abscheulich unmoralisch, weil ich so ehrlich bin, auch in meiner Ehe.
Ich bin in einer Gegend groß geworden mit einem sehr harten Menschenschlag, wo ich mich nie wohl fühlte. Ich habe deshalb furchtbar viel romantisches Zeugs gelesen. Ich habe immer auf einen Märchenprinzen gewartet, der mich erlösen würde. Niemand hat mir geholfen. Mein Vater war beschäftigt, das Leben zu organisieren. Und meine Mutter in ihrem Hausfrauendasein hat immer eine untergeordnete Rolle gespielt und sicherlich auch gelitten ist mir eigentlich egal und als ich meinen Märchenprinzen endlich traf, war ich so verstört, daß ich mich nicht wirklich hingeben konnte, und ich habe Schlaftabletten geschluckt. Mein Vater hat sich fürchterlich über mich aufgeregt: Du bist unausgeglichen, du bringst den Menschen Unglück, du kannst nicht lieben, du bist eine Alraune! - Meine Mutter sagte nur: Männern wollen alle was von dir, anschließend lachen sie dich aus. Dem ersten Märchenprinzen sind dann beide Beine abgefahren worden. Mir war das egal. Ich kannte ihn ja gar nicht, ich kannte nur mein Phantasiebild. Danach habe ich über alle Stränge geschlagen, ich habe die Leute vor den Kopf gestoßen, war leichtsinnig, hab die Rolle der Verworfenen, der Alraune gespielt, obwohl ich in Wirklichkeit mit keinem Mann was hatte. Man hat mir geglaubt, ich wurde abgestempelt und hatte eine gewisse Macht über die Menschen, die ja auch verklemmt waren in diesem spießigen, kleinbürgerlichen Klima von E., wo ich studiert habe.
Bis ich dann meinem Mann begegnet bin. Er war der erste Mensch, der nicht irgendwas gesucht und verworfen hat in mir, sondern der mich liebte und leben ließ. Er hatte Geduld und hat nur geguckt, wenn ich ihm weh getan habe. Es hat absolut keinen Spaß gemacht, so einen zu betrügen. Es war keine berauschende Liebe für mich, aber seine Haltung hat mich so beeindruckt, daß ich genau wußte, ja, das ist der Mann, mit dem ich leben kann. Was Liebe wirklich war, da war ich mir sehr unsicher. Diese blöden romantischen Bücher hatten mich ja völlig verdreht. Wir haben schnell geheiratet, auch wenn wir nicht gleich sexuellen Kontakt hatten. Er hat mir mit allem Zeit gelassen, das war das Schöne.
Mein Mann ist Wissenschaftler mit Leib und Seele. Er hat mir immer gesagt: Du bist eine gute Physikerin, was anderes kannst du nicht, niemand will das, was du malst, es ist schlecht. Aber ich glaube, ich muß jetzt malen. In meinem Innern hat sich was angestaut, Ich möchte etwas tun gegen die Gleichgültigkeit und Unehrlichkeit, gegen die Kälte und Resignation. Ich lebe hungriger, unter einem starken Druck und ich male (jetzt).
ZUHAUSE/ PANKOW WOLLANKSTRAßE
BIRGIT
Endlich wieder zu Hause / Ich geniesse unsere Wohnung in Pankow / unseren Hof mir der Birke, leg eine Platte auf, koche uns ein gutes Essen (Rudi: Kotelett!), schau mir Katis HausAufgaben an. Alles ist neu wie verzaubert. Das Schreiben tut weh, der rechte Arm ist noch lahm, die Wunde in der Achselhöhle schmerzt/ aber der Schmerz lässt mich hinhören und denken! Schöpferisch werden / So tun, als wäre ich gesund / Ich möchte von kleinen Dingen schreiben, als wären sie die Welt: frühstücken Hendrix hören (Rudi: Voodoo Child!) und mit Thomas einen Cognac trinken, weisst du?Das wirkliche Leben ist jetzt und jetzt / Wenn ich die Menschen auf m Alexanderplatz sehe. sehe wie sie herumhetzen. Frag ich mich wasn los mit euch / habt ihr nichts begriffen / Ihr wollt nie was geben / seid nur gierig nHaben wollen, ihr seid unfähig zu geben / haben wollen, haben wollen, haben wollen
THOMAS
Hast du noch viel?
BIRGIT
Noch ein Gedanke, entschuldige ich hör bald auf- was ist aus unserem Sozialismus geworden? Allen soll es gut gehen. Das ist die Maxime. Sehr gut! Aber früher, als wir nicht hatten, da haben wir sie verachtet, die Arroganz der Reichen, die Gleichgültigkeit. Aber heute geht es nur noch um diese Dinge - Wohlstand, Sattheit. Satt satt satt! Alle sind satt!
10:15 SATURDAY NIGHT
(Szene raw cut/ Zuhause im Garten)
THOMAS
Entschuldige ich war gerade beim Verlag wegen deinem Manuskript und dann ist diese blöde
Karre auch noch kaputtgegangen (Komm da runter, Birgit) / Christa hat dir aus Rom geschrieben (Zitat)
KATIE
Thomas und Birgit spazieren durch den verschneiglühten Pankower Bürgerpark, natürlich an den Buchen vorbei, wie so viele die an diesen traurig krummen braunen Bäumen ein vorvorletztes Mal spazieren gingen, meist Ehepaare, zu dieser Zeit, Glückliche Unglückliche Partei oder SED Parteiungebunden, ihre Töchter oder dicklichen Söhne standen meist abseits dissidentisch
inmitten eines dieser traurigen unbenannten Bürgerparkbüsche, die immer nach Urin und Laubwerk oder Tränen riechen und rauchten Club. Ein Mittwoch im Januar wie Mama sagt. Ich werde Westberlin nie sehen und diese Aufnahme niemals machen.
10.15 on a Saturday night
BIRGIT
Du kommst nur um zu schweigen
THOMAS
Oder um zu heulen
BIRGIT
ich liebe dich
THOMAS
Ich weiß. Lass uns streiten: Sein oder Bewusstsein. deine pseudodokumentarische literatur ist nicht vorbildlich in der realitätswahl sagt der verlag.
Du musst härter schneiden umeltvergiftung streichen machs knapp ohne Sentiment, sagt der Verlag sonst drucken sie nicht
BIRGIT
Was soll denn jetzt kommen?
Nur noch Bestrahlung, Kobaltkanone, Ärzte und Physiker in Bleischürzen
Und ich soll mich schonen , meinen Beruf nicht mehr ausführen,
vielleicht wird Kuchenbacken und Mit - der - Familie - am -Tisch - sitzen,
das einzige sein,was mir bleibt / Ich will meinen Körper nicht schonen/ Ich will reisen und in Hotelzimmern leben wie die Beauvoir, die Bergmann, die Ahrendt Freunde besuchen, schreiben
Scheiß Krebs
THOMAS
Die Spatzen. Heute hab ich anstatt Semmeln und Kekse Sonnenblumenkerne mitgebracht
ausm Hofgarten.Sieh mal das Taubenpaar.Die kleinen Köpfe,Hälse und Brüste hellgrau mit einem rosigen Schimmer.
KATIE
Der Mutter BIRGIT Waiting /Waiting
THOMAS
Ich liebe unser Haus in Pankow. Ich liebe unser Zimmer, in dem die Dielen knarzen. Ich liebe unser Schweigen. Ich liebe es, wenn wir dem Wind zuhören. Ich liebe deine Hände, deinen Atem. Ich liebe deine (duftende) Haut. Und wenn du nachts schreist, erstickt vor Angst, küsse ich dich, du wirst ruhig, Kopf an Brust, Brust an Kopf…draußen der Wind…
MUTTER TOCHTER / PANKOW
(Dunkelkammer.)
BIRGIT
Weißt du Katie, Tochter, ich glaube das Buch über die Männer vom Chemikombinat Wolfen wird vielleicht nichts, der Chemieingenieur hat nur geschwiegen und der zwangsdeligierte Schauspielschüler konnte sehr gut weinen…Männer eignen sich nicht,können einfach nicht ehrlich sein immer nur lügen
Über euch die toupierten Töchter des Sozialismus muss man schreiben
KATIE
Wie lief die Bestrahlung / Chemo weiss schon gar nicht mehr
BIRGIT
Bin das gewohnt, der Strahlkopf ist wie eine grelle Sonne … aber hier mal das Zimmer aufräumen deine Klamotten liegen überall rum
KATIE
Ja Jinglerjeans die du mir kaufst in Westberlin / und wenn du dann nach Hause kommst von
deine Bestrahlungen in unsere Grenzstrasse in Pankow Florastrasse aus Westberlin dank Reisepass und fragst Kati wo ist mein Hesse Fromm Tschechow fragst du mich nie warum ich Angst habe
vor den Hunden der Grenzsoldaten , die sich von der Kette reissen und nicht davonrennen
die laufen hin und her, hin und her ganz hysterisch,vielleicht vor Glück immer wieder kehrtmachen als lägen sie an nem langen Draht und der alte Herr Lengfeld sagt mir stotternd :
Die Hunde kenn gar nett mehr anders , de renn nur noch uff einer Linie,
wie ä Automat und ich geh dann mit meinen Freunden in den Keller, wir kramen in drei Kartons
in Abfallbildern von eueren Westreise in der Dunkelkammer
meine Angstnacht mit Hunden
BIRGIT
Katie wie willst du ein nützlicher Mensch werden ohne Widersprüche auszuhalten
In einer Angstnacht…als die Schwester mich wieder anschnaubtet GEBEN SIE MIR DIE URINUNTERLAGE da kam der mögliche Entwurf also ein neuer Entwurf
dieses Buch halt, was ich über über über unsere Kinder in der DDR also meine über Töchter
und du schreist nur ICH WAR NIE IN WESTBERLIN riechst nach Pfeffi
KATIE
Immer nur CSSR
BIRGIT
Die Grenzer kommen zu mir und sagen Grenzverletzung und ich sage du bist 17
und spucke heimlich Blut auf meinem kurzen Heimaturlauben
KATIE
Wir Kinder von Euch Weltraumtänzern stolpern zu Robert Schmidt
eure Zärtlichkeit galt Chile Vietnam, wir bezahlen dann eure schönen Urnen mit Neruda Zitat
von euern Nationalpreisen, reisen aus nach Westberlin zur Sarah und den schönen platten von The Cure und werden vor nem Aldi krepieren
dein Büchlein wird man immer lesen
BIRGIT
Wenn ich da im weißen Kittel unter diesen falschen Sonne liege, weiß ich nicht, ob ich Kraft haben werde das Buch das Buch über die Kinder über euch Kinder Töchter…das schreibe ich auf jeden Fall ja
GUDRUN / ABITURIENTIN
MÄDCHEN I (SOPHIA)
Früher war alles in Ordnung. Da waren eben drei Kinder, ein Vater, eine Mutter und Großeltern, das ging ganz prima bis zur Scheidung. Mein Großvater war ein einfacher Bauer. Meine Mutter, die hat es schon leichter gehabt, sie hat mit dreißig Jahren ihren Lieblingsberuf gelernt - Jugendfürsorgerin. Mein Vater kam ungelernt aus dem Krieg und wurde Neulehrer. Das muß eine ganz unwahrscheinliche Zeit gewesen sein, den Sozialismus aufbauen die wir uns nicht mehr vorstellen können.Bei mir läuft alles ganz glatt, Abitur und dann gleich in Studium.
MÄDCHEN II (CHARLOTTE)
Dann auf einmal hat Vati dieses Mädchen kennengelernt. Ein Jahr älter als ich. Das war für Mutti ein Schlag, sie war viel krank in dieser Zeit. Ich bin heimlich zu meinem Vater gegangen. Und Mutti hat mir viel erzählt von ihm, sie mußte es ja jemandem erzählen. Das war zu viel für mich, ich konnte es nicht verkraften. Ich hab zugehört, dann ging ich in mein Zimmer und hab geheult.Vatis Tod kam ziemlich unerwartet. Selbstmord.
MÄDCHEN III (LILLI)
Selbstmord finde ich gar nicht so schlimm. Ich habe mir vorgenommen, das mache ich später auch, wenn ich merke, daß es rückwärts mit mir geht und ich nicht mehr alles so stark fühle. Vor dem Sterben habe ich keine Angst. Angst habe ich nur vor dem Altwerden. Wenn ich Großvater sehe! Er hört nichts mehr, er vergißt alles, er merkt nicht, was er ißt. Ich nehme mir vor, das nicht zu erleben.
GUDRUN
In der Schule habe ich immer als die Liebe, Gute, Kluge gegolten. Ich wurde immer als Vorbild hingestellt, da haben die andern Mädchen natürlich sauer reagiert. Ich hätte gern irgendeinen Blödsinn gemacht, aber das ging einfach nicht. Ich bin nie so ausgelassen wie die anderen, ich bin viel zu ernst und verschlossen. Keiner merkt es, wenn ich allein in den Wald renne und mich da ausheule,das kann ich nur im Wald, der Natur. Ich liege da und werde ganz ruhig, schlafe und kriege einen furchtbaren Schreck, weil auf einmal der Förster neben mir steht. Freundschaftn in der Klasse hatte ich nie, das hat mir sehr gefehlt. Ich bin zu kritisch, das ist das Schlechte an mir. Dann kam Anke, die war von der 10-11 Klasse mit mir zusammen. Dann kam sie auf eine andere EOS, da entwickelte sich eine richtige Freundschaft.Anke ist sehr gefühlvoll, aber sie versteht es, ihre Gefühle zu lenken. Sie nimmt sich was vor, und das macht sie auf jeden Fall. Ich kann das nicht. Wenn mir was nicht liegt, fliegt es in eine Ecke. Niemand konnte verstehn, warum sie Veterinän werden will. Vielleicht weil sie merkt, daß ihr in der Richtung was fehlt. Sie will sich stark machen, weil sie so zart ist.
Anke gibt es nur einmal. Anke schaut sich unsere Platten an. Wir liegen auf dem Teppich, träumen, schweigen. Ich interessiere mich für alles und für nichts. Ist was Neues, bin ich Feuer und Flamme, aber ich knie mich in nichts hinein. Was mache ich eigentlich gern? Ich diskutiere gern. Ich lese gern. Ich liebe Musik und die JugendTouristikgruppe. Da bin ich schon seit der siebenten Klasse drin. Da ist man nicht allein und man kommt richtig mit der Natur in Berührung. Zu Pfingsten haben wir eine Zeltwanderung durch Böhmen gemacht, unsere Füße waren voller Blutblasen. Als es ganz toll geregnet hat, sind wir in eine Riesenscheune gekrochen, zwanzig Mann im Heu.Mädchen waren darunter, die erzählten ihre Liebesgeschichten, die sind vollkommen frei. So war ich nie.Das Rauschen des Windes empfängt mich. Und das Brausen des Meeres will mich überfluten. Vor mir das weite Wasser und über mir nichts als die Klarheit der Luft und die Unendlichkeit der Sterne. Ich werfe mich gegen den Wind und laufe / ich lese Bücher stapelweise aus Vatis Regal, lese sie langsam. Anke sagt lese ›Franziska Linkerhand<und ich lese, jetzt lese ich ohne Anke, So stelle ich mir eine Freundschaft vor. Was mir noch gefallen hat, das ist Das ungewöhnliche Mädchen von der Ruch Werner. Ich habe mich nicht getraut, es den andern in der Klasse zu sagen, weil das so ein Kämpferbuch ist. Die beneidet man so, die noch richtig kämpfen können! Die geht als junge Kommunistin nach China, ach, und dann kriegt sie ein Kind, und der Mann ist mit dem Auto verunglückt. Und sie sitzt ganz allein in einem Haus und versucht, eine Radioverbindung zu kriegen. Man stellt sich das richtig vor: Dieses große dunkle Haus, und sie hat ihren Auftrag (ins Mikro) die gleiche Sache haben wir auch, den Sozialismus, aber den haben wir ohne Konflikte bekommen. Dafür kämpfen, wozu? Das haben die anderen schon für uns erledigt. Das ist wirklich ein Problem für mich, daß man einen großen Charakter als Vorbild sieht und seinen eigenen Charakter nicht entwickeln kann. Ich könnte nie so fanatisch kämpfen für eine Sache, ich würde immer meine Persönlichkeit in den Vordergrund stellen. Das ist traurig. In der Schule kapituliert man schon bei Kleinigkeiten.»Sie als künftige Kader dieses Staates- das hören wir in der Schule jeden Tag. Wir sind schon ganz benebelt, wenn ein Lehrer sagt: Gibt es Fragen?, gibt es keine. In Staatsbürgerkunde habe ich mich für einen Vortrag gemeldet: Kampf der Gegensätze im Sozialismus. Schön, dachte ich, dann werde ich mal Gegensätze zeigen, um gegen diese Gleichgültigkeit anzugehen: Ich gab mir Mühe und brachte viel Eigenes. Die Lehrerin war begeistert. Die Schüler…
MÄDCHEN (CHARLOTTE)
Das kommt beim Abi nicht dran, damit braucht ihr euch nicht zu belasten.
GUDRUN
Mich interessiert das aber.
MÄDCHEN (SOPHIA)
das ist was Abstraktes, Trockenes, das brauchen wir im Leben nie.
GUDRUN
Ich komme mir blöd vor, wenn ich Fragen stelle, denn die Fragen werden oft so beantwortet, daß man keine Lust hat, die nächste zu stellen.
MÄDCHEN (LILLI)
Man nimmt den Stoff einfach an, erwartet von den Lehrern nichts Besonderes, was man nicht kapiert, na, das schaut man sich zu Hause an. …
MÄDCHEN (SOPHIA)
unsere Lehrer haben mit uns keine Schwierigkeiten, wir sind einfach eingestellt aufs Konsumieren von Wissen, noch ein Jahr und noch ein Jahr, das spüren wir schon gar nicht mehr.
MÄDCHEN (CHARLOTTE)
Die Schule. Das Studium Der Beruf . Alles läuft glatt
GUDRUN
Ich interessiere mich für die Natur! Und das hab ich dem Ronny auch gesagt. Wie habe ich mich über den Pfirsichbaum gefreut, und er läßt die kleine Blüte achtlos fallen, die ich ihm an die Jacke gesteckt habe. Dann wollte er mit mir schlafen, ich konnte das nicht, ich wußte ja, daß es keine echte Liebe war. Ronny, du küsst echt scheiße!
Die Natur ist für mich etwas Großes. Vorigen Sommer habe ich zum erstenmal Geld verdient, als Grabungshelferin in einem Dorf. Jeden Tag acht Stunden Sand schaben. Geschlafen haben wir im uralten verwanzten Gemeindehaus.Da habe ich einen Hochstand entdeckt, auf dem bin ich oft gesessen, und keiner wußte davon. Unter mir viel Schonung und eine Wiese mit Blumen, der Bach unter den Gräsern versteckt, dahinter hohe Kiefern. Und dann der Sonnenuntergang und der Wolkenhimmel in allen Farben. Und ein kleiner Hase, der sich nicht fürchtet…still sitzen, nichts reden, an nichts denken müssen, nur träumen ...
RUBY TUESDAY/ FRÜHSTÜCKSRAUM 1980
KATIE
Frauenklinik / Frühstücksausgabe mit Muckefuck. T 64 läuft was von den Stones. Ich besuche Mutti heute nicht.
Vater auch nicht.Schneide ihre Bänder mit Geschichten, die nicht mehr meine sind
wenn ich die Bänder gut schneide, passt noch der neue Song von den Buzzcocks rauf
Bin Kranfaherrin
Wir schlafen kaum miteinander
Kinder wollte ich immer
Zum Heulen in die Ostsee
Himmel glotzen
Der Westen interessiert mich nicht
War kein Wunschkind
Studentenwohnheim
Laube bei Buch
Als die Russen kamen
Ich trinke wenig zuviel
Ich bin in Grenzhundscheiße getreten.
RONJA
Birgit erzähl was von Paris du hast dochn Reisepass (Birgit: Hatte!)
In Paris war ich noch nie und ich komm da auch nicht hin.
RAMONA
da komme ich auch nie hin
SIMONE
Hör auf zu provozieren
die Ostsee ist auch schön
RAMONA
Ich hab mal einen Portugiesen gehabt mit dem wollt nach Genf,zur UN
MARIANNE
(sagt etwas auf französisch)
SIMONE
Das war doch kein Portugiesisch.
MARIANNE
das warn Wortwitz
SIMONE
Das habe ich verstanden.
(Birgit verteilt Pelze, zeigt Fotos, Projektion.)
RONJA
Scheiße Scheiße, Scheiße, Kacke, Kacke, Kacke
SIMONE
Das sagt die Ronja immer
RONJA
Scheiße keine Luft kein Atmen / sind die Dinger da, die Knoten im Kehlkopf
Scheisse alles zu dünn alles zu dünn. Was soll die Scheiße …später wird das Mädchen ALSO ICH das Tonbandgerät von sich aus nehmen und etwas erzählen anderen machen Geräusche eines Waldes, Cheep, Cheep Rausch, rausch, still still Himmel Himmel, Niesel,Schneeflocke Weißröckchen und das Mädchen ICH sagt aber jetzt: die Angst wohnt hinter dem Fenster, die Leute in Berndorf sagen ich hab noch
zwei Monate
RAMONA
Lasst uns aufs Dach gehen / den Schnee lecken
(Schneeballschlacht.)
RUTH/SERVIERERIN
( Plattenbauwohnung.)
RUTH
Ich schwindle viel, aber nicht mit Absicht, ich bin einfach gewöhnt, den Leuten was vorzumachen. Laß nur, ich bin auch irre kritisch mir gegenüber. Früher war ich das nicht, früher hab ich mir nicht selber weh getan, nur den andern. Immer wenn es mir schlecht gegangen ist, bin ich aggressiv geworden. Ich geh jetzt in so eine Gruppentherapie, wo man aufhören muß, gescheite Reden zu führen. Das geht nur, wenn die Leute ehrlich zu sich selber sind. Die sagen, ich schwindle mir so viel vor, weil ich das Leben, wie es ist, nicht ertrage, ich gebe mich immer viel mutiger, als ich bin. Aber ich schone mich nicht, ich muß es immer irre schwer haben, sonst reizt es mich nicht. Bei meinen Kunden im Café bin ich der reinste Müllschlucker. Da kommt keiner auf den Gedanken, daß ich auch meine Probleme habe. Alle laden sie bei mir ab. Das halte ich nicht lange durch. Manchmal setze ich mich in die Straßenbahn oder in ein fremdes Restaurant und mache ein Gesicht, so eins ... Ich stelle mir vor, welchen Ausdruck die Schauspieler auf der Bühne in ihr Gesicht legen, wenn sie verzweifelt sind oder traurig. Ich sitze da, es ist ja nicht gespielt, es ist nur, damit jemand es merkt. Aber niemand merkt was, niemand. Ich sitze in meinem neuen Sessel vor dem Fernseher, und da sehe ich ganz deutlich, wie in jeder Wohnung einer auf so einem Sessel vor so einem Fernseher sitzt. Die könnten doch miteinander reden, könnte man doch, aber man kennt sich überhaupt nicht. Das macht mich kaputt. Über mir wohnt einer, den sehe ich manchmal im Fahrstuhl oder in der Kaufhalle. Der sieht unwahrscheinlich gut aus, und abends, wenn ich im Bett liege, träume ich von dem. Aber denkst du, ich hätte schon einmal Guten Tag! zu ihm gesagt? Nicht einmal unsere Blicke treffen sich, das tut man in einer Platte nicht. Manchmal, manchmal komme ich mir selber unwirklich vor. Ich meine, der Körper, der hat mit mir auf einmal nichts zu tun, den beobachte ich nur so..
Meine Mutter, die trinkt furchtbar gern, dann macht sie obszöne Witze, und wenn einmal in der Woche die Sonne scheint, dann reicht ihr das vollkommen. Die stellt keine Ansprüche ans Leben. Die hat auch nie begriffen, was für ein Mensch unter ihrem Dach wohnt. Auf keinen Fall möchte ich dieser Frau ähnlich sein! Wenn mich was anwidert, dann diese amerikanische Art, über alles zu quatschen, das ist pervers. Man muß einige Dinge in Ruhe lassen. Ich hatte einmal einen Amerikaner, der wollte schon nach drei Tagen in meinen letzten Seelenwinkel kriechen. „Show me What’s deep down in your soul“ Der saß noch schneller vor der Tür als die andern. Kann ich dir sagen.
Ich habe überhaupt nichts von mir hergezeigt. Niemandem. Heute noch halte ich Frauen für dumm, die keine Geheimnisse haben. Sie sind wie abgezupfte Blätter, niemand interessiert sich für sie. Man muß schon einiges auf die Beine stellen, um für die Leute interessant zu bleiben.
Aber ich falle ohnehin immer aus der Rolle, darum hab ich ja diese ganzen Schwierigkeiten. Ich mache alles wie eine Verrückte, irre lesen, irre lieben, irre fernsehen, dann wollte ich auf einmal studieren, obwohl ich nicht einmal den Zehnklassenabschluß habe. Kannst du dir vorstellen: Ich und studieren? Ich hab ja nichts in der Birne! Beinahe hätte ich auch das noch geschafft, da war ich zufrieden. Nur das Schwierige reizt mich.
Wahrscheinlich ist es das, was die Leute an mir für verrückt halten. Diese Leute, die es so mit der Wirklichkeit haben: Ich weiß gar nicht, was das ist, diese Wirklichkeit. Die Leute tun so, als ob das ein sicheres Ufer wäre, von dem man sich nur ja nicht entfernen darf, sonst ersäuft man. Aber man muß sich doch mal ins Wasser trauen oder ins Feuer. Und die Angst, die muß man eben überwinden. Ich habe irre Angst. Wenn die Leute wüßten, wie es manchmal in mir ausschaut, das würde die verängstigen. Hast du schon beobachtet, wie die Leute reagieren, wenn sie einen seelischen Knacks wittern? Dabei ist mir gerade das andere so unheimlich, wie die Leute so flau dahinleben können, wo das Leben doch so verwirrend ist, no ja, unwahrscheinliche Einflüsse aus allen Richtungen. Merken die das nicht?
Das ist auch so ein Zwiespalt: Ich will eigentlich immer weg von dem sicheren Ufer, ich möchte alles ausprobieren. Die Wirklichkeit ist kein Maßstab für mich, ich halte mich lieber an meinen inneren Traum. Aber die Leute in der Psychogruppe (Hallo, ich bin Ruth, ich habe Depressionen,…) sagen, ich möchte immer Herr der Lage sein und keine Überraschungen erleben... Eigentlich ekelt mir vor den Männern. Aber es ist mir eine unwahrscheinliche Befriedigung, wenn ich sehe, wie sie weich werden, wie sie die Beherrschung verlieren. Zuerst so stark und dann so schwach. Da kann ich sie nur verachten. In diesem Sommer habe ich fünf Männer gehabt. Mit keinem länger als drei Tage. Ich hab noch nie einen Orgasmus gehabt. Wenn ich einen kennenlern, im Café, denke ich aber sofort an Sex, weil ich mich da auskenne. Das ist mein Gebiet, verstehst du? Sobald einer an Bindung oder so was Komisches denkt, der braucht nur den Mund aufzumachen, da krieg ich Zustände, da schick ich den weg! Manchmal empfinde ich überhaupt nichts, ich tu nur so. Ich möchte mich ins Bett legen und schlafen, nur schlafen, einen langen, langen Winterschlaf. Aber ich bin immer in Bewegung, damit keiner was merkt. Ich halte es nur in der Stadt aus, wo immer was los ist. (Ich halte ja diese Ruhe nicht aus. Jetzt mal Schnauze hier! Letzte Runde! Hat noch jemand Lust auf Sexualität?)
Und immer, immer noch hoffe ich auf das Wunder hoffe und hoffe und ich glaube überhaupt nichts mehr. Manchmal liege ich wach, weißt du, da fürchte ich mich so irre vor dem Sterben. Ich möchte jemanden haben, zu dem ich beten kann: Lieber Ichweißnichtwas, laß mich noch
Jetzt ist dieser Chilene da, schon eine Woche Mit dem Kopf habe ich überhaupt nichts gegen ihn. Im Gegenteil. Er ist einfach gut. Aber ich bin schon wieder so kribbelig, weil der so zutraulich ist.
Es hat ganz gute Typen gegeben. Aber irgendwie, ich weiß nicht, war immer der Wurm drin. Ich hatte mal einen, das war ein halber Portugiese, der wollte ausgerechnet zur UNO nach Genf und Portugiesisch dolmetschen.Und ich mußte sofort Portugiesisch lernen, um auch nach Genf zu können. Erst jetzt frage ich mich: Wo bleib denn ich eigentlich bei all diesen Geschichten? Was in mir drin war, das sahen die nicht. Dabei bin ich überhaupt nicht schwierig, ich fresse nur nicht, was man mir vorsetzt. Ich möchte mich selber finden. Ich frage mich manchmal: Welche Gesellschaft bauen wir eigentlich auf? Man hat doch einen Traum. Die Menschen werden geboren und haben einen Traum. Ich träume…
WEIHNACHTEN/ DER HIMMEL DER WALD 24.12. 1980
PROFESSOR (singt)
Mir scheint mein Leben
Wurde mir heut neu gegeben
Ahnt ihr vielleicht, woran das liegt?
Ihr sollt es wissen
Von drei Sonntagabendküsssen
Wurde mein stolzes Herz besiegt
Wie ein Stern in einer Sommernacht
Ist die Liebe, wenn sie strahlend erwacht
Leuchtet hell und gar durch Raum und Zeit
Wie ein schöner See Unendlichkeit
Mädchen, ich lieb dich
Du machst mich glücklich
Heut scheint die Sonne heller, mhm
Seh nur dein Lächeln
Und augenblicklich
Dreht sich die Erde schneller, aah
Herrliches Wunder das wir erleben
Häuser und Straßen schweben, aah
Heiß ist die Sehnsucht seit wir uns kennen
So kann kein Feuer brennen
Ihr müsst sie sehen
Denn dann werdet ihr verstehen
Dass mir zum Glück nun nichts mehr fehlt
Glaubt mir, ich wette, dass sie jeder gerne hätte
Doch sie hat mich nun mal erwählt
Wie ein Stern in einer Sommernacht
Liebe Genossinnen mit Bauch Brust Rachen frohes Fest euch allen…feiert man in Vietnam eigentlich Weihnachten? Sind nämlich gerade Genossen aus Vietnam auf der Kinderonkologie. Egal.Werdet mir bitte alle bald gesund(er macht eine kurzdiagnose) Keine Knotenbildung in der Brust / BlutwerteWerte sind stabil / Übliche Rötung nach Bestrahlung / Frau Mann die Eileiterwunde ist gut verheilt,keine Zyste in der Leber…Hören Sie bitte auf mich zu küssen
RONJA
Tschuldigung, Professor ich weiss ja nicht wie oft ich noch küssen werde
MARIANNE
Darf ich auch?
PROFESSOR
Is ja gut. Schaut doch mal da hinten. Der Weihnachtsbaum wurde uns von den Genossen des Gartenbauamtes des Stadtbezirks Mitte geschenkt
RAMONA
Der ist ja mal gerade gewachsen wie der Johannes von Jörn/ Gerade Bäume
verkoofen wir sonst immer nach Westberlin / vor den krummen verbeugen wir uns
Scheiß Osten
SIMONE
Ramona! Hör auf zu provozieren Dieser Staat hat dir den vierten Abbruch ermöglicht / in deinen Westberlin kommst du nach reichsdeutschem 218 Paragraph ins Gefängnis , fragst deinen Steglitzer Mann, ob du arbeiten darfst und stehst im Hausfrauenkittel stramm vor deinem Miele Herd …säuselst Heil Herr Kanzler Schmidt Panzerleutnant vor Moskau das Dorf hinter deinem Panzer brennt
PROFESSOR
War das Russisch?
Na los schmücken Sie mal mit:Gemeinsam stellen sie den Baum auf den scharf riechenden Boden. Unser Klinikumboden der von kleinen und grossen dunklen Flecken übersäht war
die man nicht weggeschrubt bekommt, ohne Schlaf gefressen von Angst und Hoffnung
die brennende gerötete Haut von der falschen Kobaldsonne, die Lymphknoten der schnelle Atem geweitete Pupille der Tumor gross wie eine Taubenei im Kopf Tschuldigt ich werd sentimetal
(TELEFON KLINGELT.)
BIRGIT
Salute/ Hallo Sarah / Hello Friends
Wie isses in Westberlin…na ja…Du Ich sitz im Aufenthaltsraum in Buch, vor mir ein krummer Weihnachtsbaum - wir singen Schöbel Schlager-die Glotze läuft in einer Tour man sorgt hier für Atmosphäre. Ist überhaupt ne sehr gute Station, vom Tod is hier keine Rede.
Hab gestern wieder eine Bestrahlung bekommen, liege nackt zwischenBleischürzen und lass mir den Brustkorb beschiessen. Aber nichts davon. Zum Wochenende gehts wida zu Hause, den Körper schonen Stillhalten sonst, na ja…
RONJA
Mensch, Scheiß!
BIRGIT
das is meine Ronja aus dem Erzgebirge, Mensch Scheiss sagt sie zwanzigmal am Tag. Und das hilft auch. Mensch, Scheiß! Bald hocken wieder zwei vor dem Fernseher, die glotzen tagein, tagaus und die halbe Nacht, und ick find kein Platz, wo ick schreiben kann. Ick glaub, ich muß verduften.
RAMONA
Ronja legt eine Platte auf mit Melodien berühmter Weihnachtfilme aus der ČSSR da war sie mit Jugendturistikgrippe so gern im Böhmerwald / lag mir damit in den Nächten in den Ohren
MARIANNE
sie atmet schwer / hustet
birgit erzähl ihr was / du bist doch eine Schriftstellerin
SIMONE
Was schönes, irgendeinen Märchenscheiß.
BIRGIT
Bäume und Schnee. Eisschollen auf der Spree knacken und ein Mädchen stellt sich auf eine Eisscholle denn das Eis wird den Krebs fressen und das Eis wird schmelzen in die Donau fliessen bis nach Budapest und das Mädchen steigt an der alten Donau aus dem Fluss und ein Mann wartet dort mit einem Tokayer an der Ufermauer und sie trinken auf das gewonnene Leben und treffen auf Monika und Sarah und schimpfen auf Westverlage Ostverlage erinnern sich an alle verbotenen Dichter fern und nah der Donau und der Krebs fließt an Budapest vorbei und an Belgrad vorbei und ein kleiner Junge wirft dort ein Segelboot in die Donau und das Boot erreicht das Schwarze Meer. Und der Krebs ist nun da wo er hingehört in ein Meer und nicht in eine Frau Mutter Tochter Schwester.
RONJA
Das Mädchen hustet sieht nun aus wie Rotkäppchen. Der Wald ist schneestill und die Bäume schwarz.Blutig der Schnee.
Der Ronny küsst wirklich schlecht.
PROFESSOR
Blutsturz. Wir können da nichts machen Jörn! Wir haben nen Exitus auf Station 16. Jörn!
TRABANTEN / KEIBELSTRASSE 1981
(Im Trabant / ein Ausflug.)
THOMAS
Birgit Kati steigt ein…
Weisst du was Birgit? Ich hab mir den Bart abrasiert, den du nie mochtest und mit ihm meinen jungen Marx und Lenin. Glattrasiert mit Engelszungen red ich mit den Verlagsgenossen aus Dresden Berlin über dein Manuskript, seh die kalten Genossen mit müden Hundeaugen an / / Die sagen nur Papier ist knapp/ Silberseen in Wolfen und Umweltgift gibt es nicht in unserer schönen Republik. Scheiße ! (Jetzt überhol doch einfach!) Warum verlegt ihr Birgits Manuskript nich / fahrt nach Wolfen zum Silbersee, da wachsen den Kindern Häute zwischn kleinen Fingern / bleiben Mädchen ohne Atem / die Jungs mit Segelohren haben keine Stimme / Ich bitte nicht fur mich GENOSSEN schreib eh nur für dir Schublade dünne Lyrik über Prag die Panzer meinen Knast in Rummelsburg und sitze WEISST DU BIRGIT mit Bauarbeitern Kellnern Polizisten in zu stillen Wartesälen, vor und hinter der weissen Tür frisst einen die Angst, dahinter die kahlen Wände ein Tropf liegt kalkweiss meine Frau
Kopf wie ein Ballon / du liebst mich ich küss dich du lachst ich verkriech mich in meinen kaputten Trabbi zähle verlorenen Jahre unseres Sozialismus, in denen unsere Tochter Kati krummwuchs,Tage an denen du mich brauchtest als das Tier dich frass… dialektisch ist nur noch mein Geheule in der kaputten Karre
BIRGIT
Thomas , ich hab ein Würgen im Hals.
Katie wo warst du ,warum besuchst du mich nicht
KATIE
härte gegen punk
mein kopf auf der tischplatte
knackt zwei vorderzähne gleich mit
herabwürdigung öffentlich und paragraph 220 von den nazis.
der schlag auf mein blutendes mundloch mit dem eingerollten
proletarier aller länder vereint euch ND
bricht mir die unteren zähnchen
kann mir das sandmännchen bringen
brüll ich und mutter ist ein trampeltier und der
heiner müller steht bei uns an der tür
kein mann im fahrstuhl
den habn wir nicht
aber die keibelstrasse nen
paternoster ausm keller zur etage sechs
zum schnelle schlag auf die brüste links rechts
rechts links, der genosse macht
sich leicht mit dem befehl von ganz
oben mfs ss
selbstschuss und ein minenfeld damit
es uns hier gut gefällt, damit es uns hier
gut gefällt in unserem schönen staat
in unseren schönen staat
meine brüste schon schwarz und blau
von arbeiter- und bauernhand
kopf an die wand
ich mach dich kaputt
du sau sagt der genosse
schätze Döbeln oder Riesa
schägt mir den Knüppel zwischen
den schönen Knutschmund
pretty vacant schrei ich nur
das blut auf altem naziholz
I’M SO PRETTY in der keibelstrasse holten die
mein helles rot ein langsames
fliessen mutterwärme auf beton
die narvaglüh im Keller wärmt statt ihrer dünnen hand
I’M SO PRETTY
verlier mit siebzehn mein herzloch
an den vater staat wegen dem 220er
der eigne alte ist stumm beim bier
das weltall genossen
alles im fluss über unter mir
mundloch strömt und arschloch
mit großen ach und weh
bin der struwwelpeter
in der keibelstrasse
hab keine mutter mehr noch vater
die haben sich verloren im wald
die schweigen nur und glotzen DDR 1
willi schwabe ein freund ein guter freund
lallen Biermann müller prag
bulgarienurlaub oder datsche
du gehst ab nach torgau
4 Jahre jugendwerk
sagt die bullenfrau
in der nacht als mutter tausend worte schrieb
lag ich in meinem
blut und liege noch da und sehe keinen
himmel und habe löcher in der fresse
was kostet eigentlich ein implantat
im westen mutter HIER schlagen uns
die volksbullen löcher in mund
ROSI / SEKRETÄRIN
(Rosi und Robert zanken auf russisch, singen ein russisches Lied )
ROSI
Meine Eltern sagten immer: Du darfst nichts tun und nichts sagen, was du nicht ehrlich meinst. Sie haben mich gegen die Heuchelei erzogen. Meine Schwierigkeiten bewegten sich in den Grenzen des Zumutbaren, da mein Vater ein alter Kommunist war, Insofern hab ich es leichter gehabt als andere, die brauchten mehr Zivilcourage. Die hab ich im Blut.
Ich glaube, ich habe meinen Mann auch schon im Blut.Wir sind seit zehn Jahren zusammen, und ich kann mir einen anderen Mann nicht denken. Robert ist ein Stiller, einer, den man nicht hört. Er spricht leise, und er macht auch sonst keinen Lärm. Wenn er Holz sägt, im Hof ist ein Schuppen, dort hat er seine Werkstatt, wenn er Holz sägt, ist es das angenehmste Geräusch. Er geht leise, man hört ihn oft nicht hereinkommen. Manche Menschen behaupten, ich spiele ihn an die Wand. Doch die kennen uns schlecht. Am liebsten ist er mit mir allein. Ich denke nicht darüber nach, ob mir das angenehm ist oder nicht, es ist eben so. (Lass mal los.) Ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich einbilden, nur mit einem Mann glücklich sein zu können. Ich treffe ständig Männer, die mir gefallen und denen ich gefalle. Ich habe wenig Hemmungen. Gelegentlich gehe mit einem Mann ins Bett oder auf die grüne Wiese. Ich verberge diesen Teil meines Lebens vor anderen Menschen, da ich weiß, wie sie über Frauen wie mich urteilen und wie schlecht mein Mann dabei wegkommt. Die Tugendrichter sind ja weniger die Männer, denen man oft zu Unrecht nachsagt, sie würden sich an unsere Emanzipation nicht gewöhnen. Meistens gehen Frauen auf die Barrikaden, weil sie neidisch sind. Ist ja ein alter Hut. Aber es ist nicht so, daß ich bei Robert zu kurz komme, Robert arbeitet sehr schwer mit seinem Körper. Mit keinem anderen Mann war ich so frei wie mit Robert. Er hat mir noch nie etwas verweigert. Wir kennen unsere Bedürfnisse. Sexualität hat ja nicht nur mit Liebe zu tun, mit Streicheln und Lächeln, sie hat auch etwas mit Gewalttätigkeit zu tun, mit primitiven Trieben. Robert ist Arbeiter. (Lass das.) Ich will keinen Intellektuellen, der mit seinem Körper nichts anfängt. Ich hätte so einen haben können. Der war Chefingenieur. Ging mit einem weißen Mantel herum, mit schmalen weißen Samtpfoten und nach Feierabend hat er Tennis gespielt und ist mit diesen albernen Standfahrrädern in seiner Wohnung beschäftigt gewesen. Als er scharf auf mich war, hat er zuerst eine halbe Stunde geduscht und sich mit Körperspray eingenebelt. Über das Laken, halte dich fest, hat er zwei Handtücher gelegt, damit das Laken nichts Schlimmes abbekommt. Ich habe diese heilige Handlung einmal über mich ergehen lassen, aus Neugier. Wie er beim zweitenmal, eine Woche später, die gleiche Zeremonie startete, bin ich abgehauen. Ich mag, auch Frauen. Frauenhaare und Frauenhaut sind was Phantastisches. Das geht vielen Frauen so, sie gestehen es sich nur nicht ein. Ich sehe also gerne Frauen, die große Brüste haben, sie müssen nicht einmal schön sein. Man geht mit so vielen Menschen in die Kantine, ins Kino sitzt in Versammlungen zusammen, lacht, streitet ... Gibt es einen einleuchtenden Grund, warum man ausgerechnet den Sex ausklammern soll? Weil unsere Großmütter das tun mußten? Alles, was natürlich ist, is...Sex ist für mich ja nicht nur ein Spaß, sondern gelegentlich etwas Totales. Im Sex drücke ich meine ganze Persönlichkeit aus, viel direkter als sonstwo, ja? Ich bin keine Sexmaschine, ich bin eine Frau. Enthemmung ist hervorragend, Wie mein Mann sich dabei fühlt? Ach je, der Stärkere wird immer den Schwächeren beeinflussen oder der Aktive den Passiven. Mein Mann ist ein enorm sinnlicher Typ, wie die meisten gesunden Männer, aber Feingefühl für die Frau hat er nie gehabt. Das habe ich ihm anerziehen müssen. (Zeig mal.)
Was ich in unserem Präsidium dagegen tagtäglich erlebe...Fachidiotentum, auf das wir zusteuern, unsere leitenden Kader die haben die Kraft nicht, irgendwelche Konsequenzen zu ziehen oder ein Risiko einzugehen. Ich habe ein kleines, ganz kleines bißchen Marxismus gelernt, in meiner Abendschule, und unsere Direktoren haben enorme Parteischulen hinter sich. Was haben die ihnen genützt? Die hören sich gerne reden und haben nichts Neues zu sagen, nur Phrasen, die ihnen aus dem Maul sprudeln, während das Hirn schlummert. Da kommt auf einmal etwas hoch, was man für bewältigt gehalten hat:Wir haben ja keine Vergangenheit zu bewältigen.Wir haben ja mit der Gründung unseres Staates automatisch den Faschismus ausgerottet. Keiner hat mit der ganzen Sache irgendetwas zu tun gehabt, keiner hat etwas gewußt.Gestern in der Kantine. Einer ruft irgendwas wie: Du, die und die fährt nach Ravensbrück. - Oh, schreit eine Frau vergnügt, dort gehört sie auch hin! Niemand hat was dazu gesagt.Ich friere ein, wenn ich so was höre. Ich denke an meinen Vater, den Kommunisten und ich sage mir: Ihn hat es betroffen, und mich betrifft es auch. Über das alles kann mit Robert sprechen, aber es beunruhigt ihn nicht, für ihn ist unsere Gesellschaft ganz in Ordnung, weil alle zu essen haben, weil wir persönlich weiterkommen, uns mit Sachen eindecken, Auto, Badezimmer, Kühlschrank, Datsche, Waschautomaten, die unsere Gewässer ruinieren und Wasser vergeuden.
Ich bin Sekretärin, schön und gut, aber ich bin auch ich, ich bin Rosa, Tochter des Kommunisten A. R. Die Sekretärin ist purer Zufall, es gibt Schöneres, als Handlanger für ehrgeizige Männer zu sein. Aber ich kann gut zurückstecken. Ich finde es beschämend, was manche Menschen an Weltschmerz verdampfen, nur weil sie ihren Traumberuf nicht kriegen oder weil ihnen einer Schwierigkeiten macht. Damit rechtfertigen sie ihre Unfähigkeit, mit irgendwas mal selbständig fertig zu werden. Jetzt haben sie mir einen Chef vor die Nase gesetzt, das ist vielleicht ein Affe! Papiere, Mitteilungen, Verordnungen, VerhörProtokolle, Berichte, Bestätigungen, Erlasse, alles schriftlich, obwohl es auch ein Telefon gibt. Auf das Telefon ist aber kein Verlaß. Der scheut jede Konsequenz. Konsequent sein, das war doch eine der stolzesten männlichen Eigenschaften. Mütter sind weich und nachgiebig und ein wenig dumm; Väter sind hart, konsequent und klug, nicht?
Da habe ich gerade durchs WestFernsehen vernommen, welche Eigenschaften für uns Frauen typisch sein sollen: Passivität, Abhängigkeit, Konformismus, Ängstlichkeit, Nervosität, Narzißmus, Gehorsam. Ich bin also ein Mann, dem nur das Stückchen Schwanz fehlt. (Und jetzt ihr: Wir sind Männer ohne Schwänze!) Den Herren der Schöpfung wurde folgendes zugebilligt: Aggressivität, Gefühl für soziale Rangordnung, größere Risikobereitschaft. Erhöht sich allerdings die Aggressivität der Männer, sinkt ihre Intelligenz. Das kann ich bescheinigen. Bei den Frauen liegts andersherum. Höhere Aggressivität ist mit höherer Intelligenz gekoppelt. Soll eine Angelegenheit der Hormone sein. -
KLINIKUM FRAUENTAG/ STRAHLUNGEN 1981
RAMONA
Zweite Bestrahlung. Mit Hilfe von beträchtlichen Mengen Kognac überstehe ich ziemlich gut die Bestrahlungen. Die ersten Male hatte ich grässliche Angst unter dieser Kobaltkanone.
MARIANNE
Dritte Bestrahlung. Zwei Jahre lang soll ich meinen Beruf nicht mehr ausüben. Das ist lächerlich und völlig unmöglich. Womit soll ich mein Dasein rechtfertigen?
SIMONE
Vierte Bestrahlung. Lauter fremde und bedrohlich summende Maschinen, Ärzte und Physiker mit Bleischürzen, während ich NACKT dem Beschuss ausgesetzt bin.
RONJA
Fünfte Bestrahlung. (Charlotte kippt um.)
PROFESSOR
Liebe Genossinnen und Nichtgenossinnen zum heutigen internationalen Kampftag der Arbeiterinnen und Bauerninnen gibt es ihre sechste Bestrahlung durch unsere volkseigene Kobaltkanone Z30. (singt Wie Ein Stern) Nach der Bestrahlung, die Damen, bitte die Tabletten nehmen trotz Feiertag. fünfmal unsere sputnik gegen todesfurcht .
So und nun bitte zur Bestrahlung… Der Beschuss beginnt!
Die Verspannungen danach sind ganz normal.
MARIANNE
Konbaldkanone Z30
RAMONA
Is ja gut Marianne, lass den Professor ausreden (Lilli kippt um.)
PROFESSOR
Die Verspannungen sind ganz normal, ihre ganze Muskulatur ist noch gelähmt von der Bestrahlung.
Übrigens Birgit, Ihre Blutwerte sind bestens. Aber Sie müssen nach der Bestrahlung körperlich was machen, (Sophia kippt um.) Ihr Geschirr waschen zum Beispiel oder den Boden schrubben, die Körperertüchtigung beschleunigt die Regeneration.
(Maxie schrubbt.)
FRAUEN
L: während ich am boden liege und die verdammten bretter schrubbe
Alle: ARBEITET DER KOPF
S: ich denke dran wie viele frauen jetzt wie ich am boden liegen
C: und den dreck für ihre lieben kinderchen und den mann wegschrubben
Alle: MORGEN IST DER DRECK WIEDER DA./ BRUST BAUCH RACHEN KOPF. BRUST BAUCH RACHEN KOPF.
S: ick protestiere gegen meine kranheit. BRUST BAUCH RACHEN KOPF.
C: ick gegen die beschissenem knoten. BRUST BAUCH RACHEN KOPF.
R: ick scheiss auf die offenen wunde. BRUST BAUCH RACHEN KOPF.
S: ick protestiere gegen diese streuung. BRUST BAUCH RACHEN KOPF.
L: ich bin keine fortpflanzungsmaschine. BRUST BAUCH RACHEN KOPF.
S: ich hab keine mutterverpflichtung. BRUST BAUCH RACHEN KOPF.
(Lilli beginnt den Professor einzutapen.)
RONJA
was machst denn du da
MARIANNE
ich male
ZWISCHEN 03:00 UND 05:00
BIRGIT
(Ich wurde im April wieder krank. nichts schlimmes sagen die Ärzte, Bauchfellentzündung)
Liege in einem Dreibettzimmer in Buch auf dem Tisch ein verschlossenes Kuvert, ich öffne es : Metastasen im Bauchfell / Es ist drei Uhr morgens, und ich kann nicht schlafen und muss doch eine Geschichte für die Katie fertigkriegen. Warum gibt es hier keine Schreibunterlage, was ist das für Licht und Frau Schmittke im Nebenzimmer röchelt und die Ärzte geben ihr Morphium, was weiß ich und die Frau Schmittke lebt weiter, warum lässt man die nicht sterben? Sie schreit fällt aus dem Bett,hat alles vollgekackt, sie wälzt sich im eigenen Dreck, der Gestank, der Lärm, das Gerenne, das Stöhnen.Und alle müssen wach sein und mitansehen wie eine nicht leben nicht sterben kann, und das alles vor den Augen von Schwerkranken, die noch was schreiben müssen. Ich hab mich verschrieben.Hier muss doch ein Punkt hin
MARIANNE
Die Schwester war eben da, fühlte meinen Puls und rannte weg, um den Arzt zu holen. Draußen dämmert es, die Nacht ist schwül und schwer um 03:55
SIMONE
Meine Angst in den Morgenstunden 03:56
RAMONA
das Erwachen aus Träumen 03:57
das Erkennen der Wirklichkeit 03:58
SIMONE
Was machste da
MARIANNE
Ich male gegen die Resignation die innere Kälte
SIMONE
Dachte bist Physikerin nich Picasso
RAMONA
Wenn mein Kerl kommt, der Chilene, spiele ich ihm Heiterkeit vor.Wir naschen Früchte.Vorsichtig, zwei Löffelchen Kompott, das genügt.
MARIANNE
Auf dem Gang das Scharren der Füße, das Getuschel der jungen Schwestern, Türengeklapper.
Hier sind alle Türen kaputt
BIRGIT
Ich werde um sieben Uhr früh zum Telefon gerufen. Es ist Thomas
THOMAS
Birgit.Ich will ein paar Worte sagen. Meine Stimme klingt lieb.Ich sage freundliche Dinge
RAMONA
Vor nem Jahr die linke Brust ab, jetzt frisst mich die Galle!
SIMONE
Schweineschlachten kann ich.Robert lag drinnen krank, das Schwein hat einen Knochen geschluckt, was weiß ich, ist erstickt daran, röchelte, hat sich gewunden. niemand war da, konnt es nicht mitansehen, hab ich das große spitze Küchenmesser genommen und habe es abgestochen.
RAMONA
Ich habe versucht, mit meinem Chilenen zu reden
MARIANNE
04:30. Fenster schließen nicht, die Türen auf und zu kommen und gehen flüstern
SIMONE
die Toilette voll Blut Erbrochenem Kot, die Schwestern übermüdet und frustriert sind
RAMONA
die Ärzte abwesend und gleichgültig, das Essen sauer
BIRGIT
Thomas bist du noch dran ?
THOMAS
Ja
BIRGIT
Lies mir bitte etwas aus deinem letzten Buch vor
(Sie tanzen.Kati schreibt.Die Mädchen gehen in das Behandlungszimmer)
(KATIE
This is minimal punk)
LEERES HAUS/PANKOW JULI 1981
(Kati und Thomas im Hof. Blasmusik aus dem Bürgerpark. Laufschrift.)
KATIE
Mutter ist wieder zu Hause sagt …Lieber Thomas, ich nutze die wunderbare Ruhe in unserem Hofgarten, das leere Haus um Dir ein paar Worte zu sagen Und Mutter sagt Alles Leben in mir ist in eine winzige BauchKammer gepreßt, bis diese Kammer ihre Wände sprengt, explodiert und sich ausbreitet. Und sie fragen mich nich nach meiner Kammer im Polizeipräsidum in der Keibelstrasse… und ich sag nur Monika ist drüben und die Sarah und
der Jurek und bald ich
Das Eis ist zu dünn
es trägt nicht alle /
es bricht
JOY DIVISION/ TRANSMISSION
(Ein Song. Birgit und Thomas und Katie tanzt)
Dance Dance to the radio
Dance Dance Dance
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