UNTER TIEREN I
lauf
schneller
lauf
nur eine runde noch
ich lief seit stunden, vielleicht nur ein zwei minuten
ich lief und fiel und mit jedem fall färbte mich die stinkende
erde, ich wuchs mit jedem riss im knie,
der golem auf horse war ich nun und lief
meine runden und stank nach zebrapisse
der junge aus schlamm und innen weiss und warm
lief im zebragehege seine runden und fünf zebras sahen mir zu
lagen meist auf der fast kreisrunden wiese und sahen mir zu,
beim laufen und fallen
ich lief auf der galopprennbahn, die keine war nur
einer sehr ähnelte, die grüne insel eingeschlossen von der
schmutziggelben erdigen bahn war das zuhause der zebras vom belgrader zoo inmitten der stadt. belgrad mai 1991
die berge brennen schon, dort in kroatien.
die angst ist in mich hineingekrochen
am sechsten februar
als ich nicht reden
nur sehen sehen
schweigen konnte
wortlos ging
der letzte zug
fuhr,die ebene danach slawonisch
zum sterben flach
seit dem sechsten februar reitet mich das
pferd,mein tiefes weiss.mein süßes warmes meer
dass mich küsst,umarmt.zart flüstert.
mein dealer wohnt direkt am belgrader zoo
es ist ein katzensprung zum zebragehege, dass eigentlich
eine galopprennbahn war (in den zwanziger jahren war das gelände
noch ein parcour der serbischen gardekavallerie. die schönsten offiziere
ritten ihre weissen pferde aus, angesehen,
meist desinteressiert jedoch mit guten ton von den attraktivsten jungen belgrader damen) und auf dem ich nun
renne
los
lauf
lauf
falle nicht
falle nicht und denke träume
dass die berge nicht brennen
dass du sprechen und lieben kannst
nicht wortlos in züge steigst
im februar gleis drei
am morgen wache ich auf, inmitten der zebras und ich schmiege
mich an ihre warmen, borstigen körper und wir lecken uns
die risse und stiche, verscheuchen die dicken madenfliegen
sie haben keine angst, meine zebras
denn sie kennen mich schon seit
einer woche. jede nacht klettere ich über den zaun
reite auf meinem weißen pferd meine runden
unbesehen von dem schönen mädchen
zu dem man nicht sprechen kann
von denen man wegfährt im februar
die uniformen auf dem bahnhof der fremden stadt angst
zählt dreissig vierzig achtzig so bunt und farbenfroh.
sie für immer verliert und fünf stunden in den
nikotinschweren fenstervorhang des waggons heult
die welt nicht sehen,liegen in slawonien,
da und dort
das feld noch brach, auf demselben werde ich
ein paar monate mein schützenloch mit meinen
händen hineinreissen und ein dorf wird brennen
lauf
na los
lauf
falle nicht
ich trinke am morgen nach dem laufen gemeinsam mit den
zebras das lauwarme stinkende wasser, zoowächter gibt es keine
die inflation frisst gerade das geld, das land
es kommt niemand mehr in den zoo,
nur der direktor
wohnt noch dort und sorgt für futter
einmal am tag.
ich trinke mein wasser aus,lehne mich an meine zebras
an, sie riechen meine trauer und ich höre ihren herzen
zu im frühjahr 1991
liebte ich zebras
mehr
als die menschen.
und berge brennen
züge fahren.
lauf
lauf
UNTER TIEREN II
mitten unter sternen
stehen und hineinsehen in ihr licht
sie leuchten über meinem kopf
tanzen um mich herum, landen auf der
stirn auf dem handrücken
mancher stern fällt zu boden
erlischt stirbt tonlos
ich greife nach ihnen mit einer hand
die andere hält mein cousin
er hält mich und sich und tränen
leuchten im hellen nachtgrün unsere
dreihundert sterne in den bergen
bei bosanski novi gehören nur uns
zwei jungen aus berlin und bosanski novi
wir sehen uns einmal im jahr
und in diesem jahr leuchten wir
inmitten der sterne
LAMPYRIDAEN
unser milchstrasse sind heute nacht
die glühwürmchen
von bosanski, von der una
die man in der ferne hört
wie die stimme über uns
es ist ur-oma todora
die 101 jahr alt ist
und seid dreissig jahren ihrem,mit ihrem
mit samt und purpur ausgelegten sarg
in der küche lebt -
ist mein schönstes möbelstück, sagt sie immer
wenn ich tot bin,hab ich nichts davon
sagt sie immer
seit dreissig jahren steht der sarg in ihrer
schiefen küche in dem dorf bei bosanski novi
er dient als frühstücks und mittagstisch
und wenn besuch aus der stadt kommt
wird er reich geschmückt mit allem
was ihre kühe und hühner von sich
hergeben gefragt oder nicht für drei tage drei nächte
mein opa der general hat ihr den sarg in belgrad
gekauft, vor dreissig jahren als oma todora
71 war und sterben sollte,aber nicht wollte
er schnallte den sarg auf seinen generalsdienstwagen
es war natürlich ein deutsches modell
genauso deutsch, wie der deutsche der opa
vier jahre durch die berge jagte und fotos machte
und dörfer niederbrannte
deutsch,wie der deutsche,der meine oma
eine sechszehnjährige partisanin gefangennahm
und laufen liess,damit ihr nicht kehle und augen
ausgestochen werden von den ustaschas
aus dem nachbardorf
deutsch wie der kleine halbe deutsche
der nun inmotten der grünen sterne
stand, hand in hand mit seinem
cousin aus sarajevo stand und vor
glück und schönem schein heulte,
mit dem cousin, der nicht mehr
in sarajevo lebt,
der nicht mehr lebt
unter den sternen, unseren
LAMPYRIDAEN
ist selber einer
eine mine riss in
entzwei
oma starb mit
104 vor ihm
schön in samt
ich träume oft diese nacht
unser leuchtenden
sterne
glühend
ewig
fliegen
sie
UNTER TIEREN III
ich hatte mal einen kanarienvogel
für einen tag
am zweiten weihnachtstag lag er
tot auf dem boden,neben dem baum
der erste tote in meinem damals noch
jungen leben
vater sagte nur
sie haben biermann ausgewiesen
das ist schlimmer
was hatte dieser biermann mit
meinem toten vogel zu tun
der dalag
bunt
UNTER TIEREN IV
ich höre ihr singen
zykaden
vielstimmig der ungesehene chor,die steine grau,
weiss in denen sie leben sterben
geschichtet von händen vor langer zeit
hinter den schweren steinen liegt die schwere erde,
rot unter der haut lebend, der grabenden und schichtenden
färbt die hönde für ein leben ein,meist ein schweres,
doch sie, die steinsänger singen gleichmütig vielstimmig
die steine weissgrau und ihre harte haut
wärmt meinen rücken, sie bohren sich
in das fleisch,mein clash tshirt
aufgeheizt vom tag nun ihr zykadenheim
das salz auf joe strummer mein weisser kontinent
angelehnt an das rissige spitze grau mein
konzertbesuch und weiss atme ich schwere heisse luft
warte auf den nächsten gesang
an der bushaltestelle mit meerblick
ich warte auf den 13 uhr bus
nach primošten auf wellen reiten
mein warten auf den bus splitexpress
weißes sommerglück
der gesang
UND
jeden tag fahre ich mit meinem
klappfahrrad 6 km die strasse staubig,
gleissend das weiss,selbst die kleinen steine
die mein PONY in das nahe blau
schiesst weiss, wie die berge hinter
den kleinen häusern der feriensiedlung
ich fahre 6km für eine kugel
vanilleeis aus dem eiscafee der kleinen hafenstadt
der besitzer schenkt mir jeden tag eine
kugel vanilleeis,
für meinem ersten kleinen blonden deutschen
den er in seinem leben
sah,nachdem er aus dem kosovo an das
blaue meer zog und mit seinen vier
brüdern der eiskönig meiner kindheit
wurde
mein königreich eine kugel vanilleeis
irgendwann zündete jemand sein eiscafé
an,danach brannte das eis
überall an der küste
irgendwann sangen sie
nicht mehr
zweihundert jahre lang
warfen die fischer schwere steine
von ihren schweren weissen holzbooten
aus in das meer
nach zweihundert jahren
errichteten sie auf den steinen
eine brücke und die insel war
nun keine insel mehr
auf der brücke laufe
ich hand in hand mit
einem mädchen aus bihać
auf die andere seite
der insel die keine
mehr war um uns
in ihren wäldern
zu küssen
und dem
gesang
zuzhören
ich höre sie
immer noch
auch in B
im regen im
september
zykaden
UNTER TIEREN V
ich habe ungefähr hundert ameisen getötet
mit sechs oder sieben,vielleicht mit fünf
ich habe einen krieg verweigert
nicht zurückgeschossen
meine patronen vergraben
flach das grab
mit einundzwanzig genau
ich hoffe
nun die schuld
ist beglichen
UNTER TIEREN VI*
Pools of sorrow, waves of joy
Ein dampfendes Feld,dann Waldlichtung frisch ausgehoben
die Grube leichter Morgennebel ein LKW
Männer steigen aus leise wimmern schluchzen
wortlos knackt Holz unter leichten Schuhen
zweimal adidas puma dreimal borovo**allstars vier
Nebel streicht über das braunschwarze Loch
They tumble blindly as they make their way across the universe
woanders an den lauten Stränden
die Sonne brennt über gezähmten Köpfen
und verjüngten Brüsten am Strand, Jahre später
Weit weg der Wald das Loch
operierte Gesichter an Adrias Perle
gespreizte alte Beine Zigaretten werden zerknautscht
von operierten Lippen Münder daran lutschend wie Schweine
den grauen Brei im dampfenden Trog
Words are flowing out
an Waldlichtung in den Bergen
der Nebel zieht durch silberweiße Blätter
der verstreuten Baumgruppen im Busch unter den Bäumen
liegt ein TShirt ein roter Schlüpfer drei paar Schuhe
Lederbänder Holzkreuze von Zähnen weissgebissen
woanders nicht weit weg goldene Kreuze an ledernen Hälsen
schwer wie runde Steine des Strandes ein Lachen
ein Kreischen am Meer wo die operierten Gesichter
platzen unter holländischen Zeltdach ein roter Stern
Bierschatten.
Across the universe
Es leben zwei Ameisenvölker vom Fleisch der Grube auf der Lichtung
fleissig lösen sie die Fleischstücke vom alten stummen Berg
tragen sie in ihre Städte unter der Erde marschieren über das TShirt
den roten Schlüpfer Lederriemen ein kurzes ausatmen auf dem
verrottetem Schuh drei Streifen hat er kaum zu erkennen
Lehm klebt daran seit Jahren, der Weg vom LKW zur Lichtung kam wohl vom Regen
DAMALS getränkt ihre letzten Schritte vom schweren Schlamm
Woanders vier Damen schlürfen laut den sämigen Kaffe
Kaffee klebt an ihren Mündern schwarzer Schlamm
künftiger Tod bei Bergamo am Schuh
schwarze Löcher ihre Münder der tiefe Bass
kündet von Hauskäufen verfickten Hurensöhnen
eröffneten Shoppingmalls und wieviel Lehm passt
in eine glänzende braungoldene Handtasche
die Gräber flach und kalt niemand weiß es
Die Lippen aufgespritzt mit Lehm werden ewig wiehern
Ihre Männer haben vor Jahren das Loch auf der Lichtung ausheben lassen
von anderen Männern die wimmerten schwiegen auf Holzkreuze bissen
eine oder zwei Zigaretten geraucht,dann getan was getan werden musste
für Volk Vaterland und den neuesten Jeep
und die Frau zu Hause die wartet auf Gold und Urlaub am Meer
Die beiden alten Völker unter den Bäumen kümmert es nicht
das Leben und Sterben hoch über ihnen sie schweigen und arbeiten
das Loch ist tief der Berg noch hoch es gibt viel zu tragen.
Dies alles erzählte mir mein bester Freund auf der Terasse
während alle
schliefen am nachstillen Meer nach der Seuche
sein Bruder fuhr damals den LKW auf die Waldlichtung
er hörte eine best of Kassette von den Beatles
so laut er konnte
nothings gonna change my world
aus fleisch wurde weisser staub
die unterirdischen städte in nord und süd
werden aus knochenmehl gebaut seit jahren
-
UNTER TIEREN
-
NOVEMBER
Szenen
Von Sascha Hawemann
Personen:
Phil
Micha
Fotzo eigentlich Frank
Mutter
Heiner Müller
Zwei Teenager
(Phil, Micha und Frank können von weiblichen, also auch von männlichen Darsteller*innen gespielt werden. Zeit der Handlung 1985 bis 2020 in Ostberlin, an der jugoslawischen Adriaküste, Berlin.)
SZENE 1
FREUNDE
PHIL
Ein müdes Gesicht nicht meines
gespiegelt kurz über dem angekratzten Hundebild, gleich neben dem lauten Kind
am Kloeingang auf irgendeinem Bahnhof auf dem Weg nach Hause
Hohn das Blau des Meeres da ganz unten in der Kloschüssel
dort ertrinke ich im Dreck das Traumweiß klebt noch an
Nase und hohlen Wangen
bin ne ICE Durchreise auf halbem Weg
ich stinke auf Kunstleder im Atelier
verschollen circa 1992 DENNOCH VIER FILME GEDREHT
Werbung blend ich aus
Die Augen, nicht meine, suchen seit Jahren im Irgendwo
der kleinen oder großen braunen Flecken
Blut getrocknet gleicht Kotresten an einer hellblauen oder gelben Kachel hochgespritzt,
wie das wohl geht
der besondere Saft in der DB lounge
nur noch Ausfluss, Scheiße von unten
unter der Erde, meine Augen
schauen sich müde, nicht meine
das hundertfach gesplitterte Sterniglas am Südstern
als ich an sie dachte EWIG ihren Namen in die Augen schnitt
so also schneidet sich Bierglas in Kimme und Kopf.
So...habe sie aufgerissen, aufgeschnitten.
Nein, danke, ich kaufe das Unglück nicht,
trage schwer genug an meiner Tüte
mit dem Traumweiß
teuer genug die Pause vom Leben
Sie tun mir weh
die Augen
kann keine filme mehr drehen
ich sitze auf der Kloschüssel
auf irgendeinem Bahnhof
hoffe, keine Liebe mehr am Meer
FOTZO
Gestern sah ich einen Film
darauf zu sehen die Mauer von der falschen Seite der besseren Seite
da wo Raider und Porno wachsen. Und ich sah mich von der richtigen Seite
träumend von Raider und Porno wichsend auf richtigen Seite. Ich sah mich in der Kälte wachsen die Einschusslöcher auf dem Schulweg zählen und die Titten der Mädchen.
Mein Himmel war kalt - pogen im Gasometer oder einem fremden Mann
die Fresse polieren, am Fensterglas lecken und kleine Hakenkreuze in ein teures Buch
kritzeln die Ohrfeige danach. Kerstin zeigt mir ihr Geschlecht MÖSENLECHNER für eine Saftorange ausm Konsum gegenüber
von der falschen Seite.
Gestern sah ich einen Film NDR über DDR und verstand mein Heute nicht mehr
ich bin über Fünfzig
verkaufe mauerreste
oder polenzigaretten
die zähne verfault vom polieren
habe figurentheater gespielt
geschweisst in bunten häusern
und heiße Fotzo eigentlich bin ich der Frank
ich lebte in zwei Ländern
eins liebte ich
hasste das andere
jetzt hoffe ich auf ein drittes das ich nicht liebe
von dem ich lebe
das bleibt nicht
verschwindet
MICHA
Ein tiefes Unbehagen beim Blick in den Spiegel,
Junge Männer machen mir Angst, wenn sie die Redaktion betreten und bleiben,
schreiben diesen adjektivischen Bandwurmsalat ebenso lang und wiederhakend wie das öde Land D
Irgendwelche Spastis erbrechen Kolumnentheater und ihre Abonennten geilen sich auf,
strecken sich auf Yogamatten der Sonne entgegen
Meinung ist Wahrheit, aufgerichtet am halbgedachten und ich stehe fest
auf meinen Vejas, mein Denkmal der Lüge
meine letzte Härte gegen das System
vegane Sneaker
der nette Onkel nennen wir in Chef von nebenan
will auch mitfahren beim Schönwettersegeln.Das Geschlecht der Epigonen und Epikuren suhlt sich im Artridengrab. Sie scheißen sich eins und auf uns, POGOTÄNZER aus der Zone DREIAKKORDLER auf Henneckes verblichenen Spuren
mein Vater war Stabülehrer und hat mir schiefes singen beigebracht
geblieben ist nur der schwache Akkord vorm Bildschirm mit Skyline
mein wir ist nun ich und im Mund Worte wie trockener Sand.
Kalt bin ich ist mir trinke deswegen Matcha und
kaue Algen und Widersprüche im Schweinestall FITCROSS gegnüber vom Tower
sorry Augias
MARSHALL. PUNKS NOT DEAD.
SZENE 2
AN DER MAUER 1983
PHIL FOTZO MICHA
November 85
Berlin Hauptstadt der DDR
PHIL
Nacht mit Hundegebell.
ALLE
Wie immer
MICHA
Kam nicht nur einmal vor. Im Sommer häufiger.
FOTZO
Es pisst.
ALLE
Wie immer.
PHIL
Mein Weg zur Schule führte an ihr entlang.
an der Mauer
ALLE
wie immer
MICHA
Schüsse gab es dreimal.
PHIL
Erst neunte Klasse und schon Stasi an der Schule, Verhör im Direktorenzimmer.
Ist mir an allen drei Schulen passiert, die Männer in den schlecht sitzenden Anzügen.
In der Keibelstrasse VP Polizeipräsidium, habe ich zwei Zähne verloren. Die hatten Hartgummiknüppel aus der Nazizeit, das nackte Herumstehen, stundenlang, wärmen tut mich nur die eigene Pisse.
FOTZO
Das habe ich gelernt, DDR mein Vaterland: auf Knopfdruck einpullern,
war mein wärmender Anorak in der Keibelstrasse, Die Pisse musste man aufwischen, davor noch der Schlag genau auf die Vorderzähne.
Gelb und rot mischt sich unter meinem geschwollenen Geschlecht.
Bin der Vincent van von der Keibelstrasse.
MICHA
Zehnte Klasse. Wieder Stasi an der Schule.
Und Elf und Zwölf. Meine Zahlen sind krumm, schiefe Männer sind sie, die ein Kind
zertreten wollen, weil der Klassenkampf es so will. So nannte man das,
wenn große Männer vor einer Direktorin einem Jungen in die Nieren boxen und er vor ihr Schmerz erbricht. Ach Schiller, Goethe, Lessing und Fontane lagen sonst auf ihren schmalen blauen UnterrichtsLippen, die Erziehung zum Menschen, diesmal liegt nur Verachtung und ein wenig geiler Speichel auf ihrem klassischen Gesicht.
Der Lieblingsschüler liegt auf Linoleum.
Braun, er erbricht sauer.
PHIL
Ich sehe die Fahnen im Rücken der Direktorin.
Höre kaum etwas, langes hohes Summen in der Stirnrinde, darauf sitzen schwarze Vögel.
Eine Minute vorher hat mir ein verpickelter Sachse mit beiden Händen auf die Ohren geschlagen, meine Antwort gefiel ihm nicht. Summ-Summ-Summm.
Ich verrat meine Brüder nicht und deiner Votzenmutter scheiss ich in die Fresse, Sachsensau.
Die Direktorin schaut mich nicht an.
Kalt.
FOTZO
Wird nicht zum Studium zugelassen.
PHIL
Feindlich negativ.
MICHA
Dekadent.
FOTZO
Schmarotzer.
Meine Ohren summen und ich tanze den schwarzen Stern.
Die Küsse mit den Mädchen waren immer zu hart, meiner auch und ihre Haare rochen alle gleich. Action. VEB Kosmetik in Berlin Mitte.Drei von den vielen hart küssenden Mädchen sagten mir, sie wollen, weil sie müssen.
Männer kamen, sagten
PHIL
KÜSS IHN DANN FRAG IHN Was er liest? Was sein Vater erzählt
Die Mutter träumt. Und jetzt fick mich, die Verrätersau
sagte eines der Mädchen. Ich nahm sie in den Arm und erzählte ihr was ich lese,
was mein Vater erzählt und was meine Mutter träumt. Und ich sagte ihr
erzähl alles den Männern mir ist alles egal,
ich bin dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn Jahre alt
und Angst habe ich keine, Leben will ich auch nicht mehr.
In der Straßenbahn müde Augen.
MICHA
Warum fuhren all die Züge immer an der Mauer entlang. Was war der Plan der alten Männer. Zu früh aufs falschen Pferd gesetzt, alles auf ROT und Traum vom Morgen
FOTZO
dann dastehen - mit leeren Hände und es blieb nur noch der leere Blick auf Beton und das Leuchten dahinter auf den Wegen zu den ungeliebten Arbeitsstellen und Fickzellen
DANKE H - im Danach fuhren wir immer an der Mauer entlang.
MICHA
Wie mein Gesicht in der Garage Keibelstrasse am Rohbeton zurechtgeschliffen wurde.
Irgendwann ging ich weg aus dem Land. Als ich wiederkam, war es eins.
PHIL
Mir tut das alte Land immer noch weh
ohne dieses Schäumen zwischen Werra und Mulde.
Mit heißer Wut, halbtauben Ohren und halbierten Zähnen
hass ich dich Staat der weissen Wand
Auf Knopfdruck einpissen war mein Weg in den Kriegskommunismus
MICHA
Vom Jetzt schweigt dieser Text.
FOTZO
Das hat hier keinen Platz.
PHIL
Und ich höre noch Schüsse in der Nacht, vereinzelt und das Gebell der Hunde, den Verrat küssender Mädchen, warm ist es unter mir. Es stinkt nach warmer Pisse.
Pssst, keine Angst Anorakkind, Junge, Mann.
So ist mein November.
Ich erinnere mich.
Ich fahre weiter nach Westen. Oder Norden, muss meine Füße in die Ostsee stecken
SZENE 3
MUTTER MIT SOHN
(ein Hotelrestaurant)
PHIL
Auftritt Mutter
auf den Lippen Schnee oder Heiner oder schlimmer noch Volker Braun
Ihr Herz im Gasherd nur mein frommer Kinderwunsch, den hab ich
schnell vergessen und vergessen und vergessen
für LEGO UND LONDON CALLING aus dem KDW lieb ich sie
wie ein Sohn seine Mutter muss, die ist gerade sehr krank, im Kopf
nicht nur dort, aber dort vor allem, nun besuche ich sie zu Hause gehe essen
/das Zuhause eingemauert von Müller und Andrić umgeben von ungeöffneten Rechnungen,
die Asche meines Vaters reicht höchstens für Katzenfutter und Aldi- Nord.miez und mauz
Mutter Svetlana hat sich aufgerieben im Kulturbetrieb und Zigarettenkonsum,
der Kopf gesenkt, ihre Depression hab ich mit Alete gelöffelt ausm KDW
Partisanenkind vom Balkan, das war sie, mir weniger als Hacks und Co.
I AM KULTURBETRIEB GEWESEN
VOR ZWANZIG JAHREN
singt sie oder der Whisky
mein Schaflied.
MUTTER
Meine Geschichte.
An der Wand der Scheune in der man mich machte wurden zwanzig von ihnen erschossen
in ihren speckigen schwarzen Uniformen, mit den halblangen Haaren, die in ihre
jungen Gesichter schweißnass hingen; als sie den Männern mit Hämmern die Gesichter
wie Sandstein zersplitterten und die kleinen Körper an weiße Lehmhütten klatschten,
das frische Gras fing fingergroße Knochen weich auf, die Mütter schauten augenlos
aus schwarzen Löchern, abgeschnitten und herausgerissen alles Weiche.
Mein Vater, sein Großvater erschoss die zwanzig, einen nach dem Anderen und das Kalk würde aus ihnen einen schwarzgrauen Brei gären und brauen, mein Vater würde meine Mutter küssen hinter der Scheunenwand, Erde und getrocknetes Blut unter den schwarzen Fingernägeln, in sie
hineinfassen hinter der Scheunenwand, davor lagen zwanzig junge Männer
Kinder; Frauen und Männermörder,
Scheunenwand, ein Maimond im Jahr 44
hinter ihr wurde ich gezeugt erst Tochter dann Mutter
eine Scheunenwand bei Sanski Most im Mai 44
die Wände und Mauern davor durchsiebt von Papas P08 Beutewaffe
“zerschossen” die Leiber... dass solltest du auf einer Probe erwähnen, historisches und Biologie zusammenknebeln, eine Sprosse der Angst gegenüber den spielenden Schauspielenden mit historischen Mitleid ersticken ICH erste Frau
I am Kulturbetrieb war es
und die führt ihre eigene Kriege Klage ACH UND WEH am liebsten die
Kollateralgebärmutter in die Bücherwand gestellt, wie einen der Ustaschas 1945
an die echte steinerene, Sohnemann- bist doch Autor, erklär den Leuten was Ustaschas sind
SOHN ERKLÄRT DEN ZUSCHAUERN ANHAND EINES MITSPIELERS DEM ER ZUNGE HERAUSSCHNEIDET DEN SCHÄDEL MIT HAMMER AUFBRICHT. ODER AUCH NICHT.
MUTTER
Mein Vater schoss in die Köpfe der zwanzig jungen Männer
der Politkommissar der 6ten Brigade und manchmal wünsche ich mir solche Lektoren, wie meinen
Vater, da hätt ich weniger Angst vor mir selber und den leeren Seiten oder ich wünsche mir:
besser keinen Sohn, besser ohne Sohn die Wege laufen
Vater Opa könntest du ihn auch vergessenen machen oder ganz weg
Ich bin mir selber zuviel
Sohnemann zeigt doch mal allen meine AutorenRequisiten
SOHN ZEIGT REQUISITEN UND FOTOGRAFIENAUS EINEM LANGEN KÜNSTLERLEBEN, AUCH DIE PANZER VON PRAG UND POZNAN, DUBČEK OHNE WOLF DEN WELTRAUM UND BERTOLT BRECHT.
MUTTER
Am 22ten Mai 1945 wurde ich von der Partisanenkurierin und späten Kommissarin des Frauenbataillons in Sanski Most geboren, ein Jahr später löste sich ein Stück vom Berg und sechstausend flossen in alte Stadt, ihre Knochen ihr Blut
Sechstausend erschlagen von zwanzig jungen Männern konserviert in der Lehmerde eines Berges vor Sanski Most flossen durch die Strassen
das waren meine Geburtswehen in der Mahala der kleinen Stadt
Jetzt verirrt verwirrt sitze ich
im Hotelrestaurant
die Unschuld der Reichen der gelassene Blick auf meinen Hunger
PHIL
in der Lederjacke stammel ich nun
LUSTMORD STATT REVOLTE
LANDHESSISCH DAS SUSHIMESSER
VON QVC
hätte Lust die Mutter Künstlerin
Aufzuschneiden mit dem Messer des Kellners
Der ihr den Lammrücken vorschneidet
Ich werde auch diese dünne Kehle nicht aufschneiden mein Leben lang werde ich nichts dergleichen tun bin nicht Jesus der das Schwert bringt
Ich träume von Schwertern mache daraus Film
VERSTEHT SE NICH
spreche mal als HEINER
das geht bei ihr immer -
Da lebt das Gestern auf nach den down
Die Lügen der Dichter sind aufgebraucht
Vom Grauen des Jahrhunderts
An den Automaten der Weltbank
Der schlafende Penner widerlegt die Lyrik der Revolution
Ich fahre im Taxi vorbei. Ich kann es mir leisten
MUTTER(belebt)
In der Nacht im Hotelrestaurant ist meine Bühne
Ungereimt mein Muttermund
Kommen die Texte die Sprache verweigert den Blankvers
Ich bin das Drama, du mein Orest in Lederjacke WE ARE DEAD draufgeschmiert
Kein Mensch, keine Fußspur, kein Staub, nur ein unsichtbares Auge, geführt von keiner MutterHand.
PHIL
dann stammel ich wohl weiter
MUTTER KANNST NICHTS MEHR
ICH KLATSCH DICH AN DIE WAND
schreib mit dir meine Verse an die Mauer
aus Rigips mein Arbeitszimmer
MUTTER
In diesem neuen Land kann ich nur noch zittrig löffeln und schneiden
Man sollte Komödien schreiben in diesem trüben Menschenbrei
mit glücklichen Idioten vor dem Bildschirm
In der Hotelbar langweilt ein betrunkener Gast
Eine Serviererin sie hat dienstfrei und darf stehend schlafen
ICH MAG CHOWCHOWS sagt die Serviererin
WEIL SIE SO KLEIN SIND BIITE SEHR WO BLEIBT
MEIN DRINK schreit der Betrunkene
ICH BIN GESTORBEN FÜR DIESE GESELLSCHAFT
Sagt der müde Kapitalist auf dem Bahnhofsstrich
Wie soll die Welt enden, wenn das Geld müde wird
Der Strichjunge zieht sich schon auf dem Bahnsteig aus unter den Reisenden ins Nichts
Die Welt ist beschrieben kein Platz mehr für meine Literatur
mein zugenähter Muttermund stammelt
I‘M KULTURBETRIEB MIT MINDESTRENTE NOW
Das letzte Abenteuer ist der Tod
Kauf mir bitte zweimal Katzenstreu
Sohn, bin ascheblank
PHIL
Wo sind wir stehengeblieben
MICHA/FRANK GENANNT FOTZO
So ist mein November.
Ich erinnere mich.
Ich fahre weiter nach Westen. Oder Norden, muss meine Füße in die Ostsee stecken
SZENE 4
STREICHHÖLZER UND SCHNÜRSENKEL/ERINNERUNGEN OST
MICHA
Mein Weg zur Schule führte an durchsiebten Fassaden vorbei. 1978 sah aus wie 1945 und ich laufe durch den Kugelhagel zum Werkunterricht, Holzklötze sägen für den Frieden oder Kambodscha.Kopenhagener/Ecke Schönhauser- aus der Löffelerbse springen zwei besoffene Bauarbeiter auf die Strasse
FOTZO
MACH DIE BRILLENSAU KAPUTT
Zwei Bauarbeiter zertrümmern seine hohe Stirn, der Iro ist auch kaputt
ALLE
scheisse
MICHA
Aus meiner zerrissenen Plastiküte von Bilka fallen saure Äpfel und ein Manuskript HABEN UND SEIN -
FOTZO
kenne ich nicht
lese ich verstehe ich nich, werde es erst verstehen lernen
es wird nicht helfen, das kennen, das verstehen im jahr 1985
im Sommer
MICHA
und ich denke an meine Holzklötze für Kambodscha oder den Frieden und staune, dass der dünne Blutstrahl aus der hohen Stirn herausschiesst wie frischgezapfte Fassbrause, die ich über alles liebe, während mein StabüVater unter Theken lag, zwischen Lychener und Stargader und sich ins Dunkel trank
FOTZO
Das Weltall Genossen...
PHIL
Prag, Biermann, Sozialismus, der menschlich wurde mit Doppelkorn
und Primasprit
MICHA
Wenn mich der Kopfschmerz plagt und ich den ersten Satz um vier Uhr Morgens irgendwo hineinkliere, in mein Käseblatt in Frankfurt nicht an der Oder
dann wird es regnen, wie auf meinem Weg zum Werkunterricht, mein Friedensklotz mit
Jo R Becher danach im Deutschunterricht
PHIL
Durch den Krieg, den Alten und den täglichsozialistischen schlürfte ich zum öden Deutschunterricht, um zu lügen.
MICHA
Mache ich immer noch
im Redaktionszimmer jetzt Berlin
Vor meinem Haus verkaufte ein Kriegsblinder Streichhölzer und Schnürsenkel in allen Farben des Regenbogens. Er schüttelte dabei immer die Streichholzschachteln,
Töne und Klänge erfüllten die Schönhauser Allee, nassgrauer Pflasterstein glänzte in ein Zündholzbossanova erfüllte graue langweilige Scheisse mit frohen Klängen.
Erst später wurde mir klar, dass seine grobe Kleidung eine umgearbeitete Wehrmachtsuniform war, eingefärbt und umgenäht. Wieso trug er noch seine Uniform, siebenundzwanzig Jahre nach dem Ende des Krieges, 1972, wieso kaufte ich heimlich bei ihm Schnürsenkel und versteckte einunzwanzig gelbe rote und blaue davon unter meinem Bett.
Nach jedem Einsatz in Weissrussland - täglich spürte er die Hitze der brennenden Scheune in der Schönhauser Neunzehnzweiundsiebzig
und hörte das Bienensummen der verbrennenden Menschen, den so klingen zweihundert brennende Frauen und Kinder, wie Bienen im Anflug auf ihren Stock
Nach jedem Einsatz spielte er den Streichholz Bossa Nova und an den
weißrussischen Alleen hingen Menschen in Bäumen, aufgeknüpft an Schnürsenkeln.
Eines Tages stand er nicht mehr blind und musikalisch an unserer Ecke, eine Freundschaftsbesucherin aus Minsk hat ihn, nach ihrem Einkauf im Modelleisenbahnladen
in der Dimitroff 22 -zwei Waggons und eine Tatratrommel bitte -
für ihren Enkel, erkannt.
Sie brach vor dem Laden zusammen, in der Hand der Beutel
mit den kostbaren Geschenken
FOTZO
Auf dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee, der mindestens einmal im Monat geschändet wurde, sollen im April 45 Waffen vom Volksturm vergraben worden sein.
Heiko mein bester Kumpel suchte vier Jahre nach ihnen, buddelte tiefe Löcher und warf die alten jüdischen Knochen hinter sich, zwischen großer Dichterwohnung und VP-Revier türmten sich die Knochen
PHIL (HEIKO)
Ich finde nur jüdische Votzenknochen hier
und kein StG44
Vaddern sagt imma
ooch ein Glück dass der Jude weg is, hat uns Proleten in der Systemzeit bei Mietschulden ohne Punkt und Komma uff die Strasse
und der Haager und der Tisch solln ooch welche sein
vergasen alle miteineinar
Juden und Kommunisten, oder dotschlagn
und vorm ND uffhängn
FOTZO
Irgendwann fing Heiko an, die Knochen über die Mauer zu schleudern, direkt vor die Tür des Polizeireviers, hinter zugemauerten Fenstern sahen Polizisten zärtlich ihren Hunden zu,
wie die graue Knochen knackten.
PHIL
Demnächst poste ich zwei, drei schlechte Setfotos von meinem letzten Film
Krieche mir sehr tief in den Arsch. Bedanke mich schmierig bei mir.
Bedanke mich noch schmieriger bei Anderen.Produzenten oder Sponsoren
Ich Ich halte mich zurück, wo es heiss wird - bei den Eigentumsverhältnissen, Produktionsmitteln und Klassenkonflikten. Ich erschüttere mich, wo die meisten mitschüttern, will ja nicht am Ende im schüttenden Regen stehen. Vielleicht sollte ich doch lieber putzige Katzen und dumme Hunde der Welt präsentieren,
Werbefilmchen mit leichter Musik
Mein Ich auf Häufchen und Kackbrötchen, bescheiden,nimmt eine Bürde des geschicklichen Mitwettbewerbens. Mutti pflegen am unteren Ende.C est la vie
FOTZO
Halt doch einfach mal die Fresse
bin endlich mal wieder drin und drauf
MICHA
Unsere Welt
PUNKSNOTDEAD OSTBERLIN
wurde von einer Neutronenbombe pulverisiert. Sie fiel im Oktober in einen schmalen Riss der großen Mauer, irgendwo zwischen Fulda und Putbus, zündete lautlos und nahm alles. Sonnenhell. Seitdem leben wir, mit teuren Häusern drumherum und leichtem Spreizfuß und orthopädischer Technik, privatversichert
Mitten in der Nacht hat sich die Welt verändert, wir reden nicht gern von dieser Nacht.
(oder?nee,also ich red nicht gerne darüber,wobei an Montagen oder)
In den hellen Tagen nach dem Traum, 91 schneide ich Vater vom Küchenfensterkreuz,
reiche Mutti ihre weißblaue Pillen, verstecke mich vor ihren Tränen in Hamburger Hörsälen, schlage mit Neusätzen ihre jammernden Hinterköpfe ein,
meinen Demenzkommunisten, stimmleisen Muttis und Vatis
Halts Maul Genosse MutterVater
Heul vor der Treuhand oder der TAZ, nicht vor meiner Frankfurter nicht Oder Schmalzstulle.
Grüner Tee. Ich muss grünen Tee trinken. Ich muss ihn noch lernen den Verrat, eure Liebe zum Staat war dessen Saat. Wir sind nun andre Moralisten.
SZENE 6
KLEINE HÄNDE
(Polizeipräsidium Keibelstrasse,1985ein zwei Polizisten, drei Uhr am Morgen. November)
FOTZO
härte gegen punk
mein kopf auf der tischplatte
knackt zwei vorderzähne gleich mit
herabwürdigung öffentlich und paragraph 220 von den nazis.
der schlag auf mein blutendes mundloch mit dem eingerollten
proletarier aller länder vereint euch ND
bricht mir die unteren zähnchen
kann mir das sandmännchen bringen
brüll ich und mutter ist ein trampeltier und der
heiner müller steht an der tür
kein mann im fahrstuhl
den habn wir nicht
aber die keibelstrasse nen
paternoster ausm keller zur etage sechs
zum schnelle schlag auf die hoden links rechts
rechts links, der genosse macht
sich leicht mit dem befehl von ganz
oben mfs ss
selbstschuss und ein minenfeld damit
es uns hier gut gefällt, damit es uns hier
gut gefällt in unserem schönen staat
in unseren schönen staat
meine hoden schon schwarz und blau
von arbeiter- und bauernhand
kopf an die wand
jetzt fick ich dich
du sau sagt der genosse
schätze Döbeln oder Riesa
schiebt mir den Knüppel in den
arsch pretty vacant schrei ich nur
das blut auf altem naziholz
IM SO PRETTY
in der keibelstrasse holten die genossen
gerne die reichsknüppel aus dem
magazin warn grossdeutsch nicht so
biegsam wie der schkopauer gummi
mein helles rot ein langsames
fliessen mutterwärme auf beton
die narvaglüh im Keller wärmt statt ihrer dünnen hand
YOUR SO PRETTY
verlier mit vierzehn mein herzloch
an den vater staat wegen dem 220er
der eigne alte ist stumm beim bier
das weltall genossen
alles im fluss über unter mir
mundloch strömt und arschloch
mit großen ach und weh
PHIL
ich bin der struwwelpeter
in der keibelstrasse
habe keine mutter mehr noch vater
das sagten sie mir als ich nach hause kam
die schweigen nur und glotzen
willi schwabe ein freund ein guter freund
ALLE
lallen Biermann müller prag
bulgarienurlaub oder datsche
FOTZO
ich kleb mir die zähne und das
arschblut in das schulheft
sammle schmerzbienen
fürs delegieren nach weissensee aus kunst wird nix
PHIL
in der nacht als mutter vater
von biermann müller bahro
sprachen und träumten vom
dritten weg dem rotwein den schweren
lag ich in meinem
blut
und liege noch da
seit november 83 und sehe keinen
himmel und habe
löcher in der fresse
was kostet eigentlich ein implantat
im neuen deutschland
MICHA
die bullen schlagen uns löcher in mund
und arsch
ist man mit vierzehn
noch ein kind
sind so kleine
hände im november
es regnet leicht.
kalte tropfen im nacken.ich schreie durch mein mundloch vielleicht ist es an der zeit, die dinge so zu sehen, wie sie waren und sind, antagonistisch und in ihren verbitterten widersprüchen.
denk ich oder spreche es aus, ein gesicht MEINES sieht man nicht, kalte tropfen nacken aus der U-haft keibelstrasse.
Ein security mann zählt die Besucher an der Drehtür, der kalte Tropfen fliesst die Knochen herunter, segelt auf Wirbel und umschifft Fjorde, langsam sucht er sein ziel
im menschen
mein ziel ist der zehnte stock
redaktionsitz mit
endmoränenblick
MICHA PHIL FOTZO
neunzehnfünfundachtzig
punksnotdead in ostberlin
SZENE 8
FAMILIE
(Friedhof im Wald 2020.Darkwave 1985.)
MUTTER
Mit erdigen Händen hocke ich auf den Marmorleisten des Grabes, wie immer am Einheitstag
habe ich Zeit für den Friedhof, meinen Mann den kalten und ich gieße, denke. An meine umsonst geschriebenen Sätze, die Treffen mit Heiner und der Ruth, mit Christa und Stephan...vergessen und vergessen und vergessen.
PHIL
Mutti und ich denk an die wütenden jungen Männer im Wettbüro unter mir, die sich einmal in der Woche unter die Autos prügeln, brüllen, verstecke mich hinter meinen Büchern und Fotos, mein geschriebener Limes, angefressen und abgenagt seit dem Fall, dem Bruch.
MUTTER
Die Mauer muss weg, schrie ich mit, ich wollte den Himmel sehen und am Zoo Bücher kaufen,
ich wusste nicht, das mit dem Beton auch meine Sätze fielen, das Papier blieb leer seit 1994. Seitdem lebe ich in Bildern, schwarzen und weißen, selten bunten:
Auf dem ersten Foto stehen mein Mann und ich, hinter uns die Fahne mit dem Stern an einer weißen Küste, der Traum vom Sozialismus weht mein indisches Kleid zur Sonne, zur Gleichheit, zur Freiheit an jugoslawischer Küste Blablabla
Auf dem zweiten Foto mein Sohn, kahlrasiert, die Nase krumm, mein Sohn
PHIL
Der dir nie einer war, die Kämpfe um die Welt die gerechte, meine geschriebenen Sätze und Filme UNBESEHEN fressen deine Mutterbrust, die kleine.
MUTTER
Eine Frau unter tausend Männern, Meroe im Schriftstellerverband,Schwer wiegen die Sätze, die Blicke auf meine Brüste, das Geschlecht
1977 oder 1978 im Aufbauverlag denk ich an Biermann und meine den Nationalpreis, den bekamen und bekommen die lauten Stierer und Glotzer. Jetzt hocke ich auf meinem Bücherregal, ich passe hinein, esse nichts mehr, will mich schrumpfen, als Lyrikband verbrennen, wie meine zwei geschriebenen
ich weiß schon wo und wieviel
zuviel darf es nicht sein, wenigstens in der letzten Stunde eine gute Muh-Mutter sein, schuldenfrei ins Loch fallen.
PHIL
Mutti
unter meinem Regal unter mir, im Wettbüro dass in die Nieren stechen, das Schädel aufbrechen, weil das so ist und sein soll. Müde Polizisten klingeln bei mir: ein zwei Worte und sehr viel Angst, Polizisten die sich schnelle Standgerichte erträumen, stehen jeden Monat in meinem Flur und ich schreie sie an KANN SO NICHT DENKEN und ich möchte, dass ihre Wohnungen und Häuser brennen, ich möchte in ihre Nieren stechen, wegen der Angst
und den Schweinen unter mir im Wettbüro.
An meinen Novembernachmittagen sehe ich riesige Scheiterhaufen vor den Toren der Heldenstadt, auf denen zehntausende Bücher brannten
MUTTER
meine zwei Kleinen auch darunter, sie überlebten die Verlags GmbH nicht, ich löffle ihre Asche zum Müsli, den bringt mir mein Sohn jeden Mittwoch. Unsterblichkeit jetzt bist du ganz mein, hier am Stein zähl ich meine Stunden, die mir bleiben ohne Sohne, ohne Gleichheit.
Ich fahre zum kalten Mann,immer am Einheitstag und singe PUEBLO UNIDO
PHIL
der Mann mein Vater war dir im Winter 85 zu kalt, der Stern verblasst, wärmt nicht mehr, es bleibt nur hoffnungsfrohes kopulieren und Kinderbücher schreiben.
MUTTER
Auf meiner Fahrt zum Friedhof zum kalten Mann, den einzigen, den ich liebte, lese ich ein Buch über DDR Verlage, vier von mehr als fünfzig blieben, der Rest brannte, verbrannt vom
FOTZO
Schweinestaat
MUTTER
der Staat, der mir keiner war und ist, verbrennt die alten Bücher.
Meine Bändchen auch darunter, bin nur ein Leichtgewicht unterm Ascheberg
PHIL
Und ich zähle seit Jahren öffentliche Blutflecken-Blutlachen und steigere meine Mutlosigkeit dynamisch mit, es ist mehr geworden-
MUTTER
meine Sprache in Resten...fein gesprochen und gedacht unter Erich, Tito
das sozialistische mitgedacht...einst fremd, nunmehr oft ein frommer Wunsch. Manchmal gehe ich in die Kirche und bete für den menschlichen, den ohne Verbot und Verrat,
den Sozialismus aus Prag, den aus Belgrad, den meiner Jugend, den jungen kubanischen, den auf Kneipenstühlen und Bergspitzen erhofften. Der Krebs mittendrin. Dann träume ich ihn in Wilmersdorf, da wohnt mein Sohn in dieser Schweinezeit und ich höre das Grunzen im Koben
PHIL
ja ja ja
und unter mir fließt Blut, nebenan kennt der Vater den Sohn nicht, Jesus aus meinem Hinterhaus geht seine Flaschen in der Karl Marx Alle suchen, wegen der Scham und meinen trüben Blicken. Er war mal Physiker in Adlershof, Quantentheoretiker ich war mal Filmkunstler
MUTTER
Hab jetzt Mindestrente
PHIL
der polnische hooligan nebenan "lech" tattoo auf den fingerknochen fickt seine frau laut
an feiertagen, so wie heute oder er hockt neben unserem müllcontainer und wenn er nicht gerade heult, blutet er. seine kinder sind sehr blass und pinkeln jeden tag in den hof, weil mama und papa zeit für sich brauchen und sie drei stunden aussperren. während die deutschen einheit feiern fahren sie nach poznan, so wie du zum friedhof am tag der einheit. am s-bahnhof bundesplatz habe ich meine 564 blutlache gezählt. eigentlich sah sie aus wie ein sechs meter langer tiefer schnitt in das-bahn geländer. das wird mein nächstes projekt
MUTTER
Wann kommst du wieder vorbei
SOHN
Wenn du Zigarettengeld brauchst
MUTTER
Ich bin heute auf dem Friedhof
SOHN
Leg dich gleich zu ihm
MUTTER
Du liebst mich nicht
SOHN
Hatte ne gute Lehrerin
MUTTER
Jemand ist gestorben.
Jemand wurde vergessen.
Als die Welt an der er zerbrach
selber zerbrach hielt ihn nichts mehr
im Soll und den anderen Stücken
Er, der den du liebst lebte
gegen sich mutlos lächelnd
bis ihn der Gleichmacher, wohl der letzte Kommunist
zurückholte in die achte Reihe schräg hinter dem staatstreuen Bauhausarchitekten
neben der abgeholzten Eiche
liegt ein zerbrochenes Herz
bei Berlin Rahnsdorf evangelisch
ich halt nichts von Gott
der macht den Stein nicht sauber
SOHN
Halt doch einfach deine Fresse, Mutti
(putzt das Grab)
SZENE 9
SÖHNE
(Mutter blutig geschlagen oder geschnitten)
PHIL
am fünften juni
neunzehnsiebenundsiebzig
hat ein taxifahrer meine mutter
aus dem fahrenden auto
gestossen
scheiss zigeunerin
hinterhergerufen
sie hatte ein indisches kleid an,bunt
FOTZO
am zehnten september
neunzehnachtzig
hat mein vater meiner
mutter den kiefer
gebrochen
sie ging dann zu
ihrer nachtschicht
narva warschauer strasse
MICHA
am zehnten oktober
neunundachtzig
hat sich meine mutter
aufgeschnitten
mein vater
PHIL
am zweiten dezember
einundneunzig
hat ein bauarbeiter
meiner mutter einen
vorderzahn herausgehauen
wieso sind is ihre haut
so braun
judensau
FOTZO
am vierten oktober vierundneunzig habe ich
mutter aus hundert scherben nordhäuser
gezogen
narva ist nun osram sie zuviel
warschauer strasse
MICHA
am fünfzehnten august zweitausend
hat der krebs ihre brüste gefressen
ich habe es drei tage später erfahren
sie wollte meine prüfungen nicht stören
hamburg an der kalten Elbe.2019.Berlin.
MUTTER
DER SCHWAMM
Die richtige Widerspiegelung der Wirklichkeit wird um so brüchiger, je mehr sie sich unweigerlich in der bürgerlichen Ideologie verstricken, die sie in einem Scheinzusammenhang intellektuell entmündigt. Ideologie gibt den Zusammenhang der Wirklichkeit völlig falsch wieder, in ihr ist der A A A Augdeuter nein nicht Augdeuter Au Au
Ausbeuter ArbeitGEBER und der Ausgebeutete Arbeitnehmer
MEIN KOT
Ohne ständige Präsenz der Dialektik der proletarischen Revolution kann die widersprüchliche Wirklichkeit der kapitalistischen Produktion nicht richtig widergespiegelt werden.
BIST DU MEIN SOHN
damit es keine Widersprüche gäbe. Es gibt keine reine Gesellschaft, sondern nur bestimmte Klassen
es gibt keine reine Politik
sondern nur Klassenpolitik.
es gibt keine reine Politik
sondern nur Klassenpolitik
es gibt nur die Wiederholung
der Schwamm
der Kot
die Wiederholung
am fünften juni
neunzehnsiebenundsiebzig
hat mich ein taxifahrer aus dem fahrenden
wolga gestossen
scheiss zigeunerin hinterhergerufen
ich hatte ein indisches kleid
an, bunt
wegen cat stevens
MUTTER LEGT CAT STEVENS
AUF UND TANZT
PHIL
meine mutter tanzt
SZENE 10
SONNABENDS IN ZÜGEN/FREUNDE ON TOUR 2019
(Micha, Phil, Fotzo)
ALLE
Zweitausendneunzehn
FOTZO
Party is over
MICHA
wir fahren S Bahn
PHIL
jeder in seine Hütte
FOTZO
der Bulgare singt(nee Rumäne,oder Yugo)
Er spielt sehr gut und seine Stimme zwingt fast jeden, selbst die Bodengucker, ihm zuzuhören. Ich glaube es ist rumänisch, ich glaube es-denn sein Gesang ist zu zart für die S-Bahn, die laut die Stadt durchflügt.
MICHA
Plötzlich steht sie vor mir, halb so groß wie der Sänger.
Fragt nach Geld.
Ich gebe keins.
Der Pappbecher in ihrer Hand ist leer, hat einen Knick und einen kleinen braunen Fleck am oberen Papprand. Der Sänger packt seine Gitarre ein, beide steigen aus.
Die Türen schließen.
FOTZO
Auf dem Bahnsteig schlägt er ihr stumm in die Fresse.
Mit der Faust.Einmal.
Für den leeren Pappbecher
PHIL
Vor dem Weltbruch, dem kommenden Menschenkrieg
dem Fieber, dem lodernden Brand
verharrt der Mensch nicht in der Starre oder im geronnenen Bild
Atemziehen durch angstverschnürte Luftröhren
gleich zählt man sein LebensGeld, träumen Finger
von verlorenen Körpern
den ungeborenen Kindern
FOTZO
machn film draus keine sülze
MICHA
es strampelt der umgestürzte Käfer im Spinnennetz,
die Eiskristalle von Sibirien schmelzen, schwarz die Eiserde
der grüne Tee als letzter Zuhörer, der fiebrige Blick, das Kind im Garten
ungeboren spielt mit Sand
PHIL
Als meine Welt zugrunde ging putzte ich eine Plattenspielernadel von Sommerstaub, während Panzer am Fenster vorbeifuhren...dann knackte es und ich sang meine letzten Lieder
sang mit den vibrierenden Fenstergläsern
pevam njoj samo njoj bis sie brachen sie Gläser unter meiner Last
MICHA
kurz bin ich klug
für mein alten freunde
zwischen Hauptbahnhof und Tiergarten:
von Vorteil ist ein Hintergrund
FOTZO
OstOstOstberlin
MICHA
er sollte nur nicht
zu schwer wiegen
schnell reden ist Gold
Langsam schweigen ist Scheiße
schweigen ist Sold
und Blut tropft
in einen leeren Pappbecher
Sie sang schön
für nichts
FOTZO
ich bin über Fünfzig
und heiße Fotzo eigentlich Frank
mache Figurentheater oder Polenfluppen
PHIL
Meine Welt verbrannte vor der Welt.
Ungehört zersplittert nicht zusammengesetzt
s ist Sonnabend und ich fahre S-Bahn
und denke dies und das
nach vorne und hinten
es kostet mich
zwei Euro neunzig
nicht viel für dreißig Jahre
und einen Weltenbruch
ich leg nen Zehner drauf und fahre durch
ANS MEER
tauche hinein
ein Atemzug still ersticken.
das schöne ist alt, gemauert vor Jahrhunderten
das neue Ruinen des Neuen unterm Sonnenlicht das mir fehlt
unter ammoniakschwerer Decke liege ich an SWINEMÜNDES/SWINO
Polnisch kann ich nicht
trauriger Strand, ich springe ins blau, sechs Messerstiche zwischen Nase und Zeh von vergangenen Schlachten ins stille Blau tauchen
die Stiche mitgebracht aus einer kalten Nacht neunzehnUND
auch egal
die Ostsee liegt vor mir Krieg im Kopf 91 93 auf der Prenzlauer
STRASSENSCHLACHT
ich kämpfe mit B der den Hools vom BFC in die Köpfe schießen wollte
STAHLZWINGE für braune Pisse
mein kaltes nein
sind zu jung die BFCer er stößt mir das Messer schnell in die Seite, hab vergessen, dass er Crystal raucht seit nem Plenum in Kreuzberg im Land nach dem Bruch
Ich kann sehr lange die Luft anhalten
im Meer hinter Usedom und die Seesterne zählen
Derweil zuhause
jemand mehr oder mehr
predigt alten Hass Heil Deutschland fünfunddreissig Prozent haben’se schon
hätt gern Peters Stahlzwinge, kann ihn ja mal fragen auf’m Dorotheenstädtischen liegt er da im Crystalsarg neben seinem Vater
Ostsee MEIN NEUES ALTES MEER
schon eine Minute ohne Luft im Kopf
ewiger Krieg und arme Schweine
mein lecken mein heulen
ich habe drei Jahre lang jede Nacht geweint von 90 bis 93
danach musste ich die Bettdecken
verbrennen ich brenne nicht
ich besitze vierhundert Videokassetten mit Nachrichten des Krieges
RAF
68
MAINZER
JUGOSLAWIEN
Sie klagen gegen mich an von geweißter Wand dazwischen ein dänischer Designerstuhl, für mein Atmen, mein filmeTun
Ich habe vierhundert DVDs MAUERFALL CHRONIK DER WENDE PUNK IN DER DDR
KURZER AUFTRITT VON BETONTOD AUS BERLIN OST.
1981 MITTEN IN DER OSTSEE,MEIN TRAUM
SZENE 11
BERLIN 2.0 BAUMSCHULE
(Bahnhof Baumschulenweg. Fünf Teenager, sie werden Fotzo totschlagen oder auch nicht. S-Bahn)
FOTZO
Fotzo eigentlich Frank steht auf dem S Bahnhof
vor mir im leeren Gleisbett
auf märkischem Sand
liegt Lindgrün verrostet
TEENAGER
der alte Titan
gefällt
hat Platz gemacht sprechen komisch müssen diese Polenpillen sein
FOTZO
für die schnelle Streckevon Osten nach Westen
er summte einst das Lied des Kommunismus ich
sah ihn oft bei meinen Fahrten zu Onkel und Tanten
kratzige Strumpfhose ewige Langeweile
TEENAGER
Langeweile zwischen Schönhauser und Wilhelmshagen wo der Tod unter Eicheln wohnt, was isn das für ein Gesülze Bro
FOTZO
Mein Kopf knackt, oje
Ein Gesicht starrt mich an fault russisch polnisch französisch
unter dem Titan dem kommunistischen Traum von Elektrifizierung und mehr
das Gesicht eher Knochenklumpen
den Markenrucksack auf dem Rücken
die billigen Zigaretten und das neue Gebiss aus Polen
TEENAGER
Die Lunge reißt. Der Kopf ist geplatzt. Judensau wie klatschen dich tot
Da isse wieda unsere Sprache
FOTZO
Auf meinen Fahrten von Osten nach Westen zählte ich sie immer
die Gefallenen, die Gesichter russisch polnisch - die totgemachten Fremdarbeiter
auf deren verrosteten Gleisen ich nun selber liege
TEENAGER
Du gefickter lindgrün und summender gestrigenTitan,Vaterhoffnung
die nun danebenliegt
Platzwart des Gestrigen
Judensau totgemacht wirste
FOTZO
Meine Zunge wühlt in den Lücken meines Kiefers
den Markenrucksack auf dem Rücken darin die Polenfluppen sehe ich mein Gesicht im märkischen Sand
sorglos sehe mich mit allen gebrochenen Zähnen glücklich liegend
zerknackt und geschält von den Jungs und Mädels, sorry Boys und Bitches.
Die schönen Totschläger fahren zum Primark am Zoo
ein Schnäppchen machen
das letzte was ich höre
SZENE 12
BERLIN OST ANARCHY
(Berlin Hauptstadt der BRD.Krankenhaus)
PHIL
Fotzo eigentlich Frank
Zermanschte Fresse unterm Weiss hörste mich
Der Widerstandskämpfer erstickt an dichten Kränzen von Partnerbrigaden,
TT Bahn oder NARVA habs vergessen
An die Wand genagelt von grauen Genossen in Braun, ein kleiner Hund scheißt nun auf den Helden setzt sein Denkmal auf ostgrauen Wackerstein.
Ich lese nur jetzt nur noch ermord... auf der beschmierten Tafel
Hakenkreuz UND Matze die Fotze nimmt meth.
In der UBahn aufm Weg zu dir dreißig glasige Augenpaare gezählt an blinden Fenstern da schläft sie, die Arbeiterklasse jetzt Dienstleister, nichts sieht nichts hohl klingt es in meinem Kopf
FOTZO
ICH FIND DIE RICHTIG GEIL
PHIL
Ich fülle ihn auf mit leisem Trost Pistols und forgotten Lyriks
MANN DIE PISTOLS. HABEN UNSER LEBEN VERÄNDERT
ein Punk oder ein Komma Aufenthalt gegen den Tod für das Leben
FOTZO
PUNK UND KOMA
PHIL
Abgehängte Widerstandskämpfer und frische Hundehaufen sind gut verteilt in Ost und West
FOTZO
WAS QUATSCHST DU DA
PHIL
Tschuldige hab mich kurz in der Zeit geirrt
1984 punksnotdead too much future ostberlin
ich WIR leben auf unpolierten Wackersteinen
die der Staat verkauft nach Bamberg, tanze auf totem Stein auf der Prenzlauer
und höre Kassetten mit Fotzo mit F eigentlich Frank
der weiß noch nicht, dass sie ihn halbtotschlagen werden
die boys und bitches
auf ihrem Weg zu Primark am Zoo
MICHA
aus drei mach zwei, so war das immer
hab dir auch was mitgebracht und Frank also Fotzo
der Tropf tropft aufs Linoleum und
FOTZO TRÄUMT DIE SEX PISTOLS.
IN DER PRENZLAUER ALLEE.AUFTRITT EWIGSCHÖN AUS ZAGREB.
AN DER ADRIAKÜSTE
JUGOSLAWIEN 84
PHIL
Ich musste wieder zurück
nach Ostberlin
die DDR
die Schule
meine Freunde
Dann in den Klub. Jugoslawienund DDR waren nicht zu ertragen.
Im Klub benannt nach einem französischen Kommunarden tanze ich mit einem Gothicmädchen. Raus ausm Klub rein in den Hauseingang.
Es lief FRIDAY IM IN LOVE im Klub als ich meine Finger aus ihrem klatschnassen mondweißen Tränengesicht zog. Sie saß auf einem vollgekotzten Treppenabsatz in dem Altbau direkt neben dem Jugendklub aus dem FRIDAY IM IN LOVE ihr Schluchzen, mehr schlecht als recht, aus tschechischen Teslaboxen begleitete. Ihre toupierten Haare klebten in ihrem Gesicht, sie zitterte am ganzen Körper, so stark, dass die kleinen silbernen Glöckchen ihrer schwarzen Stiefeletten, mit einer mir unbekannten Melodie das Heulen begleiteten:
FRIDAY IM KLINGKLANG IN LOVE KLINGKING MONDAY KLANG ARSCHLOCH SCHWEIN ALLE FICKEN MICH FRIDAY WIE FICKFLEISCH IN LOVE KLINGKLING
FOTZO
Ihr Heulen und Schreien hörten nicht auf und verschämt wischte ich ihre Tränen an meiner Tarnhose ab, ein Flecken Unglück mehr auf meiner persönlichen Landkarte
fiel auch nicht auf, neben den restlichen Pissseen, Kotzkontinenten, Blutinseln
PHIL
Das Gothicmädchen sah mich an. Sie saß auf dem vollgepissten Treppenabsatz, heulte und klingelte KLINGKLONG und ihr Geschlecht sah mich an, da Fotzo ihr den schwarzen Rock und Schlüpfer heruntergezogen hat, nachdem er sie aus dem Klub in das Nachbarhaus, in den vollgepissten Hausflur geführt hat, mit mir im Schlepptau
ohne Micha der wollte immer tanzen
und ihr die Sachen auszog zu BOYZ DONT CRY und ich meine Karo-Finger in ihr Tränengesicht gesteckt habe. Ewig nach was Schönem suchend,fand aber nur Heulen
Schon während der erste Finger sein Ziel in ihrem Gesicht suchte, fing sie an zu heulen,
Schmerz kann es nicht sein, dachte ich, denn ihre Tränen flossen wie in Wellen
FOTZO
Die haben Micha verhaftet
PHIL
ICH BIN DOCH NUR FICKFLEISCH stammelte das Gothimädchen
und starrte mich traurig an und ich wischte sie an der Hose ab
FOTZO
Die Stasi
PHIL
drehte mich verschämt um und ging grußlos zu der Strassenbahnhaltestelle
als ich losfuhr, sah ich noch ihr Gesicht, ihr Geschlecht, den heruntergezogen Rock und Schlüpfer im Halbdunkel des Hausflurs, weinen.
Ewigschön gesucht Ute gefunden, Scheiss Osten.
MICHA
Phil und schöne Mädchen treffen sich jedes Jahr an der für uns verbotenen Küste
BLABLA UND SINGEN SCHÖN UND EWIG JUST LIKE HONEY VON JESUSAND THE MERRY CHAIN und jemand geht schwimmen in der Adria
der andere in Havel und Spree und landet in der Rummelsburger Bucht
Zwei Jahre schwere See
Da warst du schon Weg und Fotzo hat ein Jahr geheult und Primasprit gesoffen
Weit hinaus schwimmen nach Hamburg am liebsten
mein Text nimmt mich vorweg sucht den mittelmässigen Strich, die Abkürzung
Ich sehe mich schon als Anspann zu trauriger elektronischer Musik
IN DEINEM NÄCHSTEN FILM alter freund
PHIL
halt die fresse
sonst schleppe ich
dich in meinen kalten wald
bin dein komissar
meine faulen zähne
dein letzter blick
im pennhouse kastanien ecke schönhauser
bist bleivergiftet vom vielen lesen
nach innen denken, den karl, herbert und bakunin vergessen
ich schiess dir in die fresse im dunklen wald
bin dein letzter genosse
lernst dein letztes wort
genosse tod und schwein
leg dich ins schwarze loch
werd kalt ach sorry biste schon
bist angekommen auf Etage zehn
aussen ohne innen sein
FOTZOS FIGURENTHEATER.
ON TWOO THREE FOUR
HEY HO LETS GO
SZENE 15
MUTTER UND TOT
(Eine Mutter.Krankenhaus in Schöneberg.Wohnungen Fotzo.Micha.)
MUTTER
Ich kenn keine Tage keine Stunden
seit März seh ich die Welt nicht an
schlafe kaum und kurz
sehe nur noch in mich hinein
mein Pojekt langsames Aufgeben und weghören
das Starren in den Bildschirm im mir unbekannten Krankenhaus
es begegnet sich Leben Tod es brennt die Nacht HAU AB der Rauch und die Angst kommen und die letzten Küsse, Vater und Mutter in der Scheune grauweissrot die Wand
1945 oder 2020 liege ich auf zwanzig Toten hinter einer abgeschlossenen
Tür, Kiesel in weissem Bett
warum ich bin
weiß ich nicht mehr
Langsam mein Leben, langsame Krankheit, langsam Sterben
Stunden wie Tage, zieh mein Pyjama gar nicht mehr aus, ist meine
Partisanenuniform ganz mein Vater mit dem Revolver in der Hand
in den Mund den Brei FRISS sagt der Pfleger oder der Sohn
die Fliege auf der Tasse
vielleicht stehe ich irgendwann auf
und ziehe mir was an
und tanze zu...
hab ich vergessen und vergessen und
der Käfer der aus trockener Augenhöhlen
krabbelt ist dick und satt.
Sanski Most eine Mahala
PHIL
Mutter
Mutter
Wer bin ich
MUTTER
wo war es noch?
where was it
wo
where
frag dich international
universell dein drang nach oben
MUTTERSAU denkst du
heut rettet keine pause kein sternchen mehr das unwort
das mit dem muttertier, dem kalten loch
das unbelehrt dem rot nachkroch
DU WARST NICHT DA
die Untersuchung am Mittwoch, der schmale Mund der Ärztin,
das pleistozän strömte in den Behandlungsraum alles erfror,
das Herzstück gleich mit.
ich schweige und sammle die Wut
den Zorn, zähle die Lügen
sehe die kalten Gesichter
Auf Maul schlagen ist leichter als von Lippen lesen, verles mich vielleicht
der Schriftsatz bei matthes und seitz, von merve schweige ich ganz
meine Krankheit
sich im Kreis drehen
das gesagte wiederholen
das bild immer wieder ansehen
das gleiche bleibt gleich
Hoffnung dann kein Schritt nach vorn
die alte Angst wie neu
sich im Kreis drehen
PHIL
Die erkennt mich nich mehr
aber den Heiner, den erkennst du immer
oder...Heiner muss her
MUTTER
Heiner
seh nun dich und den da mit seinen Lügen, adoptiert und schönfrisiert,
trägst er seine Wunden auf Festivals DU DA
kuratierst dich am liebsten selbst, denn das kannst du am besten
die erstverwertung der selbstentwertung
der sohnemann
PHIL ALS HEINER
Nenn mich wie du willst
deine kalte Angst zählt
dein letzter Blick
Staaten Utopien
Gras wächst
Auf den Gleisen
die Wörter verfaulen
Auf dem Papier
Abschied von morgen
MUTTER
Heiner
außen ist verkauf
dankbarer hundeblick
ist zähes ringen
falsches münzen
leichtes fassen und drücken
im dunklen wald
bin dein letzter genosse
les dich noch heimlich
PHIL ALS HEINER
wir
drücken den nagant
den Revolver in brjansk
im Jahr 21 dem dritten Jahr
des Krieges
unserer Revolution
und nach dem Sieg
wollen wir
aussen ohne
innen
sein
MUTTER
An den Ufern der Vergangenheit
stehend und sehend trauern
und zurück und nach vorne denken
und zurück und nach vorne fühlen
das gegenwärtige die nasse Windel
das erreichte, das nicht reicht
da es nur Bruchstück ist
ein Stein in einer Mauer
ein Kiesel in einem weissen Bett
bin ich
löffel Alete
PHIL
ich füttre dich
Mutti
(Die Mutter sieht sich ihre Kindheitsbilder an, dem Sohn ist es herzegal, aber er füttert.)
SZENE 16
BERLIN 2.0
(drei Freunde,Berlin 2020)
MICHA
ein pockennarbiges junges Mädchen, vielleicht 15jahre alt trägt eine strickmütze mit dem aufdruck stay cute.ein junger mann hebt ein herrennloses, achtlos öffentlich herumliegendes dreckstück auf und wirft es weg.es gehört ihm nicht. er ist die hoffnung der generationen.
FOTZO
die tätowierte starbucksverkäuferin besteht auf den namen sascha mit SH geschrieben. ein streit bricht vom zaun, denn ich bin keine kanadische unterwäschemarke.
MICHA
ich habe heimlich im kulturkaufhaus in ein rechtsvölkisches hetzbuch gespuckt. nun schämt sich ein schwein mit weltanschauung.
PHIL
heute keinen passanten in die gesichter geschaut, hatte keine kraft für den umgang damit.
FOTZO
auf dem menschenleeren platz des geschehens tummelten sich fünf kamerateams, die objektive starr auf die strasse gerrichtet, auf der vor tagen der hasstruck raste. was erhoffen die sich? ein zweites mal.
PHIL
mich am meer mit fünfzehn geträumt. dieses glück seit jahren wach nie erlebt. mich mit fünfzehn am meer geträumt. dieses glück seit jahren wach nie erlebt. ich sollte das wort nie in frage stellen.
PHIL
Tage und Stunden vergehen
Stunden und Minuten, ein höchstens zwei Gedanken.
Die Enttäuschung ist ein Stein im Kopf,
der erste. Für den zweiten Wurf fehlt die Kraft. Was bleibt? Sind ein, zwei bis drei Tränen, zwei
FOTZO
drei
PHIL
Drei Volltrunkene die Bitteres reden, eine witzige Arbeitsanekdote mit vielen Lachern ist mir geblieben vom Filmkunsten. Das gemeinsame Gehen zwischen Zehn und Elf Freunschaftsrest.
Der bessere Rest verrottet in der Erde oder lässt einen Kuchenteller fallen. Käsekuchenreste einsammeln, Weingläser abwaschen.
Schlafen gehen./ Jemand ist gestorben./Jemand/ mein Vater wurde vergessen. Als die Welt an der er zerbrach / selber zerbrach hielt ihn nichts mehr im Soll und den anderen Stücken/in der Prenzlauer Allee/ Pass auf die Haufen auf Junge/ und er zog zu einer Geschichte dir weder Seine war noch wurde /in die SonnenalleeWest/ billige Mieten weniger Angst/ Pass auf die Haufen auf Junge/ bis ihn der Gleichmacher der letzte Kommunist/zurückholte in die zerbrochene Welt/ in die achte Reihe schräg hinter dem staatstreuen Bauhausarchitekten
neben der abgeholzten Eiche/liegt ein zerbrochenes Herz/
mein Vater
FOTZO
Ich glaub du brauchst jetzt was vergangenes oder veganes
FOTZO UND PHIL SAUFEN WIE DIE SCHWEINE.
PHIL KOTZT WIE FOTZO.TRANSMISSION VON JOY DIVISION IM EX UND HOPP.TANZEND KOTZEN IST KUNST
SZENE 17
DISCOKUGELN
(Ex und Hopp, ein Klub)
MICHA
Kalt bin ich und ist mir
trinke deswegen Matcha und
kaue Algen und Widersprüche
im Schweinestall FITCROSS gegenüber vom Tower
verbrenne ich mein Fett für 50 oder mehr im Monat
Endgültige Diäten haben uns geschafft, das Gedachte ist Lättaleicht,
schwergewichtiges ist kaum zu erwarten, in meiner goutierten Kolumne
zu klug der Blick der Türsteher hinter der Glastür.
Nur ein Schlag tausend Splitter
Blutiges Loch der Kopf
ein Jux in goldener Mitte.
Ich ersticke an ihrem meinem Brei,
klebe fest in dieser dunklen Kascha und denke dabei historisch
ist mir wohl geblieben vom studiern DAS Osten ausradieren mit Blick auf Michel und Elbe
später Lokalredaktion am Thyssenhügel, unter Bayer Kreuz die anderen vergessenen Kriegsverbrecher, ihre Söhne einst in maoistische Kaderparteien, heute vorsitzend und vorschwatzend, was der Bacheliorkopf nicht weiß dass käut er wieder. Ein vorwitziger Homunkulus schreibt nette Kolumnen,das bin wohl ich im Spiegel
Achtung ein Karton
ein blutiges Loch
ein dunkles Leck aus Pankow
Mein Traum vom Beil im Kopf hat sich verbraucht, es kommt die Zeit, vor der man Angst haben sollte. Ich habe es gesehen rieche es schon.
Schönwettersegeln, altersgerecht/beweissführend segelt einer ICH auf den Silberplatz, olympionikisch unsere Idiotie/das Geschlecht der Epigonen und Epikuren sühlt sich im Artridengrab
ihre Töchter ihre Söhne werden erben
ich beackere ihre Felder mit meinen gedruckten Dünger
meins ist leer steinig eingeklebt nur Konsummarken
und Parteibeiträge
nicht meine
ihre Elternsaat
unfruchtbar
FOTZO
jetzt folgt der Solopogo
er springt
allein
die kraft reicht
für drei
ausgewählte lieder
beim letzten sprung
träumt er davon
mit seinem kopf
die discokugel
falsche sonne
über ihm
zu zerschmettern
tausend sterne
im leeren saal
spielten sie
if the kids
are united
er zu fett
die zähne verfault
sham 69
na los
micha
(sie tanzen, ein Dritter wäscht seine Mutter mit einem Schwamm,Mutter erinnert sich an Sozialismus.Fotzo erbricht Blut.)
MUTTER
Sozialismus
Marx
Dubček
Tito
ich bin
die letzte partisanin
im neuen land mit grossem D oder keinem
SFRJsozialistisch föderativ
den rest hab ich vergessen unterm demeter shampoo
länder ohne stern länder ohne traum
coca cola grinst vom nachbardach
der kriegsverbrecher im fahrstuhl
sagt guten tag ich will nicht mehr in dieser welt
schreiben sein die letzten worte bella ciao partisanin
sag ich meinem Schwamm der wäscht mir die
flausen freiheit gleichheit aus dem löchrigen kopf
vergessen wird die schuld die niederlage die armut
die lügen der glauben die blindheit das hoffen
die schuld das gestern das sterben das denken
das gestern das ich das wir
der schwamm
ist mein neues
kapital
SZENE 18
NICHT MEINE FRESSE/RUNNIN RIOT
PHIL
Wie gehts Frank
FOTZO
Ein müdes Gesicht, nicht meines, gespiegelt kurz über dem angekratzten Hundebild,
gleich neben dem Kind. Hat der Sachse hingeklebt, an sein Pankreasbett, hat ein Tier geerbt
wie mein Vater, der Schlosserjunge aus Brandenburg. Wie sagt man auf Polnisch KREBS
Neben Hund und Kind die Ostsee, da fährt er immer hin der Sachse Blau und Weiß auf Orange. Hohn, das Blau des Meeres da ganz unten, unter der Erde, bei den abwesenden Augen. Meine damit mich. Mein zermanschtes Klumpenich.Frage mich
was die Bitches und Boys bei Primark von meinem HartzGeld gekauft haben
PHIL
Hab dir was mitgebracht, ein Bootleg vom letzten Pistolskonzert in New York
is eigentlich von Micha, ich hätts nich bezahlen können
der kann nich
Redaktionssitzung
FOTZO
God save the queen the fascistregime God save the queen the fascist regime
they made you a moron
no future
PHIL
no future no future
siehst aus wie ich
FOTZO
wie gehts Micha
PHIL
der liegt immer noch da, hab ihn gerade besucht
bisschen gewischt und geheult
dann Vater besucht, mit Spastis aus dem Lernwerk Rahnsdorfevangelisch
in der S bahn zurück, zu dir Spast
Warum trifft man immer Spastis an solchen Tagen
FOTZO
alexanderplatz
überall fahnen
schwarzrotgold
in einer ecke des platzes stehen wir
schwarz eine faust
es regnet
alle wollen die mark
das grosse deutschland
ich ziehe meine quarzhqndschuhe an
SIEG HEIL IHR WICHSER
Wir brechen durch die Bullenabsperrung dahinter
Frei sozial national stehen sie hinter den Bullen
versteckt,gleich zu gleich,grün in grün
den ersten schlag ich mit der Eisenstange auf
Kopf Brust
Sabberblut, blubbert auf Bomberjacke
alte Kumpels neue feinde
mittendrin ein Spast mit Hess Tee
jens aus meiner schule
ich schlitze der Nazi-Votze die Backen auf
Endlich ein Lächeln für die blonde Frau
PHIL
PETRA MIT GROSSEN TITTEN
FOTZO
früher acht C heute braun und frei
die sonst gries und grämig in ihren Laptop hämmert
suche arbeit sprech deutsch bevorzugt einzelhandel
zitronig ihre Glatzenmänner anglotzt und
peter und jens einen Betonbrocken auf Kopf
gerotzt leistungskurs deutsch
hör uff hör uff quietscht der Arsch
die arschfotzen quieken
hör auf rote fotze
Ich hämmer ihnen die Faust in die Fresse
bis es knackt, es klackern es kullern Zähne auf den Boden
Klacker klacker singen die boys und girls
Lächlervotzen auf liebe eingestellt
Rutsch fast auf ihrem sabberblut aus
kick genau auf den wangenknochen
arisch knackt kaputt
splittern ohne dass meine nikes einsauen
das ist wahres skillen
Jetzt bin ich hier Fotzo Thors Hammer
wir sind die lost boys 1058 schreien wir
die Helme brennen, es riecht nach haaren
unser haus ist euer Stalingrad
Bullenfotzen willkommen auf unseren Steinen
hier schneiden die lost boy EURE AUGEN AUF RECHTER SEITE BLIND
stechen in die Helme, eure bleichen Gesichter
Schweine darf man erschiessen
Polizei SA SS
PHIL
und dann schreien alle
alle eine stimme alle ein faust
im schwarzen chor
die kirche unsere strasse
FOTZO
Ein Mädchen GOTHIC guckt uns zu
und meine Fäuste trommeln in die PIGFRESSEN
DESIREFUCK Ich brauche einen DESIREFUCK
SEHNSUCHTSFICK schreit das Mädchen GOTHIC
irgendwo im Niemandsland, sie fragt "nimmst du mich mit?
ich ritze noch nen Bullen ein Lächeln ins Gesicht
Rauchen Ficken der Tod und die Kunst hat Antworten
meine müde Worte nach dem rein raus
ich mach Figurentheater oder in Blech über
was Menschen müssen sollen wünschen
wie findste das
Scheisse sagt sie
Scheisse sag ich
Rigaer geräumt mich mit
schlafe neben der Spree
unter Wasser
himmelblau
im Kanal
(Telefon klingelt, Mutter geht ran.Budapest,1956,1968,1970,1989)
MUTTER
alo alo
Phil
alo
Phil
FOTZO
Ich spare mir eine schwache Armlänge Eile den kurzen Sprung zu den flüchtigen Blicken in der Cafeteria, zu den kleinen Münzautomaten. Frank Fotzo ist nicht mehr erreichbar.
Liege zu ihren stillen Füssen Herr Sachse, hat der Pankreas sie schon geholt?
Hab dich erkannt Genosse Volkspolizist,jetzt wohnt der Pankreas ihn dir.
Im Katheter drinnen, mein Krankenhausfrühstück
3ml Pisse, ein Häufchen Kot und ne Cola Zero
Sie tun mir weh, jeden Tag.
erzähl mir was schönes
aber in die Tüte rein
hab dann was mit Inhalt
Pisse, Kacke und Cola reichen auf die Dauer nich
erzähl mir was schönes warmes
SZENE 21
WIE HONIG. JUST LIKE HONEY.
PHIL
Juli 91 Jugoslawien/die Berge brennen/die Menschen brennen
just like honey/just like honey
Seit vierzehn Tagen hörten wir die Schallplatte, lizenziert von Jugoton Zagreb, geschmolzen in hunderten brennenden Wohnungen.Das erste Mal hörte ich das Lied, als wir gestorben sind, am Meer, im Meer. Auf dem Klo vom Solarishotel, auf dem Tankstellendach bei Zadar. Wir stinken nach Benzin.Wir hörten das Lied als wir gestorben sind, kurz nach deiner Landung in New York,
meiner in Berlin Hauptstadt des neuen Deutschland während meiner vergessenen
Taxifahrt vom Bahnhof Lichtenberg zur Prenzlauer, als wir gestorben sind in deinem grellgelben Haus in Zagreb 91gegenüber von den Hängebauchschweinen
Vierzehn Tage sagten wir nichts.Seit vierzehn Tagen waren die Strände leer. Seit vierzehn Tagen kein Flugzeug mehr. Seit vierzehn Tagen schnitten wir unsere Haut. An unsichtbaren Stellen.
In Jugoslawien war Krieg
Ich war Filmregiestudent
FOTZO
Filmregie Hochschule der Künste
in der Mahatma Ghandistrasse ich kenne alle deine Jugogescchichte
ja ja bla bla und ich hocke bei Namenlos in der
Erlöser, Heiligengesichter schauten mit dem Gleichmuts des Kackens
in die tote Luft, als Bewohner der stillen Welt - die Kirche war leer
und Micha längst in Hamburg. Frank eigentlich Fotzo
tanzt allein vor niemand
PHIL
Oft erinnere ich mich an den Belgrader JuliMond ich erinnere mich an meine Freunde - sie leben jetzt in den Staaten, mit Kind, Kegel und leichten Übergewicht,
ohne Speed und Horse, BWL studium sei gedankt. Jesus and the merry chain.
Welcome new world
FOTZLO
HALTS MAUL ich krepier grad auf Linoleum
PHIL
Im ersten Kriegssommer 1991 Last call for Belgrade - Berlin. Boarding is finished. Ich saß nie wieder in so nem traurigen Flugzeug. Alle schwiegen, zwei drei verzweifelte Schreie, rote Gesichter. Sogar die Kinder saßen still auf den zu großen Sitzen. Die Augen des Flugzeugs beschlugen alle, die Welt dahinter ein flüchtiges Bunt. Wir saßen nebeneinander, die Freunde von der Adriaküste ganz hinten neben dem Bordklo. Wir verbrachten 20 Jahre lang unsere Sommer in denselben Adriastädtchen ohne uns getroffen zu haben. Wir sahen beide sehr lange durch das beschlagene Loch dem stillen Meer hinterher. Wir wussten schon zuviel.
Du bist nicht mitgekommen.
Ich streiche dich jetzt.
Micha
FOTZO
Du sollst aufhören...
MICHA
Phil
eigentlich Phillip
aber er wollte immer wie der Basser von Joy Division heißen und nich wie sein Vater die rote Sau, Shakespearekenner und IM Falstaff angefangen am Deutschen aufgehört in Rahnsdorf, evangelisch achte Reihe rechts
MEIN FILM
(Fotzo blutet.ein Film wird gedacht,eine Welt eingerichtet.Elektronische Musik.)
PHIL
MEIN FILM.(nimmt pille)
JEMAND GEHT SCHWIMMEN.SCHNITT. SCHWERDE SEE.SCHNIT.WEIT HINAUS.
(nimmt pille) MEIN TEXT NIMMT MICH VORWEG, SUCHT DEN STRICH DIE ABKÜRZUNG.ÜBERLENDUNG(nimmt pille)
ICH SEHE MICH AUCH SCHON ALS
ABSPANN ZU TRAURIGER ELEKTRONISCHER MUSIK.SCHNITT.
SZENE 22
INBETWEEN DAYS/BERLIN 2.0 FAZ REDAKTION
(Micha Redaktionsbüro, Phil dazu. Frank schreibt Punk an Wand)
MICHA
CELEBRATE GOOD TIMES.YAHOO
Nach dem Krieg, dem Alten dem Kalten
dem Fall danach und Bruch stimmten wir ein, in alte und neue Lieder
um zu vergessen, die zwei Jahre mit Seeblick und summ summ
PHIL
sechs Jahre kein film mehr
MICHA
Wir tanzten, das Dunkel austreibend aus unseren schweißnassen Körpern
fuck and lebendig schluckten alles
HELLES UND BRAUNES WEISSES BUNTES
die Augen tanzen, müde Herzen schlagen wild
haben Angst vor dem Aufwachen, danach dunkelschwer der KOPF
CELEBRATE GOOD TIMES COMMON
tanz tanz Phil tanz
das Schwarze raus
im künstlichen HELL
der kommende Krieg begann woanders als hier
auf Etage zehn mit Blick aufs Urmeer wir merkten es zu spät
unsere Kirche waren die Clubs eine Gemeinschaft die nicht teilen
wollte oder konnte
die Angst an der Wand, der Knüppel im Sack
Wie gehts Autorenmutti
PHIL
yahoo yahoo
I AM KULTURBETRIEB
GENOSSIN MUTTER
hat sich jahrzehntelang zur Strenge erzogen.
Alleinerziehend trotz Mann und Kind, NURKünstlerin.
Jahrzehntelang arbeitete I AM KULTURBETRIEBMUTTER
zäh und ausdauernd an ihrer künstlerischen Identität
als deutschsprachige Autorin: kein serbokroatisches Wort auf den harten schmalen Lippen
Phil still leise ich bin im Fluss
Deutsch wurde zu Hause gesprochen, um den deutschen Sprechapparat für die kommenden Projekte und Verlagschlachten zu trainieren.
Wagenbach lieber als Rowohlt
Ullstein sind Altnazis
Suhrkamp sozialdemokratisiert
lallte sie nur noch lag in der Ecke und heult
SO
die kleine weiße Dose leer
ich nasche auch ab und zu Jahrzehnte später, brauche auch das künstliche HELL
man sagt das ist genetisch, das lallen und fallen
SO
Nur in ihren Träumen sprach sie ihre Mutter und Vatersprache,
der Albtraum wurde Heimatrest.
Als der Knick, die Wende, der Krieg kam
verlor sie alles, das ging schnell.
bei mir gehts schneller
(nascht weisses oder braunes)
MICHA
Bei mir dauert es noch an, das sich Winden und Wenden
wo ist nur die weiße scheisse Dose, wieder weggerollt
das tröstende HELL.
PHIL
WIR/UND/ODER ICH
blökt mein aufgehellter Freund, hat ne schöne Stelle warm und gutbezahlt
ich lese ihn am Wochenende, da lügt er weniger. Hat wohl mehr Platz in der Sonntagsausgabe für sich und sein wahres Ich, das kostet mich auch 3 Euro mehr, sein wahres Gesicht.
Also er blökt, oder schmiert, eigentlich kotzt er auf meinem Klo
einmal im Jahr, ich zitiere dich Micha Freund ungenau:
Wenn zwischen Schweinelenden und Fenchelsalat/dem launigen Staunen
über feine Gewürzmischungen und feinsinnigen Kunstgesprächen
die Lust am kulinarischen Gesellschaftsdiskurs flott parliert wird dann...
MICHA
drückt das UNTEN nach OBEN
Philip! Im Melting DrecksPott Etage zehn mit Blick auf die Endmoräne hockt die Angst
Unter wachen Augen und lauernden Blicken
schleichen sie herum, der freie Wettbewerb das schnelle Machen schnelles Reden
in den Pausen das sich verlieren heimlich am Kaffeeautomaten
Knöpfe drücken bei sich mit sich bleiben
die trinken ja alle nur Matcha
unsere Scheisse stinkt nicht mehr Nestle sei dank
muss aufpassen die Jungen tuscheln
unser PANKOWER HAMLET flüstern sie
der Chef ist mein Freund
er sagt mir immer eigentlich kotzt er beim Italiener, Penneallergie
WIR WERDEN DAS NICHT LIEBER MICHAEL VERÖFFENTLICHEN
VIELLEICHT MERVE ODER WAGENBACH
Ich schwenke also um auf Künstlerbiographien und Rezepte literarisch angereichert
auf der Seite 21 findet man mein trockenes Ich
Artaud auf Pervitin wär ich manchmal lieber
PHIL
Die Wurzeln radikal radieren, das Leben neupinseln ohne Rotstich
endlich weissblass Gesimdleben nach dem Ende der Geschichte
südlich von Dahlem buddhistisch befriedet -
MICHA
Oben sind sie alle REAKTIONÄRE REDAKTIONÄRE
denk ich leise in mich hinein so ist die Zeit
Times goes by, meine damit nicht nur das Blatt.
Nach unten gehts ganz schnell
das Oben will gekonnt sein gut verteidigt und hart erpresst stammt etymologisch wohl von pressieren UNDER PRESSURE ab
PHIL
Under Pressure ist ein Scheisslied
MICHA
UNDER PRESSURE
Mein Tag geht zu Ende bin wach geblieben war nur 2 Stunden im Bett
an zu hellen Tagen mir reicht die eine Weisse
Das Unten macht Angst
lässt Fäuste ballen Körper glühen Blätter vorn Mund nehmen
Weisse Blätter füllen mit Rezepten und fremden Leben
ich freu mich feucht, fresse gesunde Äpfel wie einst Schiller
Leuchte hell dank heller Dosen HELL
PHIL
Lieber Freund ich zeig dir meinen letzten Film
die Werbung blende ich aus
FILM AB.
(Film von Phil.Alle sehen zu)
MUTTER
ein schöner film
mein sohn
PHIL
danke mama
SZENE 23
GESÄNGE
(Micha, Phil, Fotzo,Ewigschön,Mutter.2020)
FOTZO
ich schweige und sammle die Wut
den Zorn zähle die Lügen
sehe die kalten Gesichter
höre die eisigen Sätze
das selektieren ein Lehrmeister aus Deutschland
rechnen was wert ist oder weniger oder nichts
bin nichts
ein Fotzo eigentlich Frank
bin das was bleibt unter dem strich
am Schieber sich aufhängen
den Zirkel in die Milz bohren
am Cosinus ersticken
des wär eine Aufgabe
ein letztes gelingen
ohne Mathematik
jetzt rechne ich nur noch
die kaputten Zähne
Frank eigentlich FOTZO
Eine Zeitlang leckte ich heimlich an winterkalten Erkerfenstern.
Meine Zunge klebte am Eis.
Das Eis in der Brust feierte Hochzeit mit dem Eisfenster,
hätte dort ein warmer Ofen gestanden, wäre ich ein Meer geworden
und würde in die Holzdielen einsickern.
Baringsee Ecke Schönhauser.
Wurmfraß in einem Berliner Altbau
die alten Kassetten
C 60
mein Leben
in 60min
zu kurz
zu schnell
ausgeleiert mit der Zeit
MICHA
früher sammelten sie für
die zähne für die aus Stammheim
heute schämen sie sich dafür
und ihre Söhne und Töchter
reden zu mir oder den anderen
eingeladenen Journalisten
und ich verstehe nur
POSTDEPRESSION
will ihre jungen Zähne
beißen besser
bleib ein mensch
du
Arschloch
strich auf mich
ich spiele
ich spiele
ich spiele
ich spiele
warum
der angesagte Redakteur M
wie Micha oder Michael
brachte nichts mit
ausser einer Kappe und Kälte
besser Lügen
mein Traum vom Erfolg
am oberen Ende sitzen die
falschen Götter schleifen sollten
wir ihre Burgen verbrennen ihre
geschriebenen Worte
vergessen ihre süssen Lügen
in ihre geölten Fressen schlagen
auf ihre Türen scheissen
ihre Hundeauch die Katzen
die Münder
zunähen
sie brachten uns
das falsche Licht
und wir fliegen
das Weltall Genosse
ins Dunkel
mein Haupt verneigt sich tief vor den Lauten
reichen Erben
ihre Köpfe waren
vielleicht einfach
doch zu schwer
aus der Angst
mache ich
nichts und träume
nur von der Wut
oben im zehnten Stock
Redaktion Berlin
(ein stummer Tanz)
EWIGSCHÖN(Foto)
neoprestano kiša pada
svetla nema ljudi kao obrisi
lica ne pamtim samo mrlje
samo vlaznu tugu i sporu brigu
PHIL
micha
spiel doch mal ohne die fresse zu bewegen
ohne dass erfolgreiche, das weltumarkende
zwischen zeitmagazin, scrabble rezepttip des monats gelächelt
geglättete leben für sechsfünf plus spesen und reisekosten
dein sorgloses grinsen am maintower
dein gutenmorgen kapitalismus
auf italienischen sohlen im zwanzigsten stockwerk
spiel und leb mal micha
ohne alles haben und können und wissen
micha ohne das bewegte, dass nach außen dringen
deine fresse ist ein gemälde der festanstellung
in die grübchen geritzt ist dir die allianz hamburg mannheimer
zählst das schwarz überm rot nachm öden
samstagswichsen, die fitte freundin windschutz vor der nachtangst
die tägliche redaktionskonferenz
ich zähle nichts mehr
keine tage keine stunde
FOTZO
ich seh die welt nicht mehr an
PHIL
einmal im monat halbschlaf
schlafe kaum und kurz
sehe in mich hinein
nehme zweimal HELL
bin untergetaucht in der milz
oder sonstwo im nerven
system muskelschwund
male mir grosse mangaaugen
ins müde gesicht
weisst ja, manga ist heut pank
japanisch ins dunkle
reisen sich die trauerfresse
polieren im schwarzen quadrat
meine hauptaufgabe ist
langsames kapitulieren
und erinnern
EWIGSCHÖN
(am Meer, Fotzo erhängt sich)
jedan čamac sporo se kreće noćnim morem, posle ponoći mozda
na pramcu iskre dve zvezde, lazno karbidno sunce mami zivot pod vodom.dok oktopus sanja o mlečnom putu i večnom zivotu hladno zeljezo se ubada u meko meso i senke otoka onaj mesec
PHIL
begegnet sich leben wie unsres
ein halbes jahrhundert -
brennt die nacht, der kalte zigarettenrauch und die angst kommen und die letzten küsse,
das wortlose leben schöpfen unter alten freunden
freunde aufgeknüpft unter wärmelampen
FOTZO alias Frank
in der hartz IV höhle spielt er seit jahren luftgitarre oder warhammer
dank rotgrün,hauptsache die atomsonne scheint nicht aus
dem arsch
endlich wieder bomben auf belgrad
hast du geschrieben, micha
hab’s nicht vergessen
neunundneuzig wars, deine fliegerasse über belgrad
dein opa hat dort geiseln erschossen einundvierzig du -
du MICHA KUMPEL VOTZE REDAKTEUR
rettest refugees beim chia salat anrichten
beim trockenen lässt du drohnen barmherzig sein
dein krieg wird mein letzter sein
da hängt jetzt mein freund, deiner schon lange nicht mehr
durch und durch
FOTZO
scheiss hagebau, seil is gerissen
versuchs mal anders
mehr chemie
PHIL
halt die fresse fotzo ich bin jetzt im fluss
du bist jetzt mein projekt ohne förderung
polizei steht davor, seinem abhängen
dass betrachten kalt, sachdienlich kein sujet
keine kleine geschichte
mundschaum gewaschen vom mund
weisse kittel eine linde
duftet im hof vor der stadt
ich liege hinter einer abgeschlossenem
tür eine nummer in der altmark
hab dort mutti oft besucht hinter der mauer
jetzt lieg ich selber da und nimm zwei bunte
der raucht zieht immer wieder
durch das kalte zimmer
die angst der raucher
das warum
ich bin
SZENE 24
NOVEMBERSPLITTER
MUTTER
(in der Badewanne, Barbiturate oder Demenz)
der
schwamm im kopf
hilft beim vergessen
es war immer zuviel
das hier und da
frau
künstlerin
sozialismus
die freiheit im traum
das erwachen in der zone
gezeugt in bosnien
verscharrt in rahnsdorf
bei berlin
vergessen die anekdoten
vergessen meine bücher
vergessen die küsse
vergessen die haarfarbe
vergessen den geschmack
der
schwamm im kopf hilft leben
im hier
im jetzt
der krieg in den nächten
der morgen dem sohne
vergessen die stimmen
vergessen die lieben
vergessenes meer
vergessener sommer
der schwamm in der hand
auf einer kleinen insel
bei šibenik gekauft
dort werden die schwämme getaucht
für mein vergessen
leg ihn auf den stein
in rahnsdorf
bei berlin
MICHA
(Weihnachten in der Redaktion)
weihnachtsbaum
der baum
verwachsen
und klapprig
wie sein land
die fetten
üppigen
stehen in düsseldorf
am main
die wunderkerzen wundern nicht
sternlos wie ihr land
schlechter rohstoff
der vater
kommentar
zu dritt die würstchen
proletarisch essen
danach westen schenken
verlogenes land und kinderglück
aus drei mach zwei
der baum leuchtet
die sterne sternen
zwei fehlen in dem
neuem land
mit den üppigen bäumen
FOTZO
(blutiger Fleischklumpen auf dem S-Bahnhof Rummelsburg)
punks not dead
punks not dead
punks not dead
grandma is dead
punks not dead
punks not dead
mama is dead
punks not dead
punks not dead
papa is dead
dead
dead
punks not dead
punks not dead
aunt is dead
punks not dead
uncle is dead
punks not dead
punks not dead
theatertod
ich fliege über das land und würdige es keinen blickes.
(Fotzo stirbt.)
EWIGSCHÖN
nebo je plavo/der himmel ist blau
niko se nije obesio
nema senke/kein schatten
nad morem/über dem meer
vrelo je I topi se asfalt.
MICHA
Zwei Jahre Rummelsburg feindlich negativ
Zwei Jahre mit verlorenen Seelen gestorben, die Revolution auf blauer Lippe verstorben kaltgestellt
WIEDERVEREINT UND STUDIENGNEHMIGT
meine Rückkehr ins Licht, die Stadt mit Angst erkauft und Anpassung
Schreibe nun lieber über Chia und Kunst
die Revolution hab ich weiß gestrichen
Schnee VON GESTERN in meiner Herzmaschine
hab das Schütteln mitgebracht aus RUMMELSBURG
gebrochen unsere Zähne und das Rückgrat in den Kellern Keibelstrasse
unsere Knochen schreiben die Geschichten über Leben
ich schreib nur noch neues,lauwarm Rezepte übers
Sterben, die traurige Krankheit, den langen Tod.
Leben als Krankheit in der Kunst
der ZEIT gefällts dem OSTEN weniger, zahlt auch weniger
Und die koksAura das dunkle Leuchten meine letzte Fahne unter der ich schreibe
zittre schreie KLEINGEWORDEN wild ist nur mein Frisör
kein Gespenst geht um, die Kugel rollt im halbleeren Magazin
und Stawrogin hängt still in seiner Kammer. Ein Hund streunt durch Berlin
das Herrchen verhungert erniedrigt schlecht gefickt und beleidigt sind sie nun
die ÜBERLEBERFREINDE entschuldige Fotzo eigentlich Frank
das WIR HÄLTS MAUL VOR NEUEN FÜRSTEN UND VERLEGERN
BRINGT WACHSTUM STEIGERT
DIE AUFLAGE meinen täglichen Ekel
doch davon lebt es sich schwer
Der Frühschnee im November weiß, wie die Knochen, die Fahne weiss und leer,
kein Zeichen mehr, der einzige Trost das Kind ohne Morgen mit den traurigen Augen
auf meinen Wegen ins Büro
kostet mich nur zwei Euro
ihr Lächeln
PHIL
wir sitzen in einem boot SCHNITT
lieben SCHNITT.
dabei eine Welt sehend SCHNITT BLENDE
die unansehbar geworden ist
(DAS MEER.)
-
MAJKA I SIN (MUTTER UND SOHN)
MAJKA
heiligabend
nein ich bleibe lieber hier
sagt sie liegt im stahlbett
hoch über den bäumen
lieber hier lieber
ich lese vor
von römern
von müttern
vätern und hirten
von bethlehem und sternen
und gott und sehe sie dünn
nur halb von dieser welt
im bett liegen und erhoffe mir
ein wunder im pflegeheim
aber es geschieht nicht
sie liegt an heiligabend auf
dem stahlbett und meine
tränen fallen auf vier bunten
von der leitung ausgewählten
fotokopierten bibelseiten
die geburt jesu die ich stockend
lese zittere heule sie hört zu
vom wunder der geburt
von den sternen über
dem dachlosen stall
ich gehe
kein wunder
in der nacht
SIN
umorio sam se devedesete
probusio mi metak grudi
nisam se odmorio sledecih decenija
nocima pesacim kroz prošlo
bole me noge za stvarne staze
putujem noćima
ponekad vidim more osetim kamen
pod nogama miris poznat
al naučio sam disciplinu iza zida
moga belog berlinskog
pa gazim noćima
lepim predelima
gledam nebo
zezdano i
MAJKA
Beim meinen gestrigen Besuch erlebte ich meine Mutter sehr mude
voll Angst der Blick innen die Wände dreckiggelb
MÜLLERkanntest du
ihn gut
MEINE MUTTER
sie wusste genau wo sie war und wer ich bin,reagierte jedoch mit massiven Angstausbrüchen auf jeden Versuch zu reden
Kamst du dich an Heiner Müller erinnern
JA KLAR,der saß immer auf der roten Couch
Warum
Wegen der Texte
Dein Vater den habe ich sehr geliebt wo ist er
TOT
ach das ist traurig
WAS HATTEST DU VOR
weiß nicht,was machen diese schläuche in meinen körper
MAMA KATHETER DAS SIND KATHETER,WAS WOLLTEST DU MIT DEN TEXTEN
warum.was soll das alles
pack meinen koffer aus
ICH WILL MIT DIR UBER HEINER MÜLLER REDEN
Ich hab ihn in das Serbokroatische übersetzt,man kannte ihn noch nicht in Jugoslawien …ich fand er ist einer der wichtigsten Autoren seiner Zeit
WELCHE TEXTE HAST DU DENN ÜBERSETZT
Sohn…Ich habe angst wo bin ich was mache ich hier
DEN AUFTRAG UND
mischa mein lieber bruder ach schön
dass du da bist
BIN NICHT MISCHA ICH BIN DEIN SOHN
Heiner Müller war sehr freundlich
Die Frauen hier sind schlecht
Schreien mich an
MAMA WAS HAST DU NOCH FÜR ERINNERUNGEN AN HEINER MÜLLER
EIN CHOR:
Seine Mutter spricht ihren Lieblingstext aus Medeamaterial
MUTTER SPRICHT MEDEAMATERIAL.
KRANKENHAUS.KATHETER.
Wüste in Kalifornien
Ein ostdeutscher Autor hat einen Herzinfarkt.
SIN
maternji jezik
jugopetrolova cisterna,rdja ispod zuto crvenog.jedan maslinjak u oktobru.
vojna torba pod krevetom, trava u celofanu. voz pun straha. popodnevno sunce. plinske boce,naslagana narandzasta piramida i miris blizog mora. odvaljeni prozori,kuce bez očiju.tovar ide sporo ukrug,ogroman malj se pokreće, melje…gledaj nebo sine, plavo iznad svetlosivog. čaure padaju na stari krivi kamen. tišina u tri i četiri, sunce na golim ledjima. most pod kišom moj pogled pun straha. golovi u moru potonuli kraj trafo stanice. mermer hladan pored crkve, čempresi. čempres u rakovici,krivudava baraka tuzni stanari strašnog grada, neki grbavi velemajstor pun tuge voli da priča. pištolj medju peškirima,hodaj hodaj
stara pesma u nepoznatoj ulici. sediš u autobusu nekud odnekud. jesen u grudima. rupa ko longplejka
mozda i dupli album.
mama.
ja ti pričam svoje
da ne izbledi kao tvoje
mi smo deca rata
bar nešto
srodno
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LEICHTE GESCHICHTEN. LAGANE PRICE.
(sanjaj / träume)
eine freundin oder freund oder beide bat mich etwas fröhlicheres zu schreiben. ich versuche es.
mal.
I.
MEER
in dir bin ich leicht.
II.
MUSIK
ich tanze gerne lang und lache dabei.
die musik ist leider eher von gestern.
III.
MENSCHEN
der bruder meines vaters hat popel gesammelt.seine popelkugeln hatten die grösse eines schneeballes.
das war 1949.
ein freund konnte einen tischtennisball auf seinem sich ereignenden penis balancieren.
ein onkel aus titograd konnte freude schöner götterdunken in teilen furzen.ansonsten war er eher bordmechaniker in der jugoslawischen luftwaffe.
wenn ich an der tür mit einem pullover hängenbleibe fällt mir immer die brille von der nase,beim bücken nach der brille stosse ich mir den linken kleinen zeh,den habe ich mir so schon dreimal angebrochen und einmal gebrochen, bei dem hängenbleiben steht fast immer noch die butterdose herum, die eigentlich ein butterteller ist, der die genau so fällt wie sie nicht soll,mit dem weichen nach unten.auf diesem butterfleck rutsche ich dann einen tag später aus,wenn ich nicht oben hängenbleibe.
dass weiche nach unten….
darüber schreibe ich nichts,es könnte auch krebs sein.
wenn der langgestreckte zug in der kurve lag,schütteten die fahrgäste aus dem linienwagen berlin-budapest das bier aus dem fenster und wir aus dem letzten wagen,dem schlafwagen malmö-belgrad, fingen es mit unserem weit aufgerissenen mündern auf.das war kommunismus,denk ich.
mein vater setzte sich in berlin zum schlafwagenschaffner und trank von berlin bis belgrad durch. wie er es schaffte dabei jedesmal jeweils die schapkas der tschechoslowakischen,ungarischen und jugoslawischen grenzer innerhalb ihrer landesgrenzen auf dem kopf zu tragen erfuhr ich nie.irgendsoeine erwachsenengeschichte: horst und die vier schapkas.
die ddr grenzer hat er nie gefragt,das hätte diese geschichte auch schwerer gemacht als gedacht.
in den arztheftchen, so nannten wir die liebesschmöker aus dem westen, gab es werbung für eine spezialbrille, mit der man durch wände und bei frauen durch die kleidung (nackt) sehen konnte,ich war überzeugt,der kapitalismus ist dem real existierenden sozialismus überlegen, Weit überlegen.
ich bekam eine kanarienvogel zu weihnachten geschenkt,am ersten weihnacjtsfeiertag lag er star auf dem boden.scheiss vogel.
ich dachte einen sommer lang,ich habe aids.ich hatte noch nie sex,das schmälerte keineswegs die furcht,befeuerte sie eher.
ich habe heimlich den zigarettentrick geübt,in dem man irgendwie die zigarette auf die zunge legt,sie dann im mund / rachen verschwinden lässt,um sie kurz darauf wieder auftauchen zu lassen. ich habe die probezigarette verschluckt und bin dabei fast erstickt,mindestens zwanzig minuten lang.
ich habe bei einem manöver eine plastikgewehrgranate meinem kompanieführer zufällig ins gesicht geschossen,er hatte sich in einen 200m entfernten busch verdrückt,um heimlich zu rauchen.er trug wochenlang ein veilchen, seine uniformjacke hatte ein brandloch und ichbekam drei wochen klodienst.
IV.LEICHTE GESCHICHTE
der schlafwagen und zwei liegewagen malmö-belgrad hatte in brno 1988 einen achsenbruch und wir wurden von sechs ochsen gezogen,unter dem hohen himmel auf ein totes gleis gestellt,auf einen berg bei brno,zu seinen füssen lag der grosse fluss und das leuchtende gelb,das ruhige grün vor augen,schimmern.mit der zeit lernten wir uns besser kennen,wir legten gemüsegärten an,kochten gemeinsam in der kleinen bordüche schwedische, serbische, makedonische, bosnische,albanische speisen. einer der liegewagen wurde unsere bibliothek,unsere schule, die universität. aus
die gefriertruhen einst vom schweren gastarbeitergeld in malmö oder westberlin für die alte schwere jugoslawische heimat gekauft standen zu dritt unter vier linden direkt neben dem gleis, das unter der sonne summte und einen monat nach brombeeren roch, in den schwedischenwest deutschen eistruhen lagerten wir die früchte der gleise,des berges,des flusses. einmal im jahr kam der uniformierte mann čsd mann mit dem öligen hämmerchen,er klopfte und horchte die bäuche unserer gebrochenen wägen ab und sagte jedesmal mit trauriger stimme, es täte im sehr leid,aber der achsenbruch wäre nicht behoben. der schaden tiefliegend.
die tschechoslowakei verschwand.
unser land jugoslawien verbrannte mit kind und maus.
wir liebten uns untereinander, weinten, heirateten oder auch nicht, jeder wir er sein glück begriff und wir bekamen serbischbosnischmakedonischealbanische kinder.oder auch nicht, jede wie sie wollte, wir zählten der kinder schatten und sprachen ihre worte im wind nach, jeder liebte lebte wie es ihm und ihr sein herz flüsterte,küsste, sanft sang: spavaj tiho nezno zivi sviraj duša ne zna za buku und wir starben auf dem toten gleis unsere gräber schauten auf die täler um brno, der schnee fiel auf unsere staunenden aufgerissenen augen, den grossen fluss,das leuchtende gelb und stille grün.
wir feierten den achsenbruchtag als höchsten feiertag.eine fahne lehnten wir ab und sangen zusammen unsere lieder auf einem toten gleis bei brno.liegengeblieben.
-
COTE AZUR / HEROIN
COTE AZUR (HEROIN)*
1938.320 bpm dance dance dance to the radio.
schwarzhemden und ein mensch im teakschrank,klaus mann.
KLAUS M
mein weg ein atemzug still ersticken ein
STAU unter wasser leben hier an der cote azur
in deutschland drehen sie bunte videos
laut und zu schnell
in nürnberg oder berlin schnelle schnitte dank leni
HEIL sehen weg hebenarm der kopf gerreckt gestreckt
andre werden abgehackt und nur der fluss
das meer im kopf bleibt trost in langer nacht
der hans emil ricki charkes andre mein schwanz trostlos
auf reisen und wieder in das bett genässt
hotelboy mann klaus
mit strandblick im exil denk ich mein herz ist eine kiesgrube
trocken klirrt das innen stein ich schieb mir das braune
unter die haut leck den heissen löffel SCHEISSE MANN
besser drinnen das braun als das vor der tür sehen
mein antinazismus heißt nun HORSE ÄTSCH heroin
manchmal mit schnalle um den hals in nem holzschrank
ejakulieren
BRÜDER ZUR SONNE flüstern in das holz gewichst
arche du stinkst mit deinem solopassagier mit dem dichter
draussen das schöne ist alt gemauert vor jahrhunderten
das neue ruinen des neuen unterm germanen sonnenlicht
schreib ich mit blut ins hotelholz ICH TRÄUME LÖFFEL
in paris amsterdam marseille europa vereint in der flucht
ich in teakzimmern andre unter segeltuch bad luck
da leb ich nun REISE REISE klaus der kleine
das land das mir fehlt stinkt unter ammoniakschwerer
decke liege ich an nizzas küste französisch kann ich
nich gut GENUG trauriger strand ich springe ins blau
achtzehn stiche zwischen nase und zeh von vergangenen schlachten
mit vätern oder kritikern kuratierern besserwissern wenigkönnern
BRECHT DU MÄNNERFOSE klaust
was dir die frauen klug schreiben
im gulag kein profikampf steck dir den sport und die premieren
in den kleinen karrierearsch kein wunder fuggerkind
menschenasche ohne v-effekt ist die neudeutsche epik
du lachst es aus mein zweifeln verirren wenden
unterlegst es mit ambient was du bert
nicht verstehst ich tue es auch bei papabär seit oslo ist er global
THOMMY CAN YOU HEAR ME international die SCHEISSE WHERE IS MY HORSE ich tauche im blau provinziell nie im aufstiegskampf
nur darunter im lübecker titanenabort sohn im kot
die stiche habe ich mitgebracht aus einer kalten nacht
neunzehnUND auch egal er war schauspieler ich schreibspieler
die azure liegt vor mir im graben im krieg im kopf
STRASSENSCHLACHT und wärme der spritze in der eichel
ich hocke ich es regnet werd heut noch ein essay schreiben
ich kämpfe mit G der den SSlern in die köpfe schießen wollte
STAHLZWINGE für braune Pisse nun aber in ihnen
lach und schiessfilmen liedchen singt von der nacht
die nicht nur zum träumen ist froh die rheinische natur
er stößt mir das messer schnell in die seite
24 29 33 38 hab vergessen dass er crystal raucht seit dem
SS plenum in braunschweig im land nach dem systemfall
weimarer error
STAU
DER GING VORBEI IN DEN 30igern
STAU
fahre kalt durch die provence
an der ausfahrt richtung avignon
ich kann sehr lange die luft anhalten
im meer hinter biarritz zwischen france und spain
werde mir braunes in den hoden und weisses in
die nase stopfen HOLLA UND AY CARMELA singen
und die seesterne zählen derweil zuhause die
frohnaturen auf den brettern lügen bis die welt bricht
funfact der bühnenboden vom schauspielhaus stammt
aus sachsenhausen kz aussenstelle ravenbrück
jemand mehr oder mehr und jemand predigt hass heil deutschland
fünfunddreissig prozent haben’se schon 1930 gehabt
als ich nur kritiken zählte und pariser liebte
hätt gern peters Stahlzwinge,kann ihn ja mal fragen auf Dorothäischem
liegt er da im Kristallsarg neben seinem Vater
Ostsee
schon eine minute ohne luft
ewiger krieg und arme schweine
mein lecken mein heulen
ich schwimme auf das offene meer hinaus
die bettdecke färbt sich rot
(sei still) von mir und meinen ritten auf dem horse
ich habe drei jahre lang jede nacht geweint
von 33 bis 38 danach musste ich die bettdecken
verbrennen ich brenne
ich liege in einer ecke des zimmers
man sieht noch den abruck meines mundes am kalten erkerfenster
habe wieder hinausgeschaut auf eine neue Schlacht gehofft
france 1 dudelt in meinem Rücken,daran geleckt am Fenster
bis ich umfiel will nicht mehr stehen
ich hatte zwei jahre lang kein gefühl mehr in beiden händen
ich konnte sie mit feuerzeugbenzin übergießen und tat es
ich habe sie mir feuerzeugbenzin übergossen und angezündet sehr hell
brannten sieich konnte mit rasierklingen schmale meerhorizonte hineinschneiden
in die haut scherenschnitte der verlorenen heimat
habe ins linke knie ein fenster geschnitten
dahinter sitze ich und bin elf mein onkel heinrich ebt noch
er erklärt mir die odysse radikalisiert mit Robin Hood und dem letzten Indianer
Er erklärt und schwitzt ich liebe ihn noch ist er warm
und ich sehe dem trinkwasserschiff nach WIR MACHTEN JA IMMER URLAUB AN DER ITALIENISCHEN RIVIERA
das gerade unsere bucht verlässt und will weit hinausschwimmen
hinter dem zeltfenster aufm Zeltplatz lebt der junge
davor lebe ich vierzig fünfzig schneide mir ins fleisch und schwimme weit Adria und Karibik zwischen meinen Marketingterminen in NY und schweren träumen
unter wasser träumen vom blau eigentlich war es die schweissschwere bettdecke mich weckte bin in den dunklen schoß NEUE ZEIT HEIL UND SIEG FORD UND DAIMLER
neuer Mensch neue Lieder bin weich gefallen wegen
der blüten in meiner tasche von THOMMYVATER schwedisch die dollars NOBEL NOBEL ich stopfe dir das maul
unglück unbesungen am blauen meerwieviel kostet mein gestern vater
rückkehr nach berlin rückkehr ins leben als zuckender stumpf nach dem krieg dem sieg der keiner war
(sei still)
an klavierseiten hängt kein kopf eher neue melodien
nichts sieht nichts hohl klingt es in meinem kopf zwischen den Meetings
fülle ihn auf mit leisem trost Vinyl durch Bang&Olaf jagen darauf ficht es immer
in meinem Haus bin Eigentümer seit kurzem das kreisende Schwarz VINYL
aufenthalt gegen den tod für das leben die stinkenden bettdecken
verbrenne ich einmal im jahr an einem see der mich
an ein meer erinnert wo der Sturmvogel lebt
Künder der Revolution
MANCHMAL.
manchmal übergebe ich mich einfach nur so vormittags ein bis zweimal
ist es die depression oder cold turkey
Neundreussig Elfzehn die Uhr mein Henker das Ticken mein täglicher Tod
oder ich mache das Licht aus und muss drei Stunden am Stück
weinen depression heroin my antifascist bad trip
die dichter und henker schlucken pervitin
ich weisses von unbekannten mir egal
och ihnen auch GERMAN ANGST sagen sie
nur bevor sie kalt gehen ich zähle dann meine
sterne kleine rote punkte unter zunge hoden zehen
meine heimat ist das loch die andre brüllt heil und sieg
WO IST DIE SCHEISS SPRITZE
dann nehme ich zigarette oder weinöffner
oder frisch gebrühten kaffee oder teewasser
und schütte sie auf die schreibhand
die nichts mehr über diese heillose welt
schreiben kann und will
DIE SCHEISSHAND
drauf steche hinein brenne
spüre versuche es mein dunkles Leben
Manchmal gehe ich und atme
und esse ich ganz langsam
ganz vorsichtig
oder zu hastig
oder zu schnell
berühre wundes Leben nur mit fussspitzen und mit zunge
im hotel wer hat das wort exil erfunden die bänker und
autobauer am rhein und neckar sicher nicht
sie rühren den grossdeutschen asphalt oder
kopfsalat
nur ganz leicht ganz schwach an
ich traurig wie die tage nächte
LEBE IN DIESEM SCHRANK mein vollgespritztes
dichtergrab samenbank totenhaus
monate jahre nicht auf inseln geliebt chios
oder elba ersticke langsam bei rhode island
am langsamen essen sparflamme lege mich auf
den aspalt die fleckige matratze im chelsea hotel
müde mit lust auf den mehrmaligen verkehr
mein geliebter will auch nicht mehr
sagt nur
unsere ökonomische abhängigkeit
zügelt ihn den verkehr den hunger
WHERE IS MY AGE MY HORSE flüstre ich
den mehrmaligen ertrag ich auch nicht mehr
kann nicht soviel ficken wie ich die welt vergessen
ausradieren will und manchmal tun die augen weh
vom fensterglotzen auf den asphaltund man
reibt seine augen an den exilfenstern wie an der zündholzschachtel aus riesa
und menschen kinder brennen hinterm meer
slawen meist
das westliche ist dem tode überlegen
die achse berlin london paris ist ne alte
BURNOUT COLD TURKEY made my days
manchmal sind’s nur die augen die
möcht sie zerschneiden die
tun weh obwohl sie weder gelesen noch
gearbeitet hätten dafür war es meist zu dunkel
und die
ideen zu dünn sollte mir nen scriptdoctor holen oder ne kluge dramaturgie in meinem zimmer mein nicht das im fünften stock chelsea bin der world war two sid
und ohne fahrstuhl die Tage Monate nach dem Studium
glotzen nur auf Auslagen und Angebote
Manchmal nehme ich zwei,drei oder vier
dreimal am Tag macht insgesamt sechs oder neun oder zwölf
wie ruhig der See ausschauht mein Mann wird schön
schön das es dich gibt
wie war die Arbeit
nein heute nicht
jetzt hätt ich Lust
nicht auf dich
auf den Herd mit meinem
süßen Kopf drin ach Elektro Gorenje
billigsterben dank Saturn
der Kopf drin wie die Mama
das auch noch
zuviel ist zuviel
Horsdown
Burnout Bournout
jetzt könnte was mit 300 bpm spielen,würde mich erleichtern
AUFTRITT VON DAF AUS DÜSSELDORF IN DER BISKAYA
MÄNNER IN UNIFORM TANZEN DEN SCHWARZEN STERN.
SOUND:
https://youtu.be/su06q9k9A_w
*kommemdes projekt MEPHISTO/KLAUS MANN bearbeitung
VAUDVILLE 1938
(Die jüdische Schauspilerin XX und Herr Höffgen im Intendanzzimmer,
währenddessen in einem Hotelzimmer in Südfrankreich Klaus Mann
nackt im Schrank.)
H
ich soll nur noch stücke wie götz von berlichingen spielen,wie soll das gehen…hier strich strich strich…das auch raus…bleibt nur noch
Das Glück fängt mir an wetterwendisch zu werden.
Wen Gott niederschlägt, der richtet sich selbst nicht auf.
Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.
Ein braver Reiter und ein rechter Regen kommen überall durch.
Wo viel Licht, ist starker Schatten.
Alles ein einziger Wetterbericht
S
die gestapo ist da,herr intendant
H
verstecken sie sich
S
die stehn vor ihrem intendanzzimmer herr höfgen
H
unter den schreibtisch
S
ja…der ist zu gross,man wird mich sehen
H
dann in den schrank
S
in den schrank
H
ja
S
ich passe da nicht hinein
H
ich drück sie rein
S
aua
H
schreien sie doch nicht,die gestapo hört sie
also erst mit der schulter,dann die hand
S
es klopft …danke herr höffgen
H
was machen sie hinter dem vorhang
zurück in den schrank
S
das ist doch kein feydeau herr höffgen
im schrank suchen die zuerst
H
ich weiß,das sie nur charakterrollen spielen wollten
das geht jetzt leider nicht. also zügig und auf anschluss
kleine pausen für die lachen…einfach die schlüpfer runterlassen
(Kurze Pause)
S
sie sagten den schlüpfer runter
es ist diese angst die
H
das,das…das ist so im vaudville,das sagt man so
schlüpfer runter tür auf tür zu vaudville eben
AUFTRITT GOEBBELS.
G
ach unser geliebter herr intendant
sagen sie ist da jemand im schrank
H
nein lieber dr.goebbels
G
ich wollte mit ihnen über die kommende spielzeit sprechen
der götz …warum stehen sie so komisch vor dem schrank
H
ach einfach nur so,ich mache entspannungsübungen am schrank
der druck,die berliner kritiker,unser etat
lauter verspannungen
DARKWAVE
Ricki legt auf, Dark Wave und Klaus tanzt dazu. An einer französischen Küste.
Parallel Aufnahmestudio der Ufa ,Außenstelle Dachau.
KLAUS (tanzt)
peter
mathias
ullrich
matze
per
mops
viktor
manuel
claude
pam
heini
lars
vadim
serge
albert
mia
rudi
ulf
paul
rudolf
RICKI HALLMARK
(legt auf und tanzt)
yoyo
stefan
rainer
dani
kastriert
bernd hat sich in marseille im hotelzimmer
aufgehöngt als die deutschen panzer kamen. pierre spritzte sich eine woche vor dem d day eine überdosis,so wie
michel
gernot
xavier
fred
ernst
werner
jaim.
morphium heroin
charles wurde als eine von 100 geiseln vom sd erschossen.
ingo starb an einer überdosis 1932
ekel-stand auf einem abschiedszettel.
ulli schoss sich im august 33 in das herz
kann dir welt nicht ansehen wie unansehnlich sie geworden ist,der fahrradschlüssel ist bei frau behrendt hinterlegt.
peter
mathias
ullrich
matze
per
viktor
manuel bekam wegen seine kranken neigung eine todesspritze in bremen
galt als schwer nervenkrank
claude
heini
lars
vadim
serge
albert
rudi
ulf
paul
rudolf
wurden in buchenwald
neuengamme dachau
ausschwitz birkenau
stutthof sachsenhausen
bergen belsen
ermordet
vergast
rosa dreick
verbrechen
homosexuell
GG
Vater und Sohn
RICKI
Ich bin sein Geliebter
GG
Vater und Sohn
Tommy und Klaus
leben nun im Exil
von Tantiemen oder flüchtigen Küssen Unbekannter bei Henry Ford bezetwe hinterm Teich im Land der Sklaven und Idioten: Hang the N* Pieep and Run bei uns sinds die Juden. Die Mans,Manns …Gestern noch gestärkter Kragen heute blumiges Hemd an Kaliforniens Küste und in der Schublade verschlossen die Texte
die man schnell umschreibt auf comedy screw ball NATÜRLICH der schöne junge Mann auf Papier, gerne auch minderjöhrig wird ne Schublafen/Novelle,denkt der Herr Papa nobel und blumig. Nur der väterliche Pelikanfüller berührt dessen junges Glied,der Sohn daneben zählt sie nicht mehr,schießt sich an in Bars auf gelben
Matratzen. Ich leihe meine Stimme dem ersten grossdeutschen Zeichentrickfilm
Dr. Goebbels meint wir sind in fünf Jahren besser als die Amerikaner
Walt Disney.
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JULI/U JULU Szenen eines Krieges
4.40 früh
am morgen
drei miltärpolizisten stehen in meinem zimmer.ich liege im bett und starre auf ihre uniformen, ich träume. einer schlägt mir mit der faust in gesicht steh auf du schwuchtel,zieh dich an,kein traum
das vaterland braucht dich,
arschloch.
sie lachen,
ich spucke blut auf mein kopfkissen.
mein zimmer riecht nach staub,der sommer riecht nach staub in meinem
zimmer. in diesem zimmer lebte einst meine tante, wie ich betrachtete sie träge die staubsterne, wegen meiner tante hängen überall diese bildchen mit kleinen jungs oder mädchen mit riesigen augen und wimpern und clownsschuhen. diese grossäugigen geschöpfe hingen in vielen belgrader mädchenzimmern der 70iger jahre. nun starren sie auf mich,
auf mein blutiges bett und mein zittern, grossäugig. glotzen. sie sahennichts vom krieg, gedruckt 1977 lebten sie ewig an ihrer friedenswand und sahen meiner tante beim schlafen zu.glotzen. grossäugig.
4.45 früh
meine oma weint.
du musst unsere heimat gegen die faschisten verteidigen, sagt sie, damit wir nicht umsonst gekämpft habengestorben ermordet worden sind.
sie hat die drei militörpolizisten in unsere wohnung geholt.
sie haben beim nachbar geklingelt,der hat einen sohn in meinem
alter,der sich auch seit wochen versteckt.
der nachbar hat die militärpolizisten nicht in die wohnung gelassen,
dafür tat es meine oma.
ja.
mein enkel ist da.
er schläft.
4.47 früh
ich stehe mit den drei militärpolizisten im fahrstuhl. wir fahren vom 10ten stock nach unten.
mein blut spritzt auf die angekokelten knöpfe
von etage vier und fünf. zwei schlagen mich, der dritte
geht eine liste mit namen durch.
DER FAHRSTUHL blieb immer zwischen dritter und vierter etage stecken,
man musste leicht aufspringen und er nahm seine brummende fahrt wieder auf,links oberhalb des gespaltenen spiegels,konnte man verfolgen wen milan gerade liebt, jelena , mica , jagoda, sofija waren durchgestrichen, frisch ungestrichen stand sein name nun neben dem von vladica vom 10 stock unseres hauses . vladica hinkte leicht nach einem motorradunfall, sah einen nie an und sprach auch nicht wenn man mit ihr im fahrstuhl fuhr,dass einzige was ich von ihr hörte war einmal ein furz, ich glaube dass war eine unfallfolge. in dem fahrstuhl wurde boris vom fünften von seiner oma gefüttert, da er anders nicht essen wollte,sie fuhren 10 minuten hoch und runter, boris saß auf einem stühlchen und oma schob ihm den löffel mit karottenrisotto in den schmalen kleinen mund. boris wurde später militärpolizist, eines nachts brach er die tür, fünfter mitte, mit einigen kumpanen, auch militärpolizisten, auf und schmiss alle möbel der oma durchs fenster auf die strasse.
das krachen und knacken der stühle,
der tische und schränke
dauerte stunden.
4.47
Nach vier Schlägen hörte ich auf zu zählen,ich spukte mein Blut auf den Spiegel und tröstete mich mit dem Gedanken, dass Oma , wenn sie in den Spiegel sah, meinen roten Rotz auf ihrem Wangen trug. Der Fahrstul brummt.Milan liebt Ana und dem Roten Stern Belgrad wird Analverkehr von Partizan angeboten.
4.51 früh
ich sitze in einem mit schwarzer folie abgeklebten reisebus des
belgrader busunternehmens DIE MÖWE.
ich bin nicht der einzige,ein dutzend junger männer in
pyjameas iggy pop tshirt oder lacoste polo oder nur in schlüpfern
sitzen
traurige inseln auf braunen sesseln,
mit geschwollenen gesichtern,dicken lippen und abgeknickten
nasen,ich setze mich auf den sitz
22 gerade zahl
wegen dem
glück
das radio spielt. mein lieblingslied in diesem kriegssommer.
sommerkrieg. dass denke ich jeden sommer, mein sommerkrieg
oder ein anderer sommerkrieg. liegt an den strassen für die panzer und dass die angst kleiner ist, wenn die sonne hoch steht, das grün silbrig glänzt, kein tod denkbar im blühenden garten, in dem ich ein loch aushebe, für mich, ich grabe ein einzelschützenloch und ich baue meine burg aus sand, unbezwingbar auf dem spielplatz am senefelder platz.
das radio spielt mein lieblinglied im abgeklebten bus, ich sitze in meiner blinden möwe und mit jedem halt wird der bus voller mit müden kleinen jungs, halbnackt oder im pyjama, die militärpolizisten gehen durch den gang und spielen gerade, ungerade. die mit dem geraden zahlen, schlägt man mit gummiknüppel die ungeraden mit knochigem handrücken.
teške se kise spremaju
nad gradom munje sijevaju
uzalud pitaš ko ide
budaline u planine
pustahije kroz kapije
pogasi sve
tek je počelo
4.40 früh.
am morgen. andere zeit anderer krieg
ich liege stumm schiessen panzer, am himmel ein pfeil, stinger jagt adler
würge speichel auf den boden, die alte angst neu auf das deckblatt vom zauberberg, der fernseher läuft und dann wird alles vorbei sein.
und die toten bleiben tot.
und die lebenden müssen leben.
mit den tötenden,leben
meist ärmer als zuvor.
kinder unter fremden sternen geboren.
servieren flink oder liefern unter tarif.
die verdächtigen ließ man laufen.
oder sie kauften sich frei.
oder man kauft wieder ihr blutöl.
das teure gas.was schert konjunktur moral.
moralisch degustieren,prozesse kommentieren, bellen auf seite fünf.
neuer asphalt mit fördergeldern, das massengrab zwanzig meter daneben.
man vergisst schnell, wo man nicht erlebt.
man vergisst nie, wo man überlebt.
hat. die einen werden haben wie zuvor,
die anderen hatten dann nur noch.
weniger in allem.
haben (wenig)
und
sein (weniger)
4.04.
ein himmel wie von bleistift gezeichnet
eine vogel schwarz die brut darunter
bombenlast ich hocke unter dieser
wolke und reisse den mund auf
der tod füttert mich kaltes kind
schlucke die last fasse nach
ihr noch warm
und der frühe morgen
spielt mizar
dozdot
6.00 Uhr
Lautlos.Lautloses Weinen in den Kasernennächten.Morgen wird gestorben singen die Reservisten.Ich mache beides,lautlos weinen und übers Sterben singen.Mein erster Tag an der Front, der Himmel schwarz.Ich heule in meinem Spähpanzer, später drei Schnitte ins Knie,die Hand.Mein Blut tropft auf gepanzerte Haut,ich pisse mir in die olivgrüne Hose.Später Schnäpfchenjagd Aldi Nord. Nächte im Krankenhaus, der angeschnallte australische Surfer im Bett gegenüber, wir schlürfen Süppchen, wollen nicht kauen,nicht die Zähne spüren,ihr beißen und klappern.Rückenmarksflüssigkeit entnehmen,sagt die müde Schwester,hofft auf neurologisches,ich weiss, dass ich noch im Panzer sitze,die Zähne klappern,dass Beißen auf den Lederriemen,schabe mich ab,Angsthase. Bin zurück im Frieden unter dem Fenster der Fluss,auch so dunkel wie der,an dem ich lag in meinem kalten Loch.Mein Panzerkrieg mit Spreeblick, die alten Augen der Schwester. Billig Bücher kaufen, Erinnerung lesend ersticken eine weite Küste das weiße Bett
Wir schreienDONT YOU FORGET ABOUT ME DONT DONT YOU FORGET ABOUT ME im Panzerwagen, vor uns der Fluss,dahinter die Stadt.
14.00
altmark. ein park, der kies zu laut
die arme zu kurz atmen wie ersticken
die augen gross dunkel freudevoll leuchtend
der speichel fließt ausaufgerissenem mund
die worte gurgelnd der see spricht aus
aufgerissenem mund unter aufgerissenen augen
er schreit mich an und stösst
und fällt auf den teppich eigentlich pvc,ochsenblut
er freut sich immer auf dich sagt die schwester und sie schliessen uns ein
die feinde wie brüder meine aufgerissenen augen
mein krieg auf seinem papier in der klinik in der altmark
weit die welt
ich trage eine schachtel pralinen
für die die nicht freundlich sind
dass sie freundlich sind
die schwestern die kalten
genossinnen nun dienstleisterinnen
zu meinem schreienden freund
dessen name die zeit der krieg
der krebs gefressen hat
namenlos der staub noch lebt
er liebt dich dein bosnischer freund
ich verstehe ihn nicht! nicht den see das herausgerissene
sprudelnde stossende wort laut ersticken gurgeln
er wird sterben sagt die müde Schwester
was ist das
sterben
er hört auf
zu sehen zu schreien
dich zu lieben wenn du jeden donnerstag
mit seinen filzstiften
den krieg malst auf sein weißes Blatt malst
und er dazu schreit und lacht
sein speichel auf deine blauen
roten panzer fliesst, eure filzstiftdiagnose für
den chefarzt übermalt seine kalten worte
mit blau und rot eine landschaft verschwimmt
der krieg die augen seine
aufgerissen
seine aufgerissenen augen
der mund der see
ich vergesse ihn nicht
meinen ersten stummem
toten freund
namenlos
nun
4.22.
gegen vier ihr träume ich von
küssen.schlafen träumen
4.45
krieg mein alter schatten
bist wieder da, stehst nachts in meiner tür
vor meinem bett, sagst guten abend
bin wieder da, dein alter bekannter
ich grüss ihn zurück
wechsel die bettwäsche
Ich liege in einem Schlammloch.
Irgendein Dorf.
Ohne Namen.
Leuchtspur.
Vom irgendeinen anderen Dorf abgefeuert.
Ich liege im Schlamm.
Das Loch füllt sich mit mir.
Warm.
Juli Neunzehnhundertdreiundneunzig
Leuchtspur
Dreißig Jahre später:
Fieber/schwere Atmung
Schwäche/nur im Bett
nicht essen/Kopf nicht klar
sehe nichts/kaum Sauerstoff/Blut
zu Hause/kostbares Bett
Einzelzimmer/und Bad
im schweren luftlosen Schlaf versinke ich/nur noch Töne doch nicht verletzt/weine nicht/keine Angst buchstäblich/schäme mich nicht/entschuldige mich/ bei sonja sie heult weil sie nicht spielt durch Tränen/jeden Tag/schrecklich/leid
irgendwohin/ in die Welt hinaus/das Fleisch ist gegessen
fresse nur noch nachhaltig wünsche mir mein alter krieg
wär gleichso nachhaltiger
Alle/sprechen/reden/sprechen
reden/denken/laut/leise abwechselnd chorisch oder auch nicht Schreien im Traum
Meine TEXTE versanden am Elbufer
Aldi und Lidl mein Karl oder Marx
Schwarz einst Blau lag das Meer da
hinter meiner Ostküste die warme adriatisch ohne Menschen darauf und darin Schwarz einst Blau lag das Meer da, ich sehe die schwarzen Kopftücher der alten Frauen
vom Fischerdorf gegenüber unserer feriensiedlung kurz vor ihrem Sterben in den weißen Vivantes Kliniken nun auch an ihrer Küste deutsch sterben privatisiert eingehen am Bau und im Blau, ihr stilles kremieren mit Aussicht Dinara Gebirge verspricht die Werbebroschüre zweisprachig dort an der Küste zwischen Šibenik und Split Siebenundzwanzig alte Frauen tragen Schwarz Ich sehe von meinem Hochsitz alles amerikanisch der Lift ist leise schnell von unten nach oben.Wir haben sie überhört die Signale laut genug 1993 2020 nun schlaflos verscharrt hinter der Klinik liegen die alten Frauen unsere Mütter Grossmütter mit Aussicht Dinara Gebirge verspricht die Werbebroschüre zweisprachig gedruckt in Lippstadt lateinisch klingt teurer besser
feinste Asche dank bester Qualität
seit hundert Jahren
garantiert Maschinenbau aus Deutschland
AN DER ADRIAKÜSTE stirbt Oma oder Mutter in der weißen Klinik Vivantes oder Quod oder ergo und sum exitus
Siebenundzwanzig Söhne kehrten nicht zurück aus dem letzten Krieg.
ich kehrte zurück und glotze von oben nach hinten
Siebenundzwanzig schwarze Kopftücher wurden jeden Sonntag vor dem
Kirchgang gebügelt und rochen nach Dorade dem Sonntagsmahl der Fischer am Meer das nun still und ohne Menschen darauf und darin blau und tot und fieberfrei daliegt ohne mucks das Jahr 2020
Siebenundzwanzig Söhne der Mütterdes Fischerdorfes verfaulten in der fernen Sutjeska oder ihren karstigen heißen Ufern links von ihr denn rechts stand der Deutsche damals der Fotos machte das tat er gern im
Krieg
der Deutsche Fotos von Städten
Dörfern Wälder Gruben Löchern Lichtungen meist Kinder Frauen Alte
Fotos zum Erinnern an Shitomir Kielce Prijedor DREIUNDVIERZIG NEUNZIG ZWANZIG
Enkel scheissen auf die Gräber oder kratzen mit Messern das Rot aus dem nun weissen Stein. Meinen Kopf zerschmettert wohl das Fieber das erinnern ich esse nicht schlafe nicht hundert Jahre in meinem Kopf 39,9 oder Discosummer 92. Das Glas bricht,tausend Stücke,tausend Inseln und mein dunkles Blut schießt aus dem klaffenden Denkloch, war der Klebstoff für nen Kontinent in der Hundepisse schwarz lag das Meer da hinter dem Fenster im Sommer 95
Direkt an der Magistrale,benannt nach dem Meer stand ein Restaurant, namenlos, Wind und Salz haben es wohl namenlos gemacht.
Nie saß jemand darin, nur Zikaden ab und an, wenn sie von den umliegenden steinigen und trockenen Feldern auf die heißen leeren Tische sprangen. Sie lebten auf den harten weißen Steinen, eingelassen in die aufgerissene rote Erde, man sah dort ihre tiefsten Wunden, schwarze Schnitte im staubigen Rot. Auf den Schnitten standen
hundert und mehrjährige Olivenbäume, müde des Wachsens und Gebärens in den Hunderten von Jahren, getränkt von salzigem Meertau auf ihrer knöchernen Haut, vom so nahen blauen Meer, das man dort nicht sehen konnte, ein Hügel versperrte ihnen die Sicht, ein Bunker stand darauf, ein italienischer, ich lass VINCERE in den Sommern,als ich dort ausstieg all die Jahre
wegen dem Früher und dem Blau, der Versprechung.
Der alte Krieg grüßte mich, wenn ich aus dem Bus stieg, direkt mir gegenüber das menschenleere Restaurant und klagende Zykaden. Ein gelber Turm lehnte sich an das leere Restaurant, gebaut aus 20 Kisten Pepsi Cola, die nie jemand trank, oder den ich nie sah. Ich dachte immer der Wirt, der letzte Mensch zwischen Bunker und Steinwiese trinkt sie seit zwanzig Jahren, jedes Jahr eine Kiste und lauscht den Zykaden und zählt die Menschen, die hätten kommen können jedoch nie kamen oder nur kurz.Sie fuhren vorbei.Die Menschen. Manche hielten, stiegen aus, Kim Wilde oder Ian Curtis sangen in ihren bunten Wägen BULLI blieben kurz stehen vor dem leeren Restaurant mit dem gelben Turm, um
sofort wieder einzusteigen und wegzufahren, sie wollten nicht auf den Schnitten sitzen, der traurigen roten Stauberde, mit krummen alten traurigen Olivenbäumen dahinter, dahinter das Meer,das Salz
dahinter dahinter In einem Sommer jedoch war das leere Restaurant voll, jeder war Tisch besetzt. Junge Männer in staubigen Tarnuniformen saßen auf den geschmolzenen schiefen weißen Plastikstühlem, neben dem gelben Turm stand nun ein grüner, ihre Gewehre lehnten an den Tischen, schief und krumm wie die Olivenbäume die Hundert und Mehrjährigen.
Ein Bus hielt und ich stieg aus.
Reicher um drei Messerwunden.
Reicher um Schüsse in langen Nächten, die seit zwei Jahren jeden schweren Traum begleitet hatten,reicher um ein klaffendes Loch im blutigen Maul, das mir der Kolben einer Kalaschnikow schenkte im Schlamm, irgendwo in einem namenlosen Dort. Wo ich meinen Namen eingrub, mich eingrub,im Sommer im Juli in die schwere,fruchtbare Erde
eingrub.Hinter dem Bushalteschild,auf knochiger roter Erde hockt ein alter Klotz.Rotgepinselt von der Sonne verbrannt VINCERE
das Wort starrt mich an aus altem Beton an, der alte Krieg.Bunker
Ich bin zu Hause, dort am Meer, wo ich Jahrzehnt lang ausstieg,fast ein halbes Leben lang und mich jedes Jahr jeden Sommer verliebte
Die jungen Soldaten sehen dich müde an und riechen dein Blut
das von der anderen Seite kannten meinen Geruch
sahen mich nie zu weit entfernt die beiden Dörfer
auf schwerer schwarzer Erde dort oben
weit weg von den trauernden Olivenbäumen ,den schwarzen Schnitten und staubigen Rot und ich setze mich zu ihnen, bestellte ein Bier
der grüne Turm soll wachsen, den gelben überragen, ihn besiegen.
VINCERE.
Das ewig schöne Gestern.
Ich sehe mir die Gewehre an, kenne ihre Namen, hörte ihre Lieder in der Nacht als ich aufstand, um nie wieder zu hören und zu singen, als ich meine, die grosse, die schönste Liebe im Schlamm zweier Dörfer vergrub.
Ich bestelle laut, nun erkennen die müden jungen Männer nicht nur den Geruch, den von der anderen Seite, auch den Laut.
Ich könnte dich umbringen, rot zu rot, In die staubige Erde graben sagt einer, die meisten schweigen.
Mein Mund ein Loch schweigt und nickt.
Bin nur gekommen,um mich hinzulegen
in die Schnitte ins Schwarz
im Schatten meiner Liebe
die reiche fette Erde reicht mir nicht, dort im Norden.
Bin hungrig und will mich hineinlegen in den roten Staub und zu den Steinen unter die krummen Olivenbäume,
wie ich neben Ewigschön lag und auf und mit ihr,
zu Hause
zu Hause
mach doch
ich bin zu Hause
1993,Juli.Vormittag.
Am Meer
langsam fährt das boot vorbei,ich kann es in meiner fleischigen hand halten,ich wölbe sie leicht,schütze das boot vor den kleinen,unruhigen wellen, die in fünfzig jahren aus einem braunweissen fischerboot einen schwimmenden weissen stein machten,ein steinernes papierschiff, dass sich tag für tag an ebenso weissgrauen felsen und hellgrün strahlenden macciabüschen vorbei, richtung offene see schiebt
der schiffsdiesel vermischt sich in meiner nase mit dem oleanderduft, ich liege unter
der blüte, die blätter schneiden sich in meinem hals, bohren ihre spitzen in das helle,
dünne, direkt am kehlkopf, ich schließe die augenlieder, goldorangen eingeschossen
leuchtet mein brennender himmel.
oleander und diesel.
so riecht der julitag
das langsame krächzen des alten motors entfernt sich, ein hall nur noch, meine stimme vor dem letzten kuss, so schiebt sich das weisse papierschiff in das blau, ich lasse es los,schiebe es zart mit dem zeigefinger auf die offene see, zu den stummen schlafenden fischen, die sich in ihren träumen in das löchrige netz des schiffes verirren und träumend sterben werden,
denn das schiff wird erst in der tiefen nacht sein ziel erreichen, das helle blau vor der
insel jabuka, den ort, wo die zahnbrassen und drachenfische schlafen und träumen.
oleander,süßer duft
direkt liege ich unter ihm
ich drücke meinen kehlkopf
langsam der scharfen spitze
entgegen, ein leichter stich blassrosa,
blassrosa sind auch seine blüten,
ich habe sie tief in mein herz und den kehlkopf geschlossen, die blüten und die harten blätter. ein zarter ewiger stich nur, es ist mitte juli. ich liege an meinem warmen meer,werde langsam und bin.
in meinem haus leben nun junge soldaten
tarnuniformen trocknen auf meiner terasse
ich liege davor
unter meinem oleander
1995,Juli.Nachmittag.
ich bin 50
ich bin
ich arbeite
lebe
Ich stehe vor meinen Haus, dass nicht mehr meines ist.
Der weiße Stein ist braun, der Regen hat die Fugen ausgewaschen, eine rotbraune Rinnsal fliesst träge zurück in die aufgerissene Erde, in die schwarzen Schnitte, gleich neben der Zypresse, die ich giessen musste, einmal am Tag um mich danach in das helle Blau zu werfen.
Ich schwimme schon seit einer Stunde vor dem Haus, kann es nur so ansehen und ertragen und kaum atmen, wenn das helle Blau mich hält oben hält. Aus der Ferne sehen die erdigen Rinnsäle nicht mehr wie schwere Flüsse aus, eher wie feine Adern, die rotbraunen Rinnsäle die den Stein färben. Ich zähle sie, betrachte wie sie sich verweben und verschlingen, wie füreinander bestimmt, spinnen sie ein
Netz auf den weißen Stein, der Regen treibt die Erde aus den Fugen, schmale Tränen benetzen den weissen Stein.
Weiter traut sich mein Blick nicht.
Meine Horizontlinie ist das schwarzweiße Geländer, an dem ich mich festhielt mit meinen kleinen dicken Beinen, die Welt noch zu groß für die kleinen Füßchen. Mein erstes Stehen sah das Meer vor sich Mein Fallen fand woanders statt. Eine Ewigkeit betrachte ich die rotbraunen Tränen, die unter dem Geländer fliessen, die eigenen Tränen fresse ich in mich hinein, bin ein verfickter weisser Stein, wie er, hart und ohne Leben.
Ein kleiner Stein blieb irgendwo liegen gleich neben dem Kinderspielplatz
oder im slawonischeb Schlamm tauchte hinein ins Braun ins Schwarz oben im
Norden und er hoffte
niemand
würde ihn jemals finden
oder aufheben
lasst mich hier liegen
ihr letzter Brief in der Brusttasche
eingeschweisst, weiss auf armeeolivgrün
eingeschweisst in Plastik doppelt gewickelt
dass ihre Worte
nicht verschwinden
der letzte Rest
zuckendes Friedensherz
Mein Papiergrabstein liegt auf mir
in Zellophan doppelt gewickelt in einem unbekannten slawonischeb Dorf, im schlammigen panonischen Urmeer und zärtlich flüstert es mir zu
wenigstens liegst duin einem Meer, wenn auch einem toten
Ich stehe vor der Terasse meines Hauses, nicht mehr meins
sehe die rotbraune Adern, sehn jetzt schöner besser aus, als meine verstopften und schorfigen getrocknetes Blut auf meiner Haut alt die Löcher. Es trocknen drei Tarnosen, vier Tarnhemden, vier Unterhemden, zwei paar schwarze Socken, drei Schlüpfer, einer davon rotbraun, getrocknetes Blut oder Scheisse, auf dem Geländer, der Unterschied ist nicht groß, ich kenne mich damit gut aus,mit dem Rot und dem Braun, auswendig gelernt in einem schwarzen Loch, in den Nöchten, neben mir der Kinderspielplatz.Lief man über ihn, schien es als würde man über Glasmurmeln laufen, zarte Klänge, eine leise Schlafmusik für die schreiende Angst, die Scheisse in der Hose, unter mir klingelten die leeren Hülsen, dreissig oder vierzig, nicht meine denn
ich schoss nur einmal am
Tag und zu hoch
und daneben
bis der Offizier es
sah, mir mit seiner AK zwei Vorderzähne
herausbrach und schrie
Steh auf du Votze
du bleibts jetzt hier stehen
als Wache für den eigenen Tod
Ich stand vier Stunden.
Ich kenne die jungen Soldaten da oben, auf meiner Terasse erkenne mich, ich brülle oder er. Einer der jungen Soldaten mit Pistole in der Hand brüllt mich an, ich habe nicht gemerkt dass ich direkt vor dem Haus stehe, wie lange weiß ich nicht, dass weiß nur der junge Soldat mit fettigem
halblangen Haar, der brüllt
Was stehst du da rum du Votze
die Pistole in der Hand.
Ich gehe
nicht ohne vorher einen
kleinen weissen Stein
zu schlucken der in
meinem Garten lag
der nicht mehr meiner war
und Tarnhosen und Hemden
Socken und Schlüpfer
trockneten unter der toten
Sonne,ich trag nun
einen kleinen Stein
in der Brust
manchmal ist er warm
meist im Juli
dort wo ich leben muss
aber will
Der OFFIZIER jahre später
Frühpensioniert vermietet das Haus an Polen Tschechen
die legen sich in die Sonne ihre Tätowierungen bleichen aus unter meiner Sonne,sie ficken ihre Frauen in fremden Betten derer die einst hier lagen schlafen nun unter dem Stein ihre
dünnen frauen verhungern
für ihre muskelmänner
latein in brust und ellenbogen geschnitten blaues ja der unterwerfung hingeschmiert auf das knöcherne fleisch braungebrannt das kleine herz sehnsucht der kriegskinder
feste währung nun die feste burg
schmieröl auf arsch und obenrum
gleitend ins bunte dunkel
der muskelmann macht in stein
oder bauspar
trüber blick affenhaare
sein alter schlug noch in fressen
sang alte lieder
war eine sau
das neue schwein
schlögt nur zu hause
europäisch am liebsten italienisch
nicht nur die möbel
über das knochenfleisch
fliest die alte schmiere
rotz wasser blut
das billig gestochene latein verschwindet
unter dem roten vorhang
dei usque in aeternum
Als
ich 1986 aus der ddr nach jugoslawien geflüchtet bin träumte ich nur von unserem
haus am meer, der terasse mit dem rostigen schwarzweissen gitter, das die
winterlichen stürme und ihre schäumenden wellen im laufe der jahre durchrosten
liessen, schlag für schlag und jahr für jahr brachen sich die wellen an diesen
terassengittern in den wintermonaten.so dicht am meer lag das haus.lange dachte ich,
es wäre meine schuld,die sache mit dem rost,ich hatte die angewohnheit als kind
heimlich und nachts, durch die gitterstäbe zu pinkeln, direkt auf die zypresse, die vor
unserem haus und der adria wuchs.mein opa hat es mir einmal unheimlich und zur
mittagszeit gesagt,vor versammelten tanten und rauchigem sardellengrill, dass die
zypresse schneller wächst, wenn ich sie giesse das heißt - anpinkle.ich gab mir viel
mühe und pinkelte jedes jahr jeden sommer, jede nacht auf ihre sommergrünen
äste,von oben herab,der terasse, durch die gitterstäbe hindurch, dass sie wächst und
wächst.mein baum am meer.
kind wie ich.
teenager wie ich.
mein bruder.
mein grossvater pflanzte die zypresse 1967 als ich geboren wurde und baute das haus am meer,für seinen enkel aus dem norden, dass er das
meer sieht,seine zweite heimat und es warm hat, wenigstens im juli und august. während des krieges hauste dort eine gruppe paramilitärs sie hatten listen von serbischen häusern, die sie in den gefechtspausen (die front lag gleich hinter den bergen,nur wenige kilometer entfernt vom haus am meer) bewohnten.manchmal brachten sie gefangene mit und folterten sie in den garagen der sommerhäuser, wir hatten keine garage, nur einen parkplatz unter meiner zypresse.
das erste was sie taten,als sie unser haus besetzten war die zypresse zu fällen und ihre wurzeln herauszureissen,sie störe ihren blick auf das meer,sie sähen doch nur hässliches, dahinten,an der front und in dem verbrannten dorf, erzählten sie unserem nachbarn, einem einheimischen fischer.
in diesem dorf hinten in den bergen,von dem man dass meer nicht sah und nur roch,wurden alle alten die,nicht geflohen sind in ein haus gesperrt
am ersten weihnachtstag, dem 25.12.1993 und irgendwo wurde eine zypresse gefällt
und ihre wurzeln herausgerissen ,damit das meer schön zu sehen ist und nur ein
durchgerostetes schwarzweißes terassengitter störte die schöne aussicht am zweiten
weihnachtstag 1992.
mein bester freund hiess
branko oder esad aus prijedor
unsere häuser sahen sich an
dicht an dicht
schauten auf meer
wie
brüder
er lebt in boston
ich in hamburg
Juni 91
Ich sitze im Stahl
der Helm drückt kalt im Nacken
durch das schwarze Loch glotzt meine
Angstfresse BORN TO KILL über den Stern geschmiert
auf eine nicht meine
Bukolische Landschaft
der Frieden der Kühe
das Gedachtnis
der Toten
bei PRIJEDOR begraben
Unter dem Kitsch der Monumente
dem herausgerissenen Stern das schlechte Gewissen der Uberlebenden braucht den Kitsch
auf der Autobahn zwischen Sarajevo und Split den den (Hoch)Leitungsmasten Bosniens zum erstenmal
wieder das schöne Gefühl
Am Leben zu sein
über den
vieltausend Toten
unterm eu fördermittel
asphalt
rauch
im Juli 91
lieg ich im eignen blut
slawonischen sommer schlamm
lippen zerbissen im
loch eingegraben auf einer milchkooperative
höre sie pfeifen die
kugeln zu stiller forst
bei fehrbellin
die haut wie erde
fest stich ohne schmerz
rieche verbrannte milch
auf dem kinderspielplatz
neben der kirche
kalt der stein
kalt die haut
sehe einmal
die sterne
im juli
mein freund branko fault im schützenloch
erkannt am kiefer
jahre später der rest ist erde
verklebt mit blut
geronnene erinnerung
mein bahnhof unüberdachtes
glück vor jahren
in den nächten fahre ich
am tage zähle ich
die stunden
bis zur nacht
nummerierte knochen und
halogensonnen an der grube
neben der drina
im traum zähle ich
fernsehtürme in der puszta
noch lacht mein
vater ohne krebs
in der blauen tüte
knochensplitter und ein
panninibild von gattuso
laut bericht des experten
wir öffnen die fenster
hundert köpfe glotzen
in die tote puszta
das lied von tito
von unserer heimat
leuchtet im staub
neben der drina
unter der schwarzen erde
versteckt und kalkweiss
knochen und kiefer
niemand lacht mehr
im sommer
besuche ich immer
die meinen
ankunft ungewiss
Waffenruhe im Schatten des Panzerwagens
im Kopf
Gurken
Käse
Wurst
Fisch
Eier mit kaviar
Brot mit adzika
Hühnekeulen
Praziluk
Rote Beete mit saurer Sahne
Paprika mit Knoblauch
schnittlauch
Weißbrot
Schwarzbrot
Der feine Regen hörte nicht auf,
Kriegslandschaft kurz vor dem Städtchen
das wir bald anzünden werden
SCHEISS BENZIN
WO IST DAS SCHEISS BENZIN
haben’s gebraucht für die fünzig kalten
die fliegen jetzt zur sonne zur freiheit
BENZIN ICH BRAUCH BENZIN
STEIN BRENNT SCHWER
der feine Regen slawonisches Meer der Schlamm unterm Stiefel
hinter dessen dichten Netz erahnte ich meinen Opa,einen schwarzen,kleiner und schneller werdenden Schatten,je mehr wir uns der Bergspitze näherten.Er lief den ganzen Weg vor mir her ,immer kurz vor dem Verschwinden hinter dem schwarzen Regennetz.Ich wusste schon gar nicht mehr,wie lange ich schon heulte und warum.Vielleicht weil mir die kurzen Füße wehtaten,oder weil mein Opa drohte zu verschwinden,oder weil ich den Regen für Tränen hielt und ich mich falsch erinnere. DAS BENZIN
BRINGT BENZIN
Wir liefen schon drei Tage,vier Stunden-eher zehn Minuten,aber davon wussten meine kurzen Beine und meine schnelle,schlechte Erinnerung nichts.Ich war Fünf und Fünfzig,liebte meinen Opa den jugoslawischen Partisanenheld und Ungerngeneral und wollte unbedingt mit ihm Schritt halten.Glücklicherweise regnete es so stark,das man weder meine Tränen noch meine vollgepissten Hosen bemerken konnte.Es wäre auch niemand zum bemerken dagewesen,die Landstraße war leer,der Regen hässlich so wie die Erinnerung an den Berg.Die Leuten mieden die Strecke auch bei besserem Wetter.
Mein Opa hat mich nur einmal in dem "besseren"Deutschland besucht,seit unserem Spaziergang im Dauerregen wusste ich,dass sein Besuch nicht mir,sondern seinen Freunden galt.Seinen Freunden vor denen er sich verneigte in diesem Weimarer Regen,vor den nackten Grundrissen auf dem Ettersberg.Buchenwald.
Wir standen zwei Stunden vor diesen nackten Barrackenfundamenten und heulten wie Hunde.Mit Ton,laut.Er wegen seiner Freunde,ich wegen meiner vollgepissten Hose und der Scham.Vielleicht heulte mein Opa auch vor Scham des Überlebenden,des Siegers,des Weimarbesuchers.Dieser Regen,der unendliche Weg durch den Buchenwaldregen(den es so gibt,und der so genannt wird) die leeren Fundamente und das Hundeheulen sind meine einzige Erinnerung an den Besuch meines Opas.Jahre später war ich noch einmal auf dem Ettersberg und habe dort einem Klassenkameraden im Seiteneingang des Krematoriums vom KZ Buchenwald
die Fresse poliert.Er hörte nicht auf in der letzten Reihe während des
Augenzeugenberichtes,laut wiehernd,Zisch-und Würgeräusche zu machen,bis ich ihn
zur Tür heraus,eine Treppe hinunterstoßend,vor der verrosteten Ofenklappe mit
mehreren Schlägen ins Gesicht zum Heulen brachte.Danach ging ich zu den
Barrackenfundamenten und wünschte mir einen starken,schwarzen Regenschauer.
Sie zündeten das erste Haus an.
Es summte.
Wie ein Bienstock.
Frauen und Kinder
Ich schaltete meinen Walkman an
A JA KAZEM A A TO JE AMERIKA
In einer Gefechtspause starrte ich auf das dunkle Wasser des Flusses.Ich stellte meine Augen unscharf,wie ich es mit acht Jahren in der dritten Reihe meines senffarbigen Klassenzimmers tat,um die zugeschneite Straße NARODNIH HEROJA unscharf schönzusehen,hier am Fluss tat ich es,um meine Uniform nicht erkennen zu müssen und weil seit Tagen aufgedunsene Leichen,ihre dicken Bäuche wie Walrücken auf dem Fluss glänzend,an meiner Gefechtsstellung vorrübertrieben.Die Leichen waren meist Bewohner aus der gegenüberliegenden Stadt(was ich später erfuhr),die von ihren Nachbarn nachts aus ihren Betten geklingelt wurden und ein,zwei Stunden später am Flussufer durch einen Genickschuss erschossen wurden,zuvor mussten sie entweder Pisse trinken,häufig Autobatteriesäure,mit viel Glück wurden nur ein paar Zähne rausgeschlagen,das Kinn zertrümmert,jedoch nur wenn man eine gute Nachbarschaft pflegte.Die Kugel am Flussufer in Genick war immer das Ende.Obwohl ich die Augen unscharf gestellt habe,sah ich wieder einen aufgeblähten Bauch vorüberschwimmen,ich wünschte mich in mein senffarbenes Klassenzimmer in der Gleimstrasse zurück,hier am Ufer des Flusses meiner neuen Heimat die Bäuche zählend.In Spätsommer Einundneunzig hörte ich auf meine Augen unscharf zu stellen,ich erblindete für genau ein Jahr,das erste was ich danach sah,war der Trockeneisnebel zu einem Killing Joke Songich glaube es war Love like blood es ist sonnabend und ich fahre s bahn
in Hamburg oder Belgrad und denke dies und das
nach vorne und hinten
es kostet mich
zweineunzig
für nenn zehner
fahr ich gleich durch ans
Kaserne,Belgrad 1991
Die bringen mich um.Die junge Stimme kam aus dem Metallbett in dem ich lag.Die bringen mich um.
Er weinte.
Sehr Leise.
Die bringen mich um.
Ich saß unter ihm,auf dem Metallbett.
Was hast du denn
Er hörte auf zu sprechen.
Nur mit dem Weinen konnte er nicht aufhören.
Was ist los
Die Kaserne befand sich auf einem Berg oberhalb der Stadt die schwieg
Kann ich dir helfen
Er wurde still.
Ich finde das auch alles Scheisse
Scheisse.
Die bringen mich um
Er deutetet in Richtung Schnapsflaschen
behaarte Affen in Tarn singen
IN DER NACHT SCHNEIDEN WIR EURE KEHLEN DURCH UNSER EINSCHLAFLIED EUER BLUTEN SCHNAPPEN RÖCHELN
MOSLEMVOTZEN SINGT UNS VOM MOND
RRRR RRRR Sturmgepäck. Fettiges Haar. Schwarze Zähne. Fleischkonserven. Warum denn
Ich bin Moslem
Das werden die nicht tun
Ich stand auf und stellte mich neben ihn
So stand ich neben ihm,sechs Stunden wach,das Bajonett griffbereit unter seiner Decke
ICH SCHLITZ DICH AUF FETTE SAU
bis am nächsten Morgen ein Offizier die Rekruten aus dem Schlafsaal holte und mich
mit den Schnapsflaschen
Fettigen Haaren
SCHNEID DICH AUF
Leeren Fleischkonserven
DIE AUGEN ZUERST
Zähnen
DEINEN SCHWANZ
Sturmgepäck alleine ließ.
ich schreie,poliere einem bärtigen die Fresse
ich scheiss auf euer land in dem alte votzen in nerzen tanzen/während ihnen ein kommunistenarsch märchen vom himmlischen serbischen volk auftischt/ich scheiss auf euer Land das immer sein maul hält/während präsidentensöhne mit segelohren zigaretten dealen und millionen verdienen/und meine brüder in sarajevo krepieren/ich scheiss auf euer land in dem goldkettchen pimmelärsche mit dicken jeeps meine altersgenossinnen ficken/während ich mir einen selber blase in meinem verfickten neubau vor MTV hockend/ich scheiss auf euer land in dem ich nie das meer sehen werde und mir höchstens nen tripper in der donau hole/ich scheiss auf euer land das keinen krieg führt nur jede woche seine kinder auf dem zentralfriedhoff stillheimlich verscharrt/ich scheisse auf euer land in kühlwagen mit der aufschrift jugoexport seine morde entsorgt/ich scheisse auf euer land in dem seine nationalspieler die hymne nicht mitsingen weil sie nicht wissen wie ihr verficktes Land gerade heisst/ich scheiss auf euer land in dem popen panzer beweihräuchern und angeschwulte papasöhnchen beim aufgeschäumten capuccino sich vorstellen sie wärn videokunstkacker in berlin/ ich scheiss auf euer land in dem meine mutter von der küchendecke hängt/krepiert vor trauer um nen verfickten menschensozialismus/ich scheiss auf euer land mit dem roten stern oder den vier heiligen s im kreuz/ich scheiss auf euer land in dem ihr eure kinder für euren verlogenen patriotismus dem tod verkauft/ich scheiss auf euern yugo und den fića und das meer und eure schlager und grandprix und den dinar und die dinara und die schönen frauen und die lauten trompeten und den fussball und den basketball und das brot und das salz und die erde und die sonne und das meer und den himmel und die demark und den euro und die flüsse und die berge und tito und milosevic und den burek und den jogurt und das vater und das mutterland/ich scheiss/ ich scheiss drauf/ich scheiss drauf/ich scheiss
zweiundzwanzig
eine nachricht von esad meinem freund aus prijedor
22 hieß das jahr da kam
das ende
das fieber
frass ein jahr noch eine milchstrasse
so hoch die zahl der kalten
die meere waren deswegen leer
ohne Menschen darauf oder darin
die Mutter der Vater der Sohn
noch erkannt am kiefer
für den kiefer
den billigen
holzkiste statt kalk und plastik
restwürde für Vater Mutter Sohn
herausgeklaubt nach Jahren
zwei jahre oder mehr seit das
fieber belacht das leben frass
herausgeklaubt nach Jahren
Vater Mutter Kind
aus fremder hand
hart der griff seit jahren
zweimeter fünfzig unter meeresspiegel
der rest ist erde
verklebt mit rot und braun
geronnene erinnerung
mein bahnhof bei PRIJEDOR unüberdachtes glück vor jahren
in den nächten fahre ich
am tage zähle ich
die langen stunden
bis zur nacht
nummerierte knochen und
halogensonnen an der grube
neben der drina,der spree
dem weltmeer ohne wärme
im traum zähle ich
silberne fernsehtürme in der puszta
sechs jahre alt fahre ich
nach Hause In den Süden zu
den partisanen mit bazooka und micky mouse
noch lacht mein
vater ohne krebs
in der blauen tüte
knochensplitter und ein
panninibild von gattuso
laut bericht des experten
wir öffnen die fenster
ak 47 grenzer glotzen
hundert köpfe glotzen
zurück auf bewaffnete
arbeitersöhne selber arbeiter
aber bei siemens oder bosch
das ist der Sprung von Qualität in quantität Marx und Peepshow oder geile Omas
der Sieg ist eine historische Norwendigkeit für peeping Tom und Sims und Bosch in die tote puszta
gesungen wird aus arbeitermündern
von Siemens Bosch und Scheer
das lied von tito
von unserer heimat
leuchtet im staub
neben der drina der spree
dem Weltmeer ohne wärme
unter der schwarzen erde
versteckt und kalkweiss
knochen und kiefer
niemand lacht mehr
im sommer Zweiundzwanzig
nach dem fieber
besuchte ich die meine
freunde in der siedlung
ankunft ungewiss
in den nächten fahre ich
am tage zähle ich
wenn s fast nicht mehr geht
tanze tanze tanze im club wo sonst
moldawierinnen für herrenmenschen
an stangen kleben,denen gefällts
erinnert sie an den mai in višegrad
als sie ihre klassenkameradinnen
aus der 11b im hotel RUZA NA DRINI
sonne mond und sterne in brust und geschlecht schnitten,deren haut nun ihr liebesbaum vom park am fluss
ESMA AZRA JASMINA LIEBT STEVO PETAR NIKOLA
trägt die haut für immer ewig
ROSEN VON DER DRINA
ich tanze den solopogo
in der disco in der ich 84 tanzte
diesmal allein der rest spricht italienisch
rufe meinen schönen toten zu:
springt
allein solange
die kraft reicht
für drei
ausgewählte lieder
beim letzten sprung
träumtdavon
mit dem kopf
die discokugel
die falsche sonne
ja!
sie splittert über uns
tausendsplitter um
zu zerschmettern
unseren Kranken leib
im leeren saal
und dann spielten sie
šal od svile von haustor
die betten schon seit wochen
jahren kalt
leer,kalt das gestärkte laken
was drauf lag nun wurmfrass
unter die lehmerde gebaggert
an der drina einst weltmeer dank nobel
im Jahr einundwanzig nach
dem fieber
Traum.
Ich fliege nach Bosnien
Ich muss nach Sarajevo. Ein riesiges rostiges Schiff liegt mitten in Sarajevo -ein gestrandeter Hochseedampfer in der schmalen Miljacka färbt mit rostfarbene Wasser die Stadt ein. Ich muss ein Buch für ein Projekt in der Stadt suchen. Leute rennen weg, wenn sie mich sehen. Ich betrete die Cevapcinica und frage nach meinem Cousin, der während des Krieges getötet wurde, mitten in Sarajevo und ich kann ihn nicht finden, den Mörder meines feinfühligen friedfertigen Cousins aber ich lecke trotzdem lustvoll das beste Karamelleis (so wurde es in den 90ern im Schaufenster angepriesen, als ich das letzte Mal in Sarajevo war) und dann töte ich den Konditor...den freundlichen,weltmeisterlichen Eismacher.
Ich gehe die Marschall Tito Strasse entlang, ich zähle fünf Kugeln, ich habe noch fünf.
Ein Mädchen kommt auf mich zu und küsst mich.Ich erkenne sie und töte in selben Moment einen Mann neben ihr,
Ich glaube, er hat meinen friedfertigen Cousin gerötet, zur Happy Hour an einem Freitag im April 1994. Ich renne zu dem rostigen Schiff, es liegt im Herzen von Sarajevo gegenüber vom Opernhaus
aus dem seit seiner Eröffnung 1869 nie wieder Musik erklang.
Plötzlich bin ich am Meer, der Adria.
Mein Schiff liegt nun inmitten vieler Schiffe
Sie sind alle Wracks,unter ihnen färbt sich
rotbraun das Meereassee,der Schlamm. Inschriften auf Schiffen.
Koreanisch.
Ich frage mich.
Warum:
Ich habe nur zwei Kugeln.
Ich weiß nicht, wo und wann ich getötet habe.
Ich bin froh, dass das Meer wieder blau wird, nur die Schiffe ändern sich nicht, sie faulen in stiller See.
Ich schaue zum ersten Mal in den Himmel und ich weiß genau an diesem Nachmittag
im Juli in R. 1987 dass es einen Krieg geben wird Ich zähle die Kugeln.
Ich habe keine Kugeln mehr
weiß nicht wen ich getötet habe
wann und warum. Verrückt vor Unwissenheit.Ich glaube mich selbst, aber es gibt kein Blut
Der Kopf hat kein Loch, alles ist da.
Töte mich selbst, nichts bemerkt.
unter der Nachmittagssonne
Die Schiffe liegen still ...rostbrauner Schlamm du hast nach mir gefragt, hast dich gesetzt
auf den weissschwarzen Zaun.
Wann
kommt Mischa
Ich wache auf.
Der dritte Traum ...
ein Ozean ohne Himmel
in den Eingeweiden des Schiffes
jemand weint im Panzer
rotbraun das Meerblau,Schlamm. Inschriften auf Häusern
Ich frage
Warum:
Nur zwei Kugeln.
Ich weiß nicht, wo und wann ich getötet sagt Esad
Sei froh, dass das Meer wieder blau wird, nur die Schiffe ändern sich nicht,
sie faulen in stiller See.
Sagt er mir. Flugzeuge.
Ich schaue zum ersten Mal nach zwei Wochen in den Himmel und ich weiß genau an diesem Nachmittag im Juli 1991 dass es einen Krieg geben wird
Ich zähle die Kugeln.
Ich habe keine Kugeln mehr
weiß nicht, wen ich getötet habe,
Ich glaube mich selbst.
Töte mich selbst, nichts bemerkt.
unter der Nachmittagssonne,nur Traum nur Traum Die Schiffe liegen still ...rostbrauner Schlamm Esad
du hast immer nach mir gefragt,in unseren sommern hast dich hingesetzt
auf den weissschwarzen Zaun.
in unseren Sommern
Wann
kommt
S
fragst du zart meine oma
mein bester Freund
halb deutsch halb unser,halb meiner
Ich wache auf
ohne Himmel
in den Eingeweiden
des Schiffes,
jemand weint.
Militärgefängnis Sarajevo 1987
Der OFFIZIER schlägt mir ins Gesicht
wie ein faules holz
treibst du vor dich hin
die sonne über dir wärmt
nicht mehr
zu tief
die löcher darin
vollgesogen
stehend
das wasser
fault alt
mit den jahren in die seitenlage
geraten treibst vor dich hin
bis eine zarte hand dich greift
innen zu
aussen
wendet
dich wärmt
ihre hand nun sonne
in meiner fresse
schlägt mir mit dem hammer
made in bugojno jugoslavija
die zähne aus dem mund
ich bin nun faules holz
das treibt nur so
vor sich hin
unter kalter sonne
ich wache auf im militärgefägnis
pale bei sarajevo
budi mi sjećanja
izadji iz mene
das licht geht nie aus
weiss die neonsonne
unter ihr liege ich faules holz
treibe vor mich hin
zwei rippen gebrochen
die hoden faustgross
die antworten falsch
die schläge gekonnt
die sonne über mir wärmt
nicht mehr
zu tief
die löcher
ich hoffe auf eine zarte hand
die mich greift
das innen und aussen wendet
es wärmt die hand
wie eine sonne
die tür geht auf
an diesem tag
werden noch zwei rippen
brechen knacken
wie faules holz
darin das wasser
fault alt
im august 1987
sarajevo erinnerung aus kristall
sarajevo gemacht aus schlamm
und schnee
izadji iz mene
izadji iz mene
der OFFIZIER wollte Sterne sammeln mich enttarnen als eingeschleusten Spion des militärischen Abwehrdienstes der NVA bringt ihn weg er fault schon dafür kriegen ich nur noch einen halben
Stern. Sein grösster Spaß war mich zwischen den Verhören grün und blau GESCHLAGEN GERSPUCKT
in die Kantine des Militärgefängnisses zu schicken das bier danach nannte er es wir tranken Bier
redeten über Partizan Belgrad unseren
Lieblingsverein ARMEESPORTVEREIN
Auf einem der Biergänge konnte ich unbeobachtet von einem Münztelefon aus AUS meinen Opa in Belgrad anrufen, sein Partisanenkurier war Generalsstabschef der jugoslawischen Volksarmee
und ich am nächsten Tag frei, der Offizier sitzt jetzt in Norwegen lebenslänglich:
Srebrenica.
1991 ein rotes Hochhaus
in Belgrad
Vier Uhr am Morgen
Bist du
Ja
Zieh dich an
Warum
Halts Maul
Leck mich
Pass auf Votzenfresse
Unterschreib
Leck mich
Würden Sie bitte unterschreiben
Gerne
Ich komme nicht mit
Halts Maul
Entschuldigen Sie,wir sind schon fünf Stunden unterwegs Ich verstehe das schon.Einen Kaffee,Kinder Nein danke
Wir müssen weiter,zieh dich an
Ich komme nicht mit
(flüstert) Wenn du nicht willst,das wir dir vor deiner zauberhaften Grossmutter in die
Eier treten,deine Pimmelfresse korrigieren und alle Knochen brechen ziehst du dich
jetzt an,Votze
Sascha bitte
Entschuldigen Sie,wir sind schon sehr lange auf den Beinen Doch lieber einen Tee,Kinder.Kamille vielleicht
Nein danke
Brauchst nur Hemd und Schuhe anziehen,Pyjamahose kannst du anbehalten In spätestens einer Stunde hast du sowieso eine Uniform an.
Genau um drei Uhr Morgens standen zwei Militärpolizisten in meinem Zimmer,einer richtete seine Taschenlampe in mein Gesicht,während der andere mit einem zerknautschten Zettel vor meinem Gesicht herumfuchtelte.Ich wusste genau was für ein Zettel das war,wegen diesem Zettel schliefen alle meine Freunde schon seit einer Woche nicht mehr zu Hause,oder ließen sich von ihren Eltern vor den nächtlichen Besuchern verleugnen.Meine Großmutter verleugnete mich nicht.Sie bat die Militärpolizisten in die Wohnung und führte sie direkt in mein Zimmer
Ich bin so stolz, dass sie meinen Enkel, den Sascha Liesst gerne die Schwuchtel
Hier steht Regiestudent.Filmregie?
Nee,Theater
Kennste Cveja,Gagi,Miki?
Ja.Nein.Ja.
Beeil dich, jetzt noch die Schuhe
Hinter ihrem Rücken sah ich meine Großmutter vor Glück weinen.
Kannst sie im Bus zuschnüren
Ich stand mit den beiden Militärpolizisten vor einem Reisebus der Firma Lasta(Die Möwe) und Blut tropfte auf meine Pyjamahose.
Im Fahrstuhl haben Sie mir siebenmal auf die Fresse geschlagen.
Für jedes abgefahrene Stockwerk einmal.
Die Reisebusfenster waren grossflächig mit schwarzer Folie verklebt.
Die beiden Militärpolizisten stießen mich in die blinde Möwe.
Sieben armselige Gestalten,wie ich, nur in T-Shirt und Pyjama gekleidet,
mit aufgedunsenen Gesichtern, blutigen Nasen und schwarzblauen Augen sahen mich an.Ich stand vor dem schwarzen Monolithen,unter mir wuchs ein kleiner roter See,der Rauch der Sarajevoer Marlboro von den Militärpolizisten stieg in meine zertrümmerte Nase und ich hatte keine Lust mehr aufs Leben
JULI 91
Eine Panzerhalle in Belgrad darin ein Stück Fleisch
nutzlos und nackt
das Maschinenöl
unter den Füssen die Pisse, schwarzes Benzin
es riecht nach Maschinen
hinausgefahren
stählernes Bienenvolk
brüderlich gebaut in Panzerhallen
die nun Augen schneiden
Glieder schleifen
In der Betonhalle darin einStück Fleisch unter den Füssen die Pisse, schwarzes Benzin hat seinen Namen vergessen seine Orte die Warmen
an den Meeren den Busen
den geliebten
vergessen
In der Betonhalle darin ein Stück Fleisch unter den Füssen die Pisse, schwarzes Benzin nackt und hofft
das Regen fällt aus dem Stein
Betonhimmel öffne dich
fall auf mich
kalt
dass die Lunge brennt
Krankheit mich erlöst
In der Betonhalle darin ein Stück Fleisch unter den Füssen die Pisse,schwarzes Benzin steht schon Stunden dort
seit die Maschinen auf Reisen gingen
kein Tropfen fällt
trocken die Haut
die Lunge atmet
In der Betonhalle darin ein Stück Fleisch unter den Füssen die Pisse, schwarzes Benzin die Uniform neben ihm olivgrün sein Pyramidenbau
zu Belgrad im regenlosen
Juli
In der Betonhalle stehe ich
und ziehe das olivgrün an
steige in den Panzer
nebo plavo je
-
MÜLLER EINE CHRONIK
NEUNZEHNFÜNFUNDVIERZIG
NEUNZEHNFÜNFUNDNEUNZIG
TUPPA UND PEPE
(liebesduett heiner inge.lyrik auf lyrik.inge spielt weltmeisterakkordeon
der sozialismus wird aufgebaut.bunt nun kriegsgraue welt)
INGE
33 war ich ein gläubiges Kind meine Eltern warn gut und fleißig
erwachsen wurde ich 39 als der Krieg anfing
45 war jeder ein Greis, ich wollte nicht leben und nicht sterben
In den Trümmer 45 da fand ich mich
Und band mich in ein Tuch
Ein Knochen für Mama
Ein Knochen für Papa
Einen in dies Buch
Ich sah die Welt in Trümmern, ich sah den Tod und die Gewalt
noch eh ich jung war war ich alt, ich lernte Tote bergen lernte weinen ohne Tränen
Ich hab auch im Zuchthaus gesessen drei Tage im Keller wegen Wehrkraftzersetzung
Ich wollte das Eiserne Kreuz nicht nehmen
Für Selbstverständlichkeit Blutende und Sterbende nicht so Krepieren lassen
Ich wollte das Kreuz nicht
An dem Keller trag ich noch immer Schwer.
Schreiben wollt ich Farben finden
MÜLLER
Worte verstehn
INGE
Lieben
MÜLLER
Sehn
INGE UND MÜLLER
Weitergehn.
INGE
Wer ist hinter mir her?
MÜLLER
Der Krieg hat aufgehört.Hinter den Bäumen schwimmt die letzte Wolke rötlich
INGE
Wir trafen uns im Kreis von Schreibern und solchen die es werden wollten
Du hocktest da wie ein Greis
ALLE RUFEN:
JAZZ UND LYRIK!
(Jazzrythmen. Poetry slamming in der Haupstadt der DDR.Politische Gedichte.Sonja die Sanitäterin nebelt den weißen Raum ein.Die DDR ein Jazzland)
DAS IST UNSER KOMMUNISMUS
I
Gegen mittag der Bauplatz, die neue Schönere Landschaft Schornsteine. Montagehallen. Stahl und Beton. Erde, aufgerissen, Berge, versetzt mit Maschinen und Händen, Lärm und Staub.
II
Die Alten sammeln hier Reisig Fünf mal hundert Jahre lang Hier werden die Brikettfabriken stehen in Fünf Jahren und die neuen Kraftwerke. Hier ist Schönheit.
III
Der Folterer Barbiewar der Erfinder der Barbiepuppe.
IV
Hinter dem Traumwald der zum Sterben winktSah mein Gesicht mich an: das Kind war ich.
V
der Genosse Stalin ist mein Vater
ich bin ein träumendes Kind
mein Traum vom Kommunismus beginnt in Leuna 1920
VII
INGE UND HEINER
HEINER
so habe ich Inge kennengelernt
sie war mit einem zirkusdirektor verheiratet
INGE
nicht mehr lange
HEINER
ihr dürft meinen rasen nicht betreten
brüllte er noch der
ALLE
IM BEROLINA
HEINER
deine scham sein kundschafterversteck
ich hab nen schwanz sagt inge
ALLE
ZEIGMAL
INGE
ist mir im krieg gewachsen
wie meine trauer
ein dunkles tier
HEINER
wir haben zuviel geraucht
ALLE
UNSER VEREINIGUNGSPARTEITAG
INGE
belomorkanal ost
HEINER
lucky west
INGE
in der mitte kinobesuch roten Wddimg
ALLE
JOHN WAYNE ERSCHIESST ADENAUER
INGE
am lehnitzsee rauchen
weit der himmer die sterne hoch zum greifen nah
HEINER
wie majakowski sterben
ALLE
DER SCHUSS
INGE
ja oder mandelstam
ALLE
DER STRICK
HEINER
zuwenig gelesen LOS TUPPA lies schneller
INGE
Rosow Simonow Babel Charms Mandelstam
ALLE
ACHMATOWA
HEINER
na ja
INGE
ach komm heiner
wir gingen jeden tag tanzen
jazz und lyrik
HEINER
cafe nord ganymed bei den jugoslawen in der kristallbar
UNSER JUGOSLAWISCHER TRAUM
INGE
Tito Selbstverwaltung der dritte Weg
SLJIVOVITZ und SOZIALISMUS
HEINER
mit freunden die welt umkreisen
laika sieht uns zu
EMIL
DARF ICH LAIKA SEIN
INGE
Möwe Kastanieneck Ratskeller
wolf peter und bettina thomas wolfgang
HEINER
nee Wolfgang spiel mal jetzt nich
bierdeckel voller träume
schauspeler ohne maske
INGE
müde warn wir nie
ALLE
DENNSOZIALISMUSVAUFBAUN
INGE
haben viel getrunken in langen nächten
ALLE
SCHNAPS WODKA BIER
HEINER
wir haben viel geliebt
bummsbummsbummsbummms
INGE
wir haben zu wenig geliebt
bummsbummsbumms
HEINER
wir haben viel gearbeitet
wieviel seiten hast du zehn ich zwanzig mist
INGE
wieviel seiten hast du jetzt hundert ich auch
ein vertrag
HEINER
volk und welt AAAH
vorschuss 500
INGE
hörfunk der ddr 1000 OOOH
ALLE
IST BESSER
INGE
neue wohnung in pankow
urra
HEINER
wir haben zuwenig geschlafen
urrra
INGE UND HEINER
wir schreiben kinderbücher gedichte lyrik pornogedichte
liebesgedichte hördramen dramendramen monidramen
ALLE
ROMANE NICH
HEINER
dauert zu lang der Kommunismus kann nich warten
INGE
keine zeit für den schlaf
Frage an den Hund im Kosmos WIE SIEHT DIE SACHE VON OBEN AUS
EMIL
Gut WUFF
HEINER
und alle rufen zum Mond junge Wöfe und Wölfinnen
ein gespenst geht um unser ABC des Kommunismus
… (tragen das bild rein)
wir haben mit freunden diskutiert
FREUNDE
Rb
Inge wie brauchen einfach eine neue Form des Lehrstückes
radikaler als Brecht
Ro
so was wie Weiss aber mit Jazz
Ju
Nicht die illustrative Wiedergabe von sozialistischer Realität
L
sondern ihre Widersprüchlichkeit aufzeigen und somit Probleme
aufzeigen
E
EIN GESPENST GEHT UM IN PANKOW huhuhu
Jo
HASTE MAL NE FLUPPE THOMAS
R
KLAR WEST OST
nee Wolf spiel mal nich
L
aber die Widersprüchlichkeit darf nicht zum Instrument der InfrageStellung unserer sozialistischer Positionen werden
B
Parteilichkeit und viele Songs
E
VODKA FÜR INGE UND DEN WOLF
JoNEE ICH HEUT NICH HAB MORGEN IN SCHWARZE PUMPE
übrigens haste mal zehn mark
E
NEE aber Bettina
Ju
unsere Stärke liegt in der Parteilichkeit von Kunst
Haltung klar machen Verfremden
das befindliche emotionale Melodramatisiween des BRD Theaters ist
F
nicht weit weg vom gefühlgedröhne eines Rühmann Goebbels oder
Heesters Waffen SS Strichjungencharme
F
ICH HAB SIE IN DEN BRAND GESCHOSSEN ALS VOLKSSTURMund in Schwerin die Straßen gefegt
nee oder war das in Waren
Das war so stumpf da im Norden
schon
L
Du kannst nicht die vorrevolutionäre Erfahrung eines Brecht in die nachkriegliche staatsrevolutionäre umserer Republikgründung überleiten
R
Die Macht des Proletariats ist eine junge ungefestigte,so muss unsere Kunst sein YOUNG AND WILD WIE DER WESTERN IM ZOOPALAST Neue LEVIS die machen wir selber im Kommunismus,
E
nee in Grimma
L
Jung ungefestigt jedoch parteilich und nicht dogmatisch in seinem nationalkommunistischen Utopismus
Rb
JETZT REICHTS MIR
J
WAS DEN THOMAS
THOMAS
RPanzer in rotem PRAG in unserm roten Prag
J
das ist Budapest 1956 du bist zu früh
mit deiner Ambition
DIE KORREKTUR
INGE HEINER
Die Korrektur unser erstes gemeinsames Stück
Ein Bericht
INGE
Vom Aufbau des Kombinats Schwarze Pumpe.
HEINER
Auftritt ein Brigadier: Bist du der Sekretär?
INGE
PARTEISEKRETÄRIN
Ja.
Was ist?
HEINER/BREMER
Ich heiße Bremer, bin Parteimitglied seit 1918, war im KZ bis 45, Funktionär bis vor acht Tagen. Die Partei hat mich in die Produktion kommandiert, weil ich einem Nazi in die Fresse geschlagen habe, der bei der Nationalen Front einen Posten hat. Und jetzt bin ich hier im Kombinat.
INGE/PARTEISEKRETÄRIN
Gut, Genosse Bremer. Du arbeitest im Abschnitt 6 als Brigadier.Du wirst Schwierigkeiten haben. Der Sozialismus wird nicht nur mit Sozialisten aufgebaut, hier nicht und wonders nicht, am wenigsten hier. Das Kombinat ist eine Großbaustelle, kein Musterbetrieb, und wir müssen schnell baun. Unsre Industrie braucht Strom und Kohle und braucht beides schnell. Du kommst nicht durch, wenn du dich nicht an die Partei
hältst.
HEINER/BREMER
Hier bist du die Partei, was?
INGE/PARTEISEKRETÄRIN
Die Partei hat mich hier eingesetzt. Du kannst mich kritisieren, wenn ich Fehler mache. Dazu gibt es Versammlungen. Auch dazu.
INGE
Auftritt des Arbeiters Franz K.
HEINER
lieber gleich die ganze Brigade
ein Tableau des Klassenkampfes
SCHAUSPIELER
Ich bin Bauarbeiter, rot seit 1918, seit 46 nicht mehr so. Ich habe mit der Wismut das Erzgebirge auf den Kopf gestellt, acht Stunden täglich, in Schächten one Sicherung, die jeden Tag absaufen konnten.
SCHAUSPIELER
Wer nicht mit dem Schacht absoff, soff ab im Schnaps. Wen der Schnaps nicht fertigmachte, den brachten die Weiber auf den Hund. Es war schwer, sich herauszuhalten: aus den Schächten, aus den Weibern, aus dem Schnaps.
SCHAUSPIELER
Jetzt hat sich das gebessert: die Schächte sind gesichert, und die Weiber sind verheiratet. Hier im Kombinat hab ich mir noch kein Bein ausgerissen.
HEINER
Szene Die Normenschaukel
INGE
Musik Jazz Auftritt Nazi
DER MAJOR
Komm auf die Schaukel Brigadir
FRANZ K
Er ist neu ,klär in auf Major
MAJOR
Das ist die Norm,gemacht von einem Streber.Die muss korrigiert werden.Also wird geschaukelt
Was wir nicht schaffen,schaffen wir auf dem Papier.Den Bleistift hast du.
BRIGADIER
Bei mir steht hundertzwanzig.Betrug kommt nicht in Frage.
MAJOR
Ich schlag dir aufs Maul du Kommunist
INGE
Wir arbeiten an der Erneuerung des sozialistischen Lehrstück
Epische Texte Jazz
HEINE
epische Spielweise
FREUNDE MIT LEHRSTÜCKEN.UMSIEDLERIN.LOHNDRÜCKER
SONJA:
ACHT JAHRE EINE NACHT
Wohnzimmer in Pankow. Bettina Wegner singt Schlager und wird von Fernsehreporter interviewt. Inge mit Akkordeon und Suff hat mit ihrem Blut ein Hakenkreuz gemalt.Sonja die sowjetische Sanitäterin verbindet ihr die Venen
BETTINA
singt
FERNSEHMODERATOR
So meine lieben Zuscahuer das war unsere zauberhafte Junge Bettina aus dem Vokalensemle
des Fernsehens der DDR (Originaltext folgt)
HEINER
Acht Jahre
Hör bitte auf
INGE
Du hast mich ausradiert
Umsiedlerin HMüller
Der Bau Heiner HMüller
Die Lohndrücker HMüller
Die Korrektur HMüller
MÜLLER
Hör auf zu saufen
INGE
Ich trinke
MÜLLER
Hör auf zu tanzen
INGE
Hier mein SELBSTBILDNIS ZWEI UHR NACHTS:Dein an der Schreibmaschine sitzen. Mein auf dem Boden liegen. Dein Blättern in einem Kriminalroman. Am Ende Wissen, was du jetzt schon weißt: Der glattgesichtige Sekretär mit dem starken Bartwuchs ist der Mörder des Senators und die Liebe des jungen Sergeanten der Mordkommission zur Tochter des Admirals wird erwidert. Aber du wirst keine Seite auslassen. Manchmal beim Umblättern ein schneller Blick auf das leere Blatt in der Schreibmaschine keiner zur Tür von meinem Zimmer.
Der Sergeant ist gerade dabei den zweiten Mord zu verhindern Obwohl die Admiralstochter hm (zum erstenmal!) die Lippen hinhält, Dienst ist Dienst an der Kopulationsfront.Nebenan träumt deine Frau von ihrer ersten Liebe. Gestern hat sie versucht sich aufzuhängen. Morgen wird sie sich die Pulsadern aufschneiden oder wasweißich. Wenigstens hat sie ein Ziel vor den Augen. Das sie erreichen wird, so oder so und das Herz ist ein geräumiger Friedhof. Die Geschichte der Fatima von deiner Frau im Neuen Deutschland war so schlecht geschrieben, daß du darüber gelacht hast. Der Krimi ist gelesen.Jetzt kannst du schlafen. Morgen ist wieder ein Tag.
HEINER
Du schreibst doch nur Kinderbücher,Kinderverse. Höchstens mal eine Revue für den Friedrichstadtpalast natürlich für Kinder. (nimmt Manuskripte liest vor)
Ach du grüne Neune Pittiplatsch wie willst du den Kosmonaut werden
So eine Scheisse
Verkrampft
Nicht zu Ende geschrieben,nicht zündend geschrieben
Meine Korrektur deiner Korrektur
Korrigier dein fettiges trauriges Haar
Das ist doch alles Scheisse
Jetzt spielt sie wieder deine Weltmeister
Die einzige Welt die du fassen kannst
SchwarzWeiss die Knöpfe fleissig üben die Töne,fleißig schreibst du auch
Und jetzt musst du mir beweisen,dass du gleichwertig und eigenständig bist als Autorin. Grotesk. Auf deiner Steuererklärung muss immer mehr einstehen an Einnahmen als bei mir,das ist alles zu unseren Ungunsten steuerlich gesehen…und wenn du mal was schreibst dann ist das immer mit Übereinsatz verbunden,mit Verkrampfungen
INGE
ICH SEH DICH SO AM SCHREIBTISCH SITZEN: GEBEUGT
Unter der Last deiner Gedanken, ausruhend von den hetzenden Träumen der zu kurzen Nächte,
ein Vogel auf dem Fenstergitter stört dich, sekundenlang ist da die Angst der Neugeborenen in deinen Augen und du greifst nach dem Bleistift wie nach meiner Hand (Wie ich nach deiner greife. Manchmal.) Und ich sag dir wie der Vogel heisst.Und wie er singt. Du schreibst es auf.
Beruhigt malst du dein Gesicht auf eine Streichholzschachtel und nimmst eine neue Zigarette und schreibst mit unserm Blut die Chronik dieser Zeit.
MÜLLER
Acht Jahre schneide ich dich schon vom Strick, hol dich vom Balkon aus fremden Betten
INGEMÜLLER SCHLÄFT WENN ER MÜDE IST
MÜLLER ISST WENN ER HUNGRIG ISTARBEITET WENN ER KANN.MÜLLER LEBT WIE ER MUSS,ABER ER MUSS NICHT WAS WIR MÜSSENMiete zahlen Mittag machen Wäsche kochen
Der Majakowski mitgekocht nur noch Brei in meinen Händen
meine Lyrik schrumpft bei 60 Grad dass deine Schlüpfer glänzen
ich wechsel die Männer wie du deine Sujets
schaffst zehn Seiten am Tag
ich nur einen halben Sprung
vom Balkon
weit ist der Himmel
MANFRED KRUG
Sag mal Heiner du hast da einen neuen Text
HEINERDer Bau,es geht da um einen Brigadier Balla
zitiert aus DER BAU
MANFREDdit wirdn Film
UNTER TRÜMMERN
MÜLLER
Inge hör auf
Inge bitte
INGE
Zwei Seiten Hörspiel
Zehn Seiten Kinderbuch
ich möchte jetzt dass dieser Text gesprochen wird.verdammte scheisse
dieser Text ist mir sehr wichtig
wirklich wichtig, scheisse
also sprechen spielen wir den jetzt
sofort ich kann nur noch heulen
träume vom krieg nazis auschwitz
und meiner weltmeister und dem verkehr danach in Lichtenberg oder Pankow mit X Y Z unbedingt ein Genosse der Mutterschoß meine sozialistische Heimat unter Trümmern
DIESER TEXT HIER IST Sozialistisch UND MIR SEHR WICHTIG mein Sozialismus Kommunismus MEIN FRIEDEN NACH DEM KRIEG:
DIE WEIBERBRIGADE Auftritt vier Frauen in Schwarze Pumpe…
bin ein zirkusloch das aus den trümmern kroch und nehme alles
das nich nazi war und jünger als ein SS panzersoldat von großdeutschland
ja, schreib nur mitkorrigier kuratier mich,dramatisier mich
heiner,lies meine sätze heimlich in der Nacht unter Bauhauslicht
in der Nacht..wir stopfen uns die Münder mit unseren Geschlechtern
nehmen sie in Mund
in jeder Öffnung explodieren
das muss reichen für Frau Mann
die Sätze für AUFBAU VOKLK UND KINDERBUCHVERLAG sind unser Flaschen Pfand ,ich schenk dir meine Prologe
ich borge deine Epiloge
das dazwischen ist verloren gegangen
Geh und denk dir schöne Sätze aus
hinter abgeschlossener Tür ausgeschieden
(Inge spielt schweigt und spielt Akkordeon.Nachtkrieg.Nachtgeister, vier Frauen.)
SONJA(verbindet)
Wir lagen zwischen Moskau und Berlin
Im Rücken einen Wald ein Fluß vor Augen
Zweitausend Kilometer weit Berlin
Einhundertzwanzig Kilometer Moskau
In Schützenlöchern aus gefrornem Schlamm
Und warteten auf den Befehl zum Einsatz
Und auf den ersten Schnee Und auf die Deutschen Tags hörten wir die Front nachts sahn wir sie Die Deutschen hatten was wir brauchten Panzer
Flugzeuge den Hochmut der Sieger Meine Soldaten hatten Angst und wenig mehr
Angst ist die Mutter des Soldaten und
Der erste Schnitt geht durch die Nabelschnur Und wer den Schnitt verpaßt stirbt an der Mutter Meine Soldaten kamen von der Schule Im Kino hatten sie den Krieg gesehn
Ich war ihre Kommandeurin und meine Angst war
Die Angst vor ihrer Angst Und näher kam
Die Front und von der Front die Deserteur
Wo kommt ihr her Genossen
Aus dem Kessel
INGE/J
Unterm Schutt lieg ich
der Himmel fiel auf einmal um 45
ich lachte und war blind
Und war wieder ein Kind
unterm Schutt
Im Mutterleib wild und stumm
Mit Armen und Beinen die ungeübt stießen und griffen und liefen Bilder ringsum
Kein Boden kein Dach
Was ist - verschwunden
Ein Atemzug Stunden
Ein Augenblick hell wie im Meer
Da klopft einer Den Globus her!
Daß ich mich halte Brücken Land Pole Millionen Hände brauch ich
Mich trägst du nicht, Tod, ich mach mich schwer
Bis sie kommen und graben bis sie mich haben
Du gehst leer.
SONJA
Der Deutsche Habt ihr ihn gesehn Wie kämpft er
Ein Horizont aus Panzern ist der Deutsche
Der auf dich zufährt So Ein Himmel aus
Flugzeugen ist der Deutsche Und ein Teppich
Aus Bomben der sich über Rußland legt
Es gibt sie nicht mehr die Rote Armee
Wenn wir geschlagen werden und ich wußte
Geschlagen werden wir nicht von den Panzern
Von keinem Flugzeug oder Bombenteppich
Was uns schlägt ist der General der Angst heißt
INGE/Ro
Unterm Schutt unterm Gebell der Eisenrohre lag ich
Schon im Griff der Erde und wachte auf als IRGENDWO im Herz der Kontinente
Rauch Aufstieg aus offenem Meer
Heißer als tausend Sonnen war kälter als Marmorherz
auf sechzehn Füßen EIN BERGUNGSTRUPP DER ROTEN ARMEE
ging ich in die Mitte genommen den ersten Schrittt gegen den Staub
Ich lebe und der Hund der an den Knochen meiner Eltern nagt
in den Trümmern von Berlin 45
INGE/Ju
In den Gaskammern
Erdacht von Männern
Die alte Hierarchie
Am Boden Kinder
Die Frauen drauf
Und oben sie
Die starken Männer Freiheit und democracy.
Ein Blick von einer Macht zur andren Macht. Von einer Nacht in die andre Nacht Und dazwischen: vide! (Ich sehe) Da nehm ich mir lieber einen Fetzen Blau Vom Himmel
Daß er schwarz dahinter ist weiß ich wenn ich weine
Ich seh ihn,
Und dann weiß ich nicht wie er war.
INGE/L
Flüchtlinge vorm Leben.
Was haben wir zu geben?
Flüchtlinge. Alle.
Gewalt.
Das war schon; viele wurden trotzdem alt!
Wieviele sterben Bis wir uns aufheben.
Hand vor Hand
Und Fuß vor Fuß
Männer brauchen Krieg
Der Verlierer braucht den Sieg
Der Kopf stirbt unterm Muß.
Das Chaos
Was fängt an?
TODESANZEIGE
(viermal müller viermal inge köpfe in gasherden.sonja die sowjetische sanitäterin legt eine platte auf.eher etwas russisches.)
H/J
Sie war tot, als ich nach Hause kam.
Sie lag in der Küche auf dem Steinboden, halb auf dem Bauch, halb auf der Seite, ein Bein angewinkelt wie im Schlaf, der Kopf in der Nähe der Tür.
Ich bückte mich, hob ihr Gesicht aus dem Profil und sagte das Wort, mit dem ich sie anredete, wenn wir allein waren.
Ich hatte das Gefühl, daß ich Theater spielte.
Ich sah mich, an den Türrahmen gelehnt, halb gelangweilt halb belustigt einem Mann zusehen, der gegen drei Uhr früh in seiner Küche auf dem Steinboden hockte, über seine vielleicht bewußtlose vielleicht tote Frau gebeugt, ihren Kopf mit den Händen hochhielt und mit ihr sprach wie mit einer Puppe für kein andres Publikum als mich.
H/E
Ihr Gesicht war eine Grimasse, die obere Zahnreihe schief in dem aufgeklapp ten Mund, als ob der Kiefer ausgerenkt wäre. Als ich sie aufhob, hörte ich etwas wie ein Stöhnen, das mehr aus ihren Eingeweiden als aus ihrem Mund zu kommen schien, jedenfalls von weit.
H/R
Ich hatte sie schon oft wie tot daliegen sehen, wenn ich nach Hause kam, und aufgehoben mit Angst (Hoffnung), daß sie tot war und der schreckliche Laut klang beruhigend, eine Antwort. Später klärte mich der Arzt auf: Eine Art Aufstoßen, durch die Lageveränderung bedingt, ein Rest von Atemluft, vom Gas aus den Lungen gepreßt. Oder ähnlich.
H/F
Ich trug sie ins Schlafzimmer, sie war schwerer als gewöhnlich, nackt unter dem Morgenrock. Als ich die Last auf der Bettcouch ableg te, fiel ihr eine Zahnprothese aus dem Mund. Sie mußte sich, in der Agonie, gelockert haben.Ich wußte jetzt, was ihr Gesicht entstellt hatte. Ich hatte nicht gewußt, daß sie eine Zahnprothese trug.
H/E
Ich ging zurück in die Küche und stellte den Gasherd ab, dann, nach einem Blick auf ihr leeres Gesicht, zum Telefon, dachte, den Hörer in der Hand, an mein Leben mit der Toten bzw. an die verschiedenen Tode, die sie dreizehn Jahre lang gesucht und verfehlt hatte, bis zu der heutigen erfolgreichen Nacht.
H/R
Sie hatte es mit einer Rasierklinge probiert: als sie mit einer Pulsader fertig war, rief sie mich, zeigte mir das Blut. Mit einem Strick, nachdem sie die Tür abgeschlossen, aber, mit Hoffnung oder aus Zerstreutheit, ein Fenster offen gelassen hatte, das vom Dach aus zu erreichen war. Mit Quecksilber aus einem Fieberthermometer, das sie, für diesen Zweck, zerbrochen hatte. Mit Tabletten. Mit Gas. Aus dem Fenster oder vom Balkon springen wollte sie nur, wenn ich in der Wohnung war. Ich rief einen Freund an, ich wollte immer noch nicht wissen, daß sie tot war und eine Sache der Behörden, dann das Rettungsamt.
KRANKENSCHWESTER SONJA:
SIND SIE WAHNSINNIG MACHEN SIE SOFORT DIE ZIGARETTE AUS TOT SIND SIE SICHER JA SEIT MINDESTENS ZWEI STUNDEN ALKOHOL DAS HERZ HABEN SIE NICHT GEMERKT DASS IHRE FRAU WO IST DER BRIEF WAS FÜR EIN BRIEF HAT SIE KEINEN BRIEF HINTERLASSEN WO WAREN SIE VON WANN BIS WANN MORGEN NEUN UHR ZIMMER DREIUNDZWANZIG VORLADUNG DIE LEICHE WIRD ABGEHOLT AUTOPSIE KEINE SORGE MAN SIEHT NICHTS.
H/R
Warten auf den Leichenwagen, ins Nebenzimmer gehen (dreimal), die Tote NOCH EINMAL ansehen (dreimal), sie ist nackt unter der Decke. Wachsende Gleichgültigkeit gegen Dasda, mit dem meine Gefühle (Schmerz Trauer Gier) nichts mehr zu tun haben. Die Decke wieder über den Körper ziehen (dreimal), der morgen aufgeschnitten wird, über das leere Gesicht. Beim drittenmal die ersten Spuren der Vergiftung: blau. Zurück ins Wartezimmer (drei mal).
H/Jo
Mein erster Gedanke an den eigenen Tod 1945
Nachtmarsch auf dem Bahndamm in Mecklenburg, in zu engen Stiefeln und zu weiter Uniform: die dröhnende Leere. HÜHNERGESICHT. (Inges stehen auf,umringen die Lebenden)
Irgendwo auf dem Weg durch den Nachkrieg hatte sie sich an mich gehängt, eine dürre Gestalt im schlotternden Militärmantel, der am Boden nach schleifte, eine zu große Feldmütze auf dem zu kleinen Vogelkopf, ein Kind in Feldgrau. Trottete neben mir her, stumm, ich kann mich nicht erinnern, daß sie ein Wort gesagt hätte, nur wenn ich schneller ging, sogar lief, um sie abzuschütteln, stieß sie zwischen keuchenden Atemzügen kleine klägliche Laute. Wie Hundeheulen.Nie war mein Wunsch, einen Menschen zu töten, so heftig. Ich erschlug sie mit seinem Feldspaten.nicht einmal als sie das Spatenblatt kommen sah, brachte sie einen Schrei zustande. Sie hat in meinen Träumen keinen Platz mehr, seit sie ihn getötet habe (dreimal)
INGE (vier Frauen,schwärzen die Welt.Terror)
Ich bin Die die der Fluß nicht behalten hat.
INGE/Ju
Die Frau am Strick
INGE DREI/R
Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern
INGE VIER/L
Die Frau mit der Überdosis
ALLE
AUF DEN LIPPEN SCHNEE
INGE/Je
Die Frau mit dem Kopf im Gasherd. Gestern habe ich aufgehört mich zu töten.
INGE/Ju
Ich bin allein mit meinen Brüsten meinen Schenkeln meinem Schoß.
INGE/L
Ich zertrümmre die Werkzeuge meiner Gefangenschaft den Stuhl den Tisch das Bett.
INGE/R
Ich zerstöre das Schlachtfeld das mein Heim war.
INGE/J
Ich reiße die Türen auf, damit der Wind herein kann und der Schrei der Welt.
INGE/L
Ich zerschlage das Fenster. Mit meinen blutenden Händen zerreiße ich die Fotografien der Männer die ich geliebt habe und die mich gebraucht haben
INGE/R
auf dem Bett auf dem Tisch auf dem Stuhl auf dem Boden.
INGE/Ju
Ich lege Feuer an mein Gefängnis. Ich werfe meine Kleider in das Feuer. Ich grabe die Uhr aus meiner Brust die mein Herz war. Ich gehe auf die Straße, gekleidet in mein Blut.
INGE I-IV
Hier spricht Elektra Ophelia Tuppa Inge im Herzen der Finsternis.
Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer.
Ich stoße allen Samen aus, den ich emp-fangen habe.
Ich verwandle die Milch meiner Brüste in tödliches Gift.
Ich nehme die Welt zurück, die ich geboren habe.
Ich ersticke die Welt, die ich geboren habe, zwischen meinen Schenkeln.
Ich begrabe sie in meiner Scham.
Nieder mit dem Glück der Unterwerfung.
Es lebe der Haß, die Verachtung, der Aufstand, der Tod.
Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.
SONJA
PANZERGERÄUSCHE.RAUCH.WÄNDE WERDEN ZU FLUGBLÄTTERN.ROLLING STONES UND DUBČEK.PAVEL IM AUTOREIFEN.EIN MENSCH BRENNT.
PRAG 1968.CHILDREN OF THE REVOLUTION.THOMAS VERSUCHt EINEN FEUERMENSCH ZU LÖSCHEN.EINE SOWJETISCHE SOLDATIN REGELT DEN PANZERVERKEHR.(sie tut es) BETTINA SINGT EIN LIED FÜR PRAG.
DER FINDLING
THOMAS
Heiner die Russen in Prag
Wir müssen was unternehmen
MÜLLER
Du ich bin in grad Bulgarien, ich kann dazu jetzt nichts sagen
Ich rede gerade mit afrikanischen Studenten in einer Bar
THOMAS
Heiner, Russenpanzer im Roten Prag
BETTINA
Russen raus aus Prag
THOMAS
Heiner du musst dich äußern
HEINER
Nee ich hab wirklich gerade Urlaub
in Bulgarien, ist wirklich billig und ich bin pleite
BETTINA
Es lebe Dubcek
THOMAS
Heiner das ist das Ende unseres Traumes
HEINER
Nee du Thomas,ist gerade spannend was die afrikanischen
Studenten gerade erzählen,über ihren Befreiungskampf
THOMAS
Stalin lebt
Russen raus aus Prag
B
Singt weiter
THOMAS
Vater
VATER
Weißt du was du getan hast
Hier hast du Wohnung Arbeit Sicherheit
Dort gilt der Mensch nichts nur das Kapital
Leichen im Keller und Geld auf der Bank Leichen mit Davidstern In Braun In Feldgrau
Zerbrochen von Metall Zerkocht in Panzern Rauch aus dem Schornstein Staub im Bombenteppich
Das jüngste Grab bewohnt der Kindertraum
Von einem Sozialismus ohne Panzer
Und pflegen ihre Gräber Hunde Katzen
Und ihren Kontostand Bunt ist die Leiche
Ins Paradies kommt wer es kaufen kann
THOMAS
Es regnete als ich vor seiner Tür stand
Hand auf dem Klingelknopf ein nasser Hund
Ich sah nur seinen Schatten Licht im Rücken
VATER
Weißt Du wie spät es ist Es gibt noch Leute
Die brauchen ihren Schlaf für ihre Arbeit
Und deine Mutter Du weißt daß sie krank ist
Es interessiert dich nicht das weiß ich auch
Und was an ihrem Leben frißt bist du
THOMAS
Sie sind hinter mir her Das Flugblatt Er fragte nicht Wer und Was für ein Flugblatt
VATER
Du bist betrunken Geh Schlaf deinen Rausch aus Gegen den Einmarsch der Bruderarmeen
THOMAS
Ich hab auch einen Bruder in Prag Das heißt Ich hatte einen Bruder
in Prag Ein Haufen Asche ist er jetzt
Ein Knochenbündel und ein Brandgeruch
Er hat sich selbst verbrannt in Prag mein Bruder
VATER
Verrückte gibt es überall
THOMAS
Verrückte
Ich weiß wer hier verrückt ist
VATER
Weißt du das
Dann weißt du auch was jetzt passieren wird
Ich bin nicht irgendwer Du bist es auch nicht
Wenn ichs auch wollte Ich kann nicht so tun
Nicht vor mir selber nicht vor der Partei
Als hätt ich dein Geständnis nicht gehört
THOMAS
Geständnis sagte er Und ich Geständnis
Wenn einer hier gesteht dann bist es du
Genosse Vater Und mein Vater nicht
Wie oft hab ich gewollt du wärst mein Vater
Statt der Genosse der mich adoptiert hat
Mein Feind in jedem Stellvertreterkrieg
Den ihr geführt habt im Namen der Sache
Krieg gegen lange Haare Jeans und Jatz
Mit Händehoch im Polizeirevier
Gesicht zur Wand und stehen bis du umfällst
Was eure Sache ist weiß ich jetzt auch
Mit Panzerketten auf den Leib geschrieben
Habt ihr sie UNSERN MENSCHEN eure Sache
VATER
Zieh deinen Mantel aus Du bist durchnäßt
Zieh meine Jacke an Sie paßt dir Oder
THOMAS
Ich glaub nicht daß mir deine Jacke paßt
VATER
Du warst meine Zukunft Alles haben wir
In dich hineingestopft Das ist der Dank
Das Hakenkreuz in Leipzig an der Tafel
In Dresden auf der Brücke dein Geschmier
FREIHEIT und RUSSEN RAUS Freiheit für wen
Das hieß zehn Jahre Zuchthaus unter Brüdern
Für dich wars eine andre Schule und
Ein neuer Studienplatz Bedank dich und
Auf Knien bei deiner Mutter So wie ich
Auf Knien gekrochen bin vor der Partei
Für deine Freiheit Und beeil dich Ihr Krebs kann nicht warten
Russen raus aus Prag Was weißt du
Uns alle hätten sie schon aufgehängt
Wenn wir die Panzer nicht im Rücken hätten
Und was hat dir gefehlt in all den Jahren
Seit ich dich aus dem Dreck gezogen habe
SONJA
THOMAS
Russen raus aus rotem Prag
VATER
Red leise Nebenan stirbt meine Frau
THOMAS
Merkst du das auch schon Wann hat sie gelebt
Frag deine Frau Und wenn du deinen Arsch
Nicht hochkriegst aus dem Sessel sag ich dir
Was ihr gefehlt hat und was mir gefehlt hat
Ihr Krebs du kannst Genosse zu ihm sagen
Mein Hakenkreuz war auch aus deiner Schule
Wie redet man mit einem Leitartikel
Und wie umarmt man ein Parteiprogramm
Du hast mich mit Geschenken abgespeist
Und keine Antwort wenn ich wissen wollte
Wer recht hat und warum der Volksmund oder
Das NEUE DEUTSCHLAND eure Bilderbibel
Der Plattenspieler war für Budapest
Für meinen Freund erschossen an der Mauer
Mußte es dann schon ein Motorrad sei
Das Blauhemd auf dem Sattel war ein Extra
Für das zerrissne beim Fahnenappell
Das war mein Bildungsgang in deiner Schule
Das rote Halstuch meine Nabelschnur
Jetzt kann ich nur noch lachen
Dann sprangen mir die Tränen aus den Augen
Ich ging ins Nebenzimmer wo die Frau starb
Die meine Mutter war und war es nicht
Aber ich hatte keine andre Mutter
Ich hörte zu wie sie mit ihrem Krebs sprach
Zog meine Kleider aus vom Regen schwer
Leckte den kalten Schweiß von ihrer Stirn
Vermischt mit meinem Rotz mit meinen Tränen
Ich legte mein Gesicht auf ihre Brüste
In denen jetzt der Krebs zu Hause war
Ich legte meinen Kopf in ihren Schoß
Der meine Heimat nicht gewesen war
Weil keine Mutter mich geboren hat
Mein Vater eine leere Uniform
Ich sagte Ich will eine Tochter sein
BETTINA
Ich weinte nicht Ich hatte keine Tränen
Ging nicht ins Nebenzimmer wo die Frau starb
Ich stand in meiner Schlammspur auf dem Teppich
Was geht mich euer Sozialismus an
Bald schon ersäuft er ganz in CocaCola
VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN
der Brustkrebs einer fremden Frau
Warum nimmst du die Hand vom Telefon
Zweifel am sozialistischen Strafvollzug
Ein Minuspunkt in deiner Kaderakte
Warum Genosse rufst du uns erst jetzt an
Warum ziehst du die Jacke aus
VATER
Ich friere
BETTINA
Willst du heraus aus deiner Uniform
Aus deinem Würgegriff mit Schlips und Kragen
Weißt du ob du darunter noch ein Mensch bist
Vielleicht wenn du die Haut dir auch noch abziehst
VATER
Mit unsern Knochen haben wir Und ihr jetzt Mit euren Knochen und mit andern Knochen
BETTINA
Ich weiß was ihr gebaut habt Ein Gefängnis
Mein bester Freund erschossen an der Mauer
Er hat sie hinter sich Ich hab sie vor mir
drei Jahre Knast
THOMAS
Als du nach Hause kamst vor sieben Jahren
Aus deiner Sitzung mit gebrochnem Kreuz
Ich hätte keine Hand bewegt für dich
Und keinen Finger Und dein Augenblick
Der Fangschuß deine letzte Parteiarbeit
MÜLLER
Der Dienstrevolver ist kein Monopol THOMAS
Im Sozialismus keine Privilegien
Ich lege mich freiwillig zu den Akten
Mein Dienstrevolver ist das Mausoleum
Des deutschen Sozialismus Und ich spiele
Heimvorteil Die Mauer ist volkseigen
Die Munition die mich zerreißen wird
Ist auch volkseigen und ich bin das Volk
VERGESSEN UND VERGESSEN
THOMAS
Das letzte was ich hörte war sein Weinen
Und seine Stimme die dagegen anschrie
MÜLLER schreibt Schreibmaschine
VATER DOPPELPUNKT
Erschießen solln sie dich du Nazibastard. Erschießen solln sie dich wie einen Hund
THOMAS
Und das Geläut des Telefons als er
Den Hörer aufnahm und wählte die Nummer
MÜLLER
…
…
…
AUSSCHLUSS
GENOSSE WAGNER
Genosse Müller ihre Stücke
Die Umsiedlerin
Die Korrektur
Der Bau
Die Lohndrücker
(Einruf von der Seite „die Gedichte nicht vergessen“)
Sind in ihrem Wesen ihrem Inhalt ihrer Konsequenz nach konterrevolutionär, gegen die Staatsmacht und die Politik unserer Republik gerichtet. Wir lassen unseren Staat in einer derartigen Weise selbst von shakespearschrn Blankversen unseres Jahrhunderts HERR HACKS (der ist gerade auf Toilette) nicht beleidigen.Wir können uns nicht leisten,dass in dieser Situation (diplomatische Anerkennung unseres Staates durch…) wo die Deutsche Demokratidche Republik international ein solches Wachstum ihres Ansehens hat
ANNA SEGHERS/L
aber er ist noch jung
GENOSSE WAGNER
Und du liebe Genossin Seghers musst wieder aufs Klo
MÜLLER
Ich stehe in einem Fahrstuhl
GENOSSE WAGNER
Genosse Müller ihre Texte spiegeln nicht unsere sozialistische Gegenwart wieder
MÜLLER
ich fahre zu meinem Chef
GENOSSE WAGNER
konterrevolutionäre Tendenzen,Abkehr vom realistischen Menschenbild
Verhöhnung aller Errungenschaften,ja Genosse Krug
KRUG/R
Ich finde seine Texte lustig und die Genossen Arbeiter haben auch gelacht
GENOSSE WAGNER
Danke Genosse Krug,der Genosse Müller ist seine Texte zur Veröffentlichung oder öffentliche Aufführung nicht geeignet
Allein die Begrüssungsszene in in…einem ihrer sogenannten Lehrstücke
Bei uns umarmen sich die Parteifunktionäre mit den Brigadieren
bevor sie herzlich einen heben,in ihrer Szene kalte Worte
DRAMATURGIEN UND VERLAGE WERDEN VON MÜLLER TEXTEN GESÄUBERT.
MÜLLER
Ich stehe zwischen Männern,
GENOSSE WAGNER
Ja die Männer…In Müller Bild unserer Republik herrscht ein immerwährende Kopulieren
der Geschlechter NEIN GENOSSE HERMLIN die Toilette ist besetzt
Genossin SEGHERS und der Herr Hacks sind schon vor Ort
Der Genosse Müller wird mit sofortiger Wirkung aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Nun die Selbstkritik des Genossen Müller
MÜLLER
ICH KANN DAS NICHT
JUNGER SCHAUSPIELER
Ich Heiner Müller speie euch eure Scheisse in eure alten Fressen
Ihr zählt meine Kommas ich eure Toren
Ich habe nichts zu schaffen mit eurem Paradies für Dauerredner. Eh ihr nicht gelernt habt euch selber in die Fressen zu spein braucht ihr mir nicht mehr unter die Augen zu kommen. Die Hoffnung daß ihr nicht aufhören werdet mit Lügen ist was mich am Leben erhält. Spart den Trauerflor, ich werde mich nicht auf die Schienen legen. Warum stürzen sich die Lemminge ins Meer auf Spitzbergen? warum seen die Bäume bei Windstille unschuldig aus? wen morde ich nachts? warum lebt ihr? warum will ich die Antwort nicht wissen? warum frage ich? Man sollte euch Scherben ins Maul stopfen, bis der Wind auf euren zerrissnen Gedärmen spielt. Ich hab euch den Spiegel gehalten für ein Trinkgeld. Auf meinem Schädel habt ihr in zertrümmert, weil euch eure Nase nicht gefallen hat.
MÜLLERdas habe ich nie gesagt
Ich stehe in einem Fahrstuhl
zwischen Männern die mir unbekannt sind, in einem alten Fahrstuhl mit während des Aufstiegs klapperndem Metallgestänge. Ich bin gekleidet wie ein Angestellter oder wie ein Arbiter am Feiertag. Ich habe mir sogar einen Schlips umgebunden, der Kragen scheuert am Hals, ich schwitze. Wenn ich den Kopf bewege, schnürt mir der Kragen den Hals ein. Ich habe einen Termin beim Chef (in Gedanken nenne ich ihn Nummer Eins), sein Büro ist in der vierten Etage, oder war es die zwanzigste; kaum denke ich darüber nach, schon bin ich nicht mehr sicher. Die Nachricht von meinem Termin beim Chef (den ich in Gedanken Nummer Eins nenne) hat mich im Kellergeschoß erreicht, einem ausgedehnten Areal mit leeren Betonkammern und Hinweisschildern für den Bombenschutz. Ich nehme an, es geht um einen Auftrag, der mir erteilt werden soll. Ich prüfe den Sitz meiner Krawatte und ziehe den Knoten fest. Die Krawatten der andern Männer im Fahrstuhl sitzen fehlerfrei. Einige von ihnen scheinen miteinander bekannt zu sein. Sie reden leise über etwas, wovon ich nichts verstehe. Immerhin muß ihr Gespräch mich abgelenkt haben: beim nächsten Halt lese ich auf dem Etagenanzeiger über der Fahrstuhltür mit Schrecken die Zahl Acht. Ich bin zu weit gefahren oder ich habe mehr als die Hälfte der Strecke noch vor mir. Entscheidend ist der Zeitfaktor.
GENOSSE WAGNER
GENOSSEN
FÜNF MINUTEN VOR DER ZEIT/ IST DIE WAHRE PÜNKTLICHKEIT.
HEINER
Als ich das letztemal auf meine Armbanduhr geblickt habe, zeigte sie Zehn. Ich erinnere mich an mein Gefühl der Erleichterung: noch fünfzehn Minuten bis zu meinem Termin beim Chef. Beim nächsten Blick war es nur fünf Minuten später. Als ich jetzt, zwischen der achten und neunten Etage wider auf meine Uhr sehe, zeigt sie genau vierzehn Minuten und fünfundvierzig Sekunden nach der zehnten Stunde an: mit der wahren Pünktlichkeit ist es vorbei, die Zeit arbeitet nicht mehr für mich. Schnell überdenke ich meine Lage: ich kann beim nächsten möglichen Halt aussteigen und die Treppe hinunterlaufen, drei Stufen auf einmal, bis zur vierten Etage. Wenn es die falsche Etage ist, bedeutet das natürlich einen viel leicht uneinholbaren Zeitverlust. Ich kann bis zur zwanzigsten Etage weiterfahren und, wenn sich das Büro des Chefs dort nicht befindet, zurück in die vierte Etage, vorausgesetzt der Fahrstuhl fällt nicht aus, oder die Treppe hinunterlaufen (drei Stufen auf einmal), wobei ich mir die Beine brechen kann oder den Hals, gerade weil ich es eilig habe. Ich sehe mich schon auf einer Bahre ausgestreckt, die auf meinen Wunsch in das Büro des Chefs getragen und vor seinem Schreibtisch aufgestellt wird, immer noch dienstbereit, aber nicht mehr tauglich. Vorläufig spitzt sich alles auf die durch mine Fahrlässigkeit im voraus nicht beantwortbare Frage zu, in welcher Etage der Chef
OKTOBERKLUB
DEN ER IN GEDANKEN NUMMER EINS NENNT
MÜLLER
einem wichtigen Auftrag auf mich wartet. (Es muß ein wichtiger Auftrag sein, warum sonst läßt er ihn nicht durch einen Untergebenen erteilen.) Ein schneller Blick auf die Uhr klärt mich unwiderlegbar über die Tatsache auf, daß es auch für die einfache Pünktlichkeit seit langem zu spät ist, der Stundenzeiger steht auf Zehn. Mit meiner Uhr scheint etwas nicht zu stimmen,
aber auch für einen Zeitvergleich ist keine Zeit mehr: ich bin, ohne daß ich bemerkt habe, wo die andern Herren ausgestiegen sind, allein im Fahrstuhl. Ich sehe auf meiner Uhr, von der ich den Blick jetzt nicht mehr losreißen kann, die Zeiger mit zunehmender Geschwindigkeit das Zifferblatt umkreisen, so daß zwischen Lidschlag und Lidschlag immer mehr Stunden vergehn. Mir wird klar, daß schon lange etwas nicht gestimmt hat: mit meiner Uhr, mit diesem Fahrstuhl, mit der Zeit. Ich verfalle auf wilde Spekulationen: Die Zeit ist aus den Fugen und irgendwo in der vierten oder in der zwanzigsten Etage (das Oder schneidet wie ein Messer durch mein fahrlässiges Gehirn) wartet in einem wahrscheinlich weitläufigen und mit einem schweren Teppich ausgelegten Raum hinter seinem Schreibtisch, mit meinem Auftrag der Chef (den ich in Gedanken Nummer Eins nenne) auf mich Versager.
OKTOBERKLUB (spielt SAG MIR WO DU STEHST)
GEGENSTANDSLOS
MÜLLER
in der Sprache der Ämter, die ich so gut gelernt habe
OKTOBERKLUB
BEI DEN AKTEN
MÜLLER
die niemand mehr einsehen wird, weil er gerade die letzte mögliche Maßnahme gegen den Untergang betraf, dessen Beginn ich jetzt erlebe, eingesperrt in diesen verrückt gewordenen Fahrstuhl mit meiner verrückt gewordenen Armbanduhr.
OKTOBERKLUB
GENOSSE WAGNER
und zum feierlichen Abschluss unseres Schriftstellerkongresses spielen unsere jungen Genossen vom Oktoberklub SAG MIR WO DU STEHST
MÜLLER
Verzweifelter Traum im Traum: ich habe die Fähigkeit, einfach indem ich mich zusammenrolle, meinen Körper in ein Geschoß zu verwandeln, das die Decke des Fahrstuhls durchschlagend die Zeit überholt. Kales Erwachen im langsamen Fahrstuhl zum Blick aut die rasende Uhr. Ich stelle mir die Verzweiflung von Nummer Eins vor. Seinen Selbstmord. Sein Kopf, dessen Porträt alle Amtsstuben ziert, auf dem Schreibtisch. Blut aus einem schwarzrandigen Loch in der (wahrscheinlich rechten) Schlähabe keinen Schuß gehört, aber das beweist nichts, die Wände seines Büros sind natürlich schalldicht, mit Zwischenfällen ist beim Bau gerechnet worden und was im Büro des Chefs geschieht, geht die Bevölkerung nichts an, die Macht ist einsam.
MÜLLER(R)
Ich verlasse den Fahrstuhl beim nächsten Halt und stehe ohne Auftrag, den nicht mehr gebrauchten Schlips immer noch lächerlich unter mein Kinn gebunden, auf einer Dorfstraße in Bulgarien. Trockener Schlamm mit Fahrspuren. Auf beiden Seiten der Straße greift eine kahle Ebene mit seltenen Grasnarben und Flecken von grauem Gebüsch undeutlich nach dem Horizont, über dem ein Geim Dunst schwimmt. Wie soll ich meine Gegenwart in diesem Niemandsland erklären. Ich habe keinen Fallschirm vorzuweisen, kein Flugzeug oder Autowrack. Wer kann mir glauben, daß ich aus einem Fahrstuhl nach Bulgarien gelangt bin, vor und hinter mir die Straße, von der Ebene flankiert, die nach dem Horizont greift. Wie soll überhaupt eine Verständigung möglich sein, ich kenne die Sprache dieses Landes nicht, ich könnte genausogut taubstumm sein. Besser ich wäre taubstumm: vielleicht gibt es Mitleid in Bulgarien.(KLARINETTE)
Wo die Straße in die Ebene ausläuft, steht in einer Haltung, als ob sie auf mich gewartet hat, eine Frau. Ich strecke die Arme nach ihr aus, wie lange haben wir keine Frau berührt, und höre eine Männerstimme sagen DIESE FRAU IST DIE FRAU EINES MANNES. Der Ton ist endgültig und ich gehe weiter. Als ich mich umsehe, streckt die Frau die Arme nach mir aus und entblößt ihre Brüste.
FRAUGinka
HEINER
Sie heißt Ginka
FRAU
Ginka Tscholakova
HAMLETMASCHINA
(Ein Orchester in Sofia,die Hochzeit in Bötien.Balkanbaroque)
GINKA
Soll ich von mir reden
Ich (Wer ist das)
Im Regen aus Vogelkot Im Kalkfell
Oder anders
Ich eine Fahne ein
Blutiger Fetzen ausgehängt Ein Flattern Zwischen Nichts und Niemand Wind vorausgesetzt
Ich Auswurf eines Mannes
Ich Auswurf Einer Frau Gemeinplatz auf Gemeinplatz
MEIN GROSSVATER WAR
IDIOT IN BULGARIEN
Ich MEINE Seefahrt
Ich MEINE Landnahme
Mein Gang durch die Vorstadt Berlin Hauptstadt der DDR
im Regen aus Vogelkot im Kalkfell und ich bin Dünn von deutschem Fleisch irgendwas zwischen Ich und Nichtmehrich
Der Himmel über Berlin übt eisige Aufsicht über meine glücklose Landung
Der Knall der Bierdosen beim Gang durch die Karl Marx Alle
auf bulgarisch sagt mein KARL MARKS Ich laufe
zwischen Trümmern und Bauschutt wächst DAS NEUE Fickzellen mit Fernheizung.
Der Bildschirm West speit Welt in die Studentenstube.
Verschleiß ist eingeplant. Parade der Zombies perforiert von Werbespots in den Uniformen der Mode von gestern vormittag
Die Jugend von heute: Gespenster der Toten des Krieges der morgen stattfinden wird AM ALEXANDERPLATZ so hieß auch ein bulgarischer König. Die Kinder entwerfen Landschaften aus Müll. Eine Frau ist der gewohnte Lichtblick ZWISCHEN DEN SCHENKELN HAT DER TOD EINE HOFFNUNG oder der Jugoslawische Traum vom Sozialismus
Zwischen zerbrochnen Statuen der Karl Marc Allee STALIN LEBT IN OSTBERLIN denk ich auf der Flucht von Bett zu Bett, von Mann zu Mann von Mitko zu James an die kalten Augen der deutschdemokratischen Männer. Finger spielen in der Scheide nachts im Fenster zwischen Stadt und Landschaft irgendwo im Studentenheim bei Straussberg? Ein Wolf stand da auf der Straße während der Busfahrten im Morgengrauen Rechts und links ans Theater.FM hat eine Krise,wartet auf meinen Strich
Meine GLÜCKLOSE LANDUNG in das Theater meines Todes
Ich spürte MEIN Blut aus MEINEN Adern treten
Und MEINEN Leib verwandeln in Landschaft
Der Rest ist Lyrik Wer hat bessre Zähne
Das Blut oder der Stein
(Sie isst mit dem Orchester,später ein Theaterensemble eine Currywurst bei Konnopke)
JUNGER SCHAUSPIELER
Heiner sag mal was zu meiner Idee
MÜLLER
nee mach mal so weiter
JUNGER SCHAUSPIELER
Fritz was denkst du wenn ich jetzt die Axt nehme und das Stalin Gemälde zerhacke
Ein Regisseur im Vollrausch lallt mit Senf im Gesicht.
Müller
HM HM
REGISSEUR
Nee wir müssen raus aus diesem Realismus. Corinna könntest du bitte
CORINNA/L
Heiner meinte ich soll vor Macbeth in einer Telefonzelle rauchen
Ostberlin und Schottland werden ein
Ort des Unglücks
HEINER
ja,so postdramatisch rauchen
rauchen telefonieren und die Stones spielen was in W Berlin
hinter der mauer
JUNGER SCHAUSPIELER
DIE STONES SPIELEN WAS
KLEINER MENSCH ODER SO
CORINNA
Ich leg die als Hund an (ARTURO UI)
REGISSEUR
Jetzt fehlt hier nur NOCH
einer der mechanisch blechern auf einem Ton in einem ungewöhnlichen kostum oder Nacht Medea Material runterleiert
ES KOMMT JMD IN KOSTUM UND LEIERT BLECHERN MEDEAMATERIAL
MÜLLER
Guten Tag hab sie heute Morgen im Deutschen Theater gesehen
GINKA
Vogelkot und Kalkfell Bulgarische die Folklore
und vergessen und vergessen und vergessen
MÜLLER
Ja das ist von mir.Ich bin der Heiner, Frank krieg ich deine
Currywurst
DIE REVOLUTION IST DIE MASKE DES TODES DER TOD IST DIE MASKE DER REVOLUTION
GINKA
Znam.Kenn ich
MÜLLER
Ich bin Heiner
VERGESSEN BUDAPEST PRAGdas Gespenst des KOMMUNISMUS
VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN
GINKA
Kenn ich
(beschimpft Konnopkebeekäuferin auf bulgarisch,die Wurst war schlecht)
MÜLLER
Ich bin Heiner
WO BLEIBEN DEN DIE PANZER DACHTE ICH
SIE MÜSSEN KOMMEN DIE UNS GEBOREN HABEN
FÜNFUNDVIERZIG
GINKA
Kenn ich
MÜLLER
…also ich bin der Heiner und ich…hoffentlich kommt jetzt eine Schauspieler, der mit blecherner Stimme einen hochkomplexen Text laut Zeit und TAZ von mir interpretiert.
REGISSEUR
in den Garderoben hängen die Schauspiele ihr Gesicht an den Haken
JUNGER SCHAUSPIELER
Ginka und Heiner
Kennengelernt haben sie sich in Ostberlin
Die Ginka hat da gerade
BETTINA
Theaterwissenschaften studiert
kennengelernt haben sie sich in einer Kneipe
am Straussberger Platz während
JUNGER SCHAUSPIELER
einer Schlägerei zwischen jungen Studenten HO HO CHI MIN
und alten Männern DIE PARTEI DIE HAT IMMER RECHT mit roten Gesichtern und schlechtsitzenden Anzügen
BETTINA
DEDERON OBERON das verzerrt in junge fressen schlägt
vor den Vätern sterben die Töchter
GINKA SCHLÄGT SICH MIT ALTEN GENOSSEN
WÄHREND SIE IHRE SCHLACHT SCHLÄGT
MÜLLER
Das Gefühl des Scheiterns, das Bewußtsein der Niederlage beim Wiederlesen der alten Texte ist gründlich. Versuchung, das Scheitern dem Stof anzulasten, dem Material. Europa ist eine Ruine, in den Ruinen werden die Toten nicht gezählt. Die Wahrheit ist konkret, ich atme Steine. Leute, die ihre Arbeit machen, damit sie ihr Brot kaufen können, haben für solche Betrachtungen keine Zeit. Aber was geht mich der Hunger an. Uneinholbarkeit des Vorgangs durch die Beschreibung; Unvereinbarkeit von Schreiben und Lesen; Austreibung des Lesers aus dem Text. Puppen, mit Wörtern gestopft statt mit Sägemehl. Herzfleisch. Das Bedürfnis nach einer Sprache, die niemand lesen kann, nimmt zu. Wer ist niemand. Eine Sprache ohne Wörter. Oder das Verschwinden der Welt in den Wörtern. Stattdessen der lebenslange Sehzwang, das Bombardment der Bilder die Augenlider weggesprengt. Das Gegenüber aus Zähneknirschen, Bränden und Gesang. Die Schutthalde der Literatur im Rücken.
Das Verlöschen der Welt in den Bildern
GINKAdas gefällt mir
ein neues stück
hast kalte augen
welches theater
schlaf mit mir
besetzung schon raus
liebe das meer
wer inszeniert
tanz aus dem herzen
hast du musik
SCHAUSPIELER/BETTINA
einer der alten genossen schläger war erich mielke
ginka wurde nach bulgarien ausgewiesen
FEINDIN UNSERER REPUBLIK
feindlich negativ dekadent
sind das die Stones
HEINERfass sie nicht an
DIE PLATTE MANN
fass in mich
heirate mich
(DAS HOCHZEITSGESCHENK LSD IN SOFIA.EIN STAATSBEGRÄBNIS.GINKA FÄHRT EIN AUTO NEBELcasettendeck qualmt.)
GINKA
ich sitze in einem auto RUSSISCH
HEINER
und wir fahren durch sofia
wir nehmen LSD und da ist es
die tür öffnet sich und wir stehen an der schwarzmeerküste und
ich schreie
BLABLA
und
GINKA
EBEM MU MATER (fick deine Mutter)TODOR
ovo je delo
DAS IST DAS WERK
es ist gerade jemand gestorben
und wir lieben uns und schreiben
und wir schreiben und lieben uns
ich sitze in einem auto wir feiern eine
BULGARISCHE HOCHZEIT
CAJE ŠUKARIJE ORCHESTER. RAKIJA UND REVOLVER,
FAHNEN UND GELD,NUN ENDLICH BALKANBAROCKEin grosse Hochzeitsgesellschaft.
MÜLLER
Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung
GINKA UND MÜLLER
BLABLA
GINKA
Im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein, Mörder und Witwe ein Paar, im Stechschritt hinter dem Sarg des Hohen Kadavers die Räte,heulend in schlecht bezahlter Trauer
MÜLLER
Ich stoppte den Leichenzug, stemmte den Sarg mit dem
Schwert auf, dabei brach die Klinge, mit dem stumpfen Rest gelang es, und verteilte den toten Erzeuger FLEISCH UND FLEISCH GESELLT SICH GERN an die umstehenden Elendsgestalten.
GINKA
Die Trauer ging in Jubel über, der Jubel in Schmatzen, auf dem leeren
Sarg besprang der Mörder die Witwe SOLL ICH DIR HINAUFHELFEN ONKEL MACH DIE BEINE AUF MAMA. Ich legte mich auf den Boden und hörte die Welt ihre Runden drehenim Gleichschritt der Verwesung.
Sag was auf Englisch!
MÜLLER
I’M GOOD HAMLET ZWEITER CLOWN IM KOMMUNISTISCHEN FRÜHLING SOMETHING IS ROTTEN IN THIS AGE OF HOPE
GINKA
LETS DELVE IN EARTH AND BLOW HER AT THE MOON
Die Hähne sind geschlachtet. Der Morgen findet nicht mehr statt.
Ich will die Leiche in den Abtritt stopfen, daß der Palast erstickt in königlicher Scheiße.
MÜLLER
Dann laß mich dein Herz essen, Ophelia, das meine Tränen weint.
GINKA
Willst du mein Herz essen, Hamlet.
HEINER
sächsisch Na klar.
Ich will eine Frau sein.
INGE
Aus dem Sarg. Was du getötet hast sollst du auch lieben.
Der Tanz wird schneller und wilder. Gelächter aus dem Sarg.
HEINER
Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr. Meine Worte haben mir nichts mehr zu sagen. Meine Gedanken saugen den Bildern das Blut aus. Mein Drama findet nicht mehr statt. Hinter mir wird die Dekoration aufgebaut. Von Leuten, die mein Drama nicht interessiert, für Leute, die es nichts angeht. Mich interessiert es auch nicht mehr. Ich spiele nicht mehr mit.
GINKA
Heiner. Mein Drama, wenn es noch stattfinden würde, fände in der Zeit des Aufstands statt. Der Aufstand beginnt als Spaziergang. Gegen die Verkehrsordnung während der Arbeitszeit. Hier und da wird ein Auto umgeworfen. Polizisten, wenn sie im Weg stehn, werden an den Straßenrand gespült. Gruppen bilden sich, aus denen Redner aufsteigen. Aus dem Ruf nach mehr Freiheit wird der Schrei nach dem Sturz der Regierung. Man beginnt die Polizisten zu entwaffnen, stürmt zwei drei Gebäude, ein Gefängnis eine Polizeistation ein Büro der Geheimpolizei, hängt ein Dutzend Handlanger der Macht an den Füßen auf, die Regierung setzt Truppen ein, Panzer.
MÜLLER
Ginka…Mein Drama hat nicht stattgefunden. Das Textbuch ist verlorengegangen. Die Schauspieler haben ihre Gesichter an den Nagel in der Garderobe gehängt. In seinem Kasten verfault der Souffleur. Die ausgestopften Pestleichen im Zuschauerraum bewegen keine Hand. Ich gehe nach Hause und schlage die Zeit tot, einig/Mit meinem ungeteilten Selbst.
Hast du noch LSD
GINKA
Ist alle
HEINER
RÜCKKEHR NACH OSTBERLIN 1976
GINKA
DIE DEPRESSION DER WEIN WIRD LSD
ICH LEGE EINE PLATTE AUF
HEINER
FICKZELLEN ÖFFNEN SICH FERNSEHEH DERTÄGLICHE EKEL
MÜLLERwie sagt man ekel auf bulgarisch
GINKA
vergessen und vergessen und vergessen
(FICKZELLEN ARD BRD IRGENDWANN TAUCHT MANFRED KRUG AUF
DRAUSSEN IST ALLES GRÜNN,DRINNEN IST ALLES GRAU SCHLAGER AM ENDE DER FAHNENSTANGE)
MÜLLER/FRANK
Fernsehn
Der tägliche Ekel
Ekel Am präparierten Geschwätz
Am verordneten Frohsinn
Wie schreibt man GEMÜTLICHKEIT
Unsern Täglichen Mord gib uns heute.
Denn Dein ist das Nichts
Ekel an den Lügen die geglaubt werden
von den Lügnern und niemandem sonst
MÜLLER/ROS
Ekel
An den Lügen die geglaubt werden
Ekel
an den Visagen der Macher gekerbt
Vom Kampf um die Posten Stimmen Bankkonten
Ekel
Ein Sichelwagen der von Pointen blitzt
MÜLLER/LAURA
Geh ich durch Straßen
Kaufhallen Gesichter
Mit den Narben der Konsumschlacht
Armut Ohne Würde
Armut ohne die Würde
Des Messers des Schlagrings der Faust
MÜLLER/JENNY
Die erniedrigten Leiber der Frauen,Hoffnung der Generationen
In Blut Feigheit Dummheit erstickt
Gelächter aus toten Bäuchen
Heil COCA COLAEin Königreich
Für einen Mörder
GINKA
Komm lass uns etwas Antikes proben
wir brauchen einen Antiken Stoff
ein Chor
Könntet ihr bitte alle kommen
hier die Text
R kannst du bitte einatmen
also auf eins…eins…nee nochmal das war nicht auf eins
tut mir leid ich habe dich nicht gehört
ich komm mal zu dir rüber
CHOR
GINKA
DAS IST DOCH SCHEISSE
WIR BRAUCHEN WAS DIREKTES
Zuviele Sprachbilder
hier streichen
hier streichen
das auch weg
vielleicht das raus und das rein
THEATERPROBEN
JUNGER SCHAUSPIELER
Gong Gong Gong
Theaterproben Ginka und Heiner
am Deutschen Theater an der Voklsbühne am Maxim Gorki Theater
DIE SCHAUSPIELER SPIELEN HEINER RAUCHT GINKA RAUCHT
GINKA SUCHT SICH EINEN MANNHEINER SUCHT SICH EINE FRAU
(THEATER 71-77.ZEMENT (russischer Bürgerkrieg)DIE SCHLACHT (der zweite weltkrieg)
PHILOKTET (das antike zu zweit) geschichte der männer und der frauen
Ginka faltet einen Schauspieler zusammen.Heiner raucht und korrogiertt EINEN SATZ PRO KOPF
MÜLLER
…haben wir noch Whisky
GINKA
Ist alle
OSTBERLIN 1976 NEUE WOHNUNG AM TIERPARK
er glotzt auf den Bärenzwinger
ich korrigiere ihn und streiche mich
die junge Schauspielerin steht vor der Tür
dick der Bauch meiner ist flacher
wache in Betten auf nicht meine
DIE DEPRESSION nicht schon wieder hör ich ihn sagen
DER WEIN schlecht und billig hör ich mich sagen
AB UND ZU LSD
Wenn ein Westverleger sich zehn Seiten in den Schlüpfer näht
ICH LEGE EINE PLATTE AUF Lizenzdruck Jugoton
ist jetzt unser jugoslawischer Traum
die Seite springt unsere Sätze auch
Wo warst du gestern
Wo warst du gestern
Schweigende FICKZELLEN ÖFFNEN SICH DAS FERNSEHEH DERDDR DER BRD der TÄGLICHE EKEL er sieht den Bären beim kopulieren zu
ich rieche nur ihre Scheisse
die Proben laufen schlecht
der Kommunismus schlechter
Sendeschluss PEEP
MÜLLER(uneinsichtig halbnackt)
In der Einsamkeit der Flughäfen
Atme ich auf Ich bin Ein Privilegierter Mein Ekel Ist ein Privileg
GINKA(vorwurf)
Beschirmt mit Mauer
Stacheldraht Gefängnis
MÜLLER
Ich will in meinen Adern wohnen, im Mark meiner Knochen, im Labyrinth meines Schädels. Ich ziehe mich zurück in meine Eingeweide. Ich nehme Platz in meiner Scheiße, meinem Blut. Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich wohnen kann in meiner Scheiße. Irgendwo werden Leiber ge-öffnet, damit ich allein sein kann mit meinem Blut. Meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn. Mein Gehirn ist eine Narbe. Ich will eine Maschine sein. Arme zu greifen Beine zu gehn kein Schmerz kein Gedanke.
GINKA
Aha…Ich geh in Westen.
Zdravo.
(Sie geht.)
MÜLLERROBERT
Im Sommer 197.. sah ich in einem Garten in Bulgarien eine Katze eine Heuschrecke töten. Im Keller, der aus mehreren Räumen bestand, einer davon mit einem Tisch und Stühlen ausgestattet, ein kühler Aufenthalt im Sommer, stand ein Radio. Ich hatte einen Sender mit arabischer Musik gefunden und das Gerät auf die volle Lautstärke eingestellt, da ich auf Nachbarn keine Rücksicht nehmen mußte: das Haus stand einsam zwischen Bergen. Die Katze lag auf der Treppe, die vom Keller zum oberen Teil des Gartens führte, und sonnte sich. Sie hatte die Heuschrecke nicht gesehn. Nachdem ich sie ihr gezeigt hatte, geschah lange Zeit nichts dann lief sie zwischen den Türpfosten hin und her, wimmernd und die Heuschrecke im Blick, mit kleinen Sprüngen wie Tanzschritte. Die Kinnbacken bebten, an den Barthaaren glänzte Speichel. Schließlich sprang sie, in zunehmend kürzeren Abständen, abwechselnd am linken und rechten 'Türpfosten hoch. Die Katze spielte mit ihr, vorsichtig und aufmerksam, die Krallen eingezogen. Zuerst versuchte die Heuschrecke noch zu springen. Die Katze bremste den Sprung mit einer Pfote, die Krallen immer noch eingezogen, so daß die Heuschrecke nur auf die nächste Treppenstufe zu liegen kam, wo die Katze das Spiel fortsetzte, indem sie das Insekt zunehmend schneller zwischen ihren Pfoten hin und her warf. Beim nächsten Sprung erreichte die Heuschrecke die nächste Stufe nicht mehr. Die Katze nahm sie vorsichtig ins Maul, trug sie zwei Stufen höher, legte sie ebenso vorsichtig ab, wartete geduldig, bis das halb betäubte Opfer sich wieder bewegte, biß der Heuschrecke ein halbes Sprungbein ab, einen Fühler, und gab sie wider frei. Daß ich mich neben sie hockte, um alles genau zu sehn, störte sie nicht. Ich dachte, selbst in einer Art von Trance durch die Musik der Wüste, die mir jetzt lauter vorkam, obwohl ich von dem Radio im Keller weiter entfernt war, an ein Buch aus meiner Kinderzeit, eine Nacherzählung der Nibelungensage, mein Held war Hagen von Tronje, der Verräter aus True, nicht der Traumtäter Siegfried, mit Illustrationen im Vierfarbendruck, der das Rot der Schwertwunden besonders gut zur Geltung brachte.
REISE REISE REISE
(Wolf Biermann im Kölner Sporthalle.Spricht Text und spielt Gitarre.Ein Umzugswagen wird schwer bepackt mit dreißig Jahren Leben im realen Sozialismus)
BIERMANN:
Liebe Genossonnen und Genossen der IG MEtall
Kreisverband NRW liebe Mitstreiter innen und Mitklampfer
(ICH KANNS NICHT HÖREN) liebe Freunde und Freundinnen des Ortsverbandes der Grünen Köln Mühlheim und Bonn Beuel, Genossen der DKP die ihr den Mut hattet, trotz Ostberliner
UKAS (liebe westdeutsche Freunde/innen Ukas ist ein russischer Begriff für BEFEHL VON OBEN, da habe ich 1965 mal ein Kurzgedicht dazu geschrieben,Florian hat es mit einer Grafik untermalt FLORI ZEIG DOCH MAL BITTE DIE GRAFIK.FLORIAN HAWEMANN ZEIGT EINE GRAFIK. EINE STASIGIRAFFE OPERATIVT IHN
Genossinnen und Genosen, haha NOsen bezieht sich auf Nase also auf Gogols
also äh Gogols Parodien einer hiarchiachen Zwangsgesellschaft
in Russland also äh auch der Sowjetunion.Apropos Sowjetunuion. ich habe auch eine bescheiden Bearbeitung von Bulat Okudshawas XXX im Gepäck und spiel es ganz kurz an
Musik von Mir
Text von Mir
Gesamt ich
Ich bin sehr stolz hier in Köln auftreten zu können,so als Hamburger Elbjung in der Domstadt
Ein Lied zu dem leidigen Thema Kirche im Nationalsozialismus
(ER SPIELT ES AN)… ich bin sehr gerührt aufgewühlt dass ich nun heute in der Kölner Stadthalle vor euch stehen und Klampfen kann in einer Zeit in der sich die USA und Russland waffenstarrend
gegenüberstehen, unsere gemeinsame Welt gefährdet ist von atomarer Wettrüstung (dazu habe ich ein Lied komponiert) aber heute,heute kann ich nicht für euch spielen
soeben hat mich aus Ostberlin (dazu habe ich ein Lied komponiert)
eine Nachricht der Alten Männer erreicht das
ich ausgebürgert wurde
ach ich rede zu lang
das Lied von den Allten Männer,den alten Genossen
AN DIE ALTEN GENOSSEN
HEINER
Der Liedermacher Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter
WOLF
Manne was denn du gehst auch
KRUG
Ja klar,dreh hier nur noch Schrott und hab ein super Angebot für eine Truckerserie AUF ACHSE (zitiert daraus)
HEINER
IST ABER NICH SPUR DER STEINE
KRUG
is mir scheissegal…willste meinen biedermeiertisch für 12000 kaufen
oder meinen Volvo für 30000 hast doch nen Preis bekommen
WOLF UND HEINER
Versoffen
HEINER
THOMAS DU AUCH
THOMAS
JA ich muss raus und die Katie kommt auch mit
KATIE!
HEINER
ABER DU WEISST SCHON DASS ES IM WESTEN AUCH EINE ZENSUR GIBT
THOMAS
Thomas antwortet vor den Vätern sterben die Söhne
nimmt ne Line redet was von Filmprojekten und dass er ne Vision
EISENEGEL GLADOWBANDE die Revolution gibt’s nich nur noch die Kriminialität und Deogensucht erschüttert die Werteschöpfung der
Auschwitz AG
und ich erzähle noch
KATIE
das er denn bayrischem Filmpreis bekommt und bei der Überreichung Franz Josef Strauß in die fette feiste Fresse sagt:
THOMAS
Ich danke der Filmhochschule in Babelsberg DDR
BETTINA
THOMAS WARTE UFF MICH,WAT IS KATIE HASTEN PROBLEM
KATIE
NEE ICK TRENN MICH SOWIESO VON NACH DREI MONATEN IN WESTBERLIN
BETTINA
Mensch ick hab den geliebt und n Kind ooch
KATIE
Hab ick ooch,geliebt und Kind von ihm
sag mal Thomas hat die Bettina nich alle Joan Baez Platten von dir
THOMAS
und nen Dylan
BETTINA
Glubschaugen und ne diese Lache
machst bestimmt damit Karriere im Westen
HEINER
Bettina du auch?
BETTINA
Ja wenn alle meine Freunde jehen wat soll ick noch hier
ooch wenn’s mein Staat is,in dem ick leben wollte aber musste
mehr geliebt hab ick den als den bunten
da mit den janzen alten nazibonzen in gelben pullovern
Ick hab da mal ein Lied geschrieben
BETTINA SPIELT EIN LIED ÜBER DIE DIE GEHEN
ALLE HÖREN ZU
(Auftritt Merteuil Laura)
AUF DEN FLUGHÄFEN BAHNHÖFEN (FRANKFURT TOKYO SAN DIEGO)
Ein Salon in Paris vor der französischen Revolution.
Müller wird von Müllers neu eingekleidet.
VALMONT
Herr Müller ihr neuer Pass
Sie können unbegrenzt aus der DDR in alle Staaten des NSW reisen
MERTEUIL(L)
Städte Länder Landschaften ändern sich
Frankfurt Kalifornien Westberlin
MÜLLER/ROS
Nachtzug Berlin Friedrichstraße FrankfurtMain
Nach der Fahrt durch die lichtlose Heimat der Hass auf die Lampen
Dass die Leiche so bunt ist! Ich bin der Tod ich komme aus Asien
MÜLLER/JULIA
Manchmal wenn ich meine Privilegien genieße zum Beispiel im Flugzeug
Whisky von Frankfurt nach Westberlin überfällt mich was die Idioten vom
SPIEGEL meine wütende Liebe zu meinem Land nennen
MÜLLER/EMIL
Tokyo Osaka Express auf dem Bahnsteig zwischen den Zügen thront ein junger Mann,sein Reich ein Abfallkübel.Die Kleidung ist verdreckt wahrscheinlich stinkt er,sein Gesicht leer keine Freude kein Schmerz:Er ist aus dem rennen.
MÜLLER/FRANK
Habe Zahnfäule in Paris
etwas frisst an mir
Ich rauche zu viel
Ich trinke zu viel
Ich sterbe zu langsam
MERTEUIL(Bringen Bild hinein)
Ab der Ausreise Biermanns und vieler Freunde beginnt Müller
sich in introspektivische Texte zu äußern
VALMONT
hermeneutisch postmodern
MERTEUIL VALMONT
Bildbeschreibung…
eine landschaft zwischen steppe und savanne,der himmel preussischblau
eine frau engel der nagetiere die kiefer malen wortleichen und sprachmüll
die frau steht bis über das knie im nichts amputiert vom bildrand oder wächst
sie aus dem boden ein sturm scheint aus dem haus zu kommen zieht die frau den
sturm an oder ruft sie ihn hervor mit ihrer erscheinung,der auf sie gewartet hat
in der asche des kamins
MÜLLER/ROBERT
Bei der Vorbeifahrt am Schlosspark Charlottenburg plötzlich die Trauer
Die Bäume gehören den Toten INGE!
Gestern an einem sonnigen Nachmittag als ich durch die tote Stadt Berlin fuhr,heimgekehrt aus irgendeinem Ausland,hatte ich zum erstenmal das
Bedürfnis meine Frau auszugraben aus ihrem Friedhof
Zwei Schaufeln voll habe ich selbst auf sie geworfen
Und nachzusehen was von ihr noch daliegt
Knochen die ich nie gesehen habe
Ihren Schädel in der Hand zu halten und mir vorzustellen was ihr Gesicht war hinter der Maske die sie getragen hat
durch die tote Stadt Berlin und andere Städte
MERTEUIL
Herr Müller die Preisverleihung beginnt gleich
MÜLLER TRINKT WHISKY
MÜLLER/ROBERT
Ich habe dem Bedürfnis nicht nachgegeben aus Angst vor der Polizei und dem Klatsch meiner Freunde
MERTEUIL
Kommen sie bitte Herr Müller die Preisverleihung
(KULTURPROGRAMM,WIE ADLIGEN AUF BÜHNENSITZ BRINGEN,ZIGARRE REICHEN UND WHISKY,sein königsstab und zepter)
MERTEUIL
Wollen wir einander aufessen, Valmont, damit die Sache ein Ende hat, bevor Sie ganz geschmacklos werden.
VALMONT
Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß ich schon gespeist habe, Marquise.
Die Präsidentin ist gefallen.
MERTEUIL
Die ewige Gattin.
VALMONT
Madame de Tourvel.
MERTEUIL
Sie sind eine Hure, Valmont.
VALMONT
Ich bin ein Dreck. Ich will Ihren Kot essen.
MERTEUIL
Dreck zu Dreck. Ich will, daß Sie mich anspein.
VALMONT
Ich will, daß Sie Ihr Wasser auf mich lassen.
MERTEUIL
Ihren Kot.
VALMONT
Beten wir, Mylady, daß die Hölle uns nicht trennt.
MERTEUIL
Und jetzt wollen wir die Präsidentin sterben lassen, Valmont, an ihrem ver
geblichen Fehltritt. Das Damenopfer.
LAURA
Ich habe mich Ihnen zu Füßen gelegt, Valmont, damit Sie nicht mehr strau-cheln. Sie haben
mich getauft mit dem Parfüm der Gosse. Aus dem Himmel meiner Ehe habe ich mich in den
Abgrund Ihrer Begierden geworfen zur Rettung dieser Jungfrau. Ich habe Ihnen gesagt, daß
ich mir den Tod geben werde.Sie sind mein Mörder, Valmont.
JONAS
Bin ich das. Zu viel Ehre, Madame. Sie sind nicht zu kalt für die Hölle,
wenn ich nach unsern Bettspielen urteilen darf. Und was der Pöbel Selbstmord nennt, ist die Krone der Masturbation. Sie gestatten, daß ich mein Lorgnon zu Hilfe nehme, damit ich das Schauspiel besser betrachten kann, Ihr letztes, Königin, mit Furcht und Mitleid. Ich habe Spiegel aufstellen lassen, damit Sie im Plural sterben können.
LAURAo
Ich werde meine Adern öffnen wie ein unge-lesenes Buch. Sie werden es lesen lernenIch werde es mit einer Schere machen, weil ich eine Frau bin. Jeder Beruf hat seinen eigenen Humor. Sie können sich mit meinem Blut eine neue Fratze schminken. Ich werde einen Weg zu meinem Herzen suchen durch mein Fleisch. Den Sie nicht gefunden haben, Valmont, weil Sie ein Mann sind, Ihre Brust leer, und in Ihnen nur das Nichts wächst. Ihr Leib ist der Leib Ihres Todes, Valmont. Eine Frau hat viele Leiber. Ihr müßt es euch ab-zapfen, wenn Ihr Blut sehen wollt. Der Neid auf die Milch unsrer Brüste ist, was euch zu Schlächtern macht.
Ich habe Sie geliebt, Valmont. Aber ich werde eine Nadel in
meine Scham stoßen, bevor ich mich töte, um sicherzugehn, daß in mir nichts wächst, was Sie
gepflanzt haben, Valmont. Sie sind ein Ungeheuer, und ich will es werden. Grün und
aufgeschwemmt von Giften werde ich durch Ihren Schlaf gehn. Ich werde für Sie tanzen,
schaukelnd am Strick. Mein Gesicht wird eine blaue Maske sein. Die Zunge hängt heraus. Den
Kopf im Gasherd werde ich wissen, daß Sie hinter mir stehen mit keinem andern Gedanken als
wie Sie in mich hineinkommen, und ich, ich werde es wollen, während mir das Gas die Lungen
sprengt. Es ist gut, eine Frau zu sein, Valmont, und kein Sieger. Wenn ich die Augen schließe,
kann ich Sie verfaulen sehn. Ich be-neide Sie nicht um die Kloake, die in Ihnen wächst, Valmont.
Wollen Sie mehr wissen. Ich bin ein sterbendes Konversationslexikon, jedes Wort ein Klumpen
Blut.
JONAS
Tod einer Hure. Jetzt sind wir allein Krebs mein Geliebter.
VALMONT
Hiermit überreichen wir den diesjährigen Kleistpreis an den hochgeschätzten Dramatiker Heiner Müller für seine Reflexion der Rolle des Intellektuellen in einer Stillstandszeit.Es geht Müller nicht mehr um die Linearität einer Fabel mit dem marxistischen Anspruch auf Erfassung gesellschaftlicher Totalität.
MERTEUIL
Seine Ausschnitte von Wirklichkeit werden immer enger bis zur
Mikrowelt der Geschlechterbeziehungen in Bildbeschreibung und Quarttet,der Zuschnitt auf sich selber immer präziser.Der Autor wird zum Protagonisten.Wussten sie eigentlich das Quarttet zu ihren erfolgreichsten Stücken in der Bundesrepublik gehört
IM HESSISCHEN HOF 1985
MÜLLER/JULIA
Ich hocke wie ein Vogel schief und krumm IM HESSISCHEN HOF der
Büchner Preis angebrochen im dünnen Couvert
Ich hab einen Traum in meinem Traum spricht INGE
dirigiert den großen Vogelchor BRÜDER ZUR SONNE ZUR FREIHEIT
und wir singen so laut im hessischen Hof, dass es schallt
INGE UND MÜLLER
der Genosse Stalin ist mein Vater
ich bin ein träumendes Kind
mein Traum vom Kommunismus beginnt in Leuna 1920
INGEdie Bonner interessierts n scheiss
hinter der Elbe lag für sie schon immer Asien
…
MÜLLER/JULIA
Im Hotelrestaurant NICHT DAS GANYMED sitzt die Unschuld der Reichen
Der gelassene Blick auf den Hunger der Welt
mein Platz ist zwischen den Stühlen
Ich träume:Die faltige Kehle der Witwe vom Nebentisch
Aufzuschneiden mit dem Messer des Kellners
Der ihr den Lammrücken vorschneidet
Ich Werde auch diese Kehle nicht aufschneiden
Mein Leben lang were ich nichts dergleichen tun
Ich bin nicht Jesus mit dem Schwert bringt Ich BIN MÜDE INGE SPRICH BITTE WEITER
INGE
Die Lügen der Dichter sind aufgebraucht vom Grauen des Jahrhunderts
An den Schaltern der Weltbank riecht das getrocknete But wie kalte Schminke
Der schlafende Penner vor ESSO SNACK&SHOP Widerlegt die Lyrik der Revolution, du fährst im Taxi vorbei, du kannst es dir leisten. Benn hatte gut reden, er hat mit seinen seinen Gedichten kein Geld verdient und krepiert ohne Haut- und Geschlechtskrankheiten .In der Nacht im Hotel ist deine Bühne, ungereimt kommen die Texte, die Sprache verweigert den Blankvers vor dem Spiegel zerbrechen die Masken, kein Schauspieler nimmt dir den Text ab. Du bist das Drama. Jetzt habe ich Lust auf einen Schnaps du noch Geld vom Büchner Preis
MÜLLERja bitte
INGE
bitte einen sljivovitz
HEINER
und sozialismus
INGE
wir malen unseren jugoslawischen traum
HEINER
sozialismus mit menschengesicht
INGE
im weltraum kreist ein hund
wie siehts aus da oben
HEINER
gut
INGE
Schnürboden!
BILD FÄHRT HINUNTERHEINER UND INGE MALEN AM RESTKOMMUNISMUS
HINTERER WAGEN FÄHRT RAUS.HEINER VOM ANFANG LIEGT DA,
BEIM IHM DIE KRANKENSCHWESTER.BUSCH LEISE
VIDEO DEUTSCHE EINHEIT IWÄHRENDESSEN WERDEN MAUERN GEÖFFNET UND DENKMÄLER GESCHLIFFEN,BILDER GESCHWÄRZT. BERLIN ALEXANDERPLATZ.
GROSSDEMONSTRATION.
OSTBERLIN 1989
KRANKENSCHWESTER SONJA
Ein Horizont aus Panzern ist der Deutsche
Der auf dich zufährt so ein Himmel aus
Flugzeugen ist der Deutsche und ein Teppich
aus Bomben Du wirst ihn selber sehn Und eh du aufwachst
Vom nächsten Schlaf Und vielleicht wachst du nicht auf Vom nächsten Schlaf
Wart nur auf den Deutschen
Der Deutsche greift nicht an da wo du glaubst
Das hat er nicht gern
Und was hat er gern
Der Deutsche
In die Zange nimmt er dich
Der Deutsche
Der neue Krieg steht im Beginn
Ein Schrei ging um Die Deutschen wie ein Echo
BETTINA
Auf dem Bildschirm sehe ich meine Landsleute
Mit Händen und Füßen abstimmen gegen die Wahrheit
Die vor vierzig Jahren mein Besitz war
Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend
GINKA/MÜLLER
Im Fernsehen die Verhaftung Erich Honeckers nach der Krebsoperation am Tor der Charité.
Ich sehe die Bilder und denke and Rambows Theaterplakate in Frankfurt, Hauptstadt der Banken und der Prostitution und, eine kurze Zeit lang, des politischen Theaters in der Bundesrepublik
Ich seh auf dem Dach des Haus des Reisens links oben flatternd das
NEUE DEUTSCHLAND eine Zeitung ohne Leser; verlorenes Bramsegel der sozialistischen Totgeburt.
INGE
In der Valuta-Bar des Hotels METROPOL Berlin Hauptstadt der DDR bemüht sich eine Hure um einen Greis mit Schnupfen. Zwischen den Kapiteln seines Vortrags „Über die Freiheit in den USA“ rotzt er ins Taschentuch und schreit nach dem Abfalleimer. Ich höre zwei Geschäftsreisende Bayern dem Geräusch nach Asien verteilen:
ALSO MALAYSIA TAT MIR GFALLN
THAILAND AUCH KOREA GHÖRT DAZU
ALSO DAS KREUZSCHIENENSYSTEM FÜR DEN JEMEN TÄT ICH NOCH PLANEN
DANN HAT SICH DIE SACHE
CHINA GHÖRT AUCH DAZU
CHINA IST ALS EINZIGES PROJEKT VERKAUFT WORDN
GINKA
In der S- Bahn ZOOLOGISCHER GARTEN FRIEDRICHSTRASSE
habe ich zwei DDR-Bürger kennengelernt: Einer erzählt
Mein Sohn drei Wochen alt wurde geboren mit einem Schild vor der Brust
ICH WAR AM NEUNTEN NOVEMBER IM WESTEN
Meine Tochter gleichaltrig (Ich habe Zwillinge) trägt die Aufschrift
ICH AUCH
BETTINA
AUF DEM BILDSCHIRM BERLIN ALEXANDERPLATZ
DIE GROSSE DEMONSTRATION
EIN MANN MIT PAPIER IN DER HAND
STEHT IM REGEN UND STOTTERT
ICH SPIELE DAZU auf grosse Plätze traue ich mich nicht
MÜLLER (FRANK)
Ich äh…also ich würde hier gerne eine Forderung der unabhängigen Gewerkschaften vorlesen
INGE
Der Autor steht auf der Tribüne
Sieht sich, sieht die ausgerissenen Fingernägel des Janos Kadar
der die Panzer gegen sein Volk rief als es anfing
EMIL
Der Autor sieht sein Sterben BONES AND SHOES das Fernsehn war dabei auf demAlexanderplatz
MÜLLER/ROBERT
Der Autor sieht sich verscharrt mit dem Gesicht zur Erde sein
Sein BudaPest 1956 heißt nun Alexanderplatz 1989(auf den Boden)
in der zittrigen Hand hält er den zu grossen Zettel
MÜLLER/FRANK
Der Autor verlässt die Tribüne läuft durch die leere Stadt
Ein junger Mann kommt und schlägt ihm ins Gesicht
Er schlägt ihn nochmal ins Gesicht.Das Brillenglas splittert.
JUNGER SCHAUSPIELER/EMIL
Der junge Mann schlägt ihm erneut in das Gesicht
er hat den Autor erkannt
Glas bohrt sich in Hand.
MÜLLER/GINKA
Ein Autor quickt wie eine Sau.
So sterben Götter
lacht der Junge Mann
Du rote Sau
Der junge Mann schlägt ihm ins Gesicht
Die Tribüne ist längst abgebaut
MÜLLER/ROBERT
Menschen sitzen vor Bildschirmen
Der Platz ist leer
leicht der Regen
mein Quiecken
hört man nicht
ich gehe Tiere anschauen
MÜLLER/FRANK
FERNSEHEN in der Charite nehm mein Ende vorweg
Blixa Bargeld spielt seine Melodien
Sechs Betten im kalten Weiß stehen nun in kalifornischer atomverseuchten Wüste death and destruction in Mitte
Eine SONDE BOHRT SICH IN MEINE KREBSKAMMER NICHT DIE
DIE SOWJETMACHT UND
HELLT MEIN HERZ NICHT AUF
MEIN ABC IST MIT
30000 DOTIERT UND KLEIST KOTZT MIR AUFS JACKET FÜR DEN VERRAT
komm Blixa hör uff ich mach jetzt was mit Laibach
AJAX ZUM BEISPIEL
BLIXA BARGELD/JONAS
Ajax zum Beispiel:
In den Buchläden stapeln sich die Bestseller
Literatur für Idioten denen das Fernsehn nicht genügt
Ich Dinosaurier nicht von Spielberg sitze
Nachdenkend über die Möglichkeit eine Tragödie zu schreiben
Heilige Einfalt im Hotel in Berlin unwirklicher Hauptstadt
Mein Blick aus dem Fester fällt auf den Mercedesstern
Der sich im Nachthimmel dreht melancholisch
Über dem Zahngold von Auschwitz und andern Filialen
Der Deutschen Bank auf dem Europacenter Europa
KRANKENSCHWESTER SONJA
Die Bauernkriege das größteUnglück der deutschen Geschichte las ich kopfschüttelnd
Wie kann eine Revolution ein Unglück sein.DER MAUERFALL ein Exkurs über Revolution und Zahnmedizin geschrieben im Jahrhundert der Zahnärzte das zu Ende geht.Zwei Zahnprothesen ein Büchner Preis.Das kommende wird den Advokaten gehören
BETTINA
Die Zeit Steht als Immobilie zum Verkauf im Hochhaus unter dem Mercedesstern
in den Etagen der Kulturverwaltung Brennt noch Licht rauchen die Köpfe im Sparzwang
proben die Amputierten den aufrechten Gang unter Aufsicht des Finanzsenators
ZUM GELDE DRÄNGT AM GELDE HÄNGT DOCH ALLES
MÜLLER/FRANK
Ich Dinosaurier im Rauschen der Klimaanlage selbst in der Steuerschraube bis zum Hals
Die Staatsgewalt geht vom Geld aus Geld Muß kaufen Arbeit macht unfrei
Heimat ist wo die Rechnungen ankommen sagt meine Frau
JUNGER SCHAUSPIELER
Ein Mann in Stalinstadt Bezirk Frankfurt Oder auf die Nachricht vom Klimawechsel in Moskau
nahm stumm von der Wand das Porträt des geliebten Führers der Arbeiterklasse des Weltkommunismus, trat mit Füßen das Bild des toten Diktators hängte sich auf an dem frei gewordenen Haken.Sein Tod hatte keinen Nachrichtenwert - Ein Leben für den Reißwolf
KEINER ODER ALLE war das falsche Programm:
Für alle reicht es nicht!
INGE
Mein Schreibglück der fünfziger Jahre als man aufgehoben war im Blankvers aufgerieben
Zwischen den Planken des kenternden Geisterschiffs
beschirmt vom ironischen Pathos des Knittelreims.
Nur die Hebungen werden gezählt, gegen den Steinschlag der Denkmäler im Elend der Information BILD KÄMPFT FÜR SIE wird Erzählung Prostitution BILD KÄMPFT gibt die Tragödie den Geist auf, Stalin zum Beispiel. Seine Totems zum Verkauf stehn am Brandenburger Tor für Hitlers Enkel.Welchen Text soll ich ihnen in den Mund legen oder ins Maul stopfen
GINKA
Der Rausch der alten Bilder Die Müdigkeit im Rücken das unendliche Gemurmel
Des Fernsehprogramms BEI UNS SITZEN SIE IN DER ERSTEN REIHE
Die Schwierigkeit den Vers zu behaupten gegen das Stakkato der Werbung,
UNSERN TÄGLICHEN MORD GIB UNS HEUTE
In meinem Gedächtnis taucht ein Buchtitel auf DIE ERSTE REIHE Bericht von Toden in Deutschland.Kommunisten gefallen im Krieg gegen Hitler
Jung wie die Brandstifter von heute
wenig Wissend vielleicht wie die Brandstifter von heute
Andres wissend und andres nicht wissend
im Kreisverkehr der Ware mit der Ware
Ihre Namen vergessen und ausgelöscht
Im Namen der Nation aus dem Gedächtnis
Der Nation was immer das sein oder werden mag
Im aktuellen Gemisch aus Gewalt und Vergessen
In der traumlosen Kälte des Weltraums
KREBSSTATION
INGE
Ich will nicht mehr essen atmen,eine Frau lieben, einen Mann
Im Schädel Königreiche Universen, der trübe Rest an Schläuchen aufgehängt
Ein Sack Chemie …der Krebstod auf den Fersen
BETTINA
Wat soll ick denn jetzt noch spielen.Mein Hände sind total kaputt und für wen…
KRANKENSCHWESTER SONJA
Glückliche Idioten vor Bildschirmen
MÜLLER
Die Welt ist beschrieben kein Platz mehr für Literatur
Im Kopf ein Drama
für kein Publikum (stirbt)
KRANKENSCHWESTER SONJA
sie werden alles vergessen
den sozialismus vergessen
den krieg vergessen
den faschismus vergessen
die ddr vergessen
vergessen und vergessen
INTERIM LOVERS
Song. Bühne wird abgebaut.
-
THEATER / MUTTER
mutter ich
fahre durch bahnhöfe
unter der erde die kacheln noch
die alten,die vom hoffen und
morgenrot,darüber lagen die toten
auf weissen sand,toter strand
auf den bahnsteigen stehen gehen skizzen von heute die glotzen in ihre bildschirme vergessen und vergessen und vergessen
singt nun meine mutter im hydraulischen bett ist heut meine medea auf der katheterargos
sie geht der welt verloren im
rehaloch märkisches viertel jetzt
singt ihr höchstens sido von der ebrofront das solidaritärslied
ich hocke zwischen kacheln und skizzen und ihrem vergessen die
blaue flecken die arbeiterklasse nun pflegekräfte
schlögt lieber heimlich altes
als das kapital an der inneren front
oder äusseren am schwarzen meer
aussengrenze europas gesichert vor
der asiatischen barbarei so nennt sie
die wie einst ihr grossvater von
der SS später spiegel redakteur ich
selber verachte beide den russischen
und den anderen imperien ismus
ICH BRAUCHE EINEN LICHTWECHSEL
WENIGSTENS MUSIK
VIELLEICHT JUGOSLAWISCH
MOCHTE DER HEINER DOCH AUCH
mutter es herrscht ein weltkrieg unter unserem himmel
sie nennen ihn anders,als ob halbe worte den
tod den krieg halbieren könnten
heut ist es schwer
sagt sie die mutter
das fahren zu dir
sag ich der sohn
und seh die stadt hinter
dem busfenster salzig wegen
tränen sind ein schwerer vorhang
mutters faust dritter teil
das vergessen urin im bett
mein klassiker ist heutig
sagt mir meine Mutter
HEINERMÜLLERkanntest du
ihn gut
MEINE MUTTER
sie wusste genau wo sie war und wer ich bin,reagierte jedoch mit massiven Angstausbrüchen auf jeden Versuch zu reden
Kamst du dich an Heiner Müller erinnern
JA KLAR,der saß immer auf der roten Couch
Warum
Wegen der Texte
Dein Vater den habe ich sehr geliebt wo ist er
TOD
ach das ist traurig
der vater tot
WAS HATTEST DU VOR
weiß nicht,was machen diese schläuche in meinen körper
MAMA KATHETER DAS SIND KATHETER,WAS WOLLTEST DU MIT DEN TEXTEN
warum.was soll das alles
pack meinen koffer aus
ich will nach moskau
dort ist krieg
in moskau
nein dort
wo wir herkommen
ja
ICH WILL MIT DIR UBER MÜLLER REDEN
ich hab ihn in das Serbokroatische übersetzt,man kannte ihn noch nicht in Jugoslawien …ich fand er ist einer der wichtigsten Autoren seiner Zeit
WELCHE TEXTE HAST DU DENN ÜBERSETZT
Ich habe angst wo bin ich was mache ich hier
DEN AUFTRAG UND
mischa mein lieber bruder ach schön
dass du da bist
hier in belgrad
belgrad ist berlin
BIN NICHT MISCHA ICH BIN DEIN SOHN
Heiner Müller war sehr freundlich
Die Frauen hier sind schlecht
Schreien mich an
MAMA WAS HAST DU NOCH FÜR ERINNERUNGEN AN HEINER MÜLLER
EIN CHOR:
Seine Mutter spricht ihren Lieblingstext aus Medeamaterial
MUTTER SPRICHT MEDEAMATERIAL.
KRANKENHAUS.KATHETER.
Piep
Wüste in Kalifornien
Ein Autor hat einen Herzinfarkt.
Die Kinjal Rakete trifft Odessa
Eisenstein getötet.
heiligabend
nein ich bleibe lieber hier
sagt sie liegt im stahlbett
hoch über den bäumen
lieber hier lieber
ich lese vor
von römern
von müttern
vätern und hirten
von bethlehem und sternen
und gott und sehe sie dünn
nur halb von dieser welt
im bett liegen und erhoffe mir
ein wunder im pflegeheim
aber es geschieht nicht
sie liegt an heiligabend auf
dem stahlbett und meine
tränen fallen auf vier bunten
von der leitung ausgewählten
fotokopierten bibelseiten
die geburt jesu die ich stockend
lese zittere heule sie hört zu
vom wunder der geburt
von den sternen über
dem dachlosen stall
ich gehe
kein wunder
in der nacht
vater ich
wenn ich meinen
vater besuche berichtete ich
von der welt und mutter rauche mit
ihm eine lange 100er
dann spüle ich das
moos aus dem weissen stein
den gewidmeten worten
und schweige nach altem brauch
bevor ich zur s bahn laufe im
kaiserforst nun behindertenwerkstatt
leer ist die alte bahn an diesen tagen
sie sitzen in häuser die wohner
voller angst und geifer
aussen frisst nach innen
der satzbau ist fensterlos
dachlos ruchlos woanders steht
man vor verkohltem stein dachpappe
in erdschwarzer hand man sitzt unter bäumen an flüssen treibgut
ich schweige seit monaten
meine frontlinie bewegt sich nicht
im stellungskrieg denk ich an
alte meere sich wiegende bäume
bevor ich mich übergebe
sauer mein lebenswasser
gross fressende angst ich
rauche und spüle den
weissen stein ab
dort wo nun mein vater liegt
dünn wie papier
wird er der stein
wie du papa
und ich schleife ihn zu papier
den weissen stein so dünn
leicht und namenlos
bis ihn ein wind
aufwirbelt der
sonne entgegen
-
BUSFAHRT ( vom unterwegssein)
zwei roma jungs in der letzten reihe
beiden fehlte ein bein. dem einen das linke,dem anderen das rechte. als gehhilfe benutzen sie tschechoslowakische eishockeyschläger.
in der mitte sitz 35 sass eine etwa sechszigjährige frau.sie weinte ununterbrochen erzählte jedoch den sitzen 36 38 und 39 die nur stumm nickten,sie hätte eine stauballergie und die busse wären doch immer schmutzig, warum für sie bei ihren busfahrten eigentlich immer nur heulte.als wir in den bergen durch leere dörfer fuhren weinte sie nicht mehr, in einem dieser leeren russschwarzen dörfer stieg sie aus, ein roter golf eins wartete auf sie.das dinara gebirge lag im nebel. oder rauch.
ganz vorne saß ein etwa fünfundfünfzigjähriger mann, ihm fehlten beide arme, die prothesen hat er auf den sitz 8 abgelegt, sie glänzten ihn der sonne, sahen die gelben felder slawoniens, die karpfenreiche in podrinien, zwei unbesiegbare stahlschwerter von ivanhoe, leuchtend
der turniersieg an einem wolkenlosen augusttag und der armlose mann lachte gerne und laut, erzählte, dass er immer den nachbarsitz für seine zwei prothesen für den vollpreis kaufe.
er lehne mitleid ab.
an einer raststätte hielt ich eine caprisonne in der hand und der mann ohne arme trank mit einem strohhalm unter vielen entschuldigungen (tut mir leid,manchmal vergesse ich meine arme,bin froh,dass sie mal nicht scheuern) den saft hastig aus. ich dachte nur daran, dass er vielleicht auf mich geschossen hat vor jahren. er hatte einen slawonischen dialekt, so sprach man dort, wo ich nicht sein wollte, vor über dreissig jahren im schützenloch inmitten eines gelben feldes gegenüber der armlose, damals hatte er noch beide,beide waren wir 24.
auf dem sitz 24 sass ein älterer mann.
er hört seit der abfahrt haustor (auf deutsch hauseingang) eine new wave band aus zagreb, alle alben natürlich, denn die fahrt an das meer dauert 12 stunden und er singt seid sie die grenze passiert haben mit, leise natürlich, um nicht die weinende frau zu stören, den lachenden armlosen invaliden, die roma jungs mit den tschechoslowakischen eishockeyschlögern und die restlichen passagiere, die in dieser geschichte nur schwitzende körper sind und die körper bewegen ihre köpfe zu dem haustorsong, wie er. sie springen von der mole, beim entauchen verlieren sie ihre ausgeleierten speedo badehosen,kurz sieht man zuviel
und sie schämen sich vor den mädchen,
sie liegen nackt unter sternen, trinken billigen rotwein und hoffen, dass der mond die brüste der mädchen schönscheinen lässt, während sich alle routiniert über das neueste dreifachalbum von clash unterhalten. nur tanja nicht, die hört nur jacques brel. und die körper weinen und zittern drei tage in der leeren panzerhalle die nach diesel, schmieröl und lavendel riecht. sie greifen in den brustkorb, das loch so gross wie eine melone, sie singen immer leise während sie in bussen fahren, der mund voll schwarzer erde, damit sie nicht schreien, wie einst im sommer der angst. der bus singt, die körper singen haustor,träumen von küssen
Unter all diesen Fahnen
Die überall um uns herum wehen
Da gibt es keinen Ort
An dem wir stehen könnten
Unsere Hände in die Höhe recken
Und unsere Lieder singen
Und unsere Lieder singen
sie singen und ihre haut riecht nach sommer und rauch, ich sitze immer auf dem sitz 24, denn an dem tag wurde ich geboren und an dem tag zog ich in den krieg und das radio vorne neben dem
verschwitzten busfahrer spielt andere lieder, die vom siegen und adlern. ihre lieder in den bussen die hymne unseres schweigens. ich singe mein lied,in mich hinein:
KRIEG ANGST UNRUHE
wenn der krieg die angst
die unruhe die trauer
in die träume bricht
hilft manchmal:
vor dem schlafen das geräusch eines knatternden fischerbootes hören
sich den ersten sprung des sommers in das stille nachmittagsmeer vorstellen
der duftende lavendel in der nase und draußen ist es winter in berlin karow
schwerelos vor einer muschelübersähten unterwassermine verharren
sich die hosentaschen mit dalmatinischen kiefernadeln vollstopfen
bis sie herausstechen und die eigene haut hineinstechen
auf einer anhöhe im fläming auf weissem sand stehen und in die ferne sprechen als wäre sie ein schöner bekannter
sich den verschlussmechanismus eines Z 70 vorstellen
an einen kuss in tuzla denken,im rücken weiße plattenbauten vor den füssen der fluss neugierig süss die lippen
zweimal hintereinander ich war neunzehn ansehen
sich einmal wenn die kraniche ziehen ansehen
zehn digedag hefte hintereinander lesen und makronentörtchen essen
denken man wäre in bad salzungen und stürbe an ddr langeweile
an eine aufgeheizte parkbank am senefelder platz 1981 denken
auf dem mittleren bett des schlafwagens liegen und vier stunden auf die puszta und ebene bei vierzig grad celsius sehen
mit dem zug von berlin nach belgrad fahren und brno liegt schon am meer
papa auf dem friedhof besuchen,die mutter im pflegeheim
die ihr leben vergisst mit baklava füttern
nach dem friedhof dem heim, meinen neuen heimatorten, mit der sbahn in die stadt fahren und die jungs und mädchen aus der behindertenwerkstatt lachen zu laut
aber schön. aus dem herzen,meins ist ein melonenloch.
der bus hält in einer hafenstadt.
ich warte auf jemanden.
kein lied,stumm.
-
MOSKVA – WARSZAWA – PRAHA-BEOGRAD-SPLIT(IN ZÜGEN)
I
WARSZAWA
Ich habe einmal in der Wisla gebadet.
Irgendwann im Herbst. Natascha sah mir zu,
sie hatte mir die Stelle gezeigt, an der Berling Soldaten den Fluss
überquert hatten und starben. Kurz zuvor haben unsere Mütter
das ehemalige jüdische Ghetto besucht, ich bin ein schmales Treppenhaus hochgelaufen, die Zimmer waren leer.
Danach Soda mit Himbeergeschmack. Waffeln mit Himbeergeschmack.
Sie roch auch nach Himbeeren danach.
Von meinem wenigen Taschengeld habe ich mir zuvor einen Comic gekauft, kurz nachdem wir das Ghetto verlassen haben, in dem ein polnischer Pilot 1939 von deutschen Faschisten abgeschossen wird, Warschau brennt, 1939.
Ich habe in der Wisla gebadet und Natascha sah mir zu, sie stand am Ufer reglos, die Augen gross. Sie war zehn Jahre alt, ich elf und hat ihren Vater im Arbeitszimmer gefunden, er hing unter der Decke im zwölften Stock eines Plattenbaus von Praga. Ihre Stiefmutter fand sie und ihren toten Mann drei Stunden später, kurz nach Büroschluss im Büro für Marxismusstudien. Die beste Freundin meiner
Mutter stammte aus Equador und musste nach Polen flüchten, nach einem Militärputsch. Man hatte sie vier Wochen lang in einem geheimen
Gefängnis gefoltert und vergewaltigt, das hatte mir Natascha erzählt und dass sie ihre Stifmutter nie streichelt, kaum mit ihr spricht und gerne, wenn es Nacht wird,singt. Spanische Lieder. Ich wusste nicht, was das heißt „sie ist vergewaltigt worden“ und schaute mir die Wisla an, vom zwölften Stock aus und musste daran denken, wie mich Natascha ansah, als ich in der Wisla badete, dort wo die Berling Soldaten starben, den Fluss hinutertrieben.
Die Stadt brannte.
Der Fluss.
II
VIENNA
kein trost die landschaft
die zu schnell vorüberfährt
die geschwungene Linie
am graublauen horizont
der weinberg darunter
bleibt leer
mit sich
allein
ein baum
irgendwo
III
MOSKVA
moskau 1962.
theaterhochschule gitis und die liebe...entscheiden bewerten reagieren und das alles, mein vater musste sich zwischen einer kaukasierin und serbin entscheiden. als die kaukasierin ihn mit einem dolch zur heirat zwingen wollte, entschied er sich doch für meine mutter und die beatles, denn sie hatte immer einen weissen reiseplattenspieler dabei und war sehr zart.
zwanzig jahre später ist die kaukasierin aus der sowjetunion ausgereist und unglücklich verheiratet künstlerische leiterin der französischen juniorinnenauswahl im eiskunstlauf geworden und hat deswegen einmal berlin/ddr besucht und sich bei uns gemeldet. mein vater war gerade nicht in berlin und ich traf sie an seiner statt im hotel stadt berlin. eine wunderschöne frau saß mir gegenüber und schwieg, eine oder zwei stunden und sah mich nur an. kein wort.
irgendwann sagte sie “mein sohn” zu mir und heulte und bevor sie auf ihr zimmer ging sagte sie noch: “such dir eine aus.”
ein paar tische weiter saßen bildhübsche französische eiskunstläuferinnen 16/17 jahre alt. sie führte mich an deren tisch und ging. ein mädchen nahm mich sofort an die hand (sie hatten auch schon entschieden und zuvor schließlich zwei stunden zeit) und führte mich in den fünfzehnten stock des hotels stadt berlin und schlief mit mir.
sie kam aus bordeux.
ich war fünfzehn.
IV
SANKT PETERSBURG/MOSKVA
MEYERHOLD
Man legte mich mit dem Gesicht nach unten auf den Fußboden
schlug mir mit einem Riemen auf die Fersen
den Rücken; als ich auf dem Stuhl saß
schlugen sie mir mit demselben Gummi
auf die Beine. An den folgenden Tagen
als diese Stellen an den Beinen
von einem riesigen inneren Bluterguß angeschwollen waren
schlugen sie mir erneut gezielt mit dem Riemen
auf diese blutunterlaufenen
rot-blau -gelben Stellen, und das tat so weh
daß ich das Gefühl hatte, als ob sie auf die kranken
hochempfindlichen Stellen sprudelnd kochendes Wasser gießen würden
ich schrie und weinte vor Schmerzen).
Sie schlugen mir mit den Händen ins Gesicht...
brachen mir erst zwei dann drei dann sechs Zähne
Ihr brechen eine Fuge oder Ouvertüre für Schostakowitsch
Mit dem Knüppel schlägt man ein Loch in meine breite Stirn
Ich Rutsche auf meinen Urin
Meinem Blut aus
Otkaz
Otpust
Otkaz
Otpust
Der Untersuchungsrichter drohte in einem fort: '
Wenn du schwules Judenschwein nicht unterschreibst,
schlagen wir dich weiter, alles andere machen wir zu einem unförmigen, blutigen Klumpen
und sie schlugen ihn zu klump
Der Körper der Biomechanik ist der Körper der Revolution
seine Muskelkraft und Schweiß unsere Fahne der Sowjetmacht
In dem wir seine Kräfte entfesseln und wir uns aus den Fängen
der bürgerlichen Kommas,Punkte,Absätze und Kapitel lösen
befreien von der Ausbeutung und Unterdrückung
des nur gesprochenen Wortes,
auf unseren staubigen Bühnen
indem wie mir federnder Ferse und tanzendem Bein
Trizeps und Wadenmuskel
die Welt erlösen im befreiten Tanz
die papierner Welt erfunden auf Dichtertischen und aus
selbstverliebtrn Federn in die Welt gestöhnt und geseufzt
unter sehnigen Fußballen
zerfetzen
Körper sich von
Kugelschreiber und totem Weisspapier
befreien
er schlägt mit ein Loch in den Kopf
ich werde sterben
in genau 24min
in diesem Keller in Moskau
meine Bühne ist
eine Blut und Zahnpfütze
es knirscht und schmiert
Otkaz
Otpust
CHARMS
Den achten Monat
Schlucke ich Pillen
Säure zersetzt Kopf Hoden
Neben mir die psychotischen fressen ihre eigene Scheisse
beschreiben die Wände
mit Kot blutig fast von fortwährender Diarroehe
Kohlsuppe jeden Tag
die Parole Elektrizifizierung plus Eisenbahn
gemalt aus Menschenscheisse grinst mich an
ich nasche am braunen Kanal und fische wie ein bunter
Kolibri im Dreck meiner Genossinnen und Genossen
Mein Gott, ich habe nurmehr eine einzige Bitte an Dich: vernichte mich, zerschlage mich endgültig, stoße mich in die Hölle, laß mich nicht auf halbem Wege stehen, sondern nimm von mir die Hoffnung und vernichte mich schnell, in Ewigkeit.
Mich interessiert nur der ‚Quatsch‘, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung.
Ich arbeite im Bereich der Literatur. Ich bin kein politisch denkender Mensch, sondern die Frage, die mir nahesteht, ist: die Literatur. Ich erkläre, daß ich im Bereich der Literatur mit der Politik der Sowjetregierung nicht einverstanden bin, und wünsche als Gegengewicht zu den in diesem Punkt bestehenden Maßnahmen die Freiheit der Presse, sowohl für mein eigenes Werk als auch für das literarische Schaffen der mir nahestehenden Literaten, die mit mir eine eigene literarische Gruppe bilden
Ich fresse fremde Scheisse
In der psychiatrischen Klinik Nr 12
ISAAC BABEL
Stecke dir den Schwanz hinein
schönes Mädchen du warst nur
einmal schön,dein Haar die Haut
wie im Heu in Galizien das Dorf
verkohlt polnische Bäume einst
Soldaten von den Kosaken an die
Verandasäulen gefesselt der Spiritus
auf Stirn und Brust und Pimmel
gegossen
stecke dir den Schwanz hinein
später wird es eine unserer Vorausabteilungen
tun,sechs an der Zahl
Kuban Kosaken von unserer
Reiterarmee Budjonnis Knochenmühle
Schnitten dir die schöne Zunge ab,warfen sie
in schwarzes Gestrupp stachelig und
arm wie alles und jedes in Gallizien
ein doppelter Spiritus auf Ex
in deine feine Kehle geflösst
angezündet
dein Schrei verbrennt von innen nach außen
die Kehle die Lippen von innen
eine Reiterabteilung durchquert
die graue rauchige galizische Ebene
die Sonne stehe hoch
ein nacktes Mädchen
verbrennt
Ich trinke hier im Keller den Spiritus
denselben wie das Mädchen
mein Vernehmer (ihm gefällt mein Buch nicht)
ritt einst auf Galizischen Feldern
in Budjonnys Reiterarmee
heute wird er meine Brust
meine Seele
brechen
Lubjanka
heute Nacht
meine Steppe
V
BREST LITOWSK
Vor meinem Haus verkaufte ein Kriegsblinder Streichhölzer und Schnürsenkel in allen Farben des Regenbogens.Er schüttelte dabei immer die Streichholzschachteln,Töne und Klänge erfüllten die trostlose Schönhauser Allee, nassgrauer Pflasterstein glänzte in zäher Langeweile in meiner grossen lauten Strasse,ein Zündholzbossanova erfüllte sie mit frohen Klängen.Erst später wurde mir klar,dass seine grobe Kleidung eine umgearbeitete Wehrmachtsuniform war, eingefärbt und umgenäht.Wieso trug er noch seine Uniform,siebenundzwanzig Jahre nach dem Ende des Krieges,1972,wieso kaufte ich heimlich bei ihm Schnürsenkel und versteckte einunzwanzig gelbe rote und blaue davon unter meinen Bett.
Nach seinem Einsatz in Weissrussland - noch spürte er die Hitze der brennenden Scheune,das Bienensummen der verbrennenden Menschen,den so klingen zweihundert brennende Frauen und Kinder, wie Bienen im Anflug auf ihr Haus ihr süßes brennendes Heim,wenn der Kraftwagen sich langsam,von der auf die Erde gestürzte flammende Sonne Richtung Brest bewegt und es in seinem warmen Rücken summt,während er langsam bis zehntausend zählt - nach seinem Einsatz spielte er den Streichholz Bossa Nova und an den Alleen hingen Menschen in Bäumen,aufgeknüpft an Schnürsenkeln.
Eines Tages stand er nicht mehr blind und sehr musikalisch an unseres Ecke,eine Freundschaftsbesucherin aus Minsk hat ihn,nach ihrem Einkauf im Modelleisenbahnladen, zwei Waggons und eine Tatratrommel bitte-
für ihren Enkel,erkannt.Sie brach vor dem Laden zusammen,von
Weinkrämpfen geschüttelt in der Hand der Beutel mit den kostbaren Geschenken tara-tara tak erschütterte ihr MÖRDER MÖRDER die Dimitroffstrasse.Mit der zerbrochenen Tatratrommel von TT im Freindschafts-Beutel ,eine Matrjoschka umarmt den Berliner Bären,sah sie den dicken Volkspolizisten auf sie zukommen,
sie hatte soeben den Mörder ihrer Elter erkannt
War's der Mondenschein? Na na, der Bossa Nova
Oder war's der Wein? Na na, der Bossa Nova
Kann das möglich sein, yeah yeah, der Bossa Nova
War Schuld daran?…
Dieses Mann saß vor meinem Haus,in seiner kalten eingefärbten Kriegerhaut,schwang die Streichhölzer aus Riesa im Bossa Nova Rythmus aus der Nähe betrachtet wohl nicht mit Absicht.
Am Bahnhof Lichtenberg stieg sie in den Zug nach Brest.In ihrem Freundschaftsbeutel klapperten die zwei Waggons und eine in der Mitte gebrochene Taigatrommel,sie klapperten tak taka taka, es klang wie -
das Wasser liegt so flach wie Fell,das eine Katze leckte,ein Vogel, der sogar von weitem gross erscheint,glaubt, das Meer wäre sein Ei er sitzt geduldig auf dem Wasser,fühlt seine leisen Stösse dann und wannwie ein Bossa Nova.
Das Abteil nach Brest roch nach altem,kalten Rauch.
VI
BRNO
Viele Gesichter trug ich, viele Gesichter
waren zu tragen mir auferlegt.
Wenn ich lachte, war oft die Haut nur
vom Lachen bewegt.
Irrsinniges Weinen sprang
mir um die Lippen -
aber ich habe gelacht.
Habe mein Gesicht zum Lachen gebracht.
VII
TRAUM IRGENDWO ZWISCHEN BRATISLAVA UND KOMAROM
Ich habe von brennenden Schweinen geträumt.Ich war eins.
Ich habe von einem leeren Schwimbad geträumt,alle Kachel wurden von den Wänden gerissen.
Ich habe von einer steilen Straße geträumt warm von Blut und süß.
Ich habe meinen Vater geträumt.Er schwieg.
Ich habe von ihr geträumt und Ich habe von einem weißen Kalkloch geträumt,hinuntersehen durfte ich nicht.
Ich habe mich in einen schwarzen Hinmel fliegend geträumt.
Ich habe mich tot in einem Feldlazarett geträumt und sang trotzdem space odity von Bowie.
Ich habe mich als Leinwand geträumt und kalten Farben auf mir und in mir.
Ich habe mich ohne Kopf geträumt,er lief vorneweg durch London und dachte zuviel.
Ich habe mich verbrannt in einem Panzer geträumt
Diesen Traum zähle ich schon nicht mehr.
Ich habe von einen unendlichem Hecke geträumt,sie summte wie früher die Telefonmasten,dahinter wohnte der Tod.
VIII
WARSZAWA ZWEI
Im Winter 1980 habe ich mich mit drei gleichaltrigen polnischen Jungs mitten auf einem schneebedeckten Fußballplatz in Jelenia Gora geprügelt.Sie beschimpften mich als deutsche Nazisau und ich antwortete Ihnen auf serbokroatisch,dass ich Partisanenenkel bin...keine deutsche Nazisau.Wir hörten uns nicht.
Das Weiß färbte sich rot.Den riesigen Rot gesprenkelter Fussballplatz im Nacken zog ich meinen roten Plastikschlitten hinter mir her.
Weiß.
Er hing einen Tag lang im zehnten Stock in seiner Plattenbauwohnung in Praga,an der großen Brücke standen seit Stunden Panzerwagen,General Jaruzelski hatte einen Tag zuvor geputscht,bis ihn Irina fand,ihren Vater,den schönen Journalisten.Sie war neun Jahre alt.
Ein Jahr später küsste ich Irina im zehnten Stock in der Plattenwohnung,in der sich ihr Vater aufgehängt hatte.Mein Herz war gebrochen,die Nase auch,hatte mich gerade mit ihren Stiefbrüdern geprügelt,die sie wegen ihres immertraurigen Gesichtes quälten.Das erste Mädchen in das ich mich verliebt,schnitt in einer Nacht ihren Vater von der Decke und lächelte nie wieder.
Warschau.
Warszawa.
IX
PRAHA
Dubček.
Dubček.
Dubček.
Klara arbeitete sich langsam Richtung Haupteingang vor.Dubček.Sie brauchte mehr als eine Stunde,um vom Parlamentsgebäude zur gegenüberliegenden tschecho-slowakischen Botschaft im Boulevard der Revolution zu gelangen,Dubcek, normalerweise ein Weg von fünf Minuten, wenn man das stadtbeste Eis der Konditorei und Eisdiele Pelivan links vom Haupteingang ignorierte.Von der hausgemachten Boza* ganz zu schweigen,für die küsst man sogar dicke Ärsche und putzt fremde Schuhe.Klara, die für drei Kugeln Malaga,Zitrone und Haselnuss,inklusive Boza* aus dem Pelivan normalerweise zum Quisling geworden wäre, wie man in meiner Partisanenfamilie zu sagen pflegte, oder gerne auch den Arsch ihres älteren Bruders geküsst hatte „natürlich mit Hose drüber“ ließ diesmal das Pelivan links liegen.Sie musste zur Dubček Botschaft.
Aus zehntausenden Mündern erklang immer wieder dieser Name.Dubcek.
Man nannte die tschechosloeakische Botschaft Dubček Botschaft,weil sich die tschechoslowakischen Botschaften in „Dubček“ und „Sowjet“ Botschaften spalteten,meist abhängig von ihren Standorten in Ost-oder Westeuropa. Jugoslawien war irgendetwas dazwischen und dennoch irgendwie eindeutig eine Dubček Botschaft,irgendwie eher eine richtiggehend geschliffene Dubček-Festung.Die Botschaftspforte war täglich weit geöffnet,auf Wunsch des Botschafters wurden alle Polizisten abgezogen und ihn,den Botschafter traf man eher beim Baklavaessen im Pelivan (Visa wurden auch gerne am honigsüssen Kuchentisch persönlich von ihm unterschrieben,rochen in dieser Zeit nach Pistazien,Honig oder Vanillecreme)als in seiner marmornen zwanziger Jahre Bauhausresidenz im Boulevard der Revolution.Ein tschechoslowakischer Bauhausler hatte das Botschaftsgebäude in den Zwanzigern errichtet,als die beiden Staaten noch jung und frisch ineinander und in ihr neues Ich verliebt waren.Die Botschaft ist bis Heute,in der es weder Tschechoslowakei noch Jugoslawien gibt,eines von nur drei erhaltenen Bauhausgebäuden in Belgrad.Denn,wie es das Märchen es so will,verliebte sich der tschechische Architekt in eine wunderschöne Belgraderin,blieb dort und baute in Belgrad weitere Gebäude.Er wurde 1942 von den Deutschen in einem Opel Kraftwagen auf der Landstrasse Richtung Kosmaj vergast.
Er war eigentlich nicht nur Bauhausschüler, Tschechoslowake und glühender Panslawe sondern auch Jude.Eigentlich waren die Deutschen meist Österreicher,aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Dubček.
Dubček.
Dubček.
Klara hatte mit ihrem noch ungeküssten Arsch nur noch ein paar Meter bis zum Haupteingang vor sich.Die Menschen um sie herum weinten,schwenkten tschechoslowakische und jugoslawische Fahnen.Ein älterer kleiner Mann in einer kurzen britischen Uniformjacke sammelte Freiwillige in einer Ecke,gleich neben dem Eingangstor...
Alter?
55.
Gekämpft?
Ja.
Wo?
Erste Proletarische Division.
42-45
Der Nächste.
26te,Lika.41-45.
Nächster.
Dalmatinische Fünfte.43-46.
Die Partisanen,mittlerweile Angestellte,Lehrer,Taxifahrer oder Konditormeister unterschrieben eine selbtsangefertigte Liste,die der ältere Mann im Wehrkreiskommando Belgrad-Vračar am nächsten Morgen abgeben wollte.Zumindest erklärte er das allen Anwesenden.Frauen die sich freiwillig melden wollten,verwies er an eine ältere Dame„die Bohnenstange leicht zu erkennen an der leuchtendroten Strickmütze“,die ihren Stand gegenüber der tschechoslowakischen Botschaft,vor dem Belgrader Hauptbüro von JAT bezogen hatte.
Mit uns nach New York stand in ihrem Rücken.
Ihre JAT-Jugoslawische Fluggesellschaft.
Klara taten die Backen immer noch weh.
Sie hatte sich aus Solidarität mit den tschechoslowakischen Brüdern und Schwestern aus ihren alten Pionierhalstüchern und Mamas Chaneltuch ein rotblauweises Halstuch gebastelt,ist nach dem Mittagessen zur sowjetischen Botschaft gefahren und hat einen Stein in den Aeroflot Schaukasten vor der sowjetischen Botschaft geschleudert. Dummerweise bemerkte sie nicht den hageren Milizionär,der direkt neben ihr stand(auffällig war die vollkommene Abwesenheit der Miliz während der Ereignisse) und mit den Worten „Wie kannst du nur unsere sowjetischen Genossen hassen“ ihr zwei Backpfeifen verpasste.
Sein Akzent war montenegrinisch. Wahrscheinlich war er einer der drei Montenegriner,die in diesen Tagen freiwillig die sowjetische Botschaft bewachten.
Russenknechte.
Klara machte sich mit ihren brennenden Backen auf, solidarisch in Richtung tschechoslowakische Botschaft,sie bemerkte gar nicht,wie der Milizionär von fünf Jungs zu Boden gerissen,verprügelt und dessen zerknautschte Schapka in das zertrümmerte Aeroflot Schaufenster gelegt wurde,als eine kleine montenegrinische Grabbeigabe für den sowjetischen Imperialismus.
Russenknecht.
Während Klara auf der größten Pro Dubček Kundgebung jenseits von Prag demonstrierte, mein Opa mit der Reserve der ersten Gardepanzerdivision an der ungarischen Grenze darauf wartetet,den tschechoslowakischen Brüder und Schwestern zur Hilfe zu eilen,meine Mutter in Sarajevo irgendetwas inszenierte,mein Vater alle Hoffnung verlor und meine Oma im Frauenkomitee Nahrung und Kleidung für tschechoslowakische Touristen sammelte,die in Jugoslawien steckengeblieben waren,mein Onkel Dragan mit Markuse und Fromm vor der sowjetischen Botschaft hübsche Mädchen bezirzte,kleisterte ich stundenlang mein Kinderzimmer zu.
Ich war aufgrund der historischen Ereignisse lange allein und nutzte die mir gegebene aufsichtsfreie Zeit,um mein 20m2 großes Kinderzimmer mit feinster Kinderkacke komplett umzugestalten.Was ging mich die Welt an.
Dubček.
Dubček.
Dubček.
Klara saß nun endlich auf dem Zaun vor der Botschaft und sang mit mehreren Zehntausend Belgradern im Wechsel die jugoslawische und tschechoslowakische Hymne.Spät nach Mitternacht kam sie nach Hause,mit brennenden Backen und geküssten
Arsch-ein Student der Medizin küsste ihn,nachdem Klara auf dem Zaun sitzend ihr T-Shirt auszog und Freiheit für freie Titten,Freiheit für die ČSSR brüllte.
Laut späterer Augenzeugenberichte meiner Familie,sah man von der italienischen Mustertapete im Kinderzimmer nichts mehr und inmitten dieses nun eintönigen Raumes hockte ich nackt auf dem tiefroten Çelim(Teppich),schlief tief und fest in der Scheisse.Am nächsten Morgen fuhren sowjetische sowie Panzerdivisionen verbündeter „Bruderländer“ auf tschechoslowakischen Strassen,sie überschritten die Grenze und meine Familie beschloss,dass ich nicht mehr in die DDR zurückkehren sollte.So endete mein Prager Frühling 1968.
1968 behielt mich meine Mutter in Belgrad.
Wegen der Panzer in Prag.
Wegen dem Ende vom Traum.
Mein Vater wartete auf uns und das der Sozialismus wieder wärmer wird.
Zwei oder drei Jahre wartete er.
Der Sozialismus blieb kalt.
Meine Mutter schiss auf Panzer und Sozialismus
wegen ihres heißen Herzens und Heiner Müller.
Vierzig Jahre später
Klara
Ich
sprachlos und mutlos
vor dem brand,dem sengen und versinken
halt den schnellkopf unter wasser,eiswasser wohl
vom pol, oder stilles teures und der kot und der dreck frisst mich an endmoränen und sandigen ufern, stehe auf pappe und becher glotze nur noch blöd die welt an, die blöde stimmlos und sattgefressen am ansehen
überlebt den einen krieg,fresse schon den neuen,weich die hand,hat noch vor
dem kopf aufgegeben,kluges kind -
was einmal brannte brennt immermehr
zu trocken,übersäuert unsere böden und
rinden,herzen aus holz und leim,klebt
sogar die nachrichtensprecherin weint
kalt grau,dem liegemden ist es gleich
frisst scheisse mit und ohne hafer oder haselnuss,budgettod
fressen uns nun selber kopfabwärts
die städte brennen,ihr gestank in unseren wohnzimmern,da hilft nur dufttanne oder
die klinge,dreierblatt im angebot
schneid mir damit gleich augen weg
alter käse
gagarin ist tot und der andere
ich will ihn nicht mehr sehen
seine sterne und flüge
die lautlosen,die,die
alles konnten
in einer nacht
schoss ich
30 kugel in den
himmel,meine
sterne fallen
XII
BELGRAD-KNIN-SPLIT
I.
Klapp.Klapp.Hundert Lichter in einem Tal.
Klapp.Klapp.Das müsste Sarajevo sein.Zigarette weiterreichen.
Wichser,du ziehst zu lange.Die muss für alle reichen.
Die Zigarette wanderte einmal von Mund zu Mund,musste für zehn Jungs reichen,ausser für T. der hat sich schon in Belgrad im Klo eingeschlossen,vorher schrieb er noch TOALET NE RADI
an die Tür und seitdem sitzt er still auf der Klobrille.Manchmal, wenn ein dicker,meist besoffener Mann in zu engem Hemd nicht lesen kann oder will
brummt er mit falschem Bass
TOALET NE RADI
die schwitzigen Männer fragen nicht nach,warum ein WC ihnen sagt,dass es heute nicht arbeitet,sie sind wohl Autoritäten gewohnt
In diesem Fall einem autoritären WC.
Klapp.Ein Bahnwärterhäuschen.Zwei Geranientöpfe,hängen schief von einem schiefen Dach.
Klapp.Klapp.Klapp.Unter der gelbleuchtenden Laterne steht ein weißer Fiat 500. Klapp.
Sieh mal-ohne Vorderreifen,was für Bauernpisser.
Das war S. - sein Vater fur einen YUGO KORAL,was ihm peinlich war,deswegen lernte er aus deutschen Autozeitschriften alles über Fahrzeuge auswendig und erzählte uns „das sein Vater VW,Audi und BMW fährt“
Er konnte alles haargenau beschreiben.
Wir stutzen nur,wenn er über Tesstrecken und Belastungsproben redete
und er nahm jede Gelegenheit war,kleiner Autos klein zu reden bis die in seinen Geschichten fast erbsengross irgendwo herumstanden und sich schämten.
Diesmal schämte sich ein FIAT 500 unter einer gelbleuchtenden Laterne in einem Vorort von Sarajevo.
Klapp.Bahnhof Podlugovi.Es stinkt nach Pisse.
Sie läuft direkt aus dem verstopften Klo zu uns,sickert in unsere teuren italienischen Rucksäcke und saugt sich in meine flachen,schwarzen Chucks.
Auch die roten und gelben Chucks von M und P haben es gerade nicht leicht.
Klapp.Klapp. Gornji Vakuf.Stinkt wie immer,sagt M.-wie jeden Sommer.
Klapp.Donji oder Gornji Vakuf so heißt der Ort,den wir nur Nachts sahen,auf unseren Fahrten von Belgrad nach Split,via Knin.
Sommer für Sommer.Klapp.Klapp.
Jeden Sommer bis zum großen Brand fuhren wir vom Belgrader Hauptbahnhof nach Split ans Meer.Klapp.Klapp.
Ans Meer,ans Meer,rief ich durch die offene Tür,in die schwarze Nacht,die Berge hinaus.Die Rufe wurden lauter,bald rief der ganze Waggon
ans Meer,ans Meer,ans Meer.
Es war nicht schwer die anderen 80 oder 100 Jungs von meiner Sehnsucht zu überzeugen und sie in die bosnischen Berge zu schreien.
Der Bahnhofswärter winkte uns mit seiner Kelle zu und es schien,als riefe er mit.
Ans Meer.
Zugdurchfahrt.
Klapp,klapp.
Die Tür klapperte seit Stunden,stand weit offen und ich atmete tief die frische,nach Kiefer und Gebirgsbächen riechende Bergluft ein.Die orangene Tür klappte nach jeder Biegung im Tal zu und auf,oder andersum,auf und zu,
das lag auch daran,das wir unsere Rücksäcke in die Türöffnung gestopft hatten,
wir wollten nichts verpassen-den Schottergeruch in Vinkovci nicht,die kalte Bergluft bei Sarajevo,den süßen Duft der Zypressen kurz vor Split
das No fumare Schild auf dem Klo.
Irgendwann um sechs,oder sieben,eher um Acht Uhr sollten wir in Knin ankommen.Dort würden,wie jeden Sommer,die Sonderzüge aus Zagreb und Belgrad zusammengekoppelt werden und nach Split weiterfahren.
Wir zogen uns frische T Shirts an,die besten die wir hatten,
verdient beim Fassaden waschen einer Belgrader Bank
anderen Putzarbeiten
Noch nie haben Jungs so viel geputzt in Belgrad wie im Mai und Juni.
Wahrscheinlich auch später nicht.
Wenn wir uns trafen sagten wir uns immer Zahlen
Fünf Zehn Fünfzehn
Die Zahlen standen für die Anzahl der Übernachtungen am Meer inklusive ein zwei Bier,manchmal ein Eis und Brot und billige Salami.
Nur einmal sagte D Vierzig!
Er hatte in Zemun gefälschte Interrail Tickets hergestellt und verkauft.
Später machte D viel Geld in Südafrika mit einem Reiseunternehmen spezialisiert auf Dampflokreisen durch das Burengebiet.
Zurück zu den Chucks/Converse All Stat low)...
Wir rieben uns mit Klopapier unsere pisseversifften Chucksohlen ab und hielten Ausschau nach dem Zagreber Sonderzug.Manchmal stand er schon im brüllendheissen Bahnhof von Knin,manchmal war unser Belgrader Adriasonderzug Stunden vorher da und wir lungerten, Sarajevoer Marlboro rauchend,auf dem dem weißen Bahnsteig herum.
Knin ist es ein Drecksloch.Nur verfickte Hurensöhne,Chetniks und Zigeuner von Roter Stern leben in diesem Drecksnest nölte P.
wie immer und schnipste seine Zigarette Richtung Stadtzentrum,mit der leisen Hoffnung,dass das Städtchen in einem halben Atemzug auf ihre Grundmauer niederbrennen würde und der Sonderzug aus Zagreb in dieses Leuchtfeuer hineinfahren und sich mit unserem vereint
Richtung Meer fahren würde.Das besondere dieses Sonderzuges aus Zagreb war,das er genauso mit jungen Mädchen und Jungs vollgestopft war,die mit ihren bunten Rucksäcken, urinriechenden Chucks und frisch gebügelten Tshirts in die Nacht sangen,wie der Belgrader,mit einem großen Unterschied:
Dutzende von schönen,duftenden Mädchen aus Zagreb sassen in den Türen,standen in den Gängen putzen sich und rauchten,tauschten untereinander Mixtapes und Bikinioberteile aus,erzählten von ihren letzten Sommerküssen,schwiegen voller leiser Hoffnung,schminkten sich vor den blinden Abteilspiegeln "Besuchen Sie Mostar" und zählten die Stunden bis zur Ankunft in Knin.
Zumindest stellten wir uns das so vor...
wenn wir Pech hatten,war der Zug voll mit Familien,VaterMutterKind...Mist riefen dann
Hundert Jungs in einem Atemzug
Mist
Mist
Mist
aber das ist keine Geschichte vom Pech,also war der Zug voll mit hübschen Mädchen aus Zagreb(über die Jungs schreib ich nicht,das können die Belgrader Mädchen gerne machen,die sich auf die Zagreber Jungs freuten,oder die Zagreber Jungs über die Belgrader Mädchen)
II.
Knin.
Auf und ab.
Auf und ab.
P. sprang wie ein Hampelmann auf und ab.
Wichser.
Ich war gerade fertig geworden mit dem Bild,gemeinsam mit M. hatte ich das Kap Horn durch gezieltes Zahnlücken-spucken auf den weißen Bahnsteigstein gemalt.
"Keine peinliche Sorgen machen,Bruder,bis die feinen Mädchen da sind,hats die verfickte Sonnte über Knin weggebrannt".Wir schwiegen und unser Kap verdunstete langsam.Wann kommt endlich der Zug aus Zagreb.
Italien in Knin seufzte M.und spuckte erneut auf den weißen Stein.
P.mit fing mit seinen Aufwärmübungen an,als wir uns am italienischen Stiefel versuchten.Er wollte wohl die Zagreber Mädchen beeindrucken,das tat er jeden Sommer,mehr oder weniger erfolgreich.
Begonnen hat es mit Breakdance.
Vor drei Jahren empfing er den Zagreber Sonderzug,mit,aus nem angesagten Film abgekupferten Drehungen,Schrauben und unbeholfenen Robotman Breakdance Moves,während wir im Halbkreis um ihn herumstehen und idiotisch klatschen mussten.Er hatte schon Monate vorher in Belgrad geübt,den Breakdance-Film,ich glaube Beatstreet, dreißig Mal in vier Wochen im Kino 20.Oktober gesehen.Wahrscheinlich war er der einzige Nichtroma im Kino,dessen Repertoire nur aus Bruce Lee Filmen und diesem Breakdancefilm bestand.
Der Robotman bekam in der knietiefen Zugklo-Pisse mitten in Bosnien noch seinen letzten Schliff,irgendwo kurz hinter Donji Vakuf.
Vor zwei Jahren spielten wir ein The Cure Video auf dem Bahnsteig nach,nur mit mäßigen Erfolg,es gab wohl nur drei Gothicmädchen in Zagreb,die unser Tun erkannten,der Rest hielt uns eher für schwul,das waren sonst eigentlich nur die Jungs aus Ljubljana.
Dieses Jahr hatte P.einen neuen Einfall.
Ich probiers mal "russisch".
Russisch.
Wichser.
Es gab für uns nichts schlimmeres als das irgendwas "russisch" sein sollte.
Russisches Zeug war was für Provinzler,Parteikader und Montenegriner.
Wir liebten illegal kopierte amerikanische Blockbuster in OV,hohe und flache rote und schwarze Chucks,The Jam und Virgin Records,einmal im Jahr nach London fahren um Dr.Martens zu kaufen und in Covent Garden ladmässig an einer Hauswand gelehnt P&S,weiche Packung,zu rauchen,italienische Motorroller und japanische Walkmens.
Und P. wollte was russisches probieren...
Das lag wohl an seiner Mutter,die die besten Schokoladenpalatschinken von Neu-Belgrad machte und schwerst schizophren und in Behandlung war,das wussten wir alle von unseren Besuchen bei ihm zu Hause,oder an seinem Großvater,der sich mit der Axt die rechte Hand in der Badewanne abgehackt hatte,der hatte als einziger von seiner Familie irgendein Massaker '41 überlebt.
Übrigens in der Nähe von Knin.
Auf und ab.
Auf und ab.
Der Hampelmann wärmte sich auf.
Doch der Zagreber Sonderzug kam nicht.
An alle Belgrader Idioten-der Zagreber Sonderzug verspätet sich um zwei Stunden.
Der schmierige Bahnhofsvorsteher mit dem jogurtversifftem Chetnikbart mochte uns nicht (wahrscheinlich wurde der Wichser in den 90igern Eisenbahnminister der Krajinarepublik) und knarzte genüsslich seine Durchsage ins versiffte Mikro.Man hörte sogar,wie er an seiner Zigarette sog,bestimmt eine Drina ohne Filter.Man rauchte schon grenzübergreifend.
Halt die Fresse,Wichser.Ein Bierkonserve knallte gegen seinen blindgläsernen Bauernbunker genannt Bahnsteigbüro.
Auf und ab.Auf und ab.
P.wollte uns seine russische Idee nicht verraten.
Stunden später lief er auf den Gleisen unseren zusammengekoppelten Zügen hinterher.
Er hatte in der Belgrader Kinothek einen russischen Schwarzweißfilm gesehen,wo ein junger sowjetischer Offizier seiner geliebten Frau hinterherlief,die in einem Zug ins Hinterland evakuiert wurde,in letzter Sekunde auf den letzten Waggon aufsprang,sie küsste,um am nächsten Bahnhof wieder auszusteigen und Richtung Front zu fahren.Einige Einstellungen später starb er in weißrussischen Sümpfen,von Deutschen verfolgt,einsam und schwer verwundet.
Die Kamera kreist.Birken.Schnitt.
P.rechnete jedoch nicht damit,dass unser Zug schneller fuhr,als der im Film.
Er lief noch sehr lange dem Zug hinterher.
Einen Tag später kam er dann in Split an.
Ein Bauer hatte ihn in den Bergen um Knin aufgelesen und ihn,samt seiner fünfzig Wassermelonen nach Split zum Markt gefahren.
Wir waren schon längst mit einigen duftenden,schönen Mädchen aus Zagreb auf der Insel Hvar und tauchten nach Seesternen.
XIII
BERLIN
das leise schlagen der wellen
der kalte körper neben mir
ein sanddornbusch glüht
ich mag ihn nicht im april
mein kopf mit seinen fragen
die antworten kenne ich
die füsse schwer der kopf schwerer
SAG WAS MICHA senkblei
ich sehe das graue meer
schwer schiebt es sich zur küste
die schiffe verrotten in windschiefen hütten
mit ihren vätern und söhnen
den leisen tretern
hab uns jeden sommer die fressen poliert
die arbeiter und bauern fischer nicht vergessen
die ostseezeitung ins meer getunkt
schwer wie bleirohr der schlag auf die
denkerstirn,der rotz pladdert ins sandorngelb
vor hiddensee unsere liebliche hidden sea
weg aus der hauptstadt ost und dort
in sand und dorn unsere dornenkrone
getropft,atolle von rotz und blut
reise reise seemann reise
ostseezeitung manchmal ND
was gerade ungelesen rumlag in
kaufhalle oder kiosk am weissen strand
in arbeiter bauern oder fischerfaust
WARUM SAGST DU NICHTS
ZEIT ZU GEHENmüde worte des abschieds
wir liegen im sand
ich zähle sekunden
eins zwei drei vier fünf
ICH HALTS HIER NICHT
MEHR AUS
ein zwei drei vier fünf
der Ausreise-Karton
SALAMANDER EXQUISIT steht drauf
ein Rest von mir drin
zweimal Pistols einmal Sham69
die finger graben sich in den nassen sand
möchte unter ihm liegen unterm sand und dorn
der zorn
ihn ins maul stopfen alter kumpel
süßer verräter aufm sprung
salzig ist er und schwer sand unter
deinen leichten worten du fickfresse der sand
im april im jahr achtundachtzig
an ihm ersticken mich ins grau werfen
an dieser verfickten küste dummes
bla bla bla vom gehen und bleiben
hörensagen von drüben
träumen und leben einstürzende
neubauten im ohr der stachel
verrotten an der saale oder pleisse
am eingang von nem friedhof kirchlich
natürlich,gesegnet mit korn und avantgarden
töpfen,die kleine lehmfreiheit oder lang
haariges hexametern die sich vor sanften menschen
an holztischen gut vortragen lassen
knoblauchbrot und bettina w mein
beschissenes abendmal
Sind so kleine Hände
Winz'ge Finger dran
Darf man nie drauf schlagen
Die zerbrechen dann
Sind so kleine Füße
Mit so kleinen Zehen
Darf man nie drauf treten
Könn' sie sonst nicht geh'n
Sind so kleine Ohren
Scharf und ihr erlaubt
Darf man nie zerbrüllen
Werden davon taub
tripper inklusive lied mitgenommen von der mittelalten verbotenen
dichterin danach, die liest und liebt nur antiquarisch
staatsfernes, nasskaltes bett, patchouli
den bericht in der selben nacht geschrieben
den blanvers, den hab ich gefressen jahre später
in trauriger gauck platte hundertvier seiten lang
kurzgefasst:
BORN IN THE GDR FUCKED IN THE GDR
harte Küsse steife Glieder
saale und spree girls von
ipanema erinnre mich gut
NOCH EIN ZWEI TRIPPER IN WERNIGERODE
HEIMLICHES LESEN VON BAHRO ODER MARON
bück dich gewissen,leise rieselt schwarzer schnee
die fresse zugenäht,hinter den bockwurstfressen
zum ND PRESSEFEST oder aufm alex irgendwas
die miesen fisuren dahinter magdeburch leipzig halle
wartet auf mich nur noch
faconschnitt und rummelsburg
mit viel glück ein forumcheck und ein BAP
konzert im palast in balu
mittendrin in der roten rotze
werd ich zur überlebersau
scheiss nur noch und beschlafe die bitteren
mit kurzen haaren wir trösten uns,fad der speichel
man weiß nie wo es hinströmt
das graue Schwere da draussen
XIV
MOSKVA WARSZAWA PARIS
Gezeugt in Moskau.
Geboren in Berlin.
Gewohnt in Belgrad.
Gewohnt in Berlin.
Studiert in Belgrad.
Krieg.
Studiert in Berlin.
Wohnt in Berlin.
Arbeitet am Theater.
Verheiratet.Ein Kind.
Ich sitze fahre
in Zügen
leben
und
u vozu sedim i gledam sa brda
more plavo i brda siva
polako se spuštam
i sanjam dodire i poljupce
i zatvorit cu oči