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sascha (saša ) hawemann/regisseur&autor: textwerkstatt/tekstovi

  • Texte

  • UNTER TIEREN



    UNTER TIEREN I

    lauf
    schneller
    lauf
    nur eine runde noch
    ich lief seit stunden, vielleicht nur ein zwei minuten
    ich lief und fiel und mit jedem fall färbte mich die stinkende
    erde, ich wuchs mit jedem riss im knie,
    der golem auf horse war ich nun und lief
    meine runden und stank nach zebrapisse
    der junge aus schlamm und innen weiss und warm
    lief im zebragehege seine runden und fünf zebras sahen mir zu
    lagen meist auf der fast kreisrunden wiese und sahen mir zu,
    beim laufen und fallen
    ich lief auf der galopprennbahn, die keine war nur
    einer sehr ähnelte, die grüne insel eingeschlossen von der
    schmutziggelben erdigen bahn war das zuhause der zebras vom belgrader zoo inmitten der stadt. belgrad mai 1991
    die berge brennen schon, dort in kroatien.
    die angst ist in mich hineingekrochen
    am sechsten februar
    als ich nicht reden
    nur sehen sehen
    schweigen konnte
    wortlos ging
    der letzte zug
    fuhr,die ebene danach slawonisch
    zum sterben flach
    seit dem sechsten februar reitet mich das
    pferd,mein tiefes weiss.mein süßes warmes meer
    dass mich küsst,umarmt.zart flüstert.
    mein dealer wohnt direkt am belgrader zoo
    es ist ein katzensprung zum zebragehege, dass eigentlich
    eine galopprennbahn war (in den zwanziger jahren war das gelände
    noch ein parcour der serbischen gardekavallerie. die schönsten offiziere
    ritten ihre weissen pferde aus, angesehen,
    meist desinteressiert jedoch mit guten ton von den attraktivsten jungen belgrader damen) und auf dem ich nun
    renne
    los
    lauf
    lauf
    falle nicht
    falle nicht und denke träume
    dass die berge nicht brennen
    dass du sprechen und lieben kannst
    nicht wortlos in züge steigst
    im februar gleis drei
    am morgen wache ich auf, inmitten der zebras und ich schmiege
    mich an ihre warmen, borstigen körper und wir lecken uns
    die risse und stiche, verscheuchen die dicken madenfliegen
    sie haben keine angst, meine zebras
    denn sie kennen mich schon seit
    einer woche. jede nacht klettere ich über den zaun
    reite auf meinem weißen pferd meine runden
    unbesehen von dem schönen mädchen
    zu dem man nicht sprechen kann
    von denen man wegfährt im februar
    die uniformen auf dem bahnhof der fremden stadt angst
    zählt dreissig vierzig achtzig so bunt und farbenfroh.
    sie für immer verliert und fünf stunden in den
    nikotinschweren fenstervorhang des waggons heult
    die welt nicht sehen,liegen in slawonien,
    da und dort
    das feld noch brach, auf demselben werde ich
    ein paar monate mein schützenloch mit meinen
    händen hineinreissen und ein dorf wird brennen
    lauf
    na los
    lauf
    falle nicht
    ich trinke am morgen nach dem laufen gemeinsam mit den
    zebras das lauwarme stinkende wasser, zoowächter gibt es keine
    die inflation frisst gerade das geld, das land
    es kommt niemand mehr in den zoo,
    nur der direktor
    wohnt noch dort und sorgt für futter
    einmal am tag.
    ich trinke mein wasser aus,lehne mich an meine zebras
    an, sie riechen meine trauer und ich höre ihren herzen
    zu im frühjahr 1991
    liebte ich zebras
    mehr
    als die menschen.
    und berge brennen
    züge fahren.
    lauf
    lauf

    UNTER TIEREN II

    mitten unter sternen
    stehen und hineinsehen in ihr licht
    sie leuchten über meinem kopf
    tanzen um mich herum, landen auf der
    stirn auf dem handrücken
    mancher stern fällt zu boden
    erlischt stirbt tonlos
    ich greife nach ihnen mit einer hand
    die andere hält mein cousin
    er hält mich und sich und tränen
    leuchten im hellen nachtgrün unsere
    dreihundert sterne in den bergen
    bei bosanski novi gehören nur uns
    zwei jungen aus berlin und bosanski novi
    wir sehen uns einmal im jahr
    und in diesem jahr leuchten wir
    inmitten der sterne
    LAMPYRIDAEN
    unser milchstrasse sind heute nacht
    die glühwürmchen
    von bosanski, von der una
    die man in der ferne hört
    wie die stimme über uns
    es ist ur-oma todora
    die 101 jahr alt ist
    und seid dreissig jahren ihrem,mit ihrem
    mit samt und purpur ausgelegten sarg
    in der küche lebt -
    ist mein schönstes möbelstück, sagt sie immer
    wenn ich tot bin,hab ich nichts davon
    sagt sie immer
    seit dreissig jahren steht der sarg in ihrer
    schiefen küche in dem dorf bei bosanski novi
    er dient als frühstücks und mittagstisch
    und wenn besuch aus der stadt kommt
    wird er reich geschmückt mit allem
    was ihre kühe und hühner von sich
    hergeben gefragt oder nicht für drei tage drei nächte
    mein opa der general hat ihr den sarg in belgrad
    gekauft, vor dreissig jahren als oma todora
    71 war und sterben sollte,aber nicht wollte
    er schnallte den sarg auf seinen generalsdienstwagen
    es war natürlich ein deutsches modell
    genauso deutsch, wie der deutsche der opa
    vier jahre durch die berge jagte und fotos machte
    und dörfer niederbrannte
    deutsch,wie der deutsche,der meine oma
    eine sechszehnjährige partisanin gefangennahm
    und laufen liess,damit ihr nicht kehle und augen
    ausgestochen werden von den ustaschas
    aus dem nachbardorf
    deutsch wie der kleine halbe deutsche
    der nun inmotten der grünen sterne
    stand, hand in hand mit seinem
    cousin aus sarajevo stand und vor
    glück und schönem schein heulte,
    mit dem cousin, der nicht mehr
    in sarajevo lebt,
    der nicht mehr lebt
    unter den sternen, unseren
    LAMPYRIDAEN
    ist selber einer
    eine mine riss in
    entzwei
    oma starb mit
    104 vor ihm
    schön in samt
    ich träume oft diese nacht
    unser leuchtenden
    sterne
    glühend
    ewig
    fliegen
    sie

    UNTER TIEREN III

    ich hatte mal einen kanarienvogel
    für einen tag
    am zweiten weihnachtstag lag er
    tot auf dem boden,neben dem baum
    der erste tote in meinem damals noch
    jungen leben
    vater sagte nur
    sie haben biermann ausgewiesen
    das ist schlimmer
    was hatte dieser biermann mit
    meinem toten vogel zu tun
    der dalag
    bunt

    UNTER TIEREN IV

    ich höre ihr singen
    zykaden
    vielstimmig der ungesehene chor,die steine grau,
    weiss in denen sie leben sterben
    geschichtet von händen vor langer zeit
    hinter den schweren steinen liegt die schwere erde,
    rot unter der haut lebend, der grabenden und schichtenden
    färbt die hönde für ein leben ein,meist ein schweres,
    doch sie, die steinsänger singen gleichmütig vielstimmig
    die steine weissgrau und ihre harte haut
    wärmt meinen rücken, sie bohren sich
    in das fleisch,mein clash tshirt
    aufgeheizt vom tag nun ihr zykadenheim
    das salz auf joe strummer mein weisser kontinent
    angelehnt an das rissige spitze grau mein
    konzertbesuch und weiss atme ich schwere heisse luft
    warte auf den nächsten gesang
    an der bushaltestelle mit meerblick
    ich warte auf den 13 uhr bus
    nach primošten auf wellen reiten
    mein warten auf den bus splitexpress
    weißes sommerglück
    der gesang
    UND
    jeden tag fahre ich mit meinem
    klappfahrrad 6 km die strasse staubig,
    gleissend das weiss,selbst die kleinen steine
    die mein PONY in das nahe blau
    schiesst weiss, wie die berge hinter
    den kleinen häusern der feriensiedlung
    ich fahre 6km für eine kugel
    vanilleeis aus dem eiscafee der kleinen hafenstadt
    der besitzer schenkt mir jeden tag eine
    kugel vanilleeis,
    für meinem ersten kleinen blonden deutschen
    den er in seinem leben
    sah,nachdem er aus dem kosovo an das
    blaue meer zog und mit seinen vier
    brüdern der eiskönig meiner kindheit
    wurde
    mein königreich eine kugel vanilleeis
    irgendwann zündete jemand sein eiscafé
    an,danach brannte das eis
    überall an der küste
    irgendwann sangen sie
    nicht mehr

    zweihundert jahre lang
    warfen die fischer schwere steine
    von ihren schweren weissen holzbooten
    aus in das meer
    nach zweihundert jahren
    errichteten sie auf den steinen
    eine brücke und die insel war
    nun keine insel mehr
    auf der brücke laufe
    ich hand in hand mit
    einem mädchen aus bihać
    auf die andere seite
    der insel die keine
    mehr war um uns
    in ihren wäldern
    zu küssen
    und dem
    gesang
    zuzhören
    ich höre sie
    immer noch
    auch in B
    im regen im
    september
    zykaden

    UNTER TIEREN V

    ich habe ungefähr hundert ameisen getötet
    mit sechs oder sieben,vielleicht mit fünf
    ich habe einen krieg verweigert
    nicht zurückgeschossen
    meine patronen vergraben
    flach das grab
    mit einundzwanzig genau
    ich hoffe
    nun die schuld
    ist beglichen

    UNTER TIEREN VI*

    Pools of sorrow, waves of joy
    Ein dampfendes Feld,dann Waldlichtung frisch ausgehoben
    die Grube leichter Morgennebel ein LKW
    Männer steigen aus leise wimmern schluchzen
    wortlos knackt Holz unter leichten Schuhen
    zweimal adidas puma dreimal borovo**allstars vier
    Nebel streicht über das braunschwarze Loch
    They tumble blindly as they make their way across the universe
    woanders an den lauten Stränden
    die Sonne brennt über gezähmten Köpfen
    und verjüngten Brüsten am Strand, Jahre später
    Weit weg der Wald das Loch
    operierte Gesichter an Adrias Perle
    gespreizte alte Beine Zigaretten werden zerknautscht
    von operierten Lippen Münder daran lutschend wie Schweine
    den grauen Brei im dampfenden Trog
    Words are flowing out
    an Waldlichtung in den Bergen
    der Nebel zieht durch silberweiße Blätter
    der verstreuten Baumgruppen im Busch unter den Bäumen
    liegt ein TShirt ein roter Schlüpfer drei paar Schuhe
    Lederbänder Holzkreuze von Zähnen weissgebissen
    woanders nicht weit weg goldene Kreuze an ledernen Hälsen
    schwer wie runde Steine des Strandes ein Lachen
    ein Kreischen am Meer wo die operierten Gesichter
    platzen unter holländischen Zeltdach ein roter Stern
    Bierschatten.
    Across the universe
    Es leben zwei Ameisenvölker vom Fleisch der Grube auf der Lichtung
    fleissig lösen sie die Fleischstücke vom alten stummen Berg
    tragen sie in ihre Städte unter der Erde marschieren über das TShirt
    den roten Schlüpfer Lederriemen ein kurzes ausatmen auf dem
    verrottetem Schuh drei Streifen hat er kaum zu erkennen
    Lehm klebt daran seit Jahren, der Weg vom LKW zur Lichtung kam wohl vom Regen
    DAMALS getränkt ihre letzten Schritte vom schweren Schlamm
    Woanders vier Damen schlürfen laut den sämigen Kaffe
    Kaffee klebt an ihren Mündern schwarzer Schlamm
    künftiger Tod bei Bergamo am Schuh
    schwarze Löcher ihre Münder der tiefe Bass
    kündet von Hauskäufen verfickten Hurensöhnen
    eröffneten Shoppingmalls und wieviel Lehm passt
    in eine glänzende braungoldene Handtasche
    die Gräber flach und kalt niemand weiß es
    Die Lippen aufgespritzt mit Lehm werden ewig wiehern
    Ihre Männer haben vor Jahren das Loch auf der Lichtung ausheben lassen
    von anderen Männern die wimmerten schwiegen auf Holzkreuze bissen
    eine oder zwei Zigaretten geraucht,dann getan was getan werden musste
    für Volk Vaterland und den neuesten Jeep
    und die Frau zu Hause die wartet auf Gold und Urlaub am Meer
    Die beiden alten Völker unter den Bäumen kümmert es nicht
    das Leben und Sterben hoch über ihnen sie schweigen und arbeiten
    das Loch ist tief der Berg noch hoch es gibt viel zu tragen.
    Dies alles erzählte mir mein bester Freund auf der Terasse
    während alle
    schliefen am nachstillen Meer nach der Seuche
    sein Bruder fuhr damals den LKW auf die Waldlichtung
    er hörte eine best of Kassette von den Beatles
    so laut er konnte
    nothings gonna change my world
    aus fleisch wurde weisser staub
    die unterirdischen städte in nord und süd
    werden aus knochenmehl gebaut seit jahren

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    8. Juni 2023

  • NOVEMBER


    Szenen
    Von Sascha Hawemann































    Personen:
    Phil
    Micha
    Fotzo eigentlich Frank
    Mutter
    Heiner Müller
    Zwei Teenager

    (Phil, Micha und Frank können von weiblichen, also auch von männlichen Darsteller*innen gespielt werden. Zeit der Handlung 1985 bis 2020 in Ostberlin, an der jugoslawischen Adriaküste, Berlin.)






    SZENE 1
    FREUNDE


    PHIL
    Ein müdes Gesicht nicht meines
    gespiegelt kurz über dem angekratzten Hundebild, gleich neben dem lauten Kind
    am Kloeingang auf irgendeinem Bahnhof auf dem Weg nach Hause
    Hohn das Blau des Meeres da ganz unten in der Kloschüssel
    dort ertrinke ich im Dreck das Traumweiß klebt noch an
    Nase und hohlen Wangen
    bin ne ICE Durchreise auf halbem Weg
    ich stinke auf Kunstleder im Atelier
    verschollen circa 1992 DENNOCH VIER FILME GEDREHT
    Werbung blend ich aus
    Die Augen, nicht meine, suchen seit Jahren im Irgendwo
    der kleinen oder großen braunen Flecken
    Blut getrocknet gleicht Kotresten an einer hellblauen oder gelben Kachel hochgespritzt,
    wie das wohl geht
    der besondere Saft in der DB lounge
    nur noch Ausfluss, Scheiße von unten
    unter der Erde, meine Augen
    schauen sich müde, nicht meine
    das hundertfach gesplitterte Sterniglas am Südstern
    als ich an sie dachte EWIG ihren Namen in die Augen schnitt
    so also schneidet sich Bierglas in Kimme und Kopf.
    So...habe sie aufgerissen, aufgeschnitten.
    Nein, danke, ich kaufe das Unglück nicht,
    trage schwer genug an meiner Tüte
    mit dem Traumweiß
    teuer genug die Pause vom Leben
    Sie tun mir weh
    die Augen
    kann keine filme mehr drehen
    ich sitze auf der Kloschüssel
    auf irgendeinem Bahnhof
    hoffe, keine Liebe mehr am Meer

    FOTZO
    Gestern sah ich einen Film
    darauf zu sehen die Mauer von der falschen Seite der besseren Seite
    da wo Raider und Porno wachsen. Und ich sah mich von der richtigen Seite
    träumend von Raider und Porno wichsend auf richtigen Seite. Ich sah mich in der Kälte wachsen die Einschusslöcher auf dem Schulweg zählen und die Titten der Mädchen.
    Mein Himmel war kalt - pogen im Gasometer oder einem fremden Mann
    die Fresse polieren, am Fensterglas lecken und kleine Hakenkreuze in ein teures Buch
    kritzeln die Ohrfeige danach. Kerstin zeigt mir ihr Geschlecht MÖSENLECHNER für eine Saftorange ausm Konsum gegenüber
    von der falschen Seite.
    Gestern sah ich einen Film NDR über DDR und verstand mein Heute nicht mehr
    ich bin über Fünfzig
    verkaufe mauerreste
    oder polenzigaretten
    die zähne verfault vom polieren
    habe figurentheater gespielt
    geschweisst in bunten häusern
    und heiße Fotzo eigentlich bin ich der Frank
    ich lebte in zwei Ländern
    eins liebte ich
    hasste das andere
    jetzt hoffe ich auf ein drittes das ich nicht liebe
    von dem ich lebe
    das bleibt nicht
    verschwindet

    MICHA
    Ein tiefes Unbehagen beim Blick in den Spiegel,
    Junge Männer machen mir Angst, wenn sie die Redaktion betreten und bleiben,
    schreiben diesen adjektivischen Bandwurmsalat ebenso lang und wiederhakend wie das öde Land D
    Irgendwelche Spastis erbrechen Kolumnentheater und ihre Abonennten geilen sich auf,
    strecken sich auf Yogamatten der Sonne entgegen
    Meinung ist Wahrheit, aufgerichtet am halbgedachten und ich stehe fest
    auf meinen Vejas, mein Denkmal der Lüge
    meine letzte Härte gegen das System
    vegane Sneaker
    der nette Onkel nennen wir in Chef von nebenan
    will auch mitfahren beim Schönwettersegeln.Das Geschlecht der Epigonen und Epikuren suhlt sich im Artridengrab. Sie scheißen sich eins und auf uns, POGOTÄNZER aus der Zone DREIAKKORDLER auf Henneckes verblichenen Spuren
    mein Vater war Stabülehrer und hat mir schiefes singen beigebracht
    geblieben ist nur der schwache Akkord vorm Bildschirm mit Skyline
    mein wir ist nun ich und im Mund Worte wie trockener Sand.
    Kalt bin ich ist mir trinke deswegen Matcha und
    kaue Algen und Widersprüche im Schweinestall FITCROSS gegnüber vom Tower
    sorry Augias



    MARSHALL. PUNKS NOT DEAD.






    SZENE 2
    AN DER MAUER 1983


    PHIL FOTZO MICHA

    November 85
    Berlin Hauptstadt der DDR

    PHIL
    Nacht mit Hundegebell.

    ALLE
    Wie immer

    MICHA

    Kam nicht nur einmal vor. Im Sommer häufiger.

    FOTZO
    Es pisst.

    ALLE
    Wie immer.

    PHIL

    Mein Weg zur Schule führte an ihr entlang.
    an der Mauer

    ALLE
    wie immer

    MICHA

    Schüsse gab es dreimal.

    PHIL

    Erst neunte Klasse und schon Stasi an der Schule, Verhör im Direktorenzimmer.

    Ist mir an allen drei Schulen passiert, die Männer in den schlecht sitzenden Anzügen.

    In der Keibelstrasse VP Polizeipräsidium, habe ich zwei Zähne verloren. Die hatten Hartgummiknüppel aus der Nazizeit, das nackte Herumstehen, stundenlang, wärmen tut mich nur die eigene Pisse.

    FOTZO

    Das habe ich gelernt, DDR mein Vaterland: auf Knopfdruck einpullern,
    war mein wärmender Anorak in der Keibelstrasse, Die Pisse musste man aufwischen, davor noch der Schlag genau auf die Vorderzähne.

    Gelb und rot mischt sich unter meinem geschwollenen Geschlecht.

    Bin der Vincent van von der Keibelstrasse.


    MICHA

    Zehnte Klasse. Wieder Stasi an der Schule.

    Und Elf und Zwölf. Meine Zahlen sind krumm, schiefe Männer sind sie, die ein Kind

    zertreten wollen, weil der Klassenkampf es so will. So nannte man das,
    wenn große Männer vor einer Direktorin einem Jungen in die Nieren boxen und er vor ihr Schmerz erbricht. Ach Schiller, Goethe, Lessing und Fontane lagen sonst auf ihren schmalen blauen UnterrichtsLippen, die Erziehung zum Menschen, diesmal liegt nur Verachtung und ein wenig geiler Speichel auf ihrem klassischen Gesicht.

    Der Lieblingsschüler liegt auf Linoleum.

    Braun, er erbricht sauer.

    PHIL

    Ich sehe die Fahnen im Rücken der Direktorin.
    Höre kaum etwas, langes hohes Summen in der Stirnrinde, darauf sitzen schwarze Vögel.
    Eine Minute vorher hat mir ein verpickelter Sachse mit beiden Händen auf die Ohren geschlagen, meine Antwort gefiel ihm nicht. Summ-Summ-Summm.
    Ich verrat meine Brüder nicht und deiner Votzenmutter scheiss ich in die Fresse, Sachsensau.
    Die Direktorin schaut mich nicht an.

    Kalt.

    FOTZO

    Wird nicht zum Studium zugelassen.

    PHIL

    Feindlich negativ.

    MICHA

    Dekadent.

    FOTZO

    Schmarotzer.

    Meine Ohren summen und ich tanze den schwarzen Stern.
    Die Küsse mit den Mädchen waren immer zu hart, meiner auch und ihre Haare rochen alle gleich. Action. VEB Kosmetik in Berlin Mitte.Drei von den vielen hart küssenden Mädchen sagten mir, sie wollen, weil sie müssen.

    Männer kamen, sagten

    PHIL
    KÜSS IHN DANN FRAG IHN Was er liest? Was sein Vater erzählt
    Die Mutter träumt. Und jetzt fick mich, die Verrätersau
    sagte eines der Mädchen. Ich nahm sie in den Arm und erzählte ihr was ich lese,
    was mein Vater erzählt und was meine Mutter träumt. Und ich sagte ihr
    erzähl alles den Männern mir ist alles egal,
    ich bin dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn Jahre alt
    und Angst habe ich keine, Leben will ich auch nicht mehr.
    In der Straßenbahn müde Augen.


    MICHA
    Warum fuhren all die Züge immer an der Mauer entlang. Was war der Plan der alten Männer. Zu früh aufs falschen Pferd gesetzt, alles auf ROT und Traum vom Morgen

    FOTZO
    dann dastehen - mit leeren Hände und es blieb nur noch der leere Blick auf Beton und das Leuchten dahinter auf den Wegen zu den ungeliebten Arbeitsstellen und Fickzellen
    DANKE H - im Danach fuhren wir immer an der Mauer entlang.

    MICHA
    Wie mein Gesicht in der Garage Keibelstrasse am Rohbeton zurechtgeschliffen wurde.

    Irgendwann ging ich weg aus dem Land. Als ich wiederkam, war es eins.

    PHIL

    Mir tut das alte Land immer noch weh
    ohne dieses Schäumen zwischen Werra und Mulde.
    Mit heißer Wut, halbtauben Ohren und halbierten Zähnen

    hass ich dich Staat der weissen Wand

    Auf Knopfdruck einpissen war mein Weg in den Kriegskommunismus


    MICHA

    Vom Jetzt schweigt dieser Text.

    FOTZO

    Das hat hier keinen Platz.

    PHIL

    Und ich höre noch Schüsse in der Nacht, vereinzelt und das Gebell der Hunde, den Verrat küssender Mädchen, warm ist es unter mir. Es stinkt nach warmer Pisse.

    Pssst, keine Angst Anorakkind, Junge, Mann.

    So ist mein November.

    Ich erinnere mich.
    Ich fahre weiter nach Westen. Oder Norden, muss meine Füße in die Ostsee stecken

    SZENE 3
    MUTTER MIT SOHN
    (ein Hotelrestaurant)

    PHIL
    Auftritt Mutter
    auf den Lippen Schnee oder Heiner oder schlimmer noch Volker Braun
    Ihr Herz im Gasherd nur mein frommer Kinderwunsch, den hab ich
    schnell vergessen und vergessen und vergessen
    für LEGO UND LONDON CALLING aus dem KDW lieb ich sie
    wie ein Sohn seine Mutter muss, die ist gerade sehr krank, im Kopf
    nicht nur dort, aber dort vor allem, nun besuche ich sie zu Hause gehe essen
    /das Zuhause eingemauert von Müller und Andrić umgeben von ungeöffneten Rechnungen,
    die Asche meines Vaters reicht höchstens für Katzenfutter und Aldi- Nord.miez und mauz
    Mutter Svetlana hat sich aufgerieben im Kulturbetrieb und Zigarettenkonsum,
    der Kopf gesenkt, ihre Depression hab ich mit Alete gelöffelt ausm KDW
    Partisanenkind vom Balkan, das war sie, mir weniger als Hacks und Co.
    I AM KULTURBETRIEB GEWESEN
    VOR ZWANZIG JAHREN
    singt sie oder der Whisky
    mein Schaflied.

    MUTTER
    Meine Geschichte.
    An der Wand der Scheune in der man mich machte wurden zwanzig von ihnen erschossen
    in ihren speckigen schwarzen Uniformen, mit den halblangen Haaren, die in ihre
    jungen Gesichter schweißnass hingen; als sie den Männern mit Hämmern die Gesichter
    wie Sandstein zersplitterten und die kleinen Körper an weiße Lehmhütten klatschten,
    das frische Gras fing fingergroße Knochen weich auf, die Mütter schauten augenlos
    aus schwarzen Löchern, abgeschnitten und herausgerissen alles Weiche.
    Mein Vater, sein Großvater erschoss die zwanzig, einen nach dem Anderen und das Kalk würde aus ihnen einen schwarzgrauen Brei gären und brauen, mein Vater würde meine Mutter küssen hinter der Scheunenwand, Erde und getrocknetes Blut unter den schwarzen Fingernägeln, in sie
    hineinfassen hinter der Scheunenwand, davor lagen zwanzig junge Männer
    Kinder; Frauen und Männermörder,
    Scheunenwand, ein Maimond im Jahr 44
    hinter ihr wurde ich gezeugt erst Tochter dann Mutter
    eine Scheunenwand bei Sanski Most im Mai 44
    die Wände und Mauern davor durchsiebt von Papas P08 Beutewaffe
    “zerschossen” die Leiber... dass solltest du auf einer Probe erwähnen, historisches und Biologie zusammenknebeln, eine Sprosse der Angst gegenüber den spielenden Schauspielenden mit historischen Mitleid ersticken ICH erste Frau
    I am Kulturbetrieb war es
    und die führt ihre eigene Kriege Klage ACH UND WEH am liebsten die
    Kollateralgebärmutter in die Bücherwand gestellt, wie einen der Ustaschas 1945
    an die echte steinerene, Sohnemann- bist doch Autor, erklär den Leuten was Ustaschas sind

    SOHN ERKLÄRT DEN ZUSCHAUERN ANHAND EINES MITSPIELERS DEM ER ZUNGE HERAUSSCHNEIDET DEN SCHÄDEL MIT HAMMER AUFBRICHT. ODER AUCH NICHT.

    MUTTER
    Mein Vater schoss in die Köpfe der zwanzig jungen Männer
    der Politkommissar der 6ten Brigade und manchmal wünsche ich mir solche Lektoren, wie meinen
    Vater, da hätt ich weniger Angst vor mir selber und den leeren Seiten oder ich wünsche mir:
    besser keinen Sohn, besser ohne Sohn die Wege laufen
    Vater Opa könntest du ihn auch vergessenen machen oder ganz weg
    Ich bin mir selber zuviel
    Sohnemann zeigt doch mal allen meine AutorenRequisiten

    SOHN ZEIGT REQUISITEN UND FOTOGRAFIENAUS EINEM LANGEN KÜNSTLERLEBEN, AUCH DIE PANZER VON PRAG UND POZNAN, DUBČEK OHNE WOLF DEN WELTRAUM UND BERTOLT BRECHT.

    MUTTER
    Am 22ten Mai 1945 wurde ich von der Partisanenkurierin und späten Kommissarin des Frauenbataillons in Sanski Most geboren, ein Jahr später löste sich ein Stück vom Berg und sechstausend flossen in alte Stadt, ihre Knochen ihr Blut
    Sechstausend erschlagen von zwanzig jungen Männern konserviert in der Lehmerde eines Berges vor Sanski Most flossen durch die Strassen
    das waren meine Geburtswehen in der Mahala der kleinen Stadt
    Jetzt verirrt verwirrt sitze ich
    im Hotelrestaurant
    die Unschuld der Reichen der gelassene Blick auf meinen Hunger

    PHIL
    in der Lederjacke stammel ich nun
    LUSTMORD STATT REVOLTE
    LANDHESSISCH DAS SUSHIMESSER
    VON QVC
    hätte Lust die Mutter Künstlerin
    Aufzuschneiden mit dem Messer des Kellners
    Der ihr den Lammrücken vorschneidet
    Ich werde auch diese dünne Kehle nicht aufschneiden mein Leben lang werde ich nichts dergleichen tun bin nicht Jesus der das Schwert bringt
    Ich träume von Schwertern mache daraus Film
    VERSTEHT SE NICH
    spreche mal als HEINER
    das geht bei ihr immer -
    Da lebt das Gestern auf nach den down
    Die Lügen der Dichter sind aufgebraucht
    Vom Grauen des Jahrhunderts
    An den Automaten der Weltbank
    Der schlafende Penner widerlegt die Lyrik der Revolution
    Ich fahre im Taxi vorbei. Ich kann es mir leisten

    MUTTER(belebt)
    In der Nacht im Hotelrestaurant ist meine Bühne
    Ungereimt mein Muttermund
    Kommen die Texte die Sprache verweigert den Blankvers
    Ich bin das Drama, du mein Orest in Lederjacke WE ARE DEAD draufgeschmiert
    Kein Mensch, keine Fußspur, kein Staub, nur ein unsichtbares Auge, geführt von keiner MutterHand.





    PHIL
    dann stammel ich wohl weiter
    MUTTER KANNST NICHTS MEHR
    ICH KLATSCH DICH AN DIE WAND
    schreib mit dir meine Verse an die Mauer
    aus Rigips mein Arbeitszimmer


    MUTTER
    In diesem neuen Land kann ich nur noch zittrig löffeln und schneiden
    Man sollte Komödien schreiben in diesem trüben Menschenbrei
    mit glücklichen Idioten vor dem Bildschirm
    In der Hotelbar langweilt ein betrunkener Gast
    Eine Serviererin sie hat dienstfrei und darf stehend schlafen
    ICH MAG CHOWCHOWS sagt die Serviererin
    WEIL SIE SO KLEIN SIND BIITE SEHR WO BLEIBT
    MEIN DRINK schreit der Betrunkene
    ICH BIN GESTORBEN FÜR DIESE GESELLSCHAFT
    Sagt der müde Kapitalist auf dem Bahnhofsstrich
    Wie soll die Welt enden, wenn das Geld müde wird
    Der Strichjunge zieht sich schon auf dem Bahnsteig aus unter den Reisenden ins Nichts
    Die Welt ist beschrieben kein Platz mehr für meine Literatur
    mein zugenähter Muttermund stammelt
    I‘M KULTURBETRIEB MIT MINDESTRENTE NOW
    Das letzte Abenteuer ist der Tod
    Kauf mir bitte zweimal Katzenstreu
    Sohn, bin ascheblank

    PHIL
    Wo sind wir stehengeblieben

    MICHA/FRANK GENANNT FOTZO
    So ist mein November.

    Ich erinnere mich.
    Ich fahre weiter nach Westen. Oder Norden, muss meine Füße in die Ostsee stecken

    SZENE 4
    STREICHHÖLZER UND SCHNÜRSENKEL/ERINNERUNGEN OST

    MICHA
    Mein Weg zur Schule führte an durchsiebten Fassaden vorbei. 1978 sah aus wie 1945 und ich laufe durch den Kugelhagel zum Werkunterricht, Holzklötze sägen für den Frieden oder Kambodscha.Kopenhagener/Ecke Schönhauser- aus der Löffelerbse springen zwei besoffene Bauarbeiter auf die Strasse

    FOTZO
    MACH DIE BRILLENSAU KAPUTT
    Zwei Bauarbeiter zertrümmern seine hohe Stirn, der Iro ist auch kaputt

    ALLE
    scheisse

    MICHA
    Aus meiner zerrissenen Plastiküte von Bilka fallen saure Äpfel und ein Manuskript HABEN UND SEIN -

    FOTZO
    kenne ich nicht
    lese ich verstehe ich nich, werde es erst verstehen lernen
    es wird nicht helfen, das kennen, das verstehen im jahr 1985
    im Sommer

    MICHA
    und ich denke an meine Holzklötze für Kambodscha oder den Frieden und staune, dass der dünne Blutstrahl aus der hohen Stirn herausschiesst wie frischgezapfte Fassbrause, die ich über alles liebe, während mein StabüVater unter Theken lag, zwischen Lychener und Stargader und sich ins Dunkel trank

    FOTZO
    Das Weltall Genossen...

    PHIL
    Prag, Biermann, Sozialismus, der menschlich wurde mit Doppelkorn
    und Primasprit

    MICHA
    Wenn mich der Kopfschmerz plagt und ich den ersten Satz um vier Uhr Morgens irgendwo hineinkliere, in mein Käseblatt in Frankfurt nicht an der Oder
    dann wird es regnen, wie auf meinem Weg zum Werkunterricht, mein Friedensklotz mit
    Jo R Becher danach im Deutschunterricht

    PHIL
    Durch den Krieg, den Alten und den täglichsozialistischen schlürfte ich zum öden Deutschunterricht, um zu lügen.

    MICHA
    Mache ich immer noch
    im Redaktionszimmer jetzt Berlin
    Vor meinem Haus verkaufte ein Kriegsblinder Streichhölzer und Schnürsenkel in allen Farben des Regenbogens. Er schüttelte dabei immer die Streichholzschachteln,
    Töne und Klänge erfüllten die Schönhauser Allee, nassgrauer Pflasterstein glänzte in ein Zündholzbossanova erfüllte graue langweilige Scheisse mit frohen Klängen.
    Erst später wurde mir klar, dass seine grobe Kleidung eine umgearbeitete Wehrmachtsuniform war, eingefärbt und umgenäht. Wieso trug er noch seine Uniform, siebenundzwanzig Jahre nach dem Ende des Krieges, 1972, wieso kaufte ich heimlich bei ihm Schnürsenkel und versteckte einunzwanzig gelbe rote und blaue davon unter meinem Bett.
    Nach jedem Einsatz in Weissrussland - täglich spürte er die Hitze der brennenden Scheune in der Schönhauser Neunzehnzweiundsiebzig
    und hörte das Bienensummen der verbrennenden Menschen, den so klingen zweihundert brennende Frauen und Kinder, wie Bienen im Anflug auf ihren Stock
    Nach jedem Einsatz spielte er den Streichholz Bossa Nova und an den
    weißrussischen Alleen hingen Menschen in Bäumen, aufgeknüpft an Schnürsenkeln.
    Eines Tages stand er nicht mehr blind und musikalisch an unserer Ecke, eine Freundschaftsbesucherin aus Minsk hat ihn, nach ihrem Einkauf im Modelleisenbahnladen
    in der Dimitroff 22 -zwei Waggons und eine Tatratrommel bitte -
    für ihren Enkel, erkannt.
    Sie brach vor dem Laden zusammen, in der Hand der Beutel
    mit den kostbaren Geschenken


    FOTZO
    Auf dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee, der mindestens einmal im Monat geschändet wurde, sollen im April 45 Waffen vom Volksturm vergraben worden sein.
    Heiko mein bester Kumpel suchte vier Jahre nach ihnen, buddelte tiefe Löcher und warf die alten jüdischen Knochen hinter sich, zwischen großer Dichterwohnung und VP-Revier türmten sich die Knochen

    PHIL (HEIKO)
    Ich finde nur jüdische Votzenknochen hier
    und kein StG44
    Vaddern sagt imma
    ooch ein Glück dass der Jude weg is, hat uns Proleten in der Systemzeit bei Mietschulden ohne Punkt und Komma uff die Strasse
    und der Haager und der Tisch solln ooch welche sein
    vergasen alle miteineinar
    Juden und Kommunisten, oder dotschlagn
    und vorm ND uffhängn

    FOTZO
    Irgendwann fing Heiko an, die Knochen über die Mauer zu schleudern, direkt vor die Tür des Polizeireviers, hinter zugemauerten Fenstern sahen Polizisten zärtlich ihren Hunden zu,
    wie die graue Knochen knackten.

    PHIL
    Demnächst poste ich zwei, drei schlechte Setfotos von meinem letzten Film
    Krieche mir sehr tief in den Arsch. Bedanke mich schmierig bei mir.
    Bedanke mich noch schmieriger bei Anderen.Produzenten oder Sponsoren
    Ich Ich halte mich zurück, wo es heiss wird - bei den Eigentumsverhältnissen, Produktionsmitteln und Klassenkonflikten. Ich erschüttere mich, wo die meisten mitschüttern, will ja nicht am Ende im schüttenden Regen stehen. Vielleicht sollte ich doch lieber putzige Katzen und dumme Hunde der Welt präsentieren,
    Werbefilmchen mit leichter Musik
    Mein Ich auf Häufchen und Kackbrötchen, bescheiden,nimmt eine Bürde des geschicklichen Mitwettbewerbens. Mutti pflegen am unteren Ende.C est la vie

    FOTZO
    Halt doch einfach mal die Fresse
    bin endlich mal wieder drin und drauf

    MICHA
    Unsere Welt
    PUNKSNOTDEAD OSTBERLIN
    wurde von einer Neutronenbombe pulverisiert. Sie fiel im Oktober in einen schmalen Riss der großen Mauer, irgendwo zwischen Fulda und Putbus, zündete lautlos und nahm alles. Sonnenhell. Seitdem leben wir, mit teuren Häusern drumherum und leichtem Spreizfuß und orthopädischer Technik, privatversichert
    Mitten in der Nacht hat sich die Welt verändert, wir reden nicht gern von dieser Nacht.
    (oder?nee,also ich red nicht gerne darüber,wobei an Montagen oder)
    In den hellen Tagen nach dem Traum, 91 schneide ich Vater vom Küchenfensterkreuz,
    reiche Mutti ihre weißblaue Pillen, verstecke mich vor ihren Tränen in Hamburger Hörsälen, schlage mit Neusätzen ihre jammernden Hinterköpfe ein,
    meinen Demenzkommunisten, stimmleisen Muttis und Vatis
    Halts Maul Genosse MutterVater
    Heul vor der Treuhand oder der TAZ, nicht vor meiner Frankfurter nicht Oder Schmalzstulle.
    Grüner Tee. Ich muss grünen Tee trinken. Ich muss ihn noch lernen den Verrat, eure Liebe zum Staat war dessen Saat. Wir sind nun andre Moralisten.

    SZENE 6
    KLEINE HÄNDE

    (Polizeipräsidium Keibelstrasse,1985ein zwei Polizisten, drei Uhr am Morgen. November)

    FOTZO
    härte gegen punk
    mein kopf auf der tischplatte
    knackt zwei vorderzähne gleich mit
    herabwürdigung öffentlich und paragraph 220 von den nazis.
    der schlag auf mein blutendes mundloch mit dem eingerollten
    proletarier aller länder vereint euch ND
    bricht mir die unteren zähnchen
    kann mir das sandmännchen bringen
    brüll ich und mutter ist ein trampeltier und der
    heiner müller steht an der tür
    kein mann im fahrstuhl
    den habn wir nicht
    aber die keibelstrasse nen
    paternoster ausm keller zur etage sechs
    zum schnelle schlag auf die hoden links rechts
    rechts links, der genosse macht
    sich leicht mit dem befehl von ganz
    oben mfs ss
    selbstschuss und ein minenfeld damit
    es uns hier gut gefällt, damit es uns hier
    gut gefällt in unserem schönen staat
    in unseren schönen staat
    meine hoden schon schwarz und blau
    von arbeiter- und bauernhand
    kopf an die wand
    jetzt fick ich dich
    du sau sagt der genosse
    schätze Döbeln oder Riesa
    schiebt mir den Knüppel in den
    arsch pretty vacant schrei ich nur
    das blut auf altem naziholz
    IM SO PRETTY
    in der keibelstrasse holten die genossen
    gerne die reichsknüppel aus dem
    magazin warn grossdeutsch nicht so
    biegsam wie der schkopauer gummi
    mein helles rot ein langsames
    fliessen mutterwärme auf beton
    die narvaglüh im Keller wärmt statt ihrer dünnen hand
    YOUR SO PRETTY
    verlier mit vierzehn mein herzloch
    an den vater staat wegen dem 220er
    der eigne alte ist stumm beim bier
    das weltall genossen
    alles im fluss über unter mir
    mundloch strömt und arschloch
    mit großen ach und weh





    PHIL
    ich bin der struwwelpeter
    in der keibelstrasse
    habe keine mutter mehr noch vater
    das sagten sie mir als ich nach hause kam
    die schweigen nur und glotzen
    willi schwabe ein freund ein guter freund

    ALLE
    lallen Biermann müller prag
    bulgarienurlaub oder datsche

    FOTZO
    ich kleb mir die zähne und das
    arschblut in das schulheft
    sammle schmerzbienen
    fürs delegieren nach weissensee aus kunst wird nix

    PHIL
    in der nacht als mutter vater
    von biermann müller bahro
    sprachen und träumten vom
    dritten weg dem rotwein den schweren
    lag ich in meinem
    blut
    und liege noch da
    seit november 83 und sehe keinen
    himmel und habe
    löcher in der fresse
    was kostet eigentlich ein implantat
    im neuen deutschland

    MICHA
    die bullen schlagen uns löcher in mund
    und arsch
    ist man mit vierzehn
    noch ein kind
    sind so kleine
    hände im november
    es regnet leicht.
    kalte tropfen im nacken.ich schreie durch mein mundloch vielleicht ist es an der zeit, die dinge so zu sehen, wie sie waren und sind, antagonistisch und in ihren verbitterten widersprüchen.
    denk ich oder spreche es aus, ein gesicht MEINES sieht man nicht, kalte tropfen nacken aus der U-haft keibelstrasse.
    Ein security mann zählt die Besucher an der Drehtür, der kalte Tropfen fliesst die Knochen herunter, segelt auf Wirbel und umschifft Fjorde, langsam sucht er sein ziel
    im menschen
    mein ziel ist der zehnte stock
    redaktionsitz mit
    endmoränenblick

    MICHA PHIL FOTZO
    neunzehnfünfundachtzig
    punksnotdead in ostberlin

    SZENE 8
    FAMILIE
    (Friedhof im Wald 2020.Darkwave 1985.)

    MUTTER
    Mit erdigen Händen hocke ich auf den Marmorleisten des Grabes, wie immer am Einheitstag
    habe ich Zeit für den Friedhof, meinen Mann den kalten und ich gieße, denke. An meine umsonst geschriebenen Sätze, die Treffen mit Heiner und der Ruth, mit Christa und Stephan...vergessen und vergessen und vergessen.

    PHIL
    Mutti und ich denk an die wütenden jungen Männer im Wettbüro unter mir, die sich einmal in der Woche unter die Autos prügeln, brüllen, verstecke mich hinter meinen Büchern und Fotos, mein geschriebener Limes, angefressen und abgenagt seit dem Fall, dem Bruch.


    MUTTER
    Die Mauer muss weg, schrie ich mit, ich wollte den Himmel sehen und am Zoo Bücher kaufen,
    ich wusste nicht, das mit dem Beton auch meine Sätze fielen, das Papier blieb leer seit 1994. Seitdem lebe ich in Bildern, schwarzen und weißen, selten bunten:
    Auf dem ersten Foto stehen mein Mann und ich, hinter uns die Fahne mit dem Stern an einer weißen Küste, der Traum vom Sozialismus weht mein indisches Kleid zur Sonne, zur Gleichheit, zur Freiheit an jugoslawischer Küste Blablabla
    Auf dem zweiten Foto mein Sohn, kahlrasiert, die Nase krumm, mein Sohn

    PHIL
    Der dir nie einer war, die Kämpfe um die Welt die gerechte, meine geschriebenen Sätze und Filme UNBESEHEN fressen deine Mutterbrust, die kleine.

    MUTTER
    Eine Frau unter tausend Männern, Meroe im Schriftstellerverband,Schwer wiegen die Sätze, die Blicke auf meine Brüste, das Geschlecht
    1977 oder 1978 im Aufbauverlag denk ich an Biermann und meine den Nationalpreis, den bekamen und bekommen die lauten Stierer und Glotzer. Jetzt hocke ich auf meinem Bücherregal, ich passe hinein, esse nichts mehr, will mich schrumpfen, als Lyrikband verbrennen, wie meine zwei geschriebenen
    ich weiß schon wo und wieviel
    zuviel darf es nicht sein, wenigstens in der letzten Stunde eine gute Muh-Mutter sein, schuldenfrei ins Loch fallen.

    PHIL
    Mutti
    unter meinem Regal unter mir, im Wettbüro dass in die Nieren stechen, das Schädel aufbrechen, weil das so ist und sein soll. Müde Polizisten klingeln bei mir: ein zwei Worte und sehr viel Angst, Polizisten die sich schnelle Standgerichte erträumen, stehen jeden Monat in meinem Flur und ich schreie sie an KANN SO NICHT DENKEN und ich möchte, dass ihre Wohnungen und Häuser brennen, ich möchte in ihre Nieren stechen, wegen der Angst
    und den Schweinen unter mir im Wettbüro.
    An meinen Novembernachmittagen sehe ich riesige Scheiterhaufen vor den Toren der Heldenstadt, auf denen zehntausende Bücher brannten

    MUTTER
    meine zwei Kleinen auch darunter, sie überlebten die Verlags GmbH nicht, ich löffle ihre Asche zum Müsli, den bringt mir mein Sohn jeden Mittwoch. Unsterblichkeit jetzt bist du ganz mein, hier am Stein zähl ich meine Stunden, die mir bleiben ohne Sohne, ohne Gleichheit.
    Ich fahre zum kalten Mann,immer am Einheitstag und singe PUEBLO UNIDO

    PHIL
    der Mann mein Vater war dir im Winter 85 zu kalt, der Stern verblasst, wärmt nicht mehr, es bleibt nur hoffnungsfrohes kopulieren und Kinderbücher schreiben.

    MUTTER
    Auf meiner Fahrt zum Friedhof zum kalten Mann, den einzigen, den ich liebte, lese ich ein Buch über DDR Verlage, vier von mehr als fünfzig blieben, der Rest brannte, verbrannt vom

    FOTZO
    Schweinestaat

    MUTTER
    der Staat, der mir keiner war und ist, verbrennt die alten Bücher.
    Meine Bändchen auch darunter, bin nur ein Leichtgewicht unterm Ascheberg

    PHIL
    Und ich zähle seit Jahren öffentliche Blutflecken-Blutlachen und steigere meine Mutlosigkeit dynamisch mit, es ist mehr geworden-

    MUTTER
    meine Sprache in Resten...fein gesprochen und gedacht unter Erich, Tito
    das sozialistische mitgedacht...einst fremd, nunmehr oft ein frommer Wunsch. Manchmal gehe ich in die Kirche und bete für den menschlichen, den ohne Verbot und Verrat,
    den Sozialismus aus Prag, den aus Belgrad, den meiner Jugend, den jungen kubanischen, den auf Kneipenstühlen und Bergspitzen erhofften. Der Krebs mittendrin. Dann träume ich ihn in Wilmersdorf, da wohnt mein Sohn in dieser Schweinezeit und ich höre das Grunzen im Koben

    PHIL
    ja ja ja
    und unter mir fließt Blut, nebenan kennt der Vater den Sohn nicht, Jesus aus meinem Hinterhaus geht seine Flaschen in der Karl Marx Alle suchen, wegen der Scham und meinen trüben Blicken. Er war mal Physiker in Adlershof, Quantentheoretiker ich war mal Filmkunstler

    MUTTER
    Hab jetzt Mindestrente

    PHIL
    der polnische hooligan nebenan "lech" tattoo auf den fingerknochen fickt seine frau laut
    an feiertagen, so wie heute oder er hockt neben unserem müllcontainer und wenn er nicht gerade heult, blutet er. seine kinder sind sehr blass und pinkeln jeden tag in den hof, weil mama und papa zeit für sich brauchen und sie drei stunden aussperren. während die deutschen einheit feiern fahren sie nach poznan, so wie du zum friedhof am tag der einheit. am s-bahnhof bundesplatz habe ich meine 564 blutlache gezählt. eigentlich sah sie aus wie ein sechs meter langer tiefer schnitt in das-bahn geländer. das wird mein nächstes projekt

    MUTTER
    Wann kommst du wieder vorbei

    SOHN
    Wenn du Zigarettengeld brauchst

    MUTTER
    Ich bin heute auf dem Friedhof

    SOHN
    Leg dich gleich zu ihm

    MUTTER
    Du liebst mich nicht

    SOHN
    Hatte ne gute Lehrerin

    MUTTER
    Jemand ist gestorben.
    Jemand wurde vergessen.
    Als die Welt an der er zerbrach
    selber zerbrach hielt ihn nichts mehr
    im Soll und den anderen Stücken
    Er, der den du liebst lebte
    gegen sich mutlos lächelnd
    bis ihn der Gleichmacher, wohl der letzte Kommunist
    zurückholte in die achte Reihe schräg hinter dem staatstreuen Bauhausarchitekten
    neben der abgeholzten Eiche
    liegt ein zerbrochenes Herz
    bei Berlin Rahnsdorf evangelisch
    ich halt nichts von Gott
    der macht den Stein nicht sauber

    SOHN
    Halt doch einfach deine Fresse, Mutti
    (putzt das Grab)

    SZENE 9
    SÖHNE

    (Mutter blutig geschlagen oder geschnitten)

    PHIL
    am fünften juni
    neunzehnsiebenundsiebzig
    hat ein taxifahrer meine mutter
    aus dem fahrenden auto
    gestossen
    scheiss zigeunerin
    hinterhergerufen
    sie hatte ein indisches kleid an,bunt

    FOTZO
    am zehnten september
    neunzehnachtzig
    hat mein vater meiner
    mutter den kiefer
    gebrochen
    sie ging dann zu
    ihrer nachtschicht
    narva warschauer strasse

    MICHA
    am zehnten oktober
    neunundachtzig
    hat sich meine mutter
    aufgeschnitten
    mein vater

    PHIL
    am zweiten dezember
    einundneunzig
    hat ein bauarbeiter
    meiner mutter einen
    vorderzahn herausgehauen
    wieso sind is ihre haut
    so braun
    judensau

    FOTZO
    am vierten oktober vierundneunzig habe ich
    mutter aus hundert scherben nordhäuser
    gezogen
    narva ist nun osram sie zuviel
    warschauer strasse

    MICHA
    am fünfzehnten august zweitausend
    hat der krebs ihre brüste gefressen
    ich habe es drei tage später erfahren
    sie wollte meine prüfungen nicht stören
    hamburg an der kalten Elbe.2019.Berlin.


    MUTTER
    DER SCHWAMM
    Die richtige Widerspiegelung der Wirklichkeit wird um so brüchiger, je mehr sie sich unweigerlich in der bürgerlichen Ideologie verstricken, die sie in einem Scheinzusammenhang intellektuell entmündigt. Ideologie gibt den Zusammenhang der Wirklichkeit völlig falsch wieder, in ihr ist der A A A Augdeuter nein nicht Augdeuter Au Au
    Ausbeuter ArbeitGEBER und der Ausgebeutete Arbeitnehmer
    MEIN KOT
    Ohne ständige Präsenz der Dialektik der proletarischen Revolution kann die widersprüchliche Wirklichkeit der kapitalistischen Produktion nicht richtig widergespiegelt werden.
    BIST DU MEIN SOHN
    damit es keine Widersprüche gäbe. Es gibt keine reine Gesellschaft, sondern nur bestimmte Klassen
    es gibt keine reine Politik
    sondern nur Klassenpolitik.
    es gibt keine reine Politik
    sondern nur Klassenpolitik
    es gibt nur die Wiederholung
    der Schwamm
    der Kot
    die Wiederholung
    am fünften juni
    neunzehnsiebenundsiebzig
    hat mich ein taxifahrer aus dem fahrenden
    wolga gestossen
    scheiss zigeunerin hinterhergerufen
    ich hatte ein indisches kleid
    an, bunt
    wegen cat stevens

    MUTTER LEGT CAT STEVENS
    AUF UND TANZT

    PHIL
    meine mutter tanzt

    SZENE 10
    SONNABENDS IN ZÜGEN/FREUNDE ON TOUR 2019
    (Micha, Phil, Fotzo)

    ALLE
    Zweitausendneunzehn

    FOTZO
    Party is over


    MICHA
    wir fahren S Bahn

    PHIL
    jeder in seine Hütte

    FOTZO
    der Bulgare singt(nee Rumäne,oder Yugo)
    Er spielt sehr gut und seine Stimme zwingt fast jeden, selbst die Bodengucker, ihm zuzuhören. Ich glaube es ist rumänisch, ich glaube es-denn sein Gesang ist zu zart für die S-Bahn, die laut die Stadt durchflügt.

    MICHA
    Plötzlich steht sie vor mir, halb so groß wie der Sänger.
    Fragt nach Geld.
    Ich gebe keins.
    Der Pappbecher in ihrer Hand ist leer, hat einen Knick und einen kleinen braunen Fleck am oberen Papprand. Der Sänger packt seine Gitarre ein, beide steigen aus.
    Die Türen schließen.

    FOTZO
    Auf dem Bahnsteig schlägt er ihr stumm in die Fresse.
    Mit der Faust.Einmal.
    Für den leeren Pappbecher

    PHIL
    Vor dem Weltbruch, dem kommenden Menschenkrieg
    dem Fieber, dem lodernden Brand
    verharrt der Mensch nicht in der Starre oder im geronnenen Bild
    Atemziehen durch angstverschnürte Luftröhren
    gleich zählt man sein LebensGeld, träumen Finger
    von verlorenen Körpern
    den ungeborenen Kindern

    FOTZO
    machn film draus keine sülze

    MICHA
    es strampelt der umgestürzte Käfer im Spinnennetz,
    die Eiskristalle von Sibirien schmelzen, schwarz die Eiserde
    der grüne Tee als letzter Zuhörer, der fiebrige Blick, das Kind im Garten
    ungeboren spielt mit Sand

    PHIL
    Als meine Welt zugrunde ging putzte ich eine Plattenspielernadel von Sommerstaub, während Panzer am Fenster vorbeifuhren...dann knackte es und ich sang meine letzten Lieder
    sang mit den vibrierenden Fenstergläsern
    pevam njoj samo njoj bis sie brachen sie Gläser unter meiner Last

    MICHA
    kurz bin ich klug
    für mein alten freunde
    zwischen Hauptbahnhof und Tiergarten:
    von Vorteil ist ein Hintergrund

    FOTZO
    OstOstOstberlin

    MICHA
    er sollte nur nicht
    zu schwer wiegen
    schnell reden ist Gold
    Langsam schweigen ist Scheiße
    schweigen ist Sold
    und Blut tropft
    in einen leeren Pappbecher
    Sie sang schön
    für nichts

    FOTZO
    ich bin über Fünfzig
    und heiße Fotzo eigentlich Frank
    mache Figurentheater oder Polenfluppen

    PHIL
    Meine Welt verbrannte vor der Welt.
    Ungehört zersplittert nicht zusammengesetzt
    s ist Sonnabend und ich fahre S-Bahn
    und denke dies und das
    nach vorne und hinten
    es kostet mich
    zwei Euro neunzig
    nicht viel für dreißig Jahre
    und einen Weltenbruch
    ich leg nen Zehner drauf und fahre durch
    ANS MEER
    tauche hinein
    ein Atemzug still ersticken.

    das schöne ist alt, gemauert vor Jahrhunderten
    das neue Ruinen des Neuen unterm Sonnenlicht das mir fehlt
    unter ammoniakschwerer Decke liege ich an SWINEMÜNDES/SWINO
    Polnisch kann ich nicht
    trauriger Strand, ich springe ins blau, sechs Messerstiche zwischen Nase und Zeh von vergangenen Schlachten ins stille Blau tauchen

    die Stiche mitgebracht aus einer kalten Nacht neunzehnUND
    auch egal
    die Ostsee liegt vor mir Krieg im Kopf 91 93 auf der Prenzlauer

    STRASSENSCHLACHT

    ich kämpfe mit B der den Hools vom BFC in die Köpfe schießen wollte
    STAHLZWINGE für braune Pisse

    mein kaltes nein
    sind zu jung die BFCer er stößt mir das Messer schnell in die Seite, hab vergessen, dass er Crystal raucht seit nem Plenum in Kreuzberg im Land nach dem Bruch
    Ich kann sehr lange die Luft anhalten

    im Meer hinter Usedom und die Seesterne zählen

    Derweil zuhause

    jemand mehr oder mehr

    predigt alten Hass Heil Deutschland fünfunddreissig Prozent haben’se schon

    hätt gern Peters Stahlzwinge, kann ihn ja mal fragen auf’m Dorotheenstädtischen liegt er da im Crystalsarg neben seinem Vater
    Ostsee MEIN NEUES ALTES MEER

    schon eine Minute ohne Luft im Kopf

    ewiger Krieg und arme Schweine

    mein lecken mein heulen

    ich habe drei Jahre lang jede Nacht geweint von 90 bis 93

    danach musste ich die Bettdecken

    verbrennen ich brenne nicht

    ich besitze vierhundert Videokassetten mit Nachrichten des Krieges

    RAF

    68

    MAINZER
    JUGOSLAWIEN

    Sie klagen gegen mich an von geweißter Wand dazwischen ein dänischer Designerstuhl, für mein Atmen, mein filmeTun

    Ich habe vierhundert DVDs MAUERFALL CHRONIK DER WENDE PUNK IN DER DDR
    KURZER AUFTRITT VON BETONTOD AUS BERLIN OST.
    1981 MITTEN IN DER OSTSEE,MEIN TRAUM

    SZENE 11
    BERLIN 2.0 BAUMSCHULE

    (Bahnhof Baumschulenweg. Fünf Teenager, sie werden Fotzo totschlagen oder auch nicht. S-Bahn)

    FOTZO
    Fotzo eigentlich Frank steht auf dem S Bahnhof
    vor mir im leeren Gleisbett

    auf märkischem Sand

    liegt Lindgrün verrostet


    TEENAGER

    der alte Titan
    gefällt

    hat Platz gemacht sprechen komisch müssen diese Polenpillen sein

    FOTZO

    für die schnelle Streckevon Osten nach Westen

    er summte einst das Lied des Kommunismus ich

    sah ihn oft bei meinen Fahrten zu Onkel und Tanten

    kratzige Strumpfhose ewige Langeweile

    TEENAGER

    Langeweile zwischen Schönhauser und Wilhelmshagen wo der Tod unter Eicheln wohnt, was isn das für ein Gesülze Bro

    FOTZO

    Mein Kopf knackt, oje

    Ein Gesicht starrt mich an fault russisch polnisch französisch

    unter dem Titan dem kommunistischen Traum von Elektrifizierung und mehr

    das Gesicht eher Knochenklumpen

    den Markenrucksack auf dem Rücken
    die billigen Zigaretten und das neue Gebiss aus Polen

    TEENAGER

    Die Lunge reißt. Der Kopf ist geplatzt. Judensau wie klatschen dich tot

    Da isse wieda unsere Sprache


    FOTZO
    Auf meinen Fahrten von Osten nach Westen zählte ich sie immer
    die Gefallenen, die Gesichter russisch polnisch - die totgemachten Fremdarbeiter
    auf deren verrosteten Gleisen ich nun selber liege

    TEENAGER

    Du gefickter lindgrün und summender gestrigenTitan,Vaterhoffnung
    die nun danebenliegt
    Platzwart des Gestrigen
    Judensau totgemacht wirste

    FOTZO

    Meine Zunge wühlt in den Lücken meines Kiefers
    den Markenrucksack auf dem Rücken darin die Polenfluppen sehe ich mein Gesicht im märkischen Sand
    sorglos sehe mich mit allen gebrochenen Zähnen glücklich liegend
    zerknackt und geschält von den Jungs und Mädels, sorry Boys und Bitches.
    Die schönen Totschläger fahren zum Primark am Zoo
    ein Schnäppchen machen
    das letzte was ich höre

    SZENE 12
    BERLIN OST ANARCHY

    (Berlin Hauptstadt der BRD.Krankenhaus)

    PHIL

    Fotzo eigentlich Frank
    Zermanschte Fresse unterm Weiss hörste mich
    Der Widerstandskämpfer erstickt an dichten Kränzen von Partnerbrigaden,
    TT Bahn oder NARVA habs vergessen
    An die Wand genagelt von grauen Genossen in Braun, ein kleiner Hund scheißt nun auf den Helden setzt sein Denkmal auf ostgrauen Wackerstein.
    Ich lese nur jetzt nur noch ermord... auf der beschmierten Tafel
    Hakenkreuz UND Matze die Fotze nimmt meth.
    In der UBahn aufm Weg zu dir dreißig glasige Augenpaare gezählt an blinden Fenstern da schläft sie, die Arbeiterklasse jetzt Dienstleister, nichts sieht nichts hohl klingt es in meinem Kopf

    FOTZO

    ICH FIND DIE RICHTIG GEIL

    PHIL
    Ich fülle ihn auf mit leisem Trost Pistols und forgotten Lyriks

    MANN DIE PISTOLS. HABEN UNSER LEBEN VERÄNDERT

    ein Punk oder ein Komma Aufenthalt gegen den Tod für das Leben

    FOTZO

    PUNK UND KOMA

    PHIL
    Abgehängte Widerstandskämpfer und frische Hundehaufen sind gut verteilt in Ost und West

    FOTZO

    WAS QUATSCHST DU DA

    PHIL

    Tschuldige hab mich kurz in der Zeit geirrt
    1984 punksnotdead too much future ostberlin

    ich WIR leben auf unpolierten Wackersteinen
    die der Staat verkauft nach Bamberg, tanze auf totem Stein auf der Prenzlauer

    und höre Kassetten mit Fotzo mit F eigentlich Frank
    der weiß noch nicht, dass sie ihn halbtotschlagen werden
    die boys und bitches
    auf ihrem Weg zu Primark am Zoo

    MICHA
    aus drei mach zwei, so war das immer
    hab dir auch was mitgebracht und Frank also Fotzo
    der Tropf tropft aufs Linoleum und
    FOTZO TRÄUMT DIE SEX PISTOLS.

    IN DER PRENZLAUER ALLEE.AUFTRITT EWIGSCHÖN AUS ZAGREB.
    AN DER ADRIAKÜSTE
    JUGOSLAWIEN 84


    PHIL

    Ich musste wieder zurück

    nach Ostberlin
    die DDR

    die Schule
    meine Freunde

    Dann in den Klub. Jugoslawienund DDR waren nicht zu ertragen.
    Im Klub benannt nach einem französischen Kommunarden tanze ich mit einem Gothicmädchen. Raus ausm Klub rein in den Hauseingang.

    Es lief FRIDAY IM IN LOVE im Klub als ich meine Finger aus ihrem klatschnassen mondweißen Tränengesicht zog. Sie saß auf einem vollgekotzten Treppenabsatz in dem Altbau direkt neben dem Jugendklub aus dem FRIDAY IM IN LOVE ihr Schluchzen, mehr schlecht als recht, aus tschechischen Teslaboxen begleitete. Ihre toupierten Haare klebten in ihrem Gesicht, sie zitterte am ganzen Körper, so stark, dass die kleinen silbernen Glöckchen ihrer schwarzen Stiefeletten, mit einer mir unbekannten Melodie das Heulen begleiteten:
    FRIDAY IM KLINGKLANG IN LOVE KLINGKING MONDAY KLANG ARSCHLOCH SCHWEIN ALLE FICKEN MICH FRIDAY WIE FICKFLEISCH IN LOVE KLINGKLING

    FOTZO
    Ihr Heulen und Schreien hörten nicht auf und verschämt wischte ich ihre Tränen an meiner Tarnhose ab, ein Flecken Unglück mehr auf meiner persönlichen Landkarte
    fiel auch nicht auf, neben den restlichen Pissseen, Kotzkontinenten, Blutinseln



    PHIL
    Das Gothicmädchen sah mich an. Sie saß auf dem vollgepissten Treppenabsatz, heulte und klingelte KLINGKLONG und ihr Geschlecht sah mich an, da Fotzo ihr den schwarzen Rock und Schlüpfer heruntergezogen hat, nachdem er sie aus dem Klub in das Nachbarhaus, in den vollgepissten Hausflur geführt hat, mit mir im Schlepptau
    ohne Micha der wollte immer tanzen
    und ihr die Sachen auszog zu BOYZ DONT CRY und ich meine Karo-Finger in ihr Tränengesicht gesteckt habe. Ewig nach was Schönem suchend,fand aber nur Heulen

    Schon während der erste Finger sein Ziel in ihrem Gesicht suchte, fing sie an zu heulen,
    Schmerz kann es nicht sein, dachte ich, denn ihre Tränen flossen wie in Wellen

    FOTZO
    Die haben Micha verhaftet

    PHIL
    ICH BIN DOCH NUR FICKFLEISCH stammelte das Gothimädchen
    und starrte mich traurig an und ich wischte sie an der Hose ab

    FOTZO
    Die Stasi

    PHIL
    drehte mich verschämt um und ging grußlos zu der Strassenbahnhaltestelle
    als ich losfuhr, sah ich noch ihr Gesicht, ihr Geschlecht, den heruntergezogen Rock und Schlüpfer im Halbdunkel des Hausflurs, weinen.
    Ewigschön gesucht Ute gefunden, Scheiss Osten.

    MICHA
    Phil und schöne Mädchen treffen sich jedes Jahr an der für uns verbotenen Küste
    BLABLA UND SINGEN SCHÖN UND EWIG JUST LIKE HONEY VON JESUSAND THE MERRY CHAIN und jemand geht schwimmen in der Adria
    der andere in Havel und Spree und landet in der Rummelsburger Bucht
    Zwei Jahre schwere See
    Da warst du schon Weg und Fotzo hat ein Jahr geheult und Primasprit gesoffen
    Weit hinaus schwimmen nach Hamburg am liebsten
    mein Text nimmt mich vorweg sucht den mittelmässigen Strich, die Abkürzung

    Ich sehe mich schon als Anspann zu trauriger elektronischer Musik
    IN DEINEM NÄCHSTEN FILM alter freund

    PHIL

    halt die fresse

    sonst schleppe ich

    dich in meinen kalten wald

    bin dein komissar

    meine faulen zähne

    dein letzter blick

    im pennhouse kastanien ecke schönhauser
    bist bleivergiftet vom vielen lesen

    nach innen denken, den karl, herbert und bakunin vergessen

    ich schiess dir in die fresse im dunklen wald

    bin dein letzter genosse

    lernst dein letztes wort

    genosse tod und schwein
    leg dich ins schwarze loch

    werd kalt ach sorry biste schon

    bist angekommen auf Etage zehn

    aussen ohne innen sein

    FOTZOS FIGURENTHEATER.
    ON TWOO THREE FOUR
    HEY HO LETS GO

    SZENE 15
    MUTTER UND TOT

    (Eine Mutter.Krankenhaus in Schöneberg.Wohnungen Fotzo.Micha.)

    MUTTER
    Ich kenn keine Tage keine Stunden
    seit März seh ich die Welt nicht an
    schlafe kaum und kurz
    sehe nur noch in mich hinein
    mein Pojekt langsames Aufgeben und weghören
    das Starren in den Bildschirm im mir unbekannten Krankenhaus
    es begegnet sich Leben Tod es brennt die Nacht HAU AB der Rauch und die Angst kommen und die letzten Küsse, Vater und Mutter in der Scheune grauweissrot die Wand
    1945 oder 2020 liege ich auf zwanzig Toten hinter einer abgeschlossenen
    Tür, Kiesel in weissem Bett
    warum ich bin
    weiß ich nicht mehr
    Langsam mein Leben, langsame Krankheit, langsam Sterben
    Stunden wie Tage, zieh mein Pyjama gar nicht mehr aus, ist meine
    Partisanenuniform ganz mein Vater mit dem Revolver in der Hand
    in den Mund den Brei FRISS sagt der Pfleger oder der Sohn
    die Fliege auf der Tasse
    vielleicht stehe ich irgendwann auf
    und ziehe mir was an
    und tanze zu...
    hab ich vergessen und vergessen und
    der Käfer der aus trockener Augenhöhlen
    krabbelt ist dick und satt.
    Sanski Most eine Mahala

    PHIL
    Mutter
    Mutter
    Wer bin ich

    MUTTER
    wo war es noch?
    where was it
    wo
    where
    frag dich international
    universell dein drang nach oben
    MUTTERSAU denkst du
    heut rettet keine pause kein sternchen mehr das unwort
    das mit dem muttertier, dem kalten loch
    das unbelehrt dem rot nachkroch
    DU WARST NICHT DA
    die Untersuchung am Mittwoch, der schmale Mund der Ärztin,
    das pleistozän strömte in den Behandlungsraum alles erfror,
    das Herzstück gleich mit.
    ich schweige und sammle die Wut
    den Zorn, zähle die Lügen
    sehe die kalten Gesichter
    Auf Maul schlagen ist leichter als von Lippen lesen, verles mich vielleicht
    der Schriftsatz bei matthes und seitz, von merve schweige ich ganz
    meine Krankheit
    sich im Kreis drehen
    das gesagte wiederholen
    das bild immer wieder ansehen
    das gleiche bleibt gleich
    Hoffnung dann kein Schritt nach vorn
    die alte Angst wie neu
    sich im Kreis drehen

    PHIL
    Die erkennt mich nich mehr
    aber den Heiner, den erkennst du immer
    oder...Heiner muss her

    MUTTER
    Heiner
    seh nun dich und den da mit seinen Lügen, adoptiert und schönfrisiert,
    trägst er seine Wunden auf Festivals DU DA
    kuratierst dich am liebsten selbst, denn das kannst du am besten
    die erstverwertung der selbstentwertung
    der sohnemann

    PHIL ALS HEINER
    Nenn mich wie du willst
    deine kalte Angst zählt
    dein letzter Blick
    Staaten Utopien
    Gras wächst
    Auf den Gleisen
    die Wörter verfaulen
    Auf dem Papier
    Abschied von morgen

    MUTTER
    Heiner
    außen ist verkauf
    dankbarer hundeblick
    ist zähes ringen
    falsches münzen
    leichtes fassen und drücken
    im dunklen wald
    bin dein letzter genosse
    les dich noch heimlich

    PHIL ALS HEINER
    wir
    drücken den nagant
    den Revolver in brjansk
    im Jahr 21 dem dritten Jahr
    des Krieges
    unserer Revolution
    und nach dem Sieg
    wollen wir
    aussen ohne
    innen
    sein

    MUTTER
    An den Ufern der Vergangenheit
    stehend und sehend trauern
    und zurück und nach vorne denken
    und zurück und nach vorne fühlen
    das gegenwärtige die nasse Windel
    das erreichte, das nicht reicht
    da es nur Bruchstück ist
    ein Stein in einer Mauer
    ein Kiesel in einem weissen Bett
    bin ich
    löffel Alete

    PHIL
    ich füttre dich
    Mutti

    (Die Mutter sieht sich ihre Kindheitsbilder an, dem Sohn ist es herzegal, aber er füttert.)

    SZENE 16
    BERLIN 2.0

    (drei Freunde,Berlin 2020)

    MICHA

    ein pockennarbiges junges Mädchen, vielleicht 15jahre alt trägt eine strickmütze mit dem aufdruck stay cute.ein junger mann hebt ein herrennloses, achtlos öffentlich herumliegendes dreckstück auf und wirft es weg.es gehört ihm nicht. er ist die hoffnung der generationen.

    FOTZO
    die tätowierte starbucksverkäuferin besteht auf den namen sascha mit SH geschrieben. ein streit bricht vom zaun, denn ich bin keine kanadische unterwäschemarke.

    MICHA
    ich habe heimlich im kulturkaufhaus in ein rechtsvölkisches hetzbuch gespuckt. nun schämt sich ein schwein mit weltanschauung.

    PHIL
    heute keinen passanten in die gesichter geschaut, hatte keine kraft für den umgang damit.

    FOTZO
    auf dem menschenleeren platz des geschehens tummelten sich fünf kamerateams, die objektive starr auf die strasse gerrichtet, auf der vor tagen der hasstruck raste. was erhoffen die sich? ein zweites mal.

    PHIL
    mich am meer mit fünfzehn geträumt. dieses glück seit jahren wach nie erlebt. mich mit fünfzehn am meer geträumt. dieses glück seit jahren wach nie erlebt. ich sollte das wort nie in frage stellen.

    PHIL
    Tage und Stunden vergehen
    Stunden und Minuten, ein höchstens zwei Gedanken.
    Die Enttäuschung ist ein Stein im Kopf,
    der erste. Für den zweiten Wurf fehlt die Kraft. Was bleibt? Sind ein, zwei bis drei Tränen, zwei

    FOTZO
    drei

    PHIL
    Drei Volltrunkene die Bitteres reden, eine witzige Arbeitsanekdote mit vielen Lachern ist mir geblieben vom Filmkunsten. Das gemeinsame Gehen zwischen Zehn und Elf Freunschaftsrest.
    Der bessere Rest verrottet in der Erde oder lässt einen Kuchenteller fallen. Käsekuchenreste einsammeln, Weingläser abwaschen.
    Schlafen gehen./ Jemand ist gestorben./Jemand/ mein Vater wurde vergessen. Als die Welt an der er zerbrach / selber zerbrach hielt ihn nichts mehr im Soll und den anderen Stücken/in der Prenzlauer Allee/ Pass auf die Haufen auf Junge/ und er zog zu einer Geschichte dir weder Seine war noch wurde /in die SonnenalleeWest/ billige Mieten weniger Angst/ Pass auf die Haufen auf Junge/ bis ihn der Gleichmacher der letzte Kommunist/zurückholte in die zerbrochene Welt/ in die achte Reihe schräg hinter dem staatstreuen Bauhausarchitekten
    neben der abgeholzten Eiche/liegt ein zerbrochenes Herz/
    mein Vater

    FOTZO

    Ich glaub du brauchst jetzt was vergangenes oder veganes
    FOTZO UND PHIL SAUFEN WIE DIE SCHWEINE.
    PHIL KOTZT WIE FOTZO.TRANSMISSION VON JOY DIVISION IM EX UND HOPP.TANZEND KOTZEN IST KUNST

    SZENE 17
    DISCOKUGELN
    (Ex und Hopp, ein Klub)

    MICHA
    Kalt bin ich und ist mir
    trinke deswegen Matcha und
    kaue Algen und Widersprüche
    im Schweinestall FITCROSS gegenüber vom Tower
    verbrenne ich mein Fett für 50 oder mehr im Monat
    Endgültige Diäten haben uns geschafft, das Gedachte ist Lättaleicht,
    schwergewichtiges ist kaum zu erwarten, in meiner goutierten Kolumne
    zu klug der Blick der Türsteher hinter der Glastür.
    Nur ein Schlag tausend Splitter
    Blutiges Loch der Kopf
    ein Jux in goldener Mitte.
    Ich ersticke an ihrem meinem Brei,
    klebe fest in dieser dunklen Kascha und denke dabei historisch
    ist mir wohl geblieben vom studiern DAS Osten ausradieren mit Blick auf Michel und Elbe
    später Lokalredaktion am Thyssenhügel, unter Bayer Kreuz die anderen vergessenen Kriegsverbrecher, ihre Söhne einst in maoistische Kaderparteien, heute vorsitzend und vorschwatzend, was der Bacheliorkopf nicht weiß dass käut er wieder. Ein vorwitziger Homunkulus schreibt nette Kolumnen,das bin wohl ich im Spiegel
    Achtung ein Karton
    ein blutiges Loch
    ein dunkles Leck aus Pankow
    Mein Traum vom Beil im Kopf hat sich verbraucht, es kommt die Zeit, vor der man Angst haben sollte. Ich habe es gesehen rieche es schon.
    Schönwettersegeln, altersgerecht/beweissführend segelt einer ICH auf den Silberplatz, olympionikisch unsere Idiotie/das Geschlecht der Epigonen und Epikuren sühlt sich im Artridengrab
    ihre Töchter ihre Söhne werden erben
    ich beackere ihre Felder mit meinen gedruckten Dünger
    meins ist leer steinig eingeklebt nur Konsummarken
    und Parteibeiträge
    nicht meine
    ihre Elternsaat
    unfruchtbar

    FOTZO
    jetzt folgt der Solopogo
    er springt
    allein
    die kraft reicht
    für drei
    ausgewählte lieder
    beim letzten sprung
    träumt er davon
    mit seinem kopf
    die discokugel
    falsche sonne
    über ihm
    zu zerschmettern
    tausend sterne
    im leeren saal
    spielten sie
    if the kids
    are united
    er zu fett
    die zähne verfault
    sham 69
    na los
    micha

    (sie tanzen, ein Dritter wäscht seine Mutter mit einem Schwamm,Mutter erinnert sich an Sozialismus.Fotzo erbricht Blut.)

    MUTTER
    Sozialismus
    Marx
    Dubček
    Tito
    ich bin
    die letzte partisanin
    im neuen land mit grossem D oder keinem
    SFRJsozialistisch föderativ
    den rest hab ich vergessen unterm demeter shampoo
    länder ohne stern länder ohne traum
    coca cola grinst vom nachbardach
    der kriegsverbrecher im fahrstuhl
    sagt guten tag ich will nicht mehr in dieser welt
    schreiben sein die letzten worte bella ciao partisanin
    sag ich meinem Schwamm der wäscht mir die
    flausen freiheit gleichheit aus dem löchrigen kopf
    vergessen wird die schuld die niederlage die armut
    die lügen der glauben die blindheit das hoffen
    die schuld das gestern das sterben das denken
    das gestern das ich das wir
    der schwamm
    ist mein neues
    kapital

    SZENE 18
    NICHT MEINE FRESSE/RUNNIN RIOT

    PHIL
    Wie gehts Frank

    FOTZO

    Ein müdes Gesicht, nicht meines, gespiegelt kurz über dem angekratzten Hundebild,
    gleich neben dem Kind. Hat der Sachse hingeklebt, an sein Pankreasbett, hat ein Tier geerbt
    wie mein Vater, der Schlosserjunge aus Brandenburg. Wie sagt man auf Polnisch KREBS
    Neben Hund und Kind die Ostsee, da fährt er immer hin der Sachse Blau und Weiß auf Orange. Hohn, das Blau des Meeres da ganz unten, unter der Erde, bei den abwesenden Augen. Meine damit mich. Mein zermanschtes Klumpenich.Frage mich
    was die Bitches und Boys bei Primark von meinem HartzGeld gekauft haben

    PHIL

    Hab dir was mitgebracht, ein Bootleg vom letzten Pistolskonzert in New York
    is eigentlich von Micha, ich hätts nich bezahlen können
    der kann nich
    Redaktionssitzung

    FOTZO

    God save the queen the fascistregime God save the queen the fascist regime

    they made you a moron
    no future

    PHIL
    no future no future
    siehst aus wie ich

    FOTZO

    wie gehts Micha

    PHIL

    der liegt immer noch da, hab ihn gerade besucht

    bisschen gewischt und geheult

    dann Vater besucht, mit Spastis aus dem Lernwerk Rahnsdorfevangelisch
    in der S bahn zurück, zu dir Spast

    Warum trifft man immer Spastis an solchen Tagen

    FOTZO
    alexanderplatz
    überall fahnen
    schwarzrotgold
    in einer ecke des platzes stehen wir
    schwarz eine faust
    es regnet
    alle wollen die mark
    das grosse deutschland
    ich ziehe meine quarzhqndschuhe an
    SIEG HEIL IHR WICHSER
    Wir brechen durch die Bullenabsperrung dahinter
    Frei sozial national stehen sie hinter den Bullen
    versteckt,gleich zu gleich,grün in grün
    den ersten schlag ich mit der Eisenstange auf
    Kopf Brust
    Sabberblut, blubbert auf Bomberjacke
    alte Kumpels neue feinde
    mittendrin ein Spast mit Hess Tee
    jens aus meiner schule
    ich schlitze der Nazi-Votze die Backen auf
    Endlich ein Lächeln für die blonde Frau

    PHIL
    PETRA MIT GROSSEN TITTEN

    FOTZO
    früher acht C heute braun und frei
    die sonst gries und grämig in ihren Laptop hämmert
    suche arbeit sprech deutsch bevorzugt einzelhandel
    zitronig ihre Glatzenmänner anglotzt und
    peter und jens einen Betonbrocken auf Kopf
    gerotzt leistungskurs deutsch
    hör uff hör uff quietscht der Arsch
    die arschfotzen quieken
    hör auf rote fotze
    Ich hämmer ihnen die Faust in die Fresse
    bis es knackt, es klackern es kullern Zähne auf den Boden
    Klacker klacker singen die boys und girls
    Lächlervotzen auf liebe eingestellt
    Rutsch fast auf ihrem sabberblut aus
    kick genau auf den wangenknochen
    arisch knackt kaputt
    splittern ohne dass meine nikes einsauen
    das ist wahres skillen
    Jetzt bin ich hier Fotzo Thors Hammer
    wir sind die lost boys 1058 schreien wir
    die Helme brennen, es riecht nach haaren
    unser haus ist euer Stalingrad
    Bullenfotzen willkommen auf unseren Steinen
    hier schneiden die lost boy EURE AUGEN AUF RECHTER SEITE BLIND
    stechen in die Helme, eure bleichen Gesichter
    Schweine darf man erschiessen
    Polizei SA SS

    PHIL
    und dann schreien alle
    alle eine stimme alle ein faust
    im schwarzen chor
    die kirche unsere strasse

    FOTZO
    Ein Mädchen GOTHIC guckt uns zu
    und meine Fäuste trommeln in die PIGFRESSEN
    DESIREFUCK Ich brauche einen DESIREFUCK
    SEHNSUCHTSFICK schreit das Mädchen GOTHIC
    irgendwo im Niemandsland, sie fragt "nimmst du mich mit?
    ich ritze noch nen Bullen ein Lächeln ins Gesicht
    Rauchen Ficken der Tod und die Kunst hat Antworten
    meine müde Worte nach dem rein raus
    ich mach Figurentheater oder in Blech über
    was Menschen müssen sollen wünschen
    wie findste das
    Scheisse sagt sie
    Scheisse sag ich
    Rigaer geräumt mich mit
    schlafe neben der Spree
    unter Wasser
    himmelblau
    im Kanal

    (Telefon klingelt, Mutter geht ran.Budapest,1956,1968,1970,1989)
    MUTTER
    alo alo
    Phil
    alo
    Phil

    FOTZO
    Ich spare mir eine schwache Armlänge Eile den kurzen Sprung zu den flüchtigen Blicken in der Cafeteria, zu den kleinen Münzautomaten. Frank Fotzo ist nicht mehr erreichbar.
    Liege zu ihren stillen Füssen Herr Sachse, hat der Pankreas sie schon geholt?
    Hab dich erkannt Genosse Volkspolizist,jetzt wohnt der Pankreas ihn dir.

    Im Katheter drinnen, mein Krankenhausfrühstück
    3ml Pisse, ein Häufchen Kot und ne Cola Zero
    Sie tun mir weh, jeden Tag.
    erzähl mir was schönes

    aber in die Tüte rein

    hab dann was mit Inhalt

    Pisse, Kacke und Cola reichen auf die Dauer nich
    erzähl mir was schönes warmes

    SZENE 21
    WIE HONIG. JUST LIKE HONEY.


    PHIL
    Juli 91 Jugoslawien/die Berge brennen/die Menschen brennen
    just like honey/just like honey
    Seit vierzehn Tagen hörten wir die Schallplatte, lizenziert von Jugoton Zagreb, geschmolzen in hunderten brennenden Wohnungen.Das erste Mal hörte ich das Lied, als wir gestorben sind, am Meer, im Meer. Auf dem Klo vom Solarishotel, auf dem Tankstellendach bei Zadar. Wir stinken nach Benzin.Wir hörten das Lied als wir gestorben sind, kurz nach deiner Landung in New York,
    meiner in Berlin Hauptstadt des neuen Deutschland während meiner vergessenen
    Taxifahrt vom Bahnhof Lichtenberg zur Prenzlauer, als wir gestorben sind in deinem grellgelben Haus in Zagreb 91gegenüber von den Hängebauchschweinen
    Vierzehn Tage sagten wir nichts.Seit vierzehn Tagen waren die Strände leer. Seit vierzehn Tagen kein Flugzeug mehr. Seit vierzehn Tagen schnitten wir unsere Haut. An unsichtbaren Stellen.
    In Jugoslawien war Krieg
    Ich war Filmregiestudent

    FOTZO
    Filmregie Hochschule der Künste
    in der Mahatma Ghandistrasse ich kenne alle deine Jugogescchichte

    ja ja bla bla und ich hocke bei Namenlos in der
    Erlöser, Heiligengesichter schauten mit dem Gleichmuts des Kackens
    in die tote Luft, als Bewohner der stillen Welt - die Kirche war leer
    und Micha längst in Hamburg. Frank eigentlich Fotzo
    tanzt allein vor niemand

    PHIL
    Oft erinnere ich mich an den Belgrader JuliMond ich erinnere mich an meine Freunde - sie leben jetzt in den Staaten, mit Kind, Kegel und leichten Übergewicht,
    ohne Speed und Horse, BWL studium sei gedankt. Jesus and the merry chain.
    Welcome new world

    FOTZLO
    HALTS MAUL ich krepier grad auf Linoleum

    PHIL
    Im ersten Kriegssommer 1991 Last call for Belgrade - Berlin. Boarding is finished. Ich saß nie wieder in so nem traurigen Flugzeug. Alle schwiegen, zwei drei verzweifelte Schreie, rote Gesichter. Sogar die Kinder saßen still auf den zu großen Sitzen. Die Augen des Flugzeugs beschlugen alle, die Welt dahinter ein flüchtiges Bunt. Wir saßen nebeneinander, die Freunde von der Adriaküste ganz hinten neben dem Bordklo. Wir verbrachten 20 Jahre lang unsere Sommer in denselben Adriastädtchen ohne uns getroffen zu haben. Wir sahen beide sehr lange durch das beschlagene Loch dem stillen Meer hinterher. Wir wussten schon zuviel.
    Du bist nicht mitgekommen.
    Ich streiche dich jetzt.
    Micha

    FOTZO

    Du sollst aufhören...

    MICHA

    Phil
    eigentlich Phillip

    aber er wollte immer wie der Basser von Joy Division heißen und nich wie sein Vater die rote Sau, Shakespearekenner und IM Falstaff angefangen am Deutschen aufgehört in Rahnsdorf, evangelisch achte Reihe rechts

    MEIN FILM
    (Fotzo blutet.ein Film wird gedacht,eine Welt eingerichtet.Elektronische Musik.)

    PHIL
    MEIN FILM.(nimmt pille)
    JEMAND GEHT SCHWIMMEN.SCHNITT. SCHWERDE SEE.SCHNIT.WEIT HINAUS.
    (nimmt pille) MEIN TEXT NIMMT MICH VORWEG, SUCHT DEN STRICH DIE ABKÜRZUNG.ÜBERLENDUNG(nimmt pille)

    ICH SEHE MICH AUCH SCHON ALS

    ABSPANN ZU TRAURIGER ELEKTRONISCHER MUSIK.SCHNITT.

    SZENE 22
    INBETWEEN DAYS/BERLIN 2.0 FAZ REDAKTION

    (Micha Redaktionsbüro, Phil dazu. Frank schreibt Punk an Wand)

    MICHA
    CELEBRATE GOOD TIMES.YAHOO
    Nach dem Krieg, dem Alten dem Kalten
    dem Fall danach und Bruch stimmten wir ein, in alte und neue Lieder
    um zu vergessen, die zwei Jahre mit Seeblick und summ summ

    PHIL
    sechs Jahre kein film mehr

    MICHA
    Wir tanzten, das Dunkel austreibend aus unseren schweißnassen Körpern
    fuck and lebendig schluckten alles
    HELLES UND BRAUNES WEISSES BUNTES
    die Augen tanzen, müde Herzen schlagen wild
    haben Angst vor dem Aufwachen, danach dunkelschwer der KOPF
    CELEBRATE GOOD TIMES COMMON
    tanz tanz Phil tanz
    das Schwarze raus
    im künstlichen HELL
    der kommende Krieg begann woanders als hier
    auf Etage zehn mit Blick aufs Urmeer wir merkten es zu spät
    unsere Kirche waren die Clubs eine Gemeinschaft die nicht teilen
    wollte oder konnte
    die Angst an der Wand, der Knüppel im Sack
    Wie gehts Autorenmutti

    PHIL
    yahoo yahoo
    I AM KULTURBETRIEB
    GENOSSIN MUTTER
    hat sich jahrzehntelang zur Strenge erzogen.
    Alleinerziehend trotz Mann und Kind, NURKünstlerin.
    Jahrzehntelang arbeitete I AM KULTURBETRIEBMUTTER
    zäh und ausdauernd an ihrer künstlerischen Identität
    als deutschsprachige Autorin: kein serbokroatisches Wort auf den harten schmalen Lippen
    Phil still leise ich bin im Fluss
    Deutsch wurde zu Hause gesprochen, um den deutschen Sprechapparat für die kommenden Projekte und Verlagschlachten zu trainieren.
    Wagenbach lieber als Rowohlt
    Ullstein sind Altnazis
    Suhrkamp sozialdemokratisiert
    lallte sie nur noch lag in der Ecke und heult
    SO
    die kleine weiße Dose leer
    ich nasche auch ab und zu Jahrzehnte später, brauche auch das künstliche HELL
    man sagt das ist genetisch, das lallen und fallen
    SO
    Nur in ihren Träumen sprach sie ihre Mutter und Vatersprache,
    der Albtraum wurde Heimatrest.
    Als der Knick, die Wende, der Krieg kam
    verlor sie alles, das ging schnell.
    bei mir gehts schneller
    (nascht weisses oder braunes)

    MICHA
    Bei mir dauert es noch an, das sich Winden und Wenden
    wo ist nur die weiße scheisse Dose, wieder weggerollt
    das tröstende HELL.

    PHIL
    WIR/UND/ODER ICH
    blökt mein aufgehellter Freund, hat ne schöne Stelle warm und gutbezahlt
    ich lese ihn am Wochenende, da lügt er weniger. Hat wohl mehr Platz in der Sonntagsausgabe für sich und sein wahres Ich, das kostet mich auch 3 Euro mehr, sein wahres Gesicht.
    Also er blökt, oder schmiert, eigentlich kotzt er auf meinem Klo
    einmal im Jahr, ich zitiere dich Micha Freund ungenau:
    Wenn zwischen Schweinelenden und Fenchelsalat/dem launigen Staunen
    über feine Gewürzmischungen und feinsinnigen Kunstgesprächen
    die Lust am kulinarischen Gesellschaftsdiskurs flott parliert wird dann...

    MICHA
    drückt das UNTEN nach OBEN
    Philip! Im Melting DrecksPott Etage zehn mit Blick auf die Endmoräne hockt die Angst
    Unter wachen Augen und lauernden Blicken
    schleichen sie herum, der freie Wettbewerb das schnelle Machen schnelles Reden
    in den Pausen das sich verlieren heimlich am Kaffeeautomaten
    Knöpfe drücken bei sich mit sich bleiben
    die trinken ja alle nur Matcha
    unsere Scheisse stinkt nicht mehr Nestle sei dank
    muss aufpassen die Jungen tuscheln
    unser PANKOWER HAMLET flüstern sie
    der Chef ist mein Freund
    er sagt mir immer eigentlich kotzt er beim Italiener, Penneallergie
    WIR WERDEN DAS NICHT LIEBER MICHAEL VERÖFFENTLICHEN
    VIELLEICHT MERVE ODER WAGENBACH
    Ich schwenke also um auf Künstlerbiographien und Rezepte literarisch angereichert
    auf der Seite 21 findet man mein trockenes Ich
    Artaud auf Pervitin wär ich manchmal lieber

    PHIL
    Die Wurzeln radikal radieren, das Leben neupinseln ohne Rotstich
    endlich weissblass Gesimdleben nach dem Ende der Geschichte
    südlich von Dahlem buddhistisch befriedet -

    MICHA
    Oben sind sie alle REAKTIONÄRE REDAKTIONÄRE
    denk ich leise in mich hinein so ist die Zeit
    Times goes by, meine damit nicht nur das Blatt.
    Nach unten gehts ganz schnell
    das Oben will gekonnt sein gut verteidigt und hart erpresst stammt etymologisch wohl von pressieren UNDER PRESSURE ab

    PHIL
    Under Pressure ist ein Scheisslied

    MICHA
    UNDER PRESSURE
    Mein Tag geht zu Ende bin wach geblieben war nur 2 Stunden im Bett
    an zu hellen Tagen mir reicht die eine Weisse
    Das Unten macht Angst
    lässt Fäuste ballen Körper glühen Blätter vorn Mund nehmen
    Weisse Blätter füllen mit Rezepten und fremden Leben
    ich freu mich feucht, fresse gesunde Äpfel wie einst Schiller
    Leuchte hell dank heller Dosen HELL

    PHIL
    Lieber Freund ich zeig dir meinen letzten Film
    die Werbung blende ich aus
    FILM AB.

    (Film von Phil.Alle sehen zu)

    MUTTER
    ein schöner film
    mein sohn

    PHIL
    danke mama

    SZENE 23
    GESÄNGE

    (Micha, Phil, Fotzo,Ewigschön,Mutter.2020)

    FOTZO
    ich schweige und sammle die Wut
    den Zorn zähle die Lügen
    sehe die kalten Gesichter
    höre die eisigen Sätze
    das selektieren ein Lehrmeister aus Deutschland
    rechnen was wert ist oder weniger oder nichts
    bin nichts
    ein Fotzo eigentlich Frank
    bin das was bleibt unter dem strich
    am Schieber sich aufhängen
    den Zirkel in die Milz bohren
    am Cosinus ersticken
    des wär eine Aufgabe
    ein letztes gelingen
    ohne Mathematik
    jetzt rechne ich nur noch
    die kaputten Zähne
    Frank eigentlich FOTZO
    Eine Zeitlang leckte ich heimlich an winterkalten Erkerfenstern.
    Meine Zunge klebte am Eis.
    Das Eis in der Brust feierte Hochzeit mit dem Eisfenster,
    hätte dort ein warmer Ofen gestanden, wäre ich ein Meer geworden
    und würde in die Holzdielen einsickern.
    Baringsee Ecke Schönhauser.
    Wurmfraß in einem Berliner Altbau
    die alten Kassetten
    C 60
    mein Leben
    in 60min
    zu kurz
    zu schnell
    ausgeleiert mit der Zeit


    MICHA
    früher sammelten sie für
    die zähne für die aus Stammheim
    heute schämen sie sich dafür
    und ihre Söhne und Töchter
    reden zu mir oder den anderen
    eingeladenen Journalisten
    und ich verstehe nur
    POSTDEPRESSION
    will ihre jungen Zähne
    beißen besser
    bleib ein mensch
    du
    Arschloch
    strich auf mich
    ich spiele
    ich spiele
    ich spiele
    ich spiele
    warum
    der angesagte Redakteur M
    wie Micha oder Michael
    brachte nichts mit
    ausser einer Kappe und Kälte
    besser Lügen
    mein Traum vom Erfolg
    am oberen Ende sitzen die
    falschen Götter schleifen sollten
    wir ihre Burgen verbrennen ihre
    geschriebenen Worte
    vergessen ihre süssen Lügen
    in ihre geölten Fressen schlagen
    auf ihre Türen scheissen
    ihre Hundeauch die Katzen
    die Münder
    zunähen
    sie brachten uns
    das falsche Licht
    und wir fliegen
    das Weltall Genosse
    ins Dunkel
    mein Haupt verneigt sich tief vor den Lauten
    reichen Erben
    ihre Köpfe waren
    vielleicht einfach
    doch zu schwer
    aus der Angst
    mache ich
    nichts und träume
    nur von der Wut
    oben im zehnten Stock
    Redaktion Berlin

    (ein stummer Tanz)
    EWIGSCHÖN(Foto)
    neoprestano kiša pada
    svetla nema ljudi kao obrisi
    lica ne pamtim samo mrlje
    samo vlaznu tugu i sporu brigu

    PHIL
    micha
    spiel doch mal ohne die fresse zu bewegen
    ohne dass erfolgreiche, das weltumarkende
    zwischen zeitmagazin, scrabble rezepttip des monats gelächelt
    geglättete leben für sechsfünf plus spesen und reisekosten
    dein sorgloses grinsen am maintower
    dein gutenmorgen kapitalismus
    auf italienischen sohlen im zwanzigsten stockwerk
    spiel und leb mal micha
    ohne alles haben und können und wissen
    micha ohne das bewegte, dass nach außen dringen
    deine fresse ist ein gemälde der festanstellung
    in die grübchen geritzt ist dir die allianz hamburg mannheimer
    zählst das schwarz überm rot nachm öden
    samstagswichsen, die fitte freundin windschutz vor der nachtangst
    die tägliche redaktionskonferenz
    ich zähle nichts mehr
    keine tage keine stunde

    FOTZO
    ich seh die welt nicht mehr an

    PHIL
    einmal im monat halbschlaf
    schlafe kaum und kurz
    sehe in mich hinein
    nehme zweimal HELL
    bin untergetaucht in der milz
    oder sonstwo im nerven
    system muskelschwund
    male mir grosse mangaaugen
    ins müde gesicht
    weisst ja, manga ist heut pank
    japanisch ins dunkle
    reisen sich die trauerfresse
    polieren im schwarzen quadrat
    meine hauptaufgabe ist
    langsames kapitulieren
    und erinnern

    EWIGSCHÖN
    (am Meer, Fotzo erhängt sich)
    jedan čamac sporo se kreće noćnim morem, posle ponoći mozda
    na pramcu iskre dve zvezde, lazno karbidno sunce mami zivot pod vodom.dok oktopus sanja o mlečnom putu i večnom zivotu hladno zeljezo se ubada u meko meso i senke otoka onaj mesec

    PHIL
    begegnet sich leben wie unsres
    ein halbes jahrhundert -
    brennt die nacht, der kalte zigarettenrauch und die angst kommen und die letzten küsse,
    das wortlose leben schöpfen unter alten freunden
    freunde aufgeknüpft unter wärmelampen
    FOTZO alias Frank
    in der hartz IV höhle spielt er seit jahren luftgitarre oder warhammer
    dank rotgrün,hauptsache die atomsonne scheint nicht aus
    dem arsch
    endlich wieder bomben auf belgrad
    hast du geschrieben, micha
    hab’s nicht vergessen
    neunundneuzig wars, deine fliegerasse über belgrad
    dein opa hat dort geiseln erschossen einundvierzig du -
    du MICHA KUMPEL VOTZE REDAKTEUR
    rettest refugees beim chia salat anrichten
    beim trockenen lässt du drohnen barmherzig sein
    dein krieg wird mein letzter sein
    da hängt jetzt mein freund, deiner schon lange nicht mehr
    durch und durch

    FOTZO
    scheiss hagebau, seil is gerissen
    versuchs mal anders
    mehr chemie

    PHIL
    halt die fresse fotzo ich bin jetzt im fluss
    du bist jetzt mein projekt ohne förderung
    polizei steht davor, seinem abhängen
    dass betrachten kalt, sachdienlich kein sujet
    keine kleine geschichte
    mundschaum gewaschen vom mund
    weisse kittel eine linde
    duftet im hof vor der stadt
    ich liege hinter einer abgeschlossenem
    tür eine nummer in der altmark
    hab dort mutti oft besucht hinter der mauer
    jetzt lieg ich selber da und nimm zwei bunte
    der raucht zieht immer wieder
    durch das kalte zimmer
    die angst der raucher
    das warum
    ich bin

    SZENE 24
    NOVEMBERSPLITTER

    MUTTER
    (in der Badewanne, Barbiturate oder Demenz)

    der
    schwamm im kopf
    hilft beim vergessen
    es war immer zuviel
    das hier und da
    frau
    künstlerin
    sozialismus
    die freiheit im traum
    das erwachen in der zone
    gezeugt in bosnien
    verscharrt in rahnsdorf
    bei berlin

    vergessen die anekdoten
    vergessen meine bücher
    vergessen die küsse
    vergessen die haarfarbe
    vergessen den geschmack

    der
    schwamm im kopf hilft leben
    im hier
    im jetzt
    der krieg in den nächten
    der morgen dem sohne

    vergessen die stimmen
    vergessen die lieben
    vergessenes meer
    vergessener sommer

    der schwamm in der hand
    auf einer kleinen insel
    bei šibenik gekauft
    dort werden die schwämme getaucht
    für mein vergessen
    leg ihn auf den stein
    in rahnsdorf
    bei berlin

    MICHA
    (Weihnachten in der Redaktion)

    weihnachtsbaum
    der baum
    verwachsen
    und klapprig
    wie sein land
    die fetten
    üppigen
    stehen in düsseldorf
    am main

    die wunderkerzen wundern nicht
    sternlos wie ihr land
    schlechter rohstoff
    der vater
    kommentar

    zu dritt die würstchen
    proletarisch essen
    danach westen schenken
    verlogenes land und kinderglück

    aus drei mach zwei
    der baum leuchtet
    die sterne sternen
    zwei fehlen in dem
    neuem land
    mit den üppigen bäumen

    FOTZO
    (blutiger Fleischklumpen auf dem S-Bahnhof Rummelsburg)
    punks not dead
    punks not dead
    punks not dead
    grandma is dead
    punks not dead
    punks not dead
    mama is dead
    punks not dead
    punks not dead
    papa is dead
    dead
    dead
    punks not dead
    punks not dead
    aunt is dead
    punks not dead
    uncle is dead
    punks not dead
    punks not dead
    theatertod

    ich fliege über das land und würdige es keinen blickes.

    (Fotzo stirbt.)

    EWIGSCHÖN
    nebo je plavo/der himmel ist blau
    niko se nije obesio
    nema senke/kein schatten
    nad morem/über dem meer
    vrelo je I topi se asfalt.

    MICHA
    Zwei Jahre Rummelsburg feindlich negativ
    Zwei Jahre mit verlorenen Seelen gestorben, die Revolution auf blauer Lippe verstorben kaltgestellt
    WIEDERVEREINT UND STUDIENGNEHMIGT
    meine Rückkehr ins Licht, die Stadt mit Angst erkauft und Anpassung
    Schreibe nun lieber über Chia und Kunst
    die Revolution hab ich weiß gestrichen
    Schnee VON GESTERN in meiner Herzmaschine
    hab das Schütteln mitgebracht aus RUMMELSBURG
    gebrochen unsere Zähne und das Rückgrat in den Kellern Keibelstrasse
    unsere Knochen schreiben die Geschichten über Leben
    ich schreib nur noch neues,lauwarm Rezepte übers
    Sterben, die traurige Krankheit, den langen Tod.
    Leben als Krankheit in der Kunst
    der ZEIT gefällts dem OSTEN weniger, zahlt auch weniger
    Und die koksAura das dunkle Leuchten meine letzte Fahne unter der ich schreibe
    zittre schreie KLEINGEWORDEN wild ist nur mein Frisör
    kein Gespenst geht um, die Kugel rollt im halbleeren Magazin
    und Stawrogin hängt still in seiner Kammer. Ein Hund streunt durch Berlin
    das Herrchen verhungert erniedrigt schlecht gefickt und beleidigt sind sie nun
    die ÜBERLEBERFREINDE entschuldige Fotzo eigentlich Frank
    das WIR HÄLTS MAUL VOR NEUEN FÜRSTEN UND VERLEGERN
    BRINGT WACHSTUM STEIGERT
    DIE AUFLAGE meinen täglichen Ekel
    doch davon lebt es sich schwer
    Der Frühschnee im November weiß, wie die Knochen, die Fahne weiss und leer,
    kein Zeichen mehr, der einzige Trost das Kind ohne Morgen mit den traurigen Augen
    auf meinen Wegen ins Büro
    kostet mich nur zwei Euro
    ihr Lächeln

    PHIL
    wir sitzen in einem boot SCHNITT
    lieben SCHNITT.
    dabei eine Welt sehend SCHNITT BLENDE
    die unansehbar geworden ist

    (DAS MEER.)

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    18. Mai 2023

  • MAJKA I SIN (MUTTER UND SOHN)


    MAJKA
    heiligabend
    nein ich bleibe lieber hier
    sagt sie liegt im stahlbett
    hoch über den bäumen
    lieber hier lieber
    ich lese vor
    von römern
    von müttern
    vätern und hirten
    von bethlehem und sternen
    und gott und sehe sie dünn
    nur halb von dieser welt
    im bett liegen und erhoffe mir
    ein wunder im pflegeheim
    aber es geschieht nicht

    sie liegt an heiligabend auf
    dem stahlbett und meine
    tränen fallen auf vier bunten
    von der leitung ausgewählten
    fotokopierten bibelseiten
    die geburt jesu die ich stockend
    lese zittere heule sie hört zu
    vom wunder der geburt
    von den sternen über
    dem dachlosen stall
    ich gehe
    kein wunder
    in der nacht

    SIN
    umorio sam se devedesete
    probusio mi metak grudi
    nisam se odmorio sledecih decenija
    nocima pesacim kroz prošlo
    bole me noge za stvarne staze
    putujem noćima
    ponekad vidim more osetim kamen
    pod nogama miris poznat
    al naučio sam disciplinu iza zida
    moga belog berlinskog
    pa gazim noćima
    lepim predelima
    gledam nebo
    zezdano i

    MAJKA
    Beim meinen gestrigen Besuch erlebte ich meine Mutter sehr mude
    voll Angst der Blick innen die Wände dreckiggelb
    MÜLLERkanntest du
    ihn gut
    MEINE MUTTER
    sie wusste genau wo sie war und wer ich bin,reagierte jedoch mit massiven Angstausbrüchen auf jeden Versuch zu reden
    Kamst du dich an Heiner Müller erinnern
    JA KLAR,der saß immer auf der roten Couch
    Warum
    Wegen der Texte
    Dein Vater den habe ich sehr geliebt wo ist er
    TOT
    ach das ist traurig
    WAS HATTEST DU VOR
    weiß nicht,was machen diese schläuche in meinen körper
    MAMA KATHETER DAS SIND KATHETER,WAS WOLLTEST DU MIT DEN TEXTEN
    warum.was soll das alles
    pack meinen koffer aus
    ICH WILL MIT DIR UBER HEINER MÜLLER REDEN
    Ich hab ihn in das Serbokroatische übersetzt,man kannte ihn noch nicht in Jugoslawien …ich fand er ist einer der wichtigsten Autoren seiner Zeit
    WELCHE TEXTE HAST DU DENN ÜBERSETZT
    Sohn…Ich habe angst wo bin ich was mache ich hier
    DEN AUFTRAG UND
    mischa mein lieber bruder ach schön
    dass du da bist
    BIN NICHT MISCHA ICH BIN DEIN SOHN
    Heiner Müller war sehr freundlich
    Die Frauen hier sind schlecht
    Schreien mich an
    MAMA WAS HAST DU NOCH FÜR ERINNERUNGEN AN HEINER MÜLLER
    EIN CHOR:
    Seine Mutter spricht ihren Lieblingstext aus Medeamaterial
    MUTTER SPRICHT MEDEAMATERIAL.
    KRANKENHAUS.KATHETER.
    Wüste in Kalifornien
    Ein ostdeutscher Autor hat einen Herzinfarkt.

    SIN
    maternji jezik
    jugopetrolova cisterna,rdja ispod zuto crvenog.jedan maslinjak u oktobru.
    vojna torba pod krevetom, trava u celofanu. voz pun straha. popodnevno sunce. plinske boce,naslagana narandzasta piramida i miris blizog mora. odvaljeni prozori,kuce bez očiju.tovar ide sporo ukrug,ogroman malj se pokreće, melje…gledaj nebo sine, plavo iznad svetlosivog. čaure padaju na stari krivi kamen. tišina u tri i četiri, sunce na golim ledjima. most pod kišom moj pogled pun straha. golovi u moru potonuli kraj trafo stanice. mermer hladan pored crkve, čempresi. čempres u rakovici,krivudava baraka tuzni stanari strašnog grada, neki grbavi velemajstor pun tuge voli da priča. pištolj medju peškirima,hodaj hodaj
    stara pesma u nepoznatoj ulici. sediš u autobusu nekud odnekud. jesen u grudima. rupa ko longplejka
    mozda i dupli album.
    mama.
    ja ti pričam svoje
    da ne izbledi kao tvoje
    mi smo deca rata
    bar nešto
    srodno



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    16. Mai 2023

  • LEICHTE GESCHICHTEN. LAGANE PRICE.

    (sanjaj / träume)

    eine freundin oder freund oder beide bat mich etwas fröhlicheres zu schreiben. ich versuche es.
    mal.

    I.
    MEER
    in dir bin ich leicht.

    II.
    MUSIK
    ich tanze gerne lang und lache dabei.
    die musik ist leider eher von gestern.

    III.
    MENSCHEN
    der bruder meines vaters hat popel gesammelt.seine popelkugeln hatten die grösse eines schneeballes.
    das war 1949.

    ein freund konnte einen tischtennisball auf seinem sich ereignenden penis balancieren.

    ein onkel aus titograd konnte freude schöner götterdunken in teilen furzen.ansonsten war er eher bordmechaniker in der jugoslawischen luftwaffe.

    wenn ich an der tür mit einem pullover hängenbleibe fällt mir immer die brille von der nase,beim bücken nach der brille stosse ich mir den linken kleinen zeh,den habe ich mir so schon dreimal angebrochen und einmal gebrochen, bei dem hängenbleiben steht fast immer noch die butterdose herum, die eigentlich ein butterteller ist, der die genau so fällt wie sie nicht soll,mit dem weichen nach unten.auf diesem butterfleck rutsche ich dann einen tag später aus,wenn ich nicht oben hängenbleibe.

    dass weiche nach unten….
    darüber schreibe ich nichts,es könnte auch krebs sein.

    wenn der langgestreckte zug in der kurve lag,schütteten die fahrgäste aus dem linienwagen berlin-budapest das bier aus dem fenster und wir aus dem letzten wagen,dem schlafwagen malmö-belgrad, fingen es mit unserem weit aufgerissenen mündern auf.das war kommunismus,denk ich.

    mein vater setzte sich in berlin zum schlafwagenschaffner und trank von berlin bis belgrad durch. wie er es schaffte dabei jedesmal jeweils die schapkas der tschechoslowakischen,ungarischen und jugoslawischen grenzer innerhalb ihrer landesgrenzen auf dem kopf zu tragen erfuhr ich nie.irgendsoeine erwachsenengeschichte: horst und die vier schapkas.
    die ddr grenzer hat er nie gefragt,das hätte diese geschichte auch schwerer gemacht als gedacht.

    in den arztheftchen, so nannten wir die liebesschmöker aus dem westen, gab es werbung für eine spezialbrille, mit der man durch wände und bei frauen durch die kleidung (nackt) sehen konnte,ich war überzeugt,der kapitalismus ist dem real existierenden sozialismus überlegen, Weit überlegen.

    ich bekam eine kanarienvogel zu weihnachten geschenkt,am ersten weihnacjtsfeiertag lag er star auf dem boden.scheiss vogel.

    ich dachte einen sommer lang,ich habe aids.ich hatte noch nie sex,das schmälerte keineswegs die furcht,befeuerte sie eher.

    ich habe heimlich den zigarettentrick geübt,in dem man irgendwie die zigarette auf die zunge legt,sie dann im mund / rachen verschwinden lässt,um sie kurz darauf wieder auftauchen zu lassen. ich habe die probezigarette verschluckt und bin dabei fast erstickt,mindestens zwanzig minuten lang.

    ich habe bei einem manöver eine plastikgewehrgranate meinem kompanieführer zufällig ins gesicht geschossen,er hatte sich in einen 200m entfernten busch verdrückt,um heimlich zu rauchen.er trug wochenlang ein veilchen, seine uniformjacke hatte ein brandloch und ichbekam drei wochen klodienst.

    IV.LEICHTE GESCHICHTE
    der schlafwagen und zwei liegewagen malmö-belgrad hatte in brno 1988 einen achsenbruch und wir wurden von sechs ochsen gezogen,unter dem hohen himmel auf ein totes gleis gestellt,auf einen berg bei brno,zu seinen füssen lag der grosse fluss und das leuchtende gelb,das ruhige grün vor augen,schimmern.mit der zeit lernten wir uns besser kennen,wir legten gemüsegärten an,kochten gemeinsam in der kleinen bordüche schwedische, serbische, makedonische, bosnische,albanische speisen. einer der liegewagen wurde unsere bibliothek,unsere schule, die universität. aus
    die gefriertruhen einst vom schweren gastarbeitergeld in malmö oder westberlin für die alte schwere jugoslawische heimat gekauft standen zu dritt unter vier linden direkt neben dem gleis, das unter der sonne summte und einen monat nach brombeeren roch, in den schwedischenwest deutschen eistruhen lagerten wir die früchte der gleise,des berges,des flusses. einmal im jahr kam der uniformierte mann čsd mann mit dem öligen hämmerchen,er klopfte und horchte die bäuche unserer gebrochenen wägen ab und sagte jedesmal mit trauriger stimme, es täte im sehr leid,aber der achsenbruch wäre nicht behoben. der schaden tiefliegend.
    die tschechoslowakei verschwand.
    unser land jugoslawien verbrannte mit kind und maus.
    wir liebten uns untereinander, weinten, heirateten oder auch nicht, jeder wir er sein glück begriff und wir bekamen serbischbosnischmakedonischealbanische kinder.oder auch nicht, jede wie sie wollte, wir zählten der kinder schatten und sprachen ihre worte im wind nach, jeder liebte lebte wie es ihm und ihr sein herz flüsterte,küsste, sanft sang: spavaj tiho nezno zivi sviraj duša ne zna za buku und wir starben auf dem toten gleis unsere gräber schauten auf die täler um brno, der schnee fiel auf unsere staunenden aufgerissenen augen, den grossen fluss,das leuchtende gelb und stille grün.
    wir feierten den achsenbruchtag als höchsten feiertag.eine fahne lehnten wir ab und sangen zusammen unsere lieder auf einem toten gleis bei brno.liegengeblieben.

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    15. Mai 2023

  • COTE AZUR / HEROIN

    COTE AZUR (HEROIN)*
    1938.320 bpm dance dance dance to the radio.
    schwarzhemden und ein mensch im teakschrank,klaus mann.

    KLAUS M
    mein weg ein atemzug still ersticken ein
    STAU unter wasser leben hier an der cote azur
    in deutschland drehen sie bunte videos
    laut und zu schnell
    in nürnberg oder berlin schnelle schnitte dank leni
    HEIL sehen weg hebenarm der kopf gerreckt gestreckt
    andre werden abgehackt und nur der fluss
    das meer im kopf bleibt trost in langer nacht
    der hans emil ricki charkes andre mein schwanz trostlos
    auf reisen und wieder in das bett genässt
    hotelboy mann klaus
    mit strandblick im exil denk ich mein herz ist eine kiesgrube
    trocken klirrt das innen stein ich schieb mir das braune
    unter die haut leck den heissen löffel SCHEISSE MANN
    besser drinnen das braun als das vor der tür sehen
    mein antinazismus heißt nun HORSE ÄTSCH heroin
    manchmal mit schnalle um den hals in nem holzschrank
    ejakulieren
    BRÜDER ZUR SONNE flüstern in das holz gewichst
    arche du stinkst mit deinem solopassagier mit dem dichter
    draussen das schöne ist alt gemauert vor jahrhunderten
    das neue ruinen des neuen unterm germanen sonnenlicht
    schreib ich mit blut ins hotelholz ICH TRÄUME LÖFFEL
    in paris amsterdam marseille europa vereint in der flucht
    ich in teakzimmern andre unter segeltuch bad luck
    da leb ich nun REISE REISE klaus der kleine
    das land das mir fehlt stinkt unter ammoniakschwerer
    decke liege ich an nizzas küste französisch kann ich
    nich gut GENUG trauriger strand ich springe ins blau
    achtzehn stiche zwischen nase und zeh von vergangenen schlachten
    mit vätern oder kritikern kuratierern besserwissern wenigkönnern
    BRECHT DU MÄNNERFOSE klaust
    was dir die frauen klug schreiben
    im gulag kein profikampf steck dir den sport und die premieren
    in den kleinen karrierearsch kein wunder fuggerkind
    menschenasche ohne v-effekt ist die neudeutsche epik
    du lachst es aus mein zweifeln verirren wenden
    unterlegst es mit ambient was du bert
    nicht verstehst ich tue es auch bei papabär seit oslo ist er global
    THOMMY CAN YOU HEAR ME international die SCHEISSE WHERE IS MY HORSE ich tauche im blau provinziell nie im aufstiegskampf
    nur darunter im lübecker titanenabort sohn im kot
    die stiche habe ich mitgebracht aus einer kalten nacht
    neunzehnUND auch egal er war schauspieler ich schreibspieler
    die azure liegt vor mir im graben im krieg im kopf
    STRASSENSCHLACHT und wärme der spritze in der eichel
    ich hocke ich es regnet werd heut noch ein essay schreiben
    ich kämpfe mit G der den SSlern in die köpfe schießen wollte
    STAHLZWINGE für braune Pisse nun aber in ihnen
    lach und schiessfilmen liedchen singt von der nacht
    die nicht nur zum träumen ist froh die rheinische natur
    er stößt mir das messer schnell in die seite
    24 29 33 38 hab vergessen dass er crystal raucht seit dem
    SS plenum in braunschweig im land nach dem systemfall
    weimarer error
    STAU
    DER GING VORBEI IN DEN 30igern
    STAU
    fahre kalt durch die provence
    an der ausfahrt richtung avignon
    ich kann sehr lange die luft anhalten
    im meer hinter biarritz zwischen france und spain
    werde mir braunes in den hoden und weisses in
    die nase stopfen HOLLA UND AY CARMELA singen
    und die seesterne zählen derweil zuhause die
    frohnaturen auf den brettern lügen bis die welt bricht
    funfact der bühnenboden vom schauspielhaus stammt
    aus sachsenhausen kz aussenstelle ravenbrück
    jemand mehr oder mehr und jemand predigt hass heil deutschland
    fünfunddreissig prozent haben’se schon 1930 gehabt
    als ich nur kritiken zählte und pariser liebte
    hätt gern peters Stahlzwinge,kann ihn ja mal fragen auf Dorothäischem
    liegt er da im Kristallsarg neben seinem Vater
    Ostsee
    schon eine minute ohne luft
    ewiger krieg und arme schweine
    mein lecken mein heulen
    ich schwimme auf das offene meer hinaus
    die bettdecke färbt sich rot
    (sei still) von mir und meinen ritten auf dem horse
    ich habe drei jahre lang jede nacht geweint
    von 33 bis 38 danach musste ich die bettdecken
    verbrennen ich brenne
    ich liege in einer ecke des zimmers
    man sieht noch den abruck meines mundes am kalten erkerfenster
    habe wieder hinausgeschaut auf eine neue Schlacht gehofft
    france 1 dudelt in meinem Rücken,daran geleckt am Fenster
    bis ich umfiel will nicht mehr stehen
    ich hatte zwei jahre lang kein gefühl mehr in beiden händen
    ich konnte sie mit feuerzeugbenzin übergießen und tat es
    ich habe sie mir feuerzeugbenzin übergossen und angezündet sehr hell
    brannten sieich konnte mit rasierklingen schmale meerhorizonte hineinschneiden
    in die haut scherenschnitte der verlorenen heimat
    habe ins linke knie ein fenster geschnitten
    dahinter sitze ich und bin elf mein onkel heinrich ebt noch
    er erklärt mir die odysse radikalisiert mit Robin Hood und dem letzten Indianer
    Er erklärt und schwitzt ich liebe ihn noch ist er warm
    und ich sehe dem trinkwasserschiff nach WIR MACHTEN JA IMMER URLAUB AN DER ITALIENISCHEN RIVIERA
    das gerade unsere bucht verlässt und will weit hinausschwimmen
    hinter dem zeltfenster aufm Zeltplatz lebt der junge
    davor lebe ich vierzig fünfzig schneide mir ins fleisch und schwimme weit Adria und Karibik zwischen meinen Marketingterminen in NY und schweren träumen
    unter wasser träumen vom blau eigentlich war es die schweissschwere bettdecke mich weckte bin in den dunklen schoß NEUE ZEIT HEIL UND SIEG FORD UND DAIMLER
    neuer Mensch neue Lieder bin weich gefallen wegen
    der blüten in meiner tasche von THOMMYVATER schwedisch die dollars NOBEL NOBEL ich stopfe dir das maul
    unglück unbesungen am blauen meerwieviel kostet mein gestern vater
    rückkehr nach berlin rückkehr ins leben als zuckender stumpf nach dem krieg dem sieg der keiner war
    (sei still)
    an klavierseiten hängt kein kopf eher neue melodien

    nichts sieht nichts hohl klingt es in meinem kopf zwischen den Meetings
    fülle ihn auf mit leisem trost Vinyl durch Bang&Olaf jagen darauf ficht es immer
    in meinem Haus bin Eigentümer seit kurzem das kreisende Schwarz VINYL
    aufenthalt gegen den tod für das leben die stinkenden bettdecken
    verbrenne ich einmal im jahr an einem see der mich
    an ein meer erinnert wo der Sturmvogel lebt
    Künder der Revolution
    MANCHMAL.
    manchmal übergebe ich mich einfach nur so vormittags ein bis zweimal
    ist es die depression oder cold turkey
    Neundreussig Elfzehn die Uhr mein Henker das Ticken mein täglicher Tod
    oder ich mache das Licht aus und muss drei Stunden am Stück
    weinen depression heroin my antifascist bad trip
    die dichter und henker schlucken pervitin
    ich weisses von unbekannten mir egal
    och ihnen auch GERMAN ANGST sagen sie
    nur bevor sie kalt gehen ich zähle dann meine
    sterne kleine rote punkte unter zunge hoden zehen
    meine heimat ist das loch die andre brüllt heil und sieg
    WO IST DIE SCHEISS SPRITZE
    dann nehme ich zigarette oder weinöffner
    oder frisch gebrühten kaffee oder teewasser
    und schütte sie auf die schreibhand
    die nichts mehr über diese heillose welt
    schreiben kann und will
    DIE SCHEISSHAND
    drauf steche hinein brenne
    spüre versuche es mein dunkles Leben
    Manchmal gehe ich und atme
    und esse ich ganz langsam
    ganz vorsichtig
    oder zu hastig
    oder zu schnell
    berühre wundes Leben nur mit fussspitzen und mit zunge
    im hotel wer hat das wort exil erfunden die bänker und
    autobauer am rhein und neckar sicher nicht
    sie rühren den grossdeutschen asphalt oder
    kopfsalat
    nur ganz leicht ganz schwach an
    ich traurig wie die tage nächte
    LEBE IN DIESEM SCHRANK mein vollgespritztes
    dichtergrab samenbank totenhaus
    monate jahre nicht auf inseln geliebt chios
    oder elba ersticke langsam bei rhode island
    am langsamen essen sparflamme lege mich auf
    den aspalt die fleckige matratze im chelsea hotel
    müde mit lust auf den mehrmaligen verkehr
    mein geliebter will auch nicht mehr
    sagt nur
    unsere ökonomische abhängigkeit
    zügelt ihn den verkehr den hunger
    WHERE IS MY AGE MY HORSE flüstre ich
    den mehrmaligen ertrag ich auch nicht mehr
    kann nicht soviel ficken wie ich die welt vergessen
    ausradieren will und manchmal tun die augen weh
    vom fensterglotzen auf den asphaltund man
    reibt seine augen an den exilfenstern wie an der zündholzschachtel aus riesa
    und menschen kinder brennen hinterm meer
    slawen meist
    das westliche ist dem tode überlegen
    die achse berlin london paris ist ne alte
    BURNOUT COLD TURKEY made my days
    manchmal sind’s nur die augen die
    möcht sie zerschneiden die
    tun weh obwohl sie weder gelesen noch
    gearbeitet hätten dafür war es meist zu dunkel
    und die
    ideen zu dünn sollte mir nen scriptdoctor holen oder ne kluge dramaturgie in meinem zimmer mein nicht das im fünften stock chelsea bin der world war two sid
    und ohne fahrstuhl die Tage Monate nach dem Studium
    glotzen nur auf Auslagen und Angebote
    Manchmal nehme ich zwei,drei oder vier
    dreimal am Tag macht insgesamt sechs oder neun oder zwölf
    wie ruhig der See ausschauht mein Mann wird schön
    schön das es dich gibt
    wie war die Arbeit
    nein heute nicht
    jetzt hätt ich Lust
    nicht auf dich
    auf den Herd mit meinem
    süßen Kopf drin ach Elektro Gorenje
    billigsterben dank Saturn
    der Kopf drin wie die Mama
    das auch noch
    zuviel ist zuviel
    Horsdown
    Burnout Bournout
    jetzt könnte was mit 300 bpm spielen,würde mich erleichtern
    AUFTRITT VON DAF AUS DÜSSELDORF IN DER BISKAYA
    MÄNNER IN UNIFORM TANZEN DEN SCHWARZEN STERN.

    SOUND:
    https://youtu.be/su06q9k9A_w


    *kommemdes projekt MEPHISTO/KLAUS MANN bearbeitung

    VAUDVILLE 1938
    (Die jüdische Schauspilerin XX und Herr Höffgen im Intendanzzimmer,
    währenddessen in einem Hotelzimmer in Südfrankreich Klaus Mann
    nackt im Schrank.)

    H
    ich soll nur noch stücke wie götz von berlichingen spielen,wie soll das gehen…hier strich strich strich…das auch raus…bleibt nur noch
    Das Glück fängt mir an wetterwendisch zu werden.
    Wen Gott niederschlägt, der richtet sich selbst nicht auf.
    Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.
    Ein braver Reiter und ein rechter Regen kommen überall durch.
    Wo viel Licht, ist starker Schatten.
    Alles ein einziger Wetterbericht

    S
    die gestapo ist da,herr intendant

    H
    verstecken sie sich

    S
    die stehn vor ihrem intendanzzimmer herr höfgen

    H
    unter den schreibtisch

    S
    ja…der ist zu gross,man wird mich sehen

    H
    dann in den schrank

    S
    in den schrank

    H
    ja

    S
    ich passe da nicht hinein

    H
    ich drück sie rein

    S
    aua

    H
    schreien sie doch nicht,die gestapo hört sie
    also erst mit der schulter,dann die hand

    S
    es klopft …danke herr höffgen

    H
    was machen sie hinter dem vorhang
    zurück in den schrank

    S
    das ist doch kein feydeau herr höffgen
    im schrank suchen die zuerst

    H
    ich weiß,das sie nur charakterrollen spielen wollten
    das geht jetzt leider nicht. also zügig und auf anschluss
    kleine pausen für die lachen…einfach die schlüpfer runterlassen
    (Kurze Pause)

    S
    sie sagten den schlüpfer runter
    es ist diese angst die


    H
    das,das…das ist so im vaudville,das sagt man so
    schlüpfer runter tür auf tür zu vaudville eben

    AUFTRITT GOEBBELS.

    G
    ach unser geliebter herr intendant
    sagen sie ist da jemand im schrank

    H
    nein lieber dr.goebbels

    G
    ich wollte mit ihnen über die kommende spielzeit sprechen
    der götz …warum stehen sie so komisch vor dem schrank

    H
    ach einfach nur so,ich mache entspannungsübungen am schrank
    der druck,die berliner kritiker,unser etat
    lauter verspannungen

    DARKWAVE
    Ricki legt auf, Dark Wave und Klaus tanzt dazu. An einer französischen Küste.
    Parallel Aufnahmestudio der Ufa ,Außenstelle Dachau.

    KLAUS (tanzt)
    peter
    mathias
    ullrich
    matze
    per
    mops
    viktor
    manuel
    claude
    pam
    heini
    lars
    vadim
    serge
    albert
    mia
    rudi
    ulf
    paul
    rudolf



    RICKI HALLMARK
    (legt auf und tanzt)
    yoyo
    stefan
    rainer
    dani
    kastriert
    bernd hat sich in marseille im hotelzimmer
    aufgehöngt als die deutschen panzer kamen. pierre spritzte sich eine woche vor dem d day eine überdosis,so wie
    michel
    gernot
    xavier
    fred
    ernst
    werner
    jaim.
    morphium heroin
    charles wurde als eine von 100 geiseln vom sd erschossen.
    ingo starb an einer überdosis 1932
    ekel-stand auf einem abschiedszettel.
    ulli schoss sich im august 33 in das herz
    kann dir welt nicht ansehen wie unansehnlich sie geworden ist,der fahrradschlüssel ist bei frau behrendt hinterlegt.
    peter
    mathias
    ullrich
    matze
    per
    viktor
    manuel bekam wegen seine kranken neigung eine todesspritze in bremen
    galt als schwer nervenkrank
    claude
    heini
    lars
    vadim
    serge
    albert
    rudi
    ulf
    paul
    rudolf
    wurden in buchenwald
    neuengamme dachau
    ausschwitz birkenau
    stutthof sachsenhausen
    bergen belsen
    ermordet
    vergast
    rosa dreick
    verbrechen
    homosexuell

    GG
    Vater und Sohn

    RICKI
    Ich bin sein Geliebter

    GG
    Vater und Sohn
    Tommy und Klaus
    leben nun im Exil
    von Tantiemen oder flüchtigen Küssen Unbekannter bei Henry Ford bezetwe hinterm Teich im Land der Sklaven und Idioten: Hang the N* Pieep and Run bei uns sinds die Juden. Die Mans,Manns …Gestern noch gestärkter Kragen heute blumiges Hemd an Kaliforniens Küste und in der Schublade verschlossen die Texte
    die man schnell umschreibt auf comedy screw ball NATÜRLICH der schöne junge Mann auf Papier, gerne auch minderjöhrig wird ne Schublafen/Novelle,denkt der Herr Papa nobel und blumig. Nur der väterliche Pelikanfüller berührt dessen junges Glied,der Sohn daneben zählt sie nicht mehr,schießt sich an in Bars auf gelben
    Matratzen. Ich leihe meine Stimme dem ersten grossdeutschen Zeichentrickfilm
    Dr. Goebbels meint wir sind in fünf Jahren besser als die Amerikaner
    Walt Disney.

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    12. Mai 2023

  • JULI/U JULU Szenen eines Krieges



    4.40 früh
    am morgen
    drei miltärpolizisten stehen in meinem zimmer.ich liege im bett und starre auf ihre uniformen, ich träume. einer schlägt mir mit der faust in gesicht steh auf du schwuchtel,zieh dich an,kein traum
    das vaterland braucht dich,
    arschloch.
    sie lachen,
    ich spucke blut auf mein kopfkissen.
    mein zimmer riecht nach staub,der sommer riecht nach staub in meinem
    zimmer. in diesem zimmer lebte einst meine tante, wie ich betrachtete sie träge die staubsterne, wegen meiner tante hängen überall diese bildchen mit kleinen jungs oder mädchen mit riesigen augen und wimpern und clownsschuhen. diese grossäugigen geschöpfe hingen in vielen belgrader mädchenzimmern der 70iger jahre. nun starren sie auf mich,
    auf mein blutiges bett und mein zittern, grossäugig. glotzen. sie sahennichts vom krieg, gedruckt 1977 lebten sie ewig an ihrer friedenswand und sahen meiner tante beim schlafen zu.glotzen. grossäugig.
    4.45 früh
    meine oma weint.
    du musst unsere heimat gegen die faschisten verteidigen, sagt sie, damit wir nicht umsonst gekämpft habengestorben ermordet worden sind.
    sie hat die drei militörpolizisten in unsere wohnung geholt.
    sie haben beim nachbar geklingelt,der hat einen sohn in meinem
    alter,der sich auch seit wochen versteckt.
    der nachbar hat die militärpolizisten nicht in die wohnung gelassen,
    dafür tat es meine oma.
    ja.
    mein enkel ist da.
    er schläft.
    4.47 früh
    ich stehe mit den drei militärpolizisten im fahrstuhl. wir fahren vom 10ten stock nach unten.
    mein blut spritzt auf die angekokelten knöpfe
    von etage vier und fünf. zwei schlagen mich, der dritte
    geht eine liste mit namen durch.

    DER FAHRSTUHL blieb immer zwischen dritter und vierter etage stecken,
    man musste leicht aufspringen und er nahm seine brummende fahrt wieder auf,links oberhalb des gespaltenen spiegels,konnte man verfolgen wen milan gerade liebt, jelena , mica , jagoda, sofija waren durchgestrichen, frisch ungestrichen stand sein name nun neben dem von vladica vom 10 stock unseres hauses . vladica hinkte leicht nach einem motorradunfall, sah einen nie an und sprach auch nicht wenn man mit ihr im fahrstuhl fuhr,dass einzige was ich von ihr hörte war einmal ein furz, ich glaube dass war eine unfallfolge. in dem fahrstuhl wurde boris vom fünften von seiner oma gefüttert, da er anders nicht essen wollte,sie fuhren 10 minuten hoch und runter, boris saß auf einem stühlchen und oma schob ihm den löffel mit karottenrisotto in den schmalen kleinen mund. boris wurde später militärpolizist, eines nachts brach er die tür, fünfter mitte, mit einigen kumpanen, auch militärpolizisten, auf und schmiss alle möbel der oma durchs fenster auf die strasse.
    das krachen und knacken der stühle,
    der tische und schränke
    dauerte stunden.

    4.47
    Nach vier Schlägen hörte ich auf zu zählen,ich spukte mein Blut auf den Spiegel und tröstete mich mit dem Gedanken, dass Oma , wenn sie in den Spiegel sah, meinen roten Rotz auf ihrem Wangen trug. Der Fahrstul brummt.Milan liebt Ana und dem Roten Stern Belgrad wird Analverkehr von Partizan angeboten.
    4.51 früh
    ich sitze in einem mit schwarzer folie abgeklebten reisebus des
    belgrader busunternehmens DIE MÖWE.
    ich bin nicht der einzige,ein dutzend junger männer in
    pyjameas iggy pop tshirt oder lacoste polo oder nur in schlüpfern
    sitzen
    traurige inseln auf braunen sesseln,
    mit geschwollenen gesichtern,dicken lippen und abgeknickten
    nasen,ich setze mich auf den sitz
    22 gerade zahl
    wegen dem
    glück
    das radio spielt. mein lieblingslied in diesem kriegssommer.
    sommerkrieg. dass denke ich jeden sommer, mein sommerkrieg
    oder ein anderer sommerkrieg. liegt an den strassen für die panzer und dass die angst kleiner ist, wenn die sonne hoch steht, das grün silbrig glänzt, kein tod denkbar im blühenden garten, in dem ich ein loch aushebe, für mich, ich grabe ein einzelschützenloch und ich baue meine burg aus sand, unbezwingbar auf dem spielplatz am senefelder platz.
    das radio spielt mein lieblinglied im abgeklebten bus, ich sitze in meiner blinden möwe und mit jedem halt wird der bus voller mit müden kleinen jungs, halbnackt oder im pyjama, die militärpolizisten gehen durch den gang und spielen gerade, ungerade. die mit dem geraden zahlen, schlägt man mit gummiknüppel die ungeraden mit knochigem handrücken.
    teške se kise spremaju
    nad gradom munje sijevaju
    uzalud pitaš ko ide
    budaline u planine
    pustahije kroz kapije
    pogasi sve
    tek je počelo

    4.40 früh.
    am morgen. andere zeit anderer krieg
    ich liege stumm schiessen panzer, am himmel ein pfeil, stinger jagt adler
    würge speichel auf den boden, die alte angst neu auf das deckblatt vom zauberberg, der fernseher läuft und dann wird alles vorbei sein.
    und die toten bleiben tot.
    und die lebenden müssen leben.
    mit den tötenden,leben
    meist ärmer als zuvor.
    kinder unter fremden sternen geboren.
    servieren flink oder liefern unter tarif.
    die verdächtigen ließ man laufen.
    oder sie kauften sich frei.
    oder man kauft wieder ihr blutöl.
    das teure gas.was schert konjunktur moral.
    moralisch degustieren,prozesse kommentieren, bellen auf seite fünf.
    neuer asphalt mit fördergeldern, das massengrab zwanzig meter daneben.
    man vergisst schnell, wo man nicht erlebt.
    man vergisst nie, wo man überlebt.
    hat. die einen werden haben wie zuvor,
    die anderen hatten dann nur noch.
    weniger in allem.
    haben (wenig)
    und
    sein (weniger)

    4.04.
    ein himmel wie von bleistift gezeichnet
    eine vogel schwarz die brut darunter
    bombenlast ich hocke unter dieser
    wolke und reisse den mund auf
    der tod füttert mich kaltes kind
    schlucke die last fasse nach
    ihr noch warm
    und der frühe morgen
    spielt mizar
    dozdot

    6.00 Uhr
    Lautlos.Lautloses Weinen in den Kasernennächten.Morgen wird gestorben singen die Reservisten.Ich mache beides,lautlos weinen und übers Sterben singen.Mein erster Tag an der Front, der Himmel schwarz.Ich heule in meinem Spähpanzer, später drei Schnitte ins Knie,die Hand.Mein Blut tropft auf gepanzerte Haut,ich pisse mir in die olivgrüne Hose.Später Schnäpfchenjagd Aldi Nord. Nächte im Krankenhaus, der angeschnallte australische Surfer im Bett gegenüber, wir schlürfen Süppchen, wollen nicht kauen,nicht die Zähne spüren,ihr beißen und klappern.Rückenmarksflüssigkeit entnehmen,sagt die müde Schwester,hofft auf neurologisches,ich weiss, dass ich noch im Panzer sitze,die Zähne klappern,dass Beißen auf den Lederriemen,schabe mich ab,Angsthase. Bin zurück im Frieden unter dem Fenster der Fluss,auch so dunkel wie der,an dem ich lag in meinem kalten Loch.Mein Panzerkrieg mit Spreeblick, die alten Augen der Schwester. Billig Bücher kaufen, Erinnerung lesend ersticken eine weite Küste das weiße Bett
    Wir schreienDONT YOU FORGET ABOUT ME DONT DONT YOU FORGET ABOUT ME im Panzerwagen, vor uns der Fluss,dahinter die Stadt.

    14.00
    altmark. ein park, der kies zu laut
    die arme zu kurz atmen wie ersticken
    die augen gross dunkel freudevoll leuchtend
    der speichel fließt ausaufgerissenem mund
    die worte gurgelnd der see spricht aus
    aufgerissenem mund unter aufgerissenen augen
    er schreit mich an und stösst
    und fällt auf den teppich eigentlich pvc,ochsenblut
    er freut sich immer auf dich sagt die schwester und sie schliessen uns ein
    die feinde wie brüder meine aufgerissenen augen
    mein krieg auf seinem papier in der klinik in der altmark
    weit die welt
    ich trage eine schachtel pralinen
    für die die nicht freundlich sind
    dass sie freundlich sind
    die schwestern die kalten
    genossinnen nun dienstleisterinnen
    zu meinem schreienden freund
    dessen name die zeit der krieg
    der krebs gefressen hat
    namenlos der staub noch lebt
    er liebt dich dein bosnischer freund
    ich verstehe ihn nicht! nicht den see das herausgerissene
    sprudelnde stossende wort laut ersticken gurgeln
    er wird sterben sagt die müde Schwester
    was ist das
    sterben
    er hört auf
    zu sehen zu schreien
    dich zu lieben wenn du jeden donnerstag
    mit seinen filzstiften
    den krieg malst auf sein weißes Blatt malst
    und er dazu schreit und lacht
    sein speichel auf deine blauen
    roten panzer fliesst, eure filzstiftdiagnose für
    den chefarzt übermalt seine kalten worte
    mit blau und rot eine landschaft verschwimmt
    der krieg die augen seine
    aufgerissen
    seine aufgerissenen augen
    der mund der see
    ich vergesse ihn nicht
    meinen ersten stummem
    toten freund
    namenlos
    nun

    4.22.
    gegen vier ihr träume ich von
    küssen.schlafen träumen


    4.45
    krieg mein alter schatten
    bist wieder da, stehst nachts in meiner tür
    vor meinem bett, sagst guten abend
    bin wieder da, dein alter bekannter
    ich grüss ihn zurück
    wechsel die bettwäsche

    Ich liege in einem Schlammloch.
    Irgendein Dorf.
    Ohne Namen.
    Leuchtspur.
    Vom irgendeinen anderen Dorf abgefeuert.
    Ich liege im Schlamm.
    Das Loch füllt sich mit mir.
    Warm.
    Juli Neunzehnhundertdreiundneunzig
    Leuchtspur
    Dreißig Jahre später:
    Fieber/schwere Atmung
    Schwäche/nur im Bett
    nicht essen/Kopf nicht klar
    sehe nichts/kaum Sauerstoff/Blut
    zu Hause/kostbares Bett
    Einzelzimmer/und Bad
    im schweren luftlosen Schlaf versinke ich/nur noch Töne doch nicht verletzt/weine nicht/keine Angst buchstäblich/schäme mich nicht/entschuldige mich/ bei sonja sie heult weil sie nicht spielt durch Tränen/jeden Tag/schrecklich/leid
    irgendwohin/ in die Welt hinaus/das Fleisch ist gegessen
    fresse nur noch nachhaltig wünsche mir mein alter krieg
    wär gleichso nachhaltiger
    Alle/sprechen/reden/sprechen
    reden/denken/laut/leise abwechselnd chorisch oder auch nicht Schreien im Traum
    Meine TEXTE versanden am Elbufer
    Aldi und Lidl mein Karl oder Marx

    Schwarz einst Blau lag das Meer da
    hinter meiner Ostküste die warme adriatisch ohne Menschen darauf und darin Schwarz einst Blau lag das Meer da, ich sehe die schwarzen Kopftücher der alten Frauen
    vom Fischerdorf gegenüber unserer feriensiedlung kurz vor ihrem Sterben in den weißen Vivantes Kliniken nun auch an ihrer Küste deutsch sterben privatisiert eingehen am Bau und im Blau, ihr stilles kremieren mit Aussicht Dinara Gebirge verspricht die Werbebroschüre zweisprachig dort an der Küste zwischen Šibenik und Split Siebenundzwanzig alte Frauen tragen Schwarz Ich sehe von meinem Hochsitz alles amerikanisch der Lift ist leise schnell von unten nach oben.Wir haben sie überhört die Signale laut genug 1993 2020 nun schlaflos verscharrt hinter der Klinik liegen die alten Frauen unsere Mütter Grossmütter mit Aussicht Dinara Gebirge verspricht die Werbebroschüre zweisprachig gedruckt in Lippstadt lateinisch klingt teurer besser
    feinste Asche dank bester Qualität
    seit hundert Jahren
    garantiert Maschinenbau aus Deutschland
    AN DER ADRIAKÜSTE stirbt Oma oder Mutter in der weißen Klinik Vivantes oder Quod oder ergo und sum exitus
    Siebenundzwanzig Söhne kehrten nicht zurück aus dem letzten Krieg.
    ich kehrte zurück und glotze von oben nach hinten
    Siebenundzwanzig schwarze Kopftücher wurden jeden Sonntag vor dem
    Kirchgang gebügelt und rochen nach Dorade dem Sonntagsmahl der Fischer am Meer das nun still und ohne Menschen darauf und darin blau und tot und fieberfrei daliegt ohne mucks das Jahr 2020
    Siebenundzwanzig Söhne der Mütterdes Fischerdorfes verfaulten in der fernen Sutjeska oder ihren karstigen heißen Ufern links von ihr denn rechts stand der Deutsche damals der Fotos machte das tat er gern im
    Krieg
    der Deutsche Fotos von Städten
    Dörfern Wälder Gruben Löchern Lichtungen meist Kinder Frauen Alte
    Fotos zum Erinnern an Shitomir Kielce Prijedor DREIUNDVIERZIG NEUNZIG ZWANZIG
    Enkel scheissen auf die Gräber oder kratzen mit Messern das Rot aus dem nun weissen Stein. Meinen Kopf zerschmettert wohl das Fieber das erinnern ich esse nicht schlafe nicht hundert Jahre in meinem Kopf 39,9 oder Discosummer 92. Das Glas bricht,tausend Stücke,tausend Inseln und mein dunkles Blut schießt aus dem klaffenden Denkloch, war der Klebstoff für nen Kontinent in der Hundepisse schwarz lag das Meer da hinter dem Fenster im Sommer 95
    Direkt an der Magistrale,benannt nach dem Meer stand ein Restaurant, namenlos, Wind und Salz haben es wohl namenlos gemacht.
    Nie saß jemand darin, nur Zikaden ab und an, wenn sie von den umliegenden steinigen und trockenen Feldern auf die heißen leeren Tische sprangen. Sie lebten auf den harten weißen Steinen, eingelassen in die aufgerissene rote Erde, man sah dort ihre tiefsten Wunden, schwarze Schnitte im staubigen Rot. Auf den Schnitten standen
    hundert und mehrjährige Olivenbäume, müde des Wachsens und Gebärens in den Hunderten von Jahren, getränkt von salzigem Meertau auf ihrer knöchernen Haut, vom so nahen blauen Meer, das man dort nicht sehen konnte, ein Hügel versperrte ihnen die Sicht, ein Bunker stand darauf, ein italienischer, ich lass VINCERE in den Sommern,als ich dort ausstieg all die Jahre
    wegen dem Früher und dem Blau, der Versprechung.
    Der alte Krieg grüßte mich, wenn ich aus dem Bus stieg, direkt mir gegenüber das menschenleere Restaurant und klagende Zykaden. Ein gelber Turm lehnte sich an das leere Restaurant, gebaut aus 20 Kisten Pepsi Cola, die nie jemand trank, oder den ich nie sah. Ich dachte immer der Wirt, der letzte Mensch zwischen Bunker und Steinwiese trinkt sie seit zwanzig Jahren, jedes Jahr eine Kiste und lauscht den Zykaden und zählt die Menschen, die hätten kommen können jedoch nie kamen oder nur kurz.Sie fuhren vorbei.Die Menschen. Manche hielten, stiegen aus, Kim Wilde oder Ian Curtis sangen in ihren bunten Wägen BULLI blieben kurz stehen vor dem leeren Restaurant mit dem gelben Turm, um
    sofort wieder einzusteigen und wegzufahren, sie wollten nicht auf den Schnitten sitzen, der traurigen roten Stauberde, mit krummen alten traurigen Olivenbäumen dahinter, dahinter das Meer,das Salz
    dahinter dahinter In einem Sommer jedoch war das leere Restaurant voll, jeder war Tisch besetzt. Junge Männer in staubigen Tarnuniformen saßen auf den geschmolzenen schiefen weißen Plastikstühlem, neben dem gelben Turm stand nun ein grüner, ihre Gewehre lehnten an den Tischen, schief und krumm wie die Olivenbäume die Hundert und Mehrjährigen.
    Ein Bus hielt und ich stieg aus.
    Reicher um drei Messerwunden.
    Reicher um Schüsse in langen Nächten, die seit zwei Jahren jeden schweren Traum begleitet hatten,reicher um ein klaffendes Loch im blutigen Maul, das mir der Kolben einer Kalaschnikow schenkte im Schlamm, irgendwo in einem namenlosen Dort. Wo ich meinen Namen eingrub, mich eingrub,im Sommer im Juli in die schwere,fruchtbare Erde
    eingrub.Hinter dem Bushalteschild,auf knochiger roter Erde hockt ein alter Klotz.Rotgepinselt von der Sonne verbrannt VINCERE
    das Wort starrt mich an aus altem Beton an, der alte Krieg.Bunker
    Ich bin zu Hause, dort am Meer, wo ich Jahrzehnt lang ausstieg,fast ein halbes Leben lang und mich jedes Jahr jeden Sommer verliebte
    Die jungen Soldaten sehen dich müde an und riechen dein Blut
    das von der anderen Seite kannten meinen Geruch
    sahen mich nie zu weit entfernt die beiden Dörfer
    auf schwerer schwarzer Erde dort oben
    weit weg von den trauernden Olivenbäumen ,den schwarzen Schnitten und staubigen Rot und ich setze mich zu ihnen, bestellte ein Bier
    der grüne Turm soll wachsen, den gelben überragen, ihn besiegen.
    VINCERE.
    Das ewig schöne Gestern.
    Ich sehe mir die Gewehre an, kenne ihre Namen, hörte ihre Lieder in der Nacht als ich aufstand, um nie wieder zu hören und zu singen, als ich meine, die grosse, die schönste Liebe im Schlamm zweier Dörfer vergrub.
    Ich bestelle laut, nun erkennen die müden jungen Männer nicht nur den Geruch, den von der anderen Seite, auch den Laut.
    Ich könnte dich umbringen, rot zu rot, In die staubige Erde graben sagt einer, die meisten schweigen.
    Mein Mund ein Loch schweigt und nickt.
    Bin nur gekommen,um mich hinzulegen
    in die Schnitte ins Schwarz
    im Schatten meiner Liebe
    die reiche fette Erde reicht mir nicht, dort im Norden.
    Bin hungrig und will mich hineinlegen in den roten Staub und zu den Steinen unter die krummen Olivenbäume,
    wie ich neben Ewigschön lag und auf und mit ihr,
    zu Hause
    zu Hause
    mach doch
    ich bin zu Hause
    1993,Juli.Vormittag.

    Am Meer
    langsam fährt das boot vorbei,ich kann es in meiner fleischigen hand halten,ich wölbe sie leicht,schütze das boot vor den kleinen,unruhigen wellen, die in fünfzig jahren aus einem braunweissen fischerboot einen schwimmenden weissen stein machten,ein steinernes papierschiff, dass sich tag für tag an ebenso weissgrauen felsen und hellgrün strahlenden macciabüschen vorbei, richtung offene see schiebt
    der schiffsdiesel vermischt sich in meiner nase mit dem oleanderduft, ich liege unter
    der blüte, die blätter schneiden sich in meinem hals, bohren ihre spitzen in das helle,
    dünne, direkt am kehlkopf, ich schließe die augenlieder, goldorangen eingeschossen
    leuchtet mein brennender himmel.
    oleander und diesel.
    so riecht der julitag
    das langsame krächzen des alten motors entfernt sich, ein hall nur noch, meine stimme vor dem letzten kuss, so schiebt sich das weisse papierschiff in das blau, ich lasse es los,schiebe es zart mit dem zeigefinger auf die offene see, zu den stummen schlafenden fischen, die sich in ihren träumen in das löchrige netz des schiffes verirren und träumend sterben werden,
    denn das schiff wird erst in der tiefen nacht sein ziel erreichen, das helle blau vor der
    insel jabuka, den ort, wo die zahnbrassen und drachenfische schlafen und träumen.
    oleander,süßer duft
    direkt liege ich unter ihm
    ich drücke meinen kehlkopf
    langsam der scharfen spitze
    entgegen, ein leichter stich blassrosa,
    blassrosa sind auch seine blüten,
    ich habe sie tief in mein herz und den kehlkopf geschlossen, die blüten und die harten blätter. ein zarter ewiger stich nur, es ist mitte juli. ich liege an meinem warmen meer,werde langsam und bin.
    in meinem haus leben nun junge soldaten
    tarnuniformen trocknen auf meiner terasse
    ich liege davor
    unter meinem oleander

    1995,Juli.Nachmittag.
    ich bin 50
    ich bin
    ich arbeite
    lebe
    Ich stehe vor meinen Haus, dass nicht mehr meines ist.
    Der weiße Stein ist braun, der Regen hat die Fugen ausgewaschen, eine rotbraune Rinnsal fliesst träge zurück in die aufgerissene Erde, in die schwarzen Schnitte, gleich neben der Zypresse, die ich giessen musste, einmal am Tag um mich danach in das helle Blau zu werfen.
    Ich schwimme schon seit einer Stunde vor dem Haus, kann es nur so ansehen und ertragen und kaum atmen, wenn das helle Blau mich hält oben hält. Aus der Ferne sehen die erdigen Rinnsäle nicht mehr wie schwere Flüsse aus, eher wie feine Adern, die rotbraunen Rinnsäle die den Stein färben. Ich zähle sie, betrachte wie sie sich verweben und verschlingen, wie füreinander bestimmt, spinnen sie ein
    Netz auf den weißen Stein, der Regen treibt die Erde aus den Fugen, schmale Tränen benetzen den weissen Stein.
    Weiter traut sich mein Blick nicht.
    Meine Horizontlinie ist das schwarzweiße Geländer, an dem ich mich festhielt mit meinen kleinen dicken Beinen, die Welt noch zu groß für die kleinen Füßchen. Mein erstes Stehen sah das Meer vor sich Mein Fallen fand woanders statt. Eine Ewigkeit betrachte ich die rotbraunen Tränen, die unter dem Geländer fliessen, die eigenen Tränen fresse ich in mich hinein, bin ein verfickter weisser Stein, wie er, hart und ohne Leben.
    Ein kleiner Stein blieb irgendwo liegen gleich neben dem Kinderspielplatz
    oder im slawonischeb Schlamm tauchte hinein ins Braun ins Schwarz oben im
    Norden und er hoffte
    niemand
    würde ihn jemals finden
    oder aufheben
    lasst mich hier liegen
    ihr letzter Brief in der Brusttasche
    eingeschweisst, weiss auf armeeolivgrün
    eingeschweisst in Plastik doppelt gewickelt
    dass ihre Worte
    nicht verschwinden
    der letzte Rest
    zuckendes Friedensherz
    Mein Papiergrabstein liegt auf mir
    in Zellophan doppelt gewickelt in einem unbekannten slawonischeb Dorf, im schlammigen panonischen Urmeer und zärtlich flüstert es mir zu
    wenigstens liegst duin einem Meer, wenn auch einem toten
    Ich stehe vor der Terasse meines Hauses, nicht mehr meins
    sehe die rotbraune Adern, sehn jetzt schöner besser aus, als meine verstopften und schorfigen getrocknetes Blut auf meiner Haut alt die Löcher. Es trocknen drei Tarnosen, vier Tarnhemden, vier Unterhemden, zwei paar schwarze Socken, drei Schlüpfer, einer davon rotbraun, getrocknetes Blut oder Scheisse, auf dem Geländer, der Unterschied ist nicht groß, ich kenne mich damit gut aus,mit dem Rot und dem Braun, auswendig gelernt in einem schwarzen Loch, in den Nöchten, neben mir der Kinderspielplatz.Lief man über ihn, schien es als würde man über Glasmurmeln laufen, zarte Klänge, eine leise Schlafmusik für die schreiende Angst, die Scheisse in der Hose, unter mir klingelten die leeren Hülsen, dreissig oder vierzig, nicht meine denn
    ich schoss nur einmal am
    Tag und zu hoch
    und daneben
    bis der Offizier es
    sah, mir mit seiner AK zwei Vorderzähne
    herausbrach und schrie
    Steh auf du Votze
    du bleibts jetzt hier stehen
    als Wache für den eigenen Tod
    Ich stand vier Stunden.
    Ich kenne die jungen Soldaten da oben, auf meiner Terasse erkenne mich, ich brülle oder er. Einer der jungen Soldaten mit Pistole in der Hand brüllt mich an, ich habe nicht gemerkt dass ich direkt vor dem Haus stehe, wie lange weiß ich nicht, dass weiß nur der junge Soldat mit fettigem
    halblangen Haar, der brüllt
    Was stehst du da rum du Votze
    die Pistole in der Hand.
    Ich gehe
    nicht ohne vorher einen
    kleinen weissen Stein
    zu schlucken der in
    meinem Garten lag
    der nicht mehr meiner war
    und Tarnhosen und Hemden
    Socken und Schlüpfer
    trockneten unter der toten
    Sonne,ich trag nun
    einen kleinen Stein
    in der Brust
    manchmal ist er warm
    meist im Juli
    dort wo ich leben muss
    aber will
    Der OFFIZIER jahre später
    Frühpensioniert vermietet das Haus an Polen Tschechen
    die legen sich in die Sonne ihre Tätowierungen bleichen aus unter meiner Sonne,sie ficken ihre Frauen in fremden Betten derer die einst hier lagen schlafen nun unter dem Stein ihre
    dünnen frauen verhungern
    für ihre muskelmänner
    latein in brust und ellenbogen geschnitten blaues ja der unterwerfung hingeschmiert auf das knöcherne fleisch braungebrannt das kleine herz sehnsucht der kriegskinder
    feste währung nun die feste burg
    schmieröl auf arsch und obenrum
    gleitend ins bunte dunkel
    der muskelmann macht in stein
    oder bauspar
    trüber blick affenhaare
    sein alter schlug noch in fressen
    sang alte lieder
    war eine sau
    das neue schwein
    schlögt nur zu hause
    europäisch am liebsten italienisch
    nicht nur die möbel
    über das knochenfleisch
    fliest die alte schmiere
    rotz wasser blut
    das billig gestochene latein verschwindet
    unter dem roten vorhang

    dei usque in aeternum

    Als
    ich 1986 aus der ddr nach jugoslawien geflüchtet bin träumte ich nur von unserem
    haus am meer, der terasse mit dem rostigen schwarzweissen gitter, das die
    winterlichen stürme und ihre schäumenden wellen im laufe der jahre durchrosten
    liessen, schlag für schlag und jahr für jahr brachen sich die wellen an diesen
    terassengittern in den wintermonaten.so dicht am meer lag das haus.lange dachte ich,
    es wäre meine schuld,die sache mit dem rost,ich hatte die angewohnheit als kind
    heimlich und nachts, durch die gitterstäbe zu pinkeln, direkt auf die zypresse, die vor
    unserem haus und der adria wuchs.mein opa hat es mir einmal unheimlich und zur
    mittagszeit gesagt,vor versammelten tanten und rauchigem sardellengrill, dass die
    zypresse schneller wächst, wenn ich sie giesse das heißt - anpinkle.ich gab mir viel
    mühe und pinkelte jedes jahr jeden sommer, jede nacht auf ihre sommergrünen
    äste,von oben herab,der terasse, durch die gitterstäbe hindurch, dass sie wächst und
    wächst.mein baum am meer.
    kind wie ich.
    teenager wie ich.
    mein bruder.
    mein grossvater pflanzte die zypresse 1967 als ich geboren wurde und baute das haus am meer,für seinen enkel aus dem norden, dass er das
    meer sieht,seine zweite heimat und es warm hat, wenigstens im juli und august. während des krieges hauste dort eine gruppe paramilitärs sie hatten listen von serbischen häusern, die sie in den gefechtspausen (die front lag gleich hinter den bergen,nur wenige kilometer entfernt vom haus am meer) bewohnten.manchmal brachten sie gefangene mit und folterten sie in den garagen der sommerhäuser, wir hatten keine garage, nur einen parkplatz unter meiner zypresse.
    das erste was sie taten,als sie unser haus besetzten war die zypresse zu fällen und ihre wurzeln herauszureissen,sie störe ihren blick auf das meer,sie sähen doch nur hässliches, dahinten,an der front und in dem verbrannten dorf, erzählten sie unserem nachbarn, einem einheimischen fischer.
    in diesem dorf hinten in den bergen,von dem man dass meer nicht sah und nur roch,wurden alle alten die,nicht geflohen sind in ein haus gesperrt
    am ersten weihnachtstag, dem 25.12.1993 und irgendwo wurde eine zypresse gefällt
    und ihre wurzeln herausgerissen ,damit das meer schön zu sehen ist und nur ein
    durchgerostetes schwarzweißes terassengitter störte die schöne aussicht am zweiten
    weihnachtstag 1992.
    mein bester freund hiess
    branko oder esad aus prijedor
    unsere häuser sahen sich an
    dicht an dicht
    schauten auf meer
    wie
    brüder
    er lebt in boston
    ich in hamburg

    Juni 91

    Ich sitze im Stahl
    der Helm drückt kalt im Nacken
    durch das schwarze Loch glotzt meine
    Angstfresse BORN TO KILL über den Stern geschmiert

    auf eine nicht meine
    Bukolische Landschaft
    der Frieden der Kühe
    das Gedachtnis
    der Toten
    bei PRIJEDOR begraben
    Unter dem Kitsch der Monumente
    dem herausgerissenen Stern das schlechte Gewissen der Uberlebenden braucht den Kitsch

    auf der Autobahn zwischen Sarajevo und Split den den (Hoch)Leitungsmasten Bosniens zum erstenmal
    wieder das schöne Gefühl
    Am Leben zu sein
    über den
    vieltausend Toten
    unterm eu fördermittel
    asphalt
    rauch
    im Juli 91
    lieg ich im eignen blut
    slawonischen sommer schlamm
    lippen zerbissen im
    loch eingegraben auf einer milchkooperative
    höre sie pfeifen die
    kugeln zu stiller forst
    bei fehrbellin
    die haut wie erde
    fest stich ohne schmerz
    rieche verbrannte milch
    auf dem kinderspielplatz
    neben der kirche
    kalt der stein
    kalt die haut
    sehe einmal
    die sterne
    im juli
    mein freund branko fault im schützenloch
    erkannt am kiefer
    jahre später der rest ist erde
    verklebt mit blut
    geronnene erinnerung
    mein bahnhof unüberdachtes
    glück vor jahren
    in den nächten fahre ich
    am tage zähle ich
    die stunden
    bis zur nacht
    nummerierte knochen und
    halogensonnen an der grube
    neben der drina
    im traum zähle ich
    fernsehtürme in der puszta
    noch lacht mein
    vater ohne krebs
    in der blauen tüte
    knochensplitter und ein
    panninibild von gattuso
    laut bericht des experten
    wir öffnen die fenster
    hundert köpfe glotzen
    in die tote puszta
    das lied von tito
    von unserer heimat
    leuchtet im staub
    neben der drina
    unter der schwarzen erde
    versteckt und kalkweiss
    knochen und kiefer
    niemand lacht mehr
    im sommer
    besuche ich immer
    die meinen
    ankunft ungewiss

    Waffenruhe im Schatten des Panzerwagens
    im Kopf
    Gurken
    Käse
    Wurst
    Fisch
    Eier mit kaviar
    Brot mit adzika
    Hühnekeulen
    Praziluk
    Rote Beete mit saurer Sahne
    Paprika mit Knoblauch
    schnittlauch
    Weißbrot
    Schwarzbrot
    Der feine Regen hörte nicht auf,
    Kriegslandschaft kurz vor dem Städtchen
    das wir bald anzünden werden
    SCHEISS BENZIN
    WO IST DAS SCHEISS BENZIN
    haben’s gebraucht für die fünzig kalten
    die fliegen jetzt zur sonne zur freiheit
    BENZIN ICH BRAUCH BENZIN
    STEIN BRENNT SCHWER
    der feine Regen slawonisches Meer der Schlamm unterm Stiefel
    hinter dessen dichten Netz erahnte ich meinen Opa,einen schwarzen,kleiner und schneller werdenden Schatten,je mehr wir uns der Bergspitze näherten.Er lief den ganzen Weg vor mir her ,immer kurz vor dem Verschwinden hinter dem schwarzen Regennetz.Ich wusste schon gar nicht mehr,wie lange ich schon heulte und warum.Vielleicht weil mir die kurzen Füße wehtaten,oder weil mein Opa drohte zu verschwinden,oder weil ich den Regen für Tränen hielt und ich mich falsch erinnere. DAS BENZIN
    BRINGT BENZIN
    Wir liefen schon drei Tage,vier Stunden-eher zehn Minuten,aber davon wussten meine kurzen Beine und meine schnelle,schlechte Erinnerung nichts.Ich war Fünf und Fünfzig,liebte meinen Opa den jugoslawischen Partisanenheld und Ungerngeneral und wollte unbedingt mit ihm Schritt halten.Glücklicherweise regnete es so stark,das man weder meine Tränen noch meine vollgepissten Hosen bemerken konnte.Es wäre auch niemand zum bemerken dagewesen,die Landstraße war leer,der Regen hässlich so wie die Erinnerung an den Berg.Die Leuten mieden die Strecke auch bei besserem Wetter.
    Mein Opa hat mich nur einmal in dem "besseren"Deutschland besucht,seit unserem Spaziergang im Dauerregen wusste ich,dass sein Besuch nicht mir,sondern seinen Freunden galt.Seinen Freunden vor denen er sich verneigte in diesem Weimarer Regen,vor den nackten Grundrissen auf dem Ettersberg.Buchenwald.
    Wir standen zwei Stunden vor diesen nackten Barrackenfundamenten und heulten wie Hunde.Mit Ton,laut.Er wegen seiner Freunde,ich wegen meiner vollgepissten Hose und der Scham.Vielleicht heulte mein Opa auch vor Scham des Überlebenden,des Siegers,des Weimarbesuchers.Dieser Regen,der unendliche Weg durch den Buchenwaldregen(den es so gibt,und der so genannt wird) die leeren Fundamente und das Hundeheulen sind meine einzige Erinnerung an den Besuch meines Opas.Jahre später war ich noch einmal auf dem Ettersberg und habe dort einem Klassenkameraden im Seiteneingang des Krematoriums vom KZ Buchenwald
    die Fresse poliert.Er hörte nicht auf in der letzten Reihe während des
    Augenzeugenberichtes,laut wiehernd,Zisch-und Würgeräusche zu machen,bis ich ihn
    zur Tür heraus,eine Treppe hinunterstoßend,vor der verrosteten Ofenklappe mit
    mehreren Schlägen ins Gesicht zum Heulen brachte.Danach ging ich zu den
    Barrackenfundamenten und wünschte mir einen starken,schwarzen Regenschauer.
    Sie zündeten das erste Haus an.
    Es summte.
    Wie ein Bienstock.
    Frauen und Kinder
    Ich schaltete meinen Walkman an
    A JA KAZEM A A TO JE AMERIKA
    In einer Gefechtspause starrte ich auf das dunkle Wasser des Flusses.Ich stellte meine Augen unscharf,wie ich es mit acht Jahren in der dritten Reihe meines senffarbigen Klassenzimmers tat,um die zugeschneite Straße NARODNIH HEROJA unscharf schönzusehen,hier am Fluss tat ich es,um meine Uniform nicht erkennen zu müssen und weil seit Tagen aufgedunsene Leichen,ihre dicken Bäuche wie Walrücken auf dem Fluss glänzend,an meiner Gefechtsstellung vorrübertrieben.Die Leichen waren meist Bewohner aus der gegenüberliegenden Stadt(was ich später erfuhr),die von ihren Nachbarn nachts aus ihren Betten geklingelt wurden und ein,zwei Stunden später am Flussufer durch einen Genickschuss erschossen wurden,zuvor mussten sie entweder Pisse trinken,häufig Autobatteriesäure,mit viel Glück wurden nur ein paar Zähne rausgeschlagen,das Kinn zertrümmert,jedoch nur wenn man eine gute Nachbarschaft pflegte.Die Kugel am Flussufer in Genick war immer das Ende.Obwohl ich die Augen unscharf gestellt habe,sah ich wieder einen aufgeblähten Bauch vorüberschwimmen,ich wünschte mich in mein senffarbenes Klassenzimmer in der Gleimstrasse zurück,hier am Ufer des Flusses meiner neuen Heimat die Bäuche zählend.In Spätsommer Einundneunzig hörte ich auf meine Augen unscharf zu stellen,ich erblindete für genau ein Jahr,das erste was ich danach sah,war der Trockeneisnebel zu einem Killing Joke Songich glaube es war Love like blood es ist sonnabend und ich fahre s bahn
    in Hamburg oder Belgrad und denke dies und das
    nach vorne und hinten
    es kostet mich
    zweineunzig
    für nenn zehner
    fahr ich gleich durch ans

    Kaserne,Belgrad 1991
    Die bringen mich um.Die junge Stimme kam aus dem Metallbett in dem ich lag.Die bringen mich um.
    Er weinte.
    Sehr Leise.
    Die bringen mich um.
    Ich saß unter ihm,auf dem Metallbett.
    Was hast du denn
    Er hörte auf zu sprechen.
    Nur mit dem Weinen konnte er nicht aufhören.
    Was ist los
    Die Kaserne befand sich auf einem Berg oberhalb der Stadt die schwieg
    Kann ich dir helfen
    Er wurde still.
    Ich finde das auch alles Scheisse
    Scheisse.
    Die bringen mich um
    Er deutetet in Richtung Schnapsflaschen
    behaarte Affen in Tarn singen
    IN DER NACHT SCHNEIDEN WIR EURE KEHLEN DURCH UNSER EINSCHLAFLIED EUER BLUTEN SCHNAPPEN RÖCHELN
    MOSLEMVOTZEN SINGT UNS VOM MOND
    RRRR RRRR Sturmgepäck. Fettiges Haar. Schwarze Zähne. Fleischkonserven. Warum denn
    Ich bin Moslem
    Das werden die nicht tun
    Ich stand auf und stellte mich neben ihn
    So stand ich neben ihm,sechs Stunden wach,das Bajonett griffbereit unter seiner Decke
    ICH SCHLITZ DICH AUF FETTE SAU
    bis am nächsten Morgen ein Offizier die Rekruten aus dem Schlafsaal holte und mich
    mit den Schnapsflaschen
    Fettigen Haaren
    SCHNEID DICH AUF
    Leeren Fleischkonserven
    DIE AUGEN ZUERST
    Zähnen
    DEINEN SCHWANZ
    Sturmgepäck alleine ließ.
    ich schreie,poliere einem bärtigen die Fresse
    ich scheiss auf euer land in dem alte votzen in nerzen tanzen/während ihnen ein kommunistenarsch märchen vom himmlischen serbischen volk auftischt/ich scheiss auf euer Land das immer sein maul hält/während präsidentensöhne mit segelohren zigaretten dealen und millionen verdienen/und meine brüder in sarajevo krepieren/ich scheiss auf euer land in dem goldkettchen pimmelärsche mit dicken jeeps meine altersgenossinnen ficken/während ich mir einen selber blase in meinem verfickten neubau vor MTV hockend/ich scheiss auf euer land in dem ich nie das meer sehen werde und mir höchstens nen tripper in der donau hole/ich scheiss auf euer land das keinen krieg führt nur jede woche seine kinder auf dem zentralfriedhoff stillheimlich verscharrt/ich scheisse auf euer land in kühlwagen mit der aufschrift jugoexport seine morde entsorgt/ich scheisse auf euer land in dem seine nationalspieler die hymne nicht mitsingen weil sie nicht wissen wie ihr verficktes Land gerade heisst/ich scheiss auf euer land in dem popen panzer beweihräuchern und angeschwulte papasöhnchen beim aufgeschäumten capuccino sich vorstellen sie wärn videokunstkacker in berlin/ ich scheiss auf euer land in dem meine mutter von der küchendecke hängt/krepiert vor trauer um nen verfickten menschensozialismus/ich scheiss auf euer land mit dem roten stern oder den vier heiligen s im kreuz/ich scheiss auf euer land in dem ihr eure kinder für euren verlogenen patriotismus dem tod verkauft/ich scheiss auf euern yugo und den fića und das meer und eure schlager und grandprix und den dinar und die dinara und die schönen frauen und die lauten trompeten und den fussball und den basketball und das brot und das salz und die erde und die sonne und das meer und den himmel und die demark und den euro und die flüsse und die berge und tito und milosevic und den burek und den jogurt und das vater und das mutterland/ich scheiss/ ich scheiss drauf/ich scheiss drauf/ich scheiss


    zweiundzwanzig

    eine nachricht von esad meinem freund aus prijedor
    22 hieß das jahr da kam
    das ende
    das fieber
    frass ein jahr noch eine milchstrasse
    so hoch die zahl der kalten
    die meere waren deswegen leer
    ohne Menschen darauf oder darin
    die Mutter der Vater der Sohn
    noch erkannt am kiefer
    für den kiefer
    den billigen
    holzkiste statt kalk und plastik
    restwürde für Vater Mutter Sohn
    herausgeklaubt nach Jahren
    zwei jahre oder mehr seit das
    fieber belacht das leben frass
    herausgeklaubt nach Jahren
    Vater Mutter Kind
    aus fremder hand
    hart der griff seit jahren
    zweimeter fünfzig unter meeresspiegel
    der rest ist erde
    verklebt mit rot und braun
    geronnene erinnerung
    mein bahnhof bei PRIJEDOR unüberdachtes glück vor jahren
    in den nächten fahre ich
    am tage zähle ich
    die langen stunden
    bis zur nacht
    nummerierte knochen und
    halogensonnen an der grube
    neben der drina,der spree
    dem weltmeer ohne wärme
    im traum zähle ich
    silberne fernsehtürme in der puszta
    sechs jahre alt fahre ich
    nach Hause In den Süden zu
    den partisanen mit bazooka und micky mouse
    noch lacht mein
    vater ohne krebs
    in der blauen tüte
    knochensplitter und ein
    panninibild von gattuso
    laut bericht des experten
    wir öffnen die fenster
    ak 47 grenzer glotzen
    hundert köpfe glotzen
    zurück auf bewaffnete
    arbeitersöhne selber arbeiter
    aber bei siemens oder bosch
    das ist der Sprung von Qualität in quantität Marx und Peepshow oder geile Omas
    der Sieg ist eine historische Norwendigkeit für peeping Tom und Sims und Bosch in die tote puszta
    gesungen wird aus arbeitermündern
    von Siemens Bosch und Scheer
    das lied von tito
    von unserer heimat
    leuchtet im staub
    neben der drina der spree
    dem Weltmeer ohne wärme
    unter der schwarzen erde
    versteckt und kalkweiss
    knochen und kiefer
    niemand lacht mehr
    im sommer Zweiundzwanzig
    nach dem fieber
    besuchte ich die meine
    freunde in der siedlung
    ankunft ungewiss
    in den nächten fahre ich
    am tage zähle ich
    wenn s fast nicht mehr geht
    tanze tanze tanze im club wo sonst
    moldawierinnen für herrenmenschen
    an stangen kleben,denen gefällts
    erinnert sie an den mai in višegrad
    als sie ihre klassenkameradinnen
    aus der 11b im hotel RUZA NA DRINI
    sonne mond und sterne in brust und geschlecht schnitten,deren haut nun ihr liebesbaum vom park am fluss
    ESMA AZRA JASMINA LIEBT STEVO PETAR NIKOLA
    trägt die haut für immer ewig
    ROSEN VON DER DRINA
    ich tanze den solopogo
    in der disco in der ich 84 tanzte
    diesmal allein der rest spricht italienisch
    rufe meinen schönen toten zu:
    springt
    allein solange
    die kraft reicht
    für drei
    ausgewählte lieder
    beim letzten sprung
    träumtdavon
    mit dem kopf
    die discokugel
    die falsche sonne
    ja!
    sie splittert über uns
    tausendsplitter um
    zu zerschmettern
    unseren Kranken leib
    im leeren saal
    und dann spielten sie
    šal od svile von haustor
    die betten schon seit wochen
    jahren kalt
    leer,kalt das gestärkte laken
    was drauf lag nun wurmfrass
    unter die lehmerde gebaggert
    an der drina einst weltmeer dank nobel
    im Jahr einundwanzig nach
    dem fieber
    Traum.
    Ich fliege nach Bosnien
    Ich muss nach Sarajevo. Ein riesiges rostiges Schiff liegt mitten in Sarajevo -ein gestrandeter Hochseedampfer in der schmalen Miljacka färbt mit rostfarbene Wasser die Stadt ein. Ich muss ein Buch für ein Projekt in der Stadt suchen. Leute rennen weg, wenn sie mich sehen. Ich betrete die Cevapcinica und frage nach meinem Cousin, der während des Krieges getötet wurde, mitten in Sarajevo und ich kann ihn nicht finden, den Mörder meines feinfühligen friedfertigen Cousins aber ich lecke trotzdem lustvoll das beste Karamelleis (so wurde es in den 90ern im Schaufenster angepriesen, als ich das letzte Mal in Sarajevo war) und dann töte ich den Konditor...den freundlichen,weltmeisterlichen Eismacher.
    Ich gehe die Marschall Tito Strasse entlang, ich zähle fünf Kugeln, ich habe noch fünf.
    Ein Mädchen kommt auf mich zu und küsst mich.Ich erkenne sie und töte in selben Moment einen Mann neben ihr,
    Ich glaube, er hat meinen friedfertigen Cousin gerötet, zur Happy Hour an einem Freitag im April 1994. Ich renne zu dem rostigen Schiff, es liegt im Herzen von Sarajevo gegenüber vom Opernhaus
    aus dem seit seiner Eröffnung 1869 nie wieder Musik erklang.
    Plötzlich bin ich am Meer, der Adria.
    Mein Schiff liegt nun inmitten vieler Schiffe
    Sie sind alle Wracks,unter ihnen färbt sich
    rotbraun das Meereassee,der Schlamm. Inschriften auf Schiffen.
    Koreanisch.
    Ich frage mich.
    Warum:
    Ich habe nur zwei Kugeln.
    Ich weiß nicht, wo und wann ich getötet habe.
    Ich bin froh, dass das Meer wieder blau wird, nur die Schiffe ändern sich nicht, sie faulen in stiller See.
    Ich schaue zum ersten Mal in den Himmel und ich weiß genau an diesem Nachmittag
    im Juli in R. 1987 dass es einen Krieg geben wird Ich zähle die Kugeln.
    Ich habe keine Kugeln mehr
    weiß nicht wen ich getötet habe
    wann und warum. Verrückt vor Unwissenheit.Ich glaube mich selbst, aber es gibt kein Blut
    Der Kopf hat kein Loch, alles ist da.
    Töte mich selbst, nichts bemerkt.
    unter der Nachmittagssonne
    Die Schiffe liegen still ...rostbrauner Schlamm du hast nach mir gefragt, hast dich gesetzt
    auf den weissschwarzen Zaun.
    Wann
    kommt Mischa
    Ich wache auf.
    Der dritte Traum ...
    ein Ozean ohne Himmel
    in den Eingeweiden des Schiffes
    jemand weint im Panzer
    rotbraun das Meerblau,Schlamm. Inschriften auf Häusern
    Ich frage
    Warum:
    Nur zwei Kugeln.
    Ich weiß nicht, wo und wann ich getötet sagt Esad
    Sei froh, dass das Meer wieder blau wird, nur die Schiffe ändern sich nicht,
    sie faulen in stiller See.
    Sagt er mir. Flugzeuge.
    Ich schaue zum ersten Mal nach zwei Wochen in den Himmel und ich weiß genau an diesem Nachmittag im Juli 1991 dass es einen Krieg geben wird
    Ich zähle die Kugeln.
    Ich habe keine Kugeln mehr
    weiß nicht, wen ich getötet habe,
    Ich glaube mich selbst.
    Töte mich selbst, nichts bemerkt.
    unter der Nachmittagssonne,nur Traum nur Traum Die Schiffe liegen still ...rostbrauner Schlamm Esad
    du hast immer nach mir gefragt,in unseren sommern hast dich hingesetzt
    auf den weissschwarzen Zaun.
    in unseren Sommern
    Wann
    kommt
    S
    fragst du zart meine oma
    mein bester Freund
    halb deutsch halb unser,halb meiner
    Ich wache auf
    ohne Himmel
    in den Eingeweiden
    des Schiffes,
    jemand weint.

    Militärgefängnis Sarajevo 1987
    Der OFFIZIER schlägt mir ins Gesicht
    wie ein faules holz
    treibst du vor dich hin
    die sonne über dir wärmt
    nicht mehr
    zu tief
    die löcher darin
    vollgesogen
    stehend
    das wasser
    fault alt
    mit den jahren in die seitenlage
    geraten treibst vor dich hin
    bis eine zarte hand dich greift
    innen zu
    aussen
    wendet
    dich wärmt
    ihre hand nun sonne
    in meiner fresse
    schlägt mir mit dem hammer
    made in bugojno jugoslavija
    die zähne aus dem mund
    ich bin nun faules holz
    das treibt nur so
    vor sich hin
    unter kalter sonne
    ich wache auf im militärgefägnis
    pale bei sarajevo
    budi mi sjećanja
    izadji iz mene
    das licht geht nie aus
    weiss die neonsonne
    unter ihr liege ich faules holz
    treibe vor mich hin
    zwei rippen gebrochen
    die hoden faustgross
    die antworten falsch
    die schläge gekonnt
    die sonne über mir wärmt
    nicht mehr
    zu tief
    die löcher
    ich hoffe auf eine zarte hand
    die mich greift
    das innen und aussen wendet
    es wärmt die hand
    wie eine sonne
    die tür geht auf
    an diesem tag
    werden noch zwei rippen
    brechen knacken
    wie faules holz
    darin das wasser
    fault alt
    im august 1987
    sarajevo erinnerung aus kristall
    sarajevo gemacht aus schlamm
    und schnee
    izadji iz mene
    izadji iz mene
    der OFFIZIER wollte Sterne sammeln mich enttarnen als eingeschleusten Spion des militärischen Abwehrdienstes der NVA bringt ihn weg er fault schon dafür kriegen ich nur noch einen halben
    Stern. Sein grösster Spaß war mich zwischen den Verhören grün und blau GESCHLAGEN GERSPUCKT
    in die Kantine des Militärgefängnisses zu schicken das bier danach nannte er es wir tranken Bier
    redeten über Partizan Belgrad unseren
    Lieblingsverein ARMEESPORTVEREIN
    Auf einem der Biergänge konnte ich unbeobachtet von einem Münztelefon aus AUS meinen Opa in Belgrad anrufen, sein Partisanenkurier war Generalsstabschef der jugoslawischen Volksarmee
    und ich am nächsten Tag frei, der Offizier sitzt jetzt in Norwegen lebenslänglich:
    Srebrenica.

    1991 ein rotes Hochhaus
    in Belgrad
    Vier Uhr am Morgen
    Bist du
    Ja
    Zieh dich an
    Warum
    Halts Maul
    Leck mich
    Pass auf Votzenfresse
    Unterschreib
    Leck mich
    Würden Sie bitte unterschreiben
    Gerne
    Ich komme nicht mit
    Halts Maul
    Entschuldigen Sie,wir sind schon fünf Stunden unterwegs Ich verstehe das schon.Einen Kaffee,Kinder Nein danke
    Wir müssen weiter,zieh dich an
    Ich komme nicht mit
    (flüstert) Wenn du nicht willst,das wir dir vor deiner zauberhaften Grossmutter in die
    Eier treten,deine Pimmelfresse korrigieren und alle Knochen brechen ziehst du dich
    jetzt an,Votze
    Sascha bitte
    Entschuldigen Sie,wir sind schon sehr lange auf den Beinen Doch lieber einen Tee,Kinder.Kamille vielleicht
    Nein danke
    Brauchst nur Hemd und Schuhe anziehen,Pyjamahose kannst du anbehalten In spätestens einer Stunde hast du sowieso eine Uniform an.
    Genau um drei Uhr Morgens standen zwei Militärpolizisten in meinem Zimmer,einer richtete seine Taschenlampe in mein Gesicht,während der andere mit einem zerknautschten Zettel vor meinem Gesicht herumfuchtelte.Ich wusste genau was für ein Zettel das war,wegen diesem Zettel schliefen alle meine Freunde schon seit einer Woche nicht mehr zu Hause,oder ließen sich von ihren Eltern vor den nächtlichen Besuchern verleugnen.Meine Großmutter verleugnete mich nicht.Sie bat die Militärpolizisten in die Wohnung und führte sie direkt in mein Zimmer
    Ich bin so stolz, dass sie meinen Enkel, den Sascha Liesst gerne die Schwuchtel
    Hier steht Regiestudent.Filmregie?
    Nee,Theater
    Kennste Cveja,Gagi,Miki?
    Ja.Nein.Ja.
    Beeil dich, jetzt noch die Schuhe
    Hinter ihrem Rücken sah ich meine Großmutter vor Glück weinen.
    Kannst sie im Bus zuschnüren
    Ich stand mit den beiden Militärpolizisten vor einem Reisebus der Firma Lasta(Die Möwe) und Blut tropfte auf meine Pyjamahose.
    Im Fahrstuhl haben Sie mir siebenmal auf die Fresse geschlagen.
    Für jedes abgefahrene Stockwerk einmal.
    Die Reisebusfenster waren grossflächig mit schwarzer Folie verklebt.
    Die beiden Militärpolizisten stießen mich in die blinde Möwe.
    Sieben armselige Gestalten,wie ich, nur in T-Shirt und Pyjama gekleidet,
    mit aufgedunsenen Gesichtern, blutigen Nasen und schwarzblauen Augen sahen mich an.Ich stand vor dem schwarzen Monolithen,unter mir wuchs ein kleiner roter See,der Rauch der Sarajevoer Marlboro von den Militärpolizisten stieg in meine zertrümmerte Nase und ich hatte keine Lust mehr aufs Leben

    JULI 91
    Eine Panzerhalle in Belgrad darin ein Stück Fleisch
    nutzlos und nackt
    das Maschinenöl
    unter den Füssen die Pisse, schwarzes Benzin
    es riecht nach Maschinen
    hinausgefahren
    stählernes Bienenvolk
    brüderlich gebaut in Panzerhallen
    die nun Augen schneiden
    Glieder schleifen

    In der Betonhalle darin einStück Fleisch unter den Füssen die Pisse, schwarzes Benzin hat seinen Namen vergessen seine Orte die Warmen
    an den Meeren den Busen
    den geliebten
    vergessen

    In der Betonhalle darin ein Stück Fleisch unter den Füssen die Pisse, schwarzes Benzin nackt und hofft

    das Regen fällt aus dem Stein
    Betonhimmel öffne dich
    fall auf mich
    kalt
    dass die Lunge brennt
    Krankheit mich erlöst

    In der Betonhalle darin ein Stück Fleisch unter den Füssen die Pisse,schwarzes Benzin steht schon Stunden dort

    seit die Maschinen auf Reisen gingen
    kein Tropfen fällt
    trocken die Haut
    die Lunge atmet

    In der Betonhalle darin ein Stück Fleisch unter den Füssen die Pisse, schwarzes Benzin die Uniform neben ihm olivgrün sein Pyramidenbau
    zu Belgrad im regenlosen
    Juli

    In der Betonhalle stehe ich
    und ziehe das olivgrün an
    steige in den Panzer

    nebo plavo je

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    7. Mai 2023

  • MÜLLER EINE CHRONIK


    NEUNZEHNFÜNFUNDVIERZIG
    NEUNZEHNFÜNFUNDNEUNZIG


    TUPPA UND PEPE
    (liebesduett heiner inge.lyrik auf lyrik.inge spielt weltmeisterakkordeon
    der sozialismus wird aufgebaut.bunt nun kriegsgraue welt)

    INGE
    33 war ich ein gläubiges Kind meine Eltern warn gut und fleißig
    erwachsen wurde ich 39 als der Krieg anfing
    45 war jeder ein Greis, ich wollte nicht leben und nicht sterben
    In den Trümmer 45 da fand ich mich
    Und band mich in ein Tuch
    Ein Knochen für Mama
    Ein Knochen für Papa
    Einen in dies Buch
    Ich sah die Welt in Trümmern, ich sah den Tod und die Gewalt
    noch eh ich jung war war ich alt, ich lernte Tote bergen lernte weinen ohne Tränen
    Ich hab auch im Zuchthaus gesessen drei Tage im Keller wegen Wehrkraftzersetzung
    Ich wollte das Eiserne Kreuz nicht nehmen
    Für Selbstverständlichkeit Blutende und Sterbende nicht so Krepieren lassen
    Ich wollte das Kreuz nicht
    An dem Keller trag ich noch immer Schwer.
    Schreiben wollt ich Farben finden

    MÜLLER
    Worte verstehn

    INGE
    Lieben

    MÜLLER
    Sehn

    INGE UND MÜLLER
    Weitergehn.

    INGE
    Wer ist hinter mir her?

    MÜLLER
    Der Krieg hat aufgehört.Hinter den Bäumen schwimmt die letzte Wolke rötlich

    INGE
    Wir trafen uns im Kreis von Schreibern und solchen die es werden wollten
    Du hocktest da wie ein Greis

    ALLE RUFEN:
    JAZZ UND LYRIK!

    (Jazzrythmen. Poetry slamming in der Haupstadt der DDR.Politische Gedichte.Sonja die Sanitäterin nebelt den weißen Raum ein.Die DDR ein Jazzland)

    DAS IST UNSER KOMMUNISMUS


    I
    Gegen mittag der Bauplatz, die neue Schönere Landschaft Schornsteine. Montagehallen. Stahl und Beton. Erde, aufgerissen, Berge, versetzt mit Maschinen und Händen, Lärm und Staub.

    II
    Die Alten sammeln hier Reisig Fünf mal hundert Jahre lang Hier werden die Brikettfabriken stehen in Fünf Jahren und die neuen Kraftwerke. Hier ist Schönheit.

    III
    Der Folterer Barbiewar der Erfinder der Barbiepuppe.

    IV
    Hinter dem Traumwald der zum Sterben winktSah mein Gesicht mich an: das Kind war ich.

    V
    der Genosse Stalin ist mein Vater
    ich bin ein träumendes Kind
    mein Traum vom Kommunismus beginnt in Leuna 1920

    VII
    INGE UND HEINER

    HEINER
    so habe ich Inge kennengelernt
    sie war mit einem zirkusdirektor verheiratet

    INGE
    nicht mehr lange

    HEINER
    ihr dürft meinen rasen nicht betreten
    brüllte er noch der

    ALLE
    IM BEROLINA

    HEINER
    deine scham sein kundschafterversteck
    ich hab nen schwanz sagt inge

    ALLE
    ZEIGMAL

    INGE
    ist mir im krieg gewachsen
    wie meine trauer
    ein dunkles tier

    HEINER
    wir haben zuviel geraucht

    ALLE
    UNSER VEREINIGUNGSPARTEITAG

    INGE
    belomorkanal ost

    HEINER
    lucky west

    INGE
    in der mitte kinobesuch roten Wddimg

    ALLE
    JOHN WAYNE ERSCHIESST ADENAUER

    INGE
    am lehnitzsee rauchen
    weit der himmer die sterne hoch zum greifen nah

    HEINER
    wie majakowski sterben

    ALLE
    DER SCHUSS

    INGE
    ja oder mandelstam

    ALLE
    DER STRICK

    HEINER
    zuwenig gelesen LOS TUPPA lies schneller

    INGE
    Rosow Simonow Babel Charms Mandelstam

    ALLE
    ACHMATOWA

    HEINER
    na ja

    INGE
    ach komm heiner
    wir gingen jeden tag tanzen
    jazz und lyrik

    HEINER
    cafe nord ganymed bei den jugoslawen in der kristallbar
    UNSER JUGOSLAWISCHER TRAUM

    INGE
    Tito Selbstverwaltung der dritte Weg
    SLJIVOVITZ und SOZIALISMUS

    HEINER
    mit freunden die welt umkreisen
    laika sieht uns zu

    EMIL
    DARF ICH LAIKA SEIN
    INGE
    Möwe Kastanieneck Ratskeller
    wolf peter und bettina thomas wolfgang

    HEINER
    nee Wolfgang spiel mal jetzt nich
    bierdeckel voller träume
    schauspeler ohne maske

    INGE
    müde warn wir nie

    ALLE
    DENNSOZIALISMUSVAUFBAUN

    INGE
    haben viel getrunken in langen nächten

    ALLE
    SCHNAPS WODKA BIER

    HEINER
    wir haben viel geliebt
    bummsbummsbummsbummms

    INGE
    wir haben zu wenig geliebt
    bummsbummsbumms

    HEINER
    wir haben viel gearbeitet
    wieviel seiten hast du zehn ich zwanzig mist

    INGE
    wieviel seiten hast du jetzt hundert ich auch
    ein vertrag

    HEINER
    volk und welt AAAH
    vorschuss 500

    INGE
    hörfunk der ddr 1000 OOOH

    ALLE
    IST BESSER

    INGE
    neue wohnung in pankow
    urra

    HEINER
    wir haben zuwenig geschlafen
    urrra

    INGE UND HEINER
    wir schreiben kinderbücher gedichte lyrik pornogedichte
    liebesgedichte hördramen dramendramen monidramen

    ALLE
    ROMANE NICH

    HEINER
    dauert zu lang der Kommunismus kann nich warten

    INGE
    keine zeit für den schlaf
    Frage an den Hund im Kosmos WIE SIEHT DIE SACHE VON OBEN AUS

    EMIL
    Gut WUFF

    HEINER
    und alle rufen zum Mond junge Wöfe und Wölfinnen
    ein gespenst geht um unser ABC des Kommunismus
    … (tragen das bild rein)
    wir haben mit freunden diskutiert

    FREUNDE

    Rb
    Inge wie brauchen einfach eine neue Form des Lehrstückes
    radikaler als Brecht

    Ro
    so was wie Weiss aber mit Jazz

    Ju
    Nicht die illustrative Wiedergabe von sozialistischer Realität

    L
    sondern ihre Widersprüchlichkeit aufzeigen und somit Probleme
    aufzeigen

    E
    EIN GESPENST GEHT UM IN PANKOW huhuhu

    Jo
    HASTE MAL NE FLUPPE THOMAS

    R
    KLAR WEST OST
    nee Wolf spiel mal nich

    L
    aber die Widersprüchlichkeit darf nicht zum Instrument der InfrageStellung unserer sozialistischer Positionen werden

    B
    Parteilichkeit und viele Songs

    E
    VODKA FÜR INGE UND DEN WOLF

    JoNEE ICH HEUT NICH HAB MORGEN IN SCHWARZE PUMPE
    übrigens haste mal zehn mark

    E
    NEE aber Bettina

    Ju
    unsere Stärke liegt in der Parteilichkeit von Kunst
    Haltung klar machen Verfremden
    das befindliche emotionale Melodramatisiween des BRD Theaters ist

    F
    nicht weit weg vom gefühlgedröhne eines Rühmann Goebbels oder
    Heesters Waffen SS Strichjungencharme
    F
    ICH HAB SIE IN DEN BRAND GESCHOSSEN ALS VOLKSSTURMund in Schwerin die Straßen gefegt
    nee oder war das in Waren
    Das war so stumpf da im Norden
    schon

    L
    Du kannst nicht die vorrevolutionäre Erfahrung eines Brecht in die nachkriegliche staatsrevolutionäre umserer Republikgründung überleiten

    R
    Die Macht des Proletariats ist eine junge ungefestigte,so muss unsere Kunst sein YOUNG AND WILD WIE DER WESTERN IM ZOOPALAST Neue LEVIS die machen wir selber im Kommunismus,

    E
    nee in Grimma

    L
    Jung ungefestigt jedoch parteilich und nicht dogmatisch in seinem nationalkommunistischen Utopismus

    Rb
    JETZT REICHTS MIR

    J
    WAS DEN THOMAS
    THOMAS

    RPanzer in rotem PRAG in unserm roten Prag

    J
    das ist Budapest 1956 du bist zu früh
    mit deiner Ambition

    DIE KORREKTUR

    INGE HEINER
    Die Korrektur unser erstes gemeinsames Stück
    Ein Bericht

    INGE
    Vom Aufbau des Kombinats Schwarze Pumpe.

    HEINER
    Auftritt ein Brigadier: Bist du der Sekretär?

    INGE
    PARTEISEKRETÄRIN
    Ja.
    Was ist?

    HEINER/BREMER
    Ich heiße Bremer, bin Parteimitglied seit 1918, war im KZ bis 45, Funktionär bis vor acht Tagen. Die Partei hat mich in die Produktion kommandiert, weil ich einem Nazi in die Fresse geschlagen habe, der bei der Nationalen Front einen Posten hat. Und jetzt bin ich hier im Kombinat.

    INGE/PARTEISEKRETÄRIN
    Gut, Genosse Bremer. Du arbeitest im Abschnitt 6 als Brigadier.Du wirst Schwierigkeiten haben. Der Sozialismus wird nicht nur mit Sozialisten aufgebaut, hier nicht und wonders nicht, am wenigsten hier. Das Kombinat ist eine Großbaustelle, kein Musterbetrieb, und wir müssen schnell baun. Unsre Industrie braucht Strom und Kohle und braucht beides schnell. Du kommst nicht durch, wenn du dich nicht an die Partei
    hältst.

    HEINER/BREMER
    Hier bist du die Partei, was?

    INGE/PARTEISEKRETÄRIN
    Die Partei hat mich hier eingesetzt. Du kannst mich kritisieren, wenn ich Fehler mache. Dazu gibt es Versammlungen. Auch dazu.

    INGE
    Auftritt des Arbeiters Franz K.

    HEINER
    lieber gleich die ganze Brigade
    ein Tableau des Klassenkampfes

    SCHAUSPIELER
    Ich bin Bauarbeiter, rot seit 1918, seit 46 nicht mehr so. Ich habe mit der Wismut das Erzgebirge auf den Kopf gestellt, acht Stunden täglich, in Schächten one Sicherung, die jeden Tag absaufen konnten.

    SCHAUSPIELER
    Wer nicht mit dem Schacht absoff, soff ab im Schnaps. Wen der Schnaps nicht fertigmachte, den brachten die Weiber auf den Hund. Es war schwer, sich herauszuhalten: aus den Schächten, aus den Weibern, aus dem Schnaps.

    SCHAUSPIELER
    Jetzt hat sich das gebessert: die Schächte sind gesichert, und die Weiber sind verheiratet. Hier im Kombinat hab ich mir noch kein Bein ausgerissen.

    HEINER
    Szene Die Normenschaukel

    INGE
    Musik Jazz Auftritt Nazi

    DER MAJOR
    Komm auf die Schaukel Brigadir

    FRANZ K
    Er ist neu ,klär in auf Major

    MAJOR
    Das ist die Norm,gemacht von einem Streber.Die muss korrigiert werden.Also wird geschaukelt
    Was wir nicht schaffen,schaffen wir auf dem Papier.Den Bleistift hast du.

    BRIGADIER
    Bei mir steht hundertzwanzig.Betrug kommt nicht in Frage.

    MAJOR
    Ich schlag dir aufs Maul du Kommunist

    INGE
    Wir arbeiten an der Erneuerung des sozialistischen Lehrstück
    Epische Texte Jazz

    HEINE
    epische Spielweise

    FREUNDE MIT LEHRSTÜCKEN.UMSIEDLERIN.LOHNDRÜCKER


    SONJA:
    ACHT JAHRE EINE NACHT
    Wohnzimmer in Pankow. Bettina Wegner singt Schlager und wird von Fernsehreporter interviewt. Inge mit Akkordeon und Suff hat mit ihrem Blut ein Hakenkreuz gemalt.Sonja die sowjetische Sanitäterin verbindet ihr die Venen

    BETTINA
    singt

    FERNSEHMODERATOR
    So meine lieben Zuscahuer das war unsere zauberhafte Junge Bettina aus dem Vokalensemle
    des Fernsehens der DDR (Originaltext folgt)

    HEINER
    Acht Jahre
    Hör bitte auf

    INGE
    Du hast mich ausradiert
    Umsiedlerin HMüller
    Der Bau Heiner HMüller
    Die Lohndrücker HMüller
    Die Korrektur HMüller

    MÜLLER
    Hör auf zu saufen

    INGE
    Ich trinke

    MÜLLER
    Hör auf zu tanzen

    INGE
    Hier mein SELBSTBILDNIS ZWEI UHR NACHTS:Dein an der Schreibmaschine sitzen. Mein auf dem Boden liegen. Dein Blättern in einem Kriminalroman. Am Ende Wissen, was du jetzt schon weißt: Der glattgesichtige Sekretär mit dem starken Bartwuchs ist der Mörder des Senators und die Liebe des jungen Sergeanten der Mordkommission zur Tochter des Admirals wird erwidert. Aber du wirst keine Seite auslassen. Manchmal beim Umblättern ein schneller Blick auf das leere Blatt in der Schreibmaschine keiner zur Tür von meinem Zimmer.
    Der Sergeant ist gerade dabei den zweiten Mord zu verhindern Obwohl die Admiralstochter hm (zum erstenmal!) die Lippen hinhält, Dienst ist Dienst an der Kopulationsfront.Nebenan träumt deine Frau von ihrer ersten Liebe. Gestern hat sie versucht sich aufzuhängen. Morgen wird sie sich die Pulsadern aufschneiden oder wasweißich. Wenigstens hat sie ein Ziel vor den Augen. Das sie erreichen wird, so oder so und das Herz ist ein geräumiger Friedhof. Die Geschichte der Fatima von deiner Frau im Neuen Deutschland war so schlecht geschrieben, daß du darüber gelacht hast. Der Krimi ist gelesen.Jetzt kannst du schlafen. Morgen ist wieder ein Tag.

    HEINER
    Du schreibst doch nur Kinderbücher,Kinderverse. Höchstens mal eine Revue für den Friedrichstadtpalast natürlich für Kinder. (nimmt Manuskripte liest vor)
    Ach du grüne Neune Pittiplatsch wie willst du den Kosmonaut werden
    So eine Scheisse
    Verkrampft
    Nicht zu Ende geschrieben,nicht zündend geschrieben
    Meine Korrektur deiner Korrektur
    Korrigier dein fettiges trauriges Haar
    Das ist doch alles Scheisse
    Jetzt spielt sie wieder deine Weltmeister
    Die einzige Welt die du fassen kannst
    SchwarzWeiss die Knöpfe fleissig üben die Töne,fleißig schreibst du auch
    Und jetzt musst du mir beweisen,dass du gleichwertig und eigenständig bist als Autorin. Grotesk. Auf deiner Steuererklärung muss immer mehr einstehen an Einnahmen als bei mir,das ist alles zu unseren Ungunsten steuerlich gesehen…und wenn du mal was schreibst dann ist das immer mit Übereinsatz verbunden,mit Verkrampfungen

    INGE
    ICH SEH DICH SO AM SCHREIBTISCH SITZEN: GEBEUGT
    Unter der Last deiner Gedanken, ausruhend von den hetzenden Träumen der zu kurzen Nächte,
    ein Vogel auf dem Fenstergitter stört dich, sekundenlang ist da die Angst der Neugeborenen in deinen Augen und du greifst nach dem Bleistift wie nach meiner Hand (Wie ich nach deiner greife. Manchmal.) Und ich sag dir wie der Vogel heisst.Und wie er singt. Du schreibst es auf.
    Beruhigt malst du dein Gesicht auf eine Streichholzschachtel und nimmst eine neue Zigarette und schreibst mit unserm Blut die Chronik dieser Zeit.


    MÜLLER
    Acht Jahre schneide ich dich schon vom Strick, hol dich vom Balkon aus fremden Betten

    INGEMÜLLER SCHLÄFT WENN ER MÜDE IST
    MÜLLER ISST WENN ER HUNGRIG ISTARBEITET WENN ER KANN.MÜLLER LEBT WIE ER MUSS,ABER ER MUSS NICHT WAS WIR MÜSSENMiete zahlen Mittag machen Wäsche kochen
    Der Majakowski mitgekocht nur noch Brei in meinen Händen
    meine Lyrik schrumpft bei 60 Grad dass deine Schlüpfer glänzen
    ich wechsel die Männer wie du deine Sujets
    schaffst zehn Seiten am Tag
    ich nur einen halben Sprung
    vom Balkon
    weit ist der Himmel

    MANFRED KRUG
    Sag mal Heiner du hast da einen neuen Text

    HEINERDer Bau,es geht da um einen Brigadier Balla
    zitiert aus DER BAU

    MANFREDdit wirdn Film

    UNTER TRÜMMERN

    MÜLLER
    Inge hör auf
    Inge bitte

    INGE
    Zwei Seiten Hörspiel
    Zehn Seiten Kinderbuch
    ich möchte jetzt dass dieser Text gesprochen wird.verdammte scheisse
    dieser Text ist mir sehr wichtig
    wirklich wichtig, scheisse
    also sprechen spielen wir den jetzt
    sofort ich kann nur noch heulen
    träume vom krieg nazis auschwitz
    und meiner weltmeister und dem verkehr danach in Lichtenberg oder Pankow mit X Y Z unbedingt ein Genosse der Mutterschoß meine sozialistische Heimat unter Trümmern
    DIESER TEXT HIER IST Sozialistisch UND MIR SEHR WICHTIG mein Sozialismus Kommunismus MEIN FRIEDEN NACH DEM KRIEG:
    DIE WEIBERBRIGADE Auftritt vier Frauen in Schwarze Pumpe…
    bin ein zirkusloch das aus den trümmern kroch und nehme alles
    das nich nazi war und jünger als ein SS panzersoldat von großdeutschland
    ja, schreib nur mitkorrigier kuratier mich,dramatisier mich
    heiner,lies meine sätze heimlich in der Nacht unter Bauhauslicht
    in der Nacht..wir stopfen uns die Münder mit unseren Geschlechtern
    nehmen sie in Mund
    in jeder Öffnung explodieren
    das muss reichen für Frau Mann
    die Sätze für AUFBAU VOKLK UND KINDERBUCHVERLAG sind unser Flaschen Pfand ,ich schenk dir meine Prologe
    ich borge deine Epiloge
    das dazwischen ist verloren gegangen
    Geh und denk dir schöne Sätze aus
    hinter abgeschlossener Tür ausgeschieden

    (Inge spielt schweigt und spielt Akkordeon.Nachtkrieg.Nachtgeister, vier Frauen.)

    SONJA(verbindet)
    Wir lagen zwischen Moskau und Berlin
    Im Rücken einen Wald ein Fluß vor Augen
    Zweitausend Kilometer weit Berlin
    Einhundertzwanzig Kilometer Moskau
    In Schützenlöchern aus gefrornem Schlamm
    Und warteten auf den Befehl zum Einsatz
    Und auf den ersten Schnee Und auf die Deutschen Tags hörten wir die Front nachts sahn wir sie Die Deutschen hatten was wir brauchten Panzer
    Flugzeuge den Hochmut der Sieger Meine Soldaten hatten Angst und wenig mehr
    Angst ist die Mutter des Soldaten und
    Der erste Schnitt geht durch die Nabelschnur Und wer den Schnitt verpaßt stirbt an der Mutter Meine Soldaten kamen von der Schule Im Kino hatten sie den Krieg gesehn
    Ich war ihre Kommandeurin und meine Angst war
    Die Angst vor ihrer Angst Und näher kam
    Die Front und von der Front die Deserteur
    Wo kommt ihr her Genossen
    Aus dem Kessel

    INGE/J
    Unterm Schutt lieg ich
    der Himmel fiel auf einmal um 45
    ich lachte und war blind
    Und war wieder ein Kind
    unterm Schutt
    Im Mutterleib wild und stumm
    Mit Armen und Beinen die ungeübt stießen und griffen und liefen Bilder ringsum
    Kein Boden kein Dach
    Was ist - verschwunden
    Ein Atemzug Stunden
    Ein Augenblick hell wie im Meer
    Da klopft einer Den Globus her!
    Daß ich mich halte Brücken Land Pole Millionen Hände brauch ich
    Mich trägst du nicht, Tod, ich mach mich schwer
    Bis sie kommen und graben bis sie mich haben
    Du gehst leer.

    SONJA
    Der Deutsche Habt ihr ihn gesehn Wie kämpft er
    Ein Horizont aus Panzern ist der Deutsche
    Der auf dich zufährt So Ein Himmel aus
    Flugzeugen ist der Deutsche Und ein Teppich
    Aus Bomben der sich über Rußland legt
    Es gibt sie nicht mehr die Rote Armee
    Wenn wir geschlagen werden und ich wußte
    Geschlagen werden wir nicht von den Panzern
    Von keinem Flugzeug oder Bombenteppich
    Was uns schlägt ist der General der Angst heißt

    INGE/Ro
    Unterm Schutt unterm Gebell der Eisenrohre lag ich
    Schon im Griff der Erde und wachte auf als IRGENDWO im Herz der Kontinente
    Rauch Aufstieg aus offenem Meer
    Heißer als tausend Sonnen war kälter als Marmorherz
    auf sechzehn Füßen EIN BERGUNGSTRUPP DER ROTEN ARMEE
    ging ich in die Mitte genommen den ersten Schrittt gegen den Staub
    Ich lebe und der Hund der an den Knochen meiner Eltern nagt
    in den Trümmern von Berlin 45

    INGE/Ju
    In den Gaskammern
    Erdacht von Männern
    Die alte Hierarchie
    Am Boden Kinder
    Die Frauen drauf
    Und oben sie
    Die starken Männer Freiheit und democracy.
    Ein Blick von einer Macht zur andren Macht. Von einer Nacht in die andre Nacht Und dazwischen: vide! (Ich sehe) Da nehm ich mir lieber einen Fetzen Blau Vom Himmel
    Daß er schwarz dahinter ist weiß ich wenn ich weine
    Ich seh ihn,
    Und dann weiß ich nicht wie er war.

    INGE/L
    Flüchtlinge vorm Leben.
    Was haben wir zu geben?
    Flüchtlinge. Alle.
    Gewalt.
    Das war schon; viele wurden trotzdem alt!
    Wieviele sterben Bis wir uns aufheben.
    Hand vor Hand
    Und Fuß vor Fuß
    Männer brauchen Krieg
    Der Verlierer braucht den Sieg
    Der Kopf stirbt unterm Muß.
    Das Chaos
    Was fängt an?

    TODESANZEIGE
    (viermal müller viermal inge köpfe in gasherden.sonja die sowjetische sanitäterin legt eine platte auf.eher etwas russisches.)

    H/J
    Sie war tot, als ich nach Hause kam.
    Sie lag in der Küche auf dem Steinboden, halb auf dem Bauch, halb auf der Seite, ein Bein angewinkelt wie im Schlaf, der Kopf in der Nähe der Tür.
    Ich bückte mich, hob ihr Gesicht aus dem Profil und sagte das Wort, mit dem ich sie anredete, wenn wir allein waren.
    Ich hatte das Gefühl, daß ich Theater spielte.
    Ich sah mich, an den Türrahmen gelehnt, halb gelangweilt halb belustigt einem Mann zusehen, der gegen drei Uhr früh in seiner Küche auf dem Steinboden hockte, über seine vielleicht bewußtlose vielleicht tote Frau gebeugt, ihren Kopf mit den Händen hochhielt und mit ihr sprach wie mit einer Puppe für kein andres Publikum als mich.

    H/E
    Ihr Gesicht war eine Grimasse, die obere Zahnreihe schief in dem aufgeklapp ten Mund, als ob der Kiefer ausgerenkt wäre. Als ich sie aufhob, hörte ich etwas wie ein Stöhnen, das mehr aus ihren Eingeweiden als aus ihrem Mund zu kommen schien, jedenfalls von weit.

    H/R
    Ich hatte sie schon oft wie tot daliegen sehen, wenn ich nach Hause kam, und aufgehoben mit Angst (Hoffnung), daß sie tot war und der schreckliche Laut klang beruhigend, eine Antwort. Später klärte mich der Arzt auf: Eine Art Aufstoßen, durch die Lageveränderung bedingt, ein Rest von Atemluft, vom Gas aus den Lungen gepreßt. Oder ähnlich.

    H/F
    Ich trug sie ins Schlafzimmer, sie war schwerer als gewöhnlich, nackt unter dem Morgenrock. Als ich die Last auf der Bettcouch ableg te, fiel ihr eine Zahnprothese aus dem Mund. Sie mußte sich, in der Agonie, gelockert haben.Ich wußte jetzt, was ihr Gesicht entstellt hatte. Ich hatte nicht gewußt, daß sie eine Zahnprothese trug.

    H/E
    Ich ging zurück in die Küche und stellte den Gasherd ab, dann, nach einem Blick auf ihr leeres Gesicht, zum Telefon, dachte, den Hörer in der Hand, an mein Leben mit der Toten bzw. an die verschiedenen Tode, die sie dreizehn Jahre lang gesucht und verfehlt hatte, bis zu der heutigen erfolgreichen Nacht.

    H/R
    Sie hatte es mit einer Rasierklinge probiert: als sie mit einer Pulsader fertig war, rief sie mich, zeigte mir das Blut. Mit einem Strick, nachdem sie die Tür abgeschlossen, aber, mit Hoffnung oder aus Zerstreutheit, ein Fenster offen gelassen hatte, das vom Dach aus zu erreichen war. Mit Quecksilber aus einem Fieberthermometer, das sie, für diesen Zweck, zerbrochen hatte. Mit Tabletten. Mit Gas. Aus dem Fenster oder vom Balkon springen wollte sie nur, wenn ich in der Wohnung war. Ich rief einen Freund an, ich wollte immer noch nicht wissen, daß sie tot war und eine Sache der Behörden, dann das Rettungsamt.

    KRANKENSCHWESTER SONJA:
    SIND SIE WAHNSINNIG MACHEN SIE SOFORT DIE ZIGARETTE AUS TOT SIND SIE SICHER JA SEIT MINDESTENS ZWEI STUNDEN ALKOHOL DAS HERZ HABEN SIE NICHT GEMERKT DASS IHRE FRAU WO IST DER BRIEF WAS FÜR EIN BRIEF HAT SIE KEINEN BRIEF HINTERLASSEN WO WAREN SIE VON WANN BIS WANN MORGEN NEUN UHR ZIMMER DREIUNDZWANZIG VORLADUNG DIE LEICHE WIRD ABGEHOLT AUTOPSIE KEINE SORGE MAN SIEHT NICHTS.

    H/R
    Warten auf den Leichenwagen, ins Nebenzimmer gehen (dreimal), die Tote NOCH EINMAL ansehen (dreimal), sie ist nackt unter der Decke. Wachsende Gleichgültigkeit gegen Dasda, mit dem meine Gefühle (Schmerz Trauer Gier) nichts mehr zu tun haben. Die Decke wieder über den Körper ziehen (dreimal), der morgen aufgeschnitten wird, über das leere Gesicht. Beim drittenmal die ersten Spuren der Vergiftung: blau. Zurück ins Wartezimmer (drei mal).

    H/Jo
    Mein erster Gedanke an den eigenen Tod 1945
    Nachtmarsch auf dem Bahndamm in Mecklenburg, in zu engen Stiefeln und zu weiter Uniform: die dröhnende Leere. HÜHNERGESICHT. (Inges stehen auf,umringen die Lebenden)
    Irgendwo auf dem Weg durch den Nachkrieg hatte sie sich an mich gehängt, eine dürre Gestalt im schlotternden Militärmantel, der am Boden nach schleifte, eine zu große Feldmütze auf dem zu kleinen Vogelkopf, ein Kind in Feldgrau. Trottete neben mir her, stumm, ich kann mich nicht erinnern, daß sie ein Wort gesagt hätte, nur wenn ich schneller ging, sogar lief, um sie abzuschütteln, stieß sie zwischen keuchenden Atemzügen kleine klägliche Laute. Wie Hundeheulen.Nie war mein Wunsch, einen Menschen zu töten, so heftig. Ich erschlug sie mit seinem Feldspaten.nicht einmal als sie das Spatenblatt kommen sah, brachte sie einen Schrei zustande. Sie hat in meinen Träumen keinen Platz mehr, seit sie ihn getötet habe (dreimal)

    INGE (vier Frauen,schwärzen die Welt.Terror)
    Ich bin Die die der Fluß nicht behalten hat.

    INGE/Ju
    Die Frau am Strick

    INGE DREI/R
    Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern

    INGE VIER/L
    Die Frau mit der Überdosis

    ALLE
    AUF DEN LIPPEN SCHNEE

    INGE/Je
    Die Frau mit dem Kopf im Gasherd. Gestern habe ich aufgehört mich zu töten.

    INGE/Ju
    Ich bin allein mit meinen Brüsten meinen Schenkeln meinem Schoß.

    INGE/L
    Ich zertrümmre die Werkzeuge meiner Gefangenschaft den Stuhl den Tisch das Bett.

    INGE/R
    Ich zerstöre das Schlachtfeld das mein Heim war.

    INGE/J
    Ich reiße die Türen auf, damit der Wind herein kann und der Schrei der Welt.

    INGE/L
    Ich zerschlage das Fenster. Mit meinen blutenden Händen zerreiße ich die Fotografien der Männer die ich geliebt habe und die mich gebraucht haben

    INGE/R
    auf dem Bett auf dem Tisch auf dem Stuhl auf dem Boden.

    INGE/Ju
    Ich lege Feuer an mein Gefängnis. Ich werfe meine Kleider in das Feuer. Ich grabe die Uhr aus meiner Brust die mein Herz war. Ich gehe auf die Straße, gekleidet in mein Blut.

    INGE I-IV
    Hier spricht Elektra Ophelia Tuppa Inge im Herzen der Finsternis.

    Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer.

    Ich stoße allen Samen aus, den ich emp-fangen habe.

    Ich verwandle die Milch meiner Brüste in tödliches Gift.

    Ich nehme die Welt zurück, die ich geboren habe.

    Ich ersticke die Welt, die ich geboren habe, zwischen meinen Schenkeln.

    Ich begrabe sie in meiner Scham.

    Nieder mit dem Glück der Unterwerfung.

    Es lebe der Haß, die Verachtung, der Aufstand, der Tod.

    Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.

    SONJA
    PANZERGERÄUSCHE.RAUCH.WÄNDE WERDEN ZU FLUGBLÄTTERN.ROLLING STONES UND DUBČEK.PAVEL IM AUTOREIFEN.EIN MENSCH BRENNT.
    PRAG 1968.CHILDREN OF THE REVOLUTION.THOMAS VERSUCHt EINEN FEUERMENSCH ZU LÖSCHEN.EINE SOWJETISCHE SOLDATIN REGELT DEN PANZERVERKEHR.(sie tut es) BETTINA SINGT EIN LIED FÜR PRAG.

    DER FINDLING

    THOMAS
    Heiner die Russen in Prag
    Wir müssen was unternehmen

    MÜLLER
    Du ich bin in grad Bulgarien, ich kann dazu jetzt nichts sagen
    Ich rede gerade mit afrikanischen Studenten in einer Bar

    THOMAS
    Heiner, Russenpanzer im Roten Prag

    BETTINA
    Russen raus aus Prag

    THOMAS
    Heiner du musst dich äußern

    HEINER
    Nee ich hab wirklich gerade Urlaub
    in Bulgarien, ist wirklich billig und ich bin pleite

    BETTINA
    Es lebe Dubcek

    THOMAS
    Heiner das ist das Ende unseres Traumes

    HEINER
    Nee du Thomas,ist gerade spannend was die afrikanischen
    Studenten gerade erzählen,über ihren Befreiungskampf

    THOMAS
    Stalin lebt
    Russen raus aus Prag

    B
    Singt weiter

    THOMAS
    Vater

    VATER
    Weißt du was du getan hast
    Hier hast du Wohnung Arbeit Sicherheit
    Dort gilt der Mensch nichts nur das Kapital
    Leichen im Keller und Geld auf der Bank Leichen mit Davidstern In Braun In Feldgrau
    Zerbrochen von Metall Zerkocht in Panzern Rauch aus dem Schornstein Staub im Bombenteppich
    Das jüngste Grab bewohnt der Kindertraum
    Von einem Sozialismus ohne Panzer
    Und pflegen ihre Gräber Hunde Katzen
    Und ihren Kontostand Bunt ist die Leiche
    Ins Paradies kommt wer es kaufen kann

    THOMAS
    Es regnete als ich vor seiner Tür stand
    Hand auf dem Klingelknopf ein nasser Hund
    Ich sah nur seinen Schatten Licht im Rücken

    VATER
    Weißt Du wie spät es ist Es gibt noch Leute
    Die brauchen ihren Schlaf für ihre Arbeit
    Und deine Mutter Du weißt daß sie krank ist
    Es interessiert dich nicht das weiß ich auch
    Und was an ihrem Leben frißt bist du

    THOMAS
    Sie sind hinter mir her Das Flugblatt Er fragte nicht Wer und Was für ein Flugblatt

    VATER
    Du bist betrunken Geh Schlaf deinen Rausch aus Gegen den Einmarsch der Bruderarmeen

    THOMAS
    Ich hab auch einen Bruder in Prag Das heißt Ich hatte einen Bruder
    in Prag Ein Haufen Asche ist er jetzt
    Ein Knochenbündel und ein Brandgeruch
    Er hat sich selbst verbrannt in Prag mein Bruder

    VATER
    Verrückte gibt es überall

    THOMAS
    Verrückte
    Ich weiß wer hier verrückt ist

    VATER
    Weißt du das
    Dann weißt du auch was jetzt passieren wird
    Ich bin nicht irgendwer Du bist es auch nicht
    Wenn ichs auch wollte Ich kann nicht so tun
    Nicht vor mir selber nicht vor der Partei
    Als hätt ich dein Geständnis nicht gehört

    THOMAS
    Geständnis sagte er Und ich Geständnis
    Wenn einer hier gesteht dann bist es du
    Genosse Vater Und mein Vater nicht
    Wie oft hab ich gewollt du wärst mein Vater
    Statt der Genosse der mich adoptiert hat
    Mein Feind in jedem Stellvertreterkrieg
    Den ihr geführt habt im Namen der Sache
    Krieg gegen lange Haare Jeans und Jatz
    Mit Händehoch im Polizeirevier
    Gesicht zur Wand und stehen bis du umfällst
    Was eure Sache ist weiß ich jetzt auch
    Mit Panzerketten auf den Leib geschrieben
    Habt ihr sie UNSERN MENSCHEN eure Sache

    VATER
    Zieh deinen Mantel aus Du bist durchnäßt
    Zieh meine Jacke an Sie paßt dir Oder

    THOMAS
    Ich glaub nicht daß mir deine Jacke paßt

    VATER
    Du warst meine Zukunft Alles haben wir
    In dich hineingestopft Das ist der Dank
    Das Hakenkreuz in Leipzig an der Tafel
    In Dresden auf der Brücke dein Geschmier
    FREIHEIT und RUSSEN RAUS Freiheit für wen
    Das hieß zehn Jahre Zuchthaus unter Brüdern
    Für dich wars eine andre Schule und
    Ein neuer Studienplatz Bedank dich und
    Auf Knien bei deiner Mutter So wie ich
    Auf Knien gekrochen bin vor der Partei
    Für deine Freiheit Und beeil dich Ihr Krebs kann nicht warten
    Russen raus aus Prag Was weißt du
    Uns alle hätten sie schon aufgehängt
    Wenn wir die Panzer nicht im Rücken hätten
    Und was hat dir gefehlt in all den Jahren
    Seit ich dich aus dem Dreck gezogen habe

    SONJA

    THOMAS
    Russen raus aus rotem Prag

    VATER
    Red leise Nebenan stirbt meine Frau

    THOMAS
    Merkst du das auch schon Wann hat sie gelebt
    Frag deine Frau Und wenn du deinen Arsch
    Nicht hochkriegst aus dem Sessel sag ich dir
    Was ihr gefehlt hat und was mir gefehlt hat
    Ihr Krebs du kannst Genosse zu ihm sagen
    Mein Hakenkreuz war auch aus deiner Schule
    Wie redet man mit einem Leitartikel
    Und wie umarmt man ein Parteiprogramm
    Du hast mich mit Geschenken abgespeist
    Und keine Antwort wenn ich wissen wollte
    Wer recht hat und warum der Volksmund oder
    Das NEUE DEUTSCHLAND eure Bilderbibel
    Der Plattenspieler war für Budapest
    Für meinen Freund erschossen an der Mauer
    Mußte es dann schon ein Motorrad sei
    Das Blauhemd auf dem Sattel war ein Extra
    Für das zerrissne beim Fahnenappell
    Das war mein Bildungsgang in deiner Schule
    Das rote Halstuch meine Nabelschnur
    Jetzt kann ich nur noch lachen
    Dann sprangen mir die Tränen aus den Augen
    Ich ging ins Nebenzimmer wo die Frau starb
    Die meine Mutter war und war es nicht
    Aber ich hatte keine andre Mutter
    Ich hörte zu wie sie mit ihrem Krebs sprach
    Zog meine Kleider aus vom Regen schwer
    Leckte den kalten Schweiß von ihrer Stirn
    Vermischt mit meinem Rotz mit meinen Tränen
    Ich legte mein Gesicht auf ihre Brüste
    In denen jetzt der Krebs zu Hause war
    Ich legte meinen Kopf in ihren Schoß
    Der meine Heimat nicht gewesen war
    Weil keine Mutter mich geboren hat
    Mein Vater eine leere Uniform
    Ich sagte Ich will eine Tochter sein

    BETTINA
    Ich weinte nicht Ich hatte keine Tränen
    Ging nicht ins Nebenzimmer wo die Frau starb
    Ich stand in meiner Schlammspur auf dem Teppich
    Was geht mich euer Sozialismus an
    Bald schon ersäuft er ganz in CocaCola
    VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN
    der Brustkrebs einer fremden Frau
    Warum nimmst du die Hand vom Telefon
    Zweifel am sozialistischen Strafvollzug
    Ein Minuspunkt in deiner Kaderakte
    Warum Genosse rufst du uns erst jetzt an
    Warum ziehst du die Jacke aus

    VATER
    Ich friere

    BETTINA
    Willst du heraus aus deiner Uniform
    Aus deinem Würgegriff mit Schlips und Kragen
    Weißt du ob du darunter noch ein Mensch bist
    Vielleicht wenn du die Haut dir auch noch abziehst

    VATER
    Mit unsern Knochen haben wir Und ihr jetzt Mit euren Knochen und mit andern Knochen

    BETTINA
    Ich weiß was ihr gebaut habt Ein Gefängnis
    Mein bester Freund erschossen an der Mauer
    Er hat sie hinter sich Ich hab sie vor mir
    drei Jahre Knast

    THOMAS
    Als du nach Hause kamst vor sieben Jahren
    Aus deiner Sitzung mit gebrochnem Kreuz
    Ich hätte keine Hand bewegt für dich
    Und keinen Finger Und dein Augenblick
    Der Fangschuß deine letzte Parteiarbeit

    MÜLLER
    Der Dienstrevolver ist kein Monopol THOMAS
    Im Sozialismus keine Privilegien
    Ich lege mich freiwillig zu den Akten
    Mein Dienstrevolver ist das Mausoleum
    Des deutschen Sozialismus Und ich spiele
    Heimvorteil Die Mauer ist volkseigen
    Die Munition die mich zerreißen wird
    Ist auch volkseigen und ich bin das Volk
    VERGESSEN UND VERGESSEN

    THOMAS
    Das letzte was ich hörte war sein Weinen
    Und seine Stimme die dagegen anschrie

    MÜLLER schreibt Schreibmaschine
    VATER DOPPELPUNKT
    Erschießen solln sie dich du Nazibastard. Erschießen solln sie dich wie einen Hund

    THOMAS
    Und das Geläut des Telefons als er
    Den Hörer aufnahm und wählte die Nummer

    MÜLLER
    …
    …
    …

    AUSSCHLUSS

    GENOSSE WAGNER
    Genosse Müller ihre Stücke
    Die Umsiedlerin
    Die Korrektur
    Der Bau
    Die Lohndrücker
    (Einruf von der Seite „die Gedichte nicht vergessen“)
    Sind in ihrem Wesen ihrem Inhalt ihrer Konsequenz nach konterrevolutionär, gegen die Staatsmacht und die Politik unserer Republik gerichtet. Wir lassen unseren Staat in einer derartigen Weise selbst von shakespearschrn Blankversen unseres Jahrhunderts HERR HACKS (der ist gerade auf Toilette) nicht beleidigen.Wir können uns nicht leisten,dass in dieser Situation (diplomatische Anerkennung unseres Staates durch…) wo die Deutsche Demokratidche Republik international ein solches Wachstum ihres Ansehens hat

    ANNA SEGHERS/L
    aber er ist noch jung

    GENOSSE WAGNER
    Und du liebe Genossin Seghers musst wieder aufs Klo

    MÜLLER
    Ich stehe in einem Fahrstuhl

    GENOSSE WAGNER
    Genosse Müller ihre Texte spiegeln nicht unsere sozialistische Gegenwart wieder

    MÜLLER
    ich fahre zu meinem Chef

    GENOSSE WAGNER
    konterrevolutionäre Tendenzen,Abkehr vom realistischen Menschenbild
    Verhöhnung aller Errungenschaften,ja Genosse Krug

    KRUG/R
    Ich finde seine Texte lustig und die Genossen Arbeiter haben auch gelacht

    GENOSSE WAGNER
    Danke Genosse Krug,der Genosse Müller ist seine Texte zur Veröffentlichung oder öffentliche Aufführung nicht geeignet
    Allein die Begrüssungsszene in in…einem ihrer sogenannten Lehrstücke
    Bei uns umarmen sich die Parteifunktionäre mit den Brigadieren
    bevor sie herzlich einen heben,in ihrer Szene kalte Worte

    DRAMATURGIEN UND VERLAGE WERDEN VON MÜLLER TEXTEN GESÄUBERT.

    MÜLLER
    Ich stehe zwischen Männern,

    GENOSSE WAGNER
    Ja die Männer…In Müller Bild unserer Republik herrscht ein immerwährende Kopulieren
    der Geschlechter NEIN GENOSSE HERMLIN die Toilette ist besetzt
    Genossin SEGHERS und der Herr Hacks sind schon vor Ort
    Der Genosse Müller wird mit sofortiger Wirkung aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Nun die Selbstkritik des Genossen Müller

    MÜLLER
    ICH KANN DAS NICHT

    JUNGER SCHAUSPIELER
    Ich Heiner Müller speie euch eure Scheisse in eure alten Fressen
    Ihr zählt meine Kommas ich eure Toren
    Ich habe nichts zu schaffen mit eurem Paradies für Dauerredner. Eh ihr nicht gelernt habt euch selber in die Fressen zu spein braucht ihr mir nicht mehr unter die Augen zu kommen. Die Hoffnung daß ihr nicht aufhören werdet mit Lügen ist was mich am Leben erhält. Spart den Trauerflor, ich werde mich nicht auf die Schienen legen. Warum stürzen sich die Lemminge ins Meer auf Spitzbergen? warum seen die Bäume bei Windstille unschuldig aus? wen morde ich nachts? warum lebt ihr? warum will ich die Antwort nicht wissen? warum frage ich? Man sollte euch Scherben ins Maul stopfen, bis der Wind auf euren zerrissnen Gedärmen spielt. Ich hab euch den Spiegel gehalten für ein Trinkgeld. Auf meinem Schädel habt ihr in zertrümmert, weil euch eure Nase nicht gefallen hat.

    MÜLLERdas habe ich nie gesagt
    Ich stehe in einem Fahrstuhl
    zwischen Männern die mir unbekannt sind, in einem alten Fahrstuhl mit während des Aufstiegs klapperndem Metallgestänge. Ich bin gekleidet wie ein Angestellter oder wie ein Arbiter am Feiertag. Ich habe mir sogar einen Schlips umgebunden, der Kragen scheuert am Hals, ich schwitze. Wenn ich den Kopf bewege, schnürt mir der Kragen den Hals ein. Ich habe einen Termin beim Chef (in Gedanken nenne ich ihn Nummer Eins), sein Büro ist in der vierten Etage, oder war es die zwanzigste; kaum denke ich darüber nach, schon bin ich nicht mehr sicher. Die Nachricht von meinem Termin beim Chef (den ich in Gedanken Nummer Eins nenne) hat mich im Kellergeschoß erreicht, einem ausgedehnten Areal mit leeren Betonkammern und Hinweisschildern für den Bombenschutz. Ich nehme an, es geht um einen Auftrag, der mir erteilt werden soll. Ich prüfe den Sitz meiner Krawatte und ziehe den Knoten fest. Die Krawatten der andern Männer im Fahrstuhl sitzen fehlerfrei. Einige von ihnen scheinen miteinander bekannt zu sein. Sie reden leise über etwas, wovon ich nichts verstehe. Immerhin muß ihr Gespräch mich abgelenkt haben: beim nächsten Halt lese ich auf dem Etagenanzeiger über der Fahrstuhltür mit Schrecken die Zahl Acht. Ich bin zu weit gefahren oder ich habe mehr als die Hälfte der Strecke noch vor mir. Entscheidend ist der Zeitfaktor.

    GENOSSE WAGNER
    GENOSSEN
    FÜNF MINUTEN VOR DER ZEIT/ IST DIE WAHRE PÜNKTLICHKEIT.

    HEINER
    Als ich das letztemal auf meine Armbanduhr geblickt habe, zeigte sie Zehn. Ich erinnere mich an mein Gefühl der Erleichterung: noch fünfzehn Minuten bis zu meinem Termin beim Chef. Beim nächsten Blick war es nur fünf Minuten später. Als ich jetzt, zwischen der achten und neunten Etage wider auf meine Uhr sehe, zeigt sie genau vierzehn Minuten und fünfundvierzig Sekunden nach der zehnten Stunde an: mit der wahren Pünktlichkeit ist es vorbei, die Zeit arbeitet nicht mehr für mich. Schnell überdenke ich meine Lage: ich kann beim nächsten möglichen Halt aussteigen und die Treppe hinunterlaufen, drei Stufen auf einmal, bis zur vierten Etage. Wenn es die falsche Etage ist, bedeutet das natürlich einen viel leicht uneinholbaren Zeitverlust. Ich kann bis zur zwanzigsten Etage weiterfahren und, wenn sich das Büro des Chefs dort nicht befindet, zurück in die vierte Etage, vorausgesetzt der Fahrstuhl fällt nicht aus, oder die Treppe hinunterlaufen (drei Stufen auf einmal), wobei ich mir die Beine brechen kann oder den Hals, gerade weil ich es eilig habe. Ich sehe mich schon auf einer Bahre ausgestreckt, die auf meinen Wunsch in das Büro des Chefs getragen und vor seinem Schreibtisch aufgestellt wird, immer noch dienstbereit, aber nicht mehr tauglich. Vorläufig spitzt sich alles auf die durch mine Fahrlässigkeit im voraus nicht beantwortbare Frage zu, in welcher Etage der Chef

    OKTOBERKLUB
    DEN ER IN GEDANKEN NUMMER EINS NENNT

    MÜLLER
    einem wichtigen Auftrag auf mich wartet. (Es muß ein wichtiger Auftrag sein, warum sonst läßt er ihn nicht durch einen Untergebenen erteilen.) Ein schneller Blick auf die Uhr klärt mich unwiderlegbar über die Tatsache auf, daß es auch für die einfache Pünktlichkeit seit langem zu spät ist, der Stundenzeiger steht auf Zehn. Mit meiner Uhr scheint etwas nicht zu stimmen,
    aber auch für einen Zeitvergleich ist keine Zeit mehr: ich bin, ohne daß ich bemerkt habe, wo die andern Herren ausgestiegen sind, allein im Fahrstuhl. Ich sehe auf meiner Uhr, von der ich den Blick jetzt nicht mehr losreißen kann, die Zeiger mit zunehmender Geschwindigkeit das Zifferblatt umkreisen, so daß zwischen Lidschlag und Lidschlag immer mehr Stunden vergehn. Mir wird klar, daß schon lange etwas nicht gestimmt hat: mit meiner Uhr, mit diesem Fahrstuhl, mit der Zeit. Ich verfalle auf wilde Spekulationen: Die Zeit ist aus den Fugen und irgendwo in der vierten oder in der zwanzigsten Etage (das Oder schneidet wie ein Messer durch mein fahrlässiges Gehirn) wartet in einem wahrscheinlich weitläufigen und mit einem schweren Teppich ausgelegten Raum hinter seinem Schreibtisch, mit meinem Auftrag der Chef (den ich in Gedanken Nummer Eins nenne) auf mich Versager.

    OKTOBERKLUB (spielt SAG MIR WO DU STEHST)
    GEGENSTANDSLOS

    MÜLLER
    in der Sprache der Ämter, die ich so gut gelernt habe

    OKTOBERKLUB
    BEI DEN AKTEN

    MÜLLER
    die niemand mehr einsehen wird, weil er gerade die letzte mögliche Maßnahme gegen den Untergang betraf, dessen Beginn ich jetzt erlebe, eingesperrt in diesen verrückt gewordenen Fahrstuhl mit meiner verrückt gewordenen Armbanduhr.

    OKTOBERKLUB

    GENOSSE WAGNER
    und zum feierlichen Abschluss unseres Schriftstellerkongresses spielen unsere jungen Genossen vom Oktoberklub SAG MIR WO DU STEHST

    MÜLLER
    Verzweifelter Traum im Traum: ich habe die Fähigkeit, einfach indem ich mich zusammenrolle, meinen Körper in ein Geschoß zu verwandeln, das die Decke des Fahrstuhls durchschlagend die Zeit überholt. Kales Erwachen im langsamen Fahrstuhl zum Blick aut die rasende Uhr. Ich stelle mir die Verzweiflung von Nummer Eins vor. Seinen Selbstmord. Sein Kopf, dessen Porträt alle Amtsstuben ziert, auf dem Schreibtisch. Blut aus einem schwarzrandigen Loch in der (wahrscheinlich rechten) Schlähabe keinen Schuß gehört, aber das beweist nichts, die Wände seines Büros sind natürlich schalldicht, mit Zwischenfällen ist beim Bau gerechnet worden und was im Büro des Chefs geschieht, geht die Bevölkerung nichts an, die Macht ist einsam.

    MÜLLER(R)
    Ich verlasse den Fahrstuhl beim nächsten Halt und stehe ohne Auftrag, den nicht mehr gebrauchten Schlips immer noch lächerlich unter mein Kinn gebunden, auf einer Dorfstraße in Bulgarien. Trockener Schlamm mit Fahrspuren. Auf beiden Seiten der Straße greift eine kahle Ebene mit seltenen Grasnarben und Flecken von grauem Gebüsch undeutlich nach dem Horizont, über dem ein Geim Dunst schwimmt. Wie soll ich meine Gegenwart in diesem Niemandsland erklären. Ich habe keinen Fallschirm vorzuweisen, kein Flugzeug oder Autowrack. Wer kann mir glauben, daß ich aus einem Fahrstuhl nach Bulgarien gelangt bin, vor und hinter mir die Straße, von der Ebene flankiert, die nach dem Horizont greift. Wie soll überhaupt eine Verständigung möglich sein, ich kenne die Sprache dieses Landes nicht, ich könnte genausogut taubstumm sein. Besser ich wäre taubstumm: vielleicht gibt es Mitleid in Bulgarien.(KLARINETTE)
    Wo die Straße in die Ebene ausläuft, steht in einer Haltung, als ob sie auf mich gewartet hat, eine Frau. Ich strecke die Arme nach ihr aus, wie lange haben wir keine Frau berührt, und höre eine Männerstimme sagen DIESE FRAU IST DIE FRAU EINES MANNES. Der Ton ist endgültig und ich gehe weiter. Als ich mich umsehe, streckt die Frau die Arme nach mir aus und entblößt ihre Brüste.

    FRAUGinka

    HEINER
    Sie heißt Ginka

    FRAU
    Ginka Tscholakova

    HAMLETMASCHINA
    (Ein Orchester in Sofia,die Hochzeit in Bötien.Balkanbaroque)

    GINKA
    Soll ich von mir reden
    Ich (Wer ist das)
    Im Regen aus Vogelkot Im Kalkfell
    Oder anders
    Ich eine Fahne ein
    Blutiger Fetzen ausgehängt Ein Flattern Zwischen Nichts und Niemand Wind vorausgesetzt
    Ich Auswurf eines Mannes
    Ich Auswurf Einer Frau Gemeinplatz auf Gemeinplatz
    MEIN GROSSVATER WAR
    IDIOT IN BULGARIEN
    Ich MEINE Seefahrt
    Ich MEINE Landnahme
    Mein Gang durch die Vorstadt Berlin Hauptstadt der DDR
    im Regen aus Vogelkot im Kalkfell und ich bin Dünn von deutschem Fleisch irgendwas zwischen Ich und Nichtmehrich
    Der Himmel über Berlin übt eisige Aufsicht über meine glücklose Landung
    Der Knall der Bierdosen beim Gang durch die Karl Marx Alle
    auf bulgarisch sagt mein KARL MARKS Ich laufe
    zwischen Trümmern und Bauschutt wächst DAS NEUE Fickzellen mit Fernheizung.
    Der Bildschirm West speit Welt in die Studentenstube.
    Verschleiß ist eingeplant. Parade der Zombies perforiert von Werbespots in den Uniformen der Mode von gestern vormittag
    Die Jugend von heute: Gespenster der Toten des Krieges der morgen stattfinden wird AM ALEXANDERPLATZ so hieß auch ein bulgarischer König. Die Kinder entwerfen Landschaften aus Müll. Eine Frau ist der gewohnte Lichtblick ZWISCHEN DEN SCHENKELN HAT DER TOD EINE HOFFNUNG oder der Jugoslawische Traum vom Sozialismus
    Zwischen zerbrochnen Statuen der Karl Marc Allee STALIN LEBT IN OSTBERLIN denk ich auf der Flucht von Bett zu Bett, von Mann zu Mann von Mitko zu James an die kalten Augen der deutschdemokratischen Männer. Finger spielen in der Scheide nachts im Fenster zwischen Stadt und Landschaft irgendwo im Studentenheim bei Straussberg? Ein Wolf stand da auf der Straße während der Busfahrten im Morgengrauen Rechts und links ans Theater.FM hat eine Krise,wartet auf meinen Strich
    Meine GLÜCKLOSE LANDUNG in das Theater meines Todes
    Ich spürte MEIN Blut aus MEINEN Adern treten
    Und MEINEN Leib verwandeln in Landschaft
    Der Rest ist Lyrik Wer hat bessre Zähne
    Das Blut oder der Stein

    (Sie isst mit dem Orchester,später ein Theaterensemble eine Currywurst bei Konnopke)

    JUNGER SCHAUSPIELER
    Heiner sag mal was zu meiner Idee

    MÜLLER
    nee mach mal so weiter

    JUNGER SCHAUSPIELER
    Fritz was denkst du wenn ich jetzt die Axt nehme und das Stalin Gemälde zerhacke

    Ein Regisseur im Vollrausch lallt mit Senf im Gesicht.

    Müller
    HM HM

    REGISSEUR
    Nee wir müssen raus aus diesem Realismus. Corinna könntest du bitte

    CORINNA/L
    Heiner meinte ich soll vor Macbeth in einer Telefonzelle rauchen
    Ostberlin und Schottland werden ein
    Ort des Unglücks

    HEINER
    ja,so postdramatisch rauchen
    rauchen telefonieren und die Stones spielen was in W Berlin
    hinter der mauer

    JUNGER SCHAUSPIELER
    DIE STONES SPIELEN WAS
    KLEINER MENSCH ODER SO

    CORINNA
    Ich leg die als Hund an (ARTURO UI)

    REGISSEUR
    Jetzt fehlt hier nur NOCH
    einer der mechanisch blechern auf einem Ton in einem ungewöhnlichen kostum oder Nacht Medea Material runterleiert

    ES KOMMT JMD IN KOSTUM UND LEIERT BLECHERN MEDEAMATERIAL

    MÜLLER
    Guten Tag hab sie heute Morgen im Deutschen Theater gesehen

    GINKA
    Vogelkot und Kalkfell Bulgarische die Folklore
    und vergessen und vergessen und vergessen

    MÜLLER
    Ja das ist von mir.Ich bin der Heiner, Frank krieg ich deine
    Currywurst
    DIE REVOLUTION IST DIE MASKE DES TODES DER TOD IST DIE MASKE DER REVOLUTION

    GINKA
    Znam.Kenn ich

    MÜLLER
    Ich bin Heiner
    VERGESSEN BUDAPEST PRAGdas Gespenst des KOMMUNISMUS
    VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN

    GINKA
    Kenn ich
    (beschimpft Konnopkebeekäuferin auf bulgarisch,die Wurst war schlecht)

    MÜLLER
    Ich bin Heiner
    WO BLEIBEN DEN DIE PANZER DACHTE ICH
    SIE MÜSSEN KOMMEN DIE UNS GEBOREN HABEN
    FÜNFUNDVIERZIG

    GINKA
    Kenn ich

    MÜLLER
    …also ich bin der Heiner und ich…hoffentlich kommt jetzt eine Schauspieler, der mit blecherner Stimme einen hochkomplexen Text laut Zeit und TAZ von mir interpretiert.

    REGISSEUR
    in den Garderoben hängen die Schauspiele ihr Gesicht an den Haken

    JUNGER SCHAUSPIELER
    Ginka und Heiner
    Kennengelernt haben sie sich in Ostberlin
    Die Ginka hat da gerade

    BETTINA
    Theaterwissenschaften studiert
    kennengelernt haben sie sich in einer Kneipe
    am Straussberger Platz während

    JUNGER SCHAUSPIELER
    einer Schlägerei zwischen jungen Studenten HO HO CHI MIN
    und alten Männern DIE PARTEI DIE HAT IMMER RECHT mit roten Gesichtern und schlechtsitzenden Anzügen

    BETTINA
    DEDERON OBERON das verzerrt in junge fressen schlägt
    vor den Vätern sterben die Töchter

    GINKA SCHLÄGT SICH MIT ALTEN GENOSSEN
    WÄHREND SIE IHRE SCHLACHT SCHLÄGT

    MÜLLER
    Das Gefühl des Scheiterns, das Bewußtsein der Niederlage beim Wiederlesen der alten Texte ist gründlich. Versuchung, das Scheitern dem Stof anzulasten, dem Material. Europa ist eine Ruine, in den Ruinen werden die Toten nicht gezählt. Die Wahrheit ist konkret, ich atme Steine. Leute, die ihre Arbeit machen, damit sie ihr Brot kaufen können, haben für solche Betrachtungen keine Zeit. Aber was geht mich der Hunger an. Uneinholbarkeit des Vorgangs durch die Beschreibung; Unvereinbarkeit von Schreiben und Lesen; Austreibung des Lesers aus dem Text. Puppen, mit Wörtern gestopft statt mit Sägemehl. Herzfleisch. Das Bedürfnis nach einer Sprache, die niemand lesen kann, nimmt zu. Wer ist niemand. Eine Sprache ohne Wörter. Oder das Verschwinden der Welt in den Wörtern. Stattdessen der lebenslange Sehzwang, das Bombardment der Bilder die Augenlider weggesprengt. Das Gegenüber aus Zähneknirschen, Bränden und Gesang. Die Schutthalde der Literatur im Rücken.
    Das Verlöschen der Welt in den Bildern

    GINKAdas gefällt mir
    ein neues stück
    hast kalte augen
    welches theater
    schlaf mit mir
    besetzung schon raus
    liebe das meer
    wer inszeniert
    tanz aus dem herzen
    hast du musik

    SCHAUSPIELER/BETTINA
    einer der alten genossen schläger war erich mielke
    ginka wurde nach bulgarien ausgewiesen
    FEINDIN UNSERER REPUBLIK
    feindlich negativ dekadent
    sind das die Stones

    HEINERfass sie nicht an
    DIE PLATTE MANN
    fass in mich
    heirate mich

    (DAS HOCHZEITSGESCHENK LSD IN SOFIA.EIN STAATSBEGRÄBNIS.GINKA FÄHRT EIN AUTO NEBELcasettendeck qualmt.)

    GINKA
    ich sitze in einem auto RUSSISCH

    HEINER
    und wir fahren durch sofia
    wir nehmen LSD und da ist es
    die tür öffnet sich und wir stehen an der schwarzmeerküste und
    ich schreie
    BLABLA
    und

    GINKA
    EBEM MU MATER (fick deine Mutter)TODOR
    ovo je delo
    DAS IST DAS WERK
    es ist gerade jemand gestorben
    und wir lieben uns und schreiben
    und wir schreiben und lieben uns
    ich sitze in einem auto wir feiern eine

    BULGARISCHE HOCHZEIT

    CAJE ŠUKARIJE ORCHESTER. RAKIJA UND REVOLVER,
    FAHNEN UND GELD,NUN ENDLICH BALKANBAROCKEin grosse Hochzeitsgesellschaft.

    MÜLLER
    Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung

    GINKA UND MÜLLER
    BLABLA

    GINKA
    Im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein, Mörder und Witwe ein Paar, im Stechschritt hinter dem Sarg des Hohen Kadavers die Räte,heulend in schlecht bezahlter Trauer

    MÜLLER
    Ich stoppte den Leichenzug, stemmte den Sarg mit dem
    Schwert auf, dabei brach die Klinge, mit dem stumpfen Rest gelang es, und verteilte den toten Erzeuger FLEISCH UND FLEISCH GESELLT SICH GERN an die umstehenden Elendsgestalten.

    GINKA
    Die Trauer ging in Jubel über, der Jubel in Schmatzen, auf dem leeren
    Sarg besprang der Mörder die Witwe SOLL ICH DIR HINAUFHELFEN ONKEL MACH DIE BEINE AUF MAMA. Ich legte mich auf den Boden und hörte die Welt ihre Runden drehenim Gleichschritt der Verwesung.
    Sag was auf Englisch!

    MÜLLER
    I’M GOOD HAMLET ZWEITER CLOWN IM KOMMUNISTISCHEN FRÜHLING SOMETHING IS ROTTEN IN THIS AGE OF HOPE

    GINKA
    LETS DELVE IN EARTH AND BLOW HER AT THE MOON
    Die Hähne sind geschlachtet. Der Morgen findet nicht mehr statt.
    Ich will die Leiche in den Abtritt stopfen, daß der Palast erstickt in königlicher Scheiße.

    MÜLLER
    Dann laß mich dein Herz essen, Ophelia, das meine Tränen weint.

    GINKA
    Willst du mein Herz essen, Hamlet.

    HEINER
    sächsisch Na klar.
    Ich will eine Frau sein.

    INGE
    Aus dem Sarg. Was du getötet hast sollst du auch lieben.
    Der Tanz wird schneller und wilder. Gelächter aus dem Sarg.

    HEINER
    Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr. Meine Worte haben mir nichts mehr zu sagen. Meine Gedanken saugen den Bildern das Blut aus. Mein Drama findet nicht mehr statt. Hinter mir wird die Dekoration aufgebaut. Von Leuten, die mein Drama nicht interessiert, für Leute, die es nichts angeht. Mich interessiert es auch nicht mehr. Ich spiele nicht mehr mit.

    GINKA
    Heiner. Mein Drama, wenn es noch stattfinden würde, fände in der Zeit des Aufstands statt. Der Aufstand beginnt als Spaziergang. Gegen die Verkehrsordnung während der Arbeitszeit. Hier und da wird ein Auto umgeworfen. Polizisten, wenn sie im Weg stehn, werden an den Straßenrand gespült. Gruppen bilden sich, aus denen Redner aufsteigen. Aus dem Ruf nach mehr Freiheit wird der Schrei nach dem Sturz der Regierung. Man beginnt die Polizisten zu entwaffnen, stürmt zwei drei Gebäude, ein Gefängnis eine Polizeistation ein Büro der Geheimpolizei, hängt ein Dutzend Handlanger der Macht an den Füßen auf, die Regierung setzt Truppen ein, Panzer.

    MÜLLER
    Ginka…Mein Drama hat nicht stattgefunden. Das Textbuch ist verlorengegangen. Die Schauspieler haben ihre Gesichter an den Nagel in der Garderobe gehängt. In seinem Kasten verfault der Souffleur. Die ausgestopften Pestleichen im Zuschauerraum bewegen keine Hand. Ich gehe nach Hause und schlage die Zeit tot, einig/Mit meinem ungeteilten Selbst.
    Hast du noch LSD

    GINKA
    Ist alle

    HEINER
    RÜCKKEHR NACH OSTBERLIN 1976

    GINKA
    DIE DEPRESSION DER WEIN WIRD LSD
    ICH LEGE EINE PLATTE AUF

    HEINER
    FICKZELLEN ÖFFNEN SICH FERNSEHEH DERTÄGLICHE EKEL

    MÜLLERwie sagt man ekel auf bulgarisch

    GINKA
    vergessen und vergessen und vergessen

    (FICKZELLEN ARD BRD IRGENDWANN TAUCHT MANFRED KRUG AUF
    DRAUSSEN IST ALLES GRÜNN,DRINNEN IST ALLES GRAU SCHLAGER AM ENDE DER FAHNENSTANGE)

    MÜLLER/FRANK
    Fernsehn
    Der tägliche Ekel
    Ekel Am präparierten Geschwätz
    Am verordneten Frohsinn
    Wie schreibt man GEMÜTLICHKEIT
    Unsern Täglichen Mord gib uns heute.
    Denn Dein ist das Nichts
    Ekel an den Lügen die geglaubt werden
    von den Lügnern und niemandem sonst

    MÜLLER/ROS
    Ekel
    An den Lügen die geglaubt werden
    Ekel
    an den Visagen der Macher gekerbt
    Vom Kampf um die Posten Stimmen Bankkonten
    Ekel
    Ein Sichelwagen der von Pointen blitzt

    MÜLLER/LAURA
    Geh ich durch Straßen
    Kaufhallen Gesichter
    Mit den Narben der Konsumschlacht
    Armut Ohne Würde
    Armut ohne die Würde
    Des Messers des Schlagrings der Faust

    MÜLLER/JENNY
    Die erniedrigten Leiber der Frauen,Hoffnung der Generationen
    In Blut Feigheit Dummheit erstickt
    Gelächter aus toten Bäuchen
    Heil COCA COLAEin Königreich
    Für einen Mörder

    GINKA
    Komm lass uns etwas Antikes proben
    wir brauchen einen Antiken Stoff
    ein Chor
    Könntet ihr bitte alle kommen
    hier die Text
    R kannst du bitte einatmen
    also auf eins…eins…nee nochmal das war nicht auf eins
    tut mir leid ich habe dich nicht gehört
    ich komm mal zu dir rüber

    CHOR

    GINKA
    DAS IST DOCH SCHEISSE
    WIR BRAUCHEN WAS DIREKTES
    Zuviele Sprachbilder
    hier streichen
    hier streichen
    das auch weg
    vielleicht das raus und das rein

    THEATERPROBEN

    JUNGER SCHAUSPIELER
    Gong Gong Gong
    Theaterproben Ginka und Heiner
    am Deutschen Theater an der Voklsbühne am Maxim Gorki Theater
    DIE SCHAUSPIELER SPIELEN HEINER RAUCHT GINKA RAUCHT
    GINKA SUCHT SICH EINEN MANNHEINER SUCHT SICH EINE FRAU

    (THEATER 71-77.ZEMENT (russischer Bürgerkrieg)DIE SCHLACHT (der zweite weltkrieg)
    PHILOKTET (das antike zu zweit) geschichte der männer und der frauen
    Ginka faltet einen Schauspieler zusammen.Heiner raucht und korrogiertt EINEN SATZ PRO KOPF

    MÜLLER
    …haben wir noch Whisky

    GINKA
    Ist alle
    OSTBERLIN 1976 NEUE WOHNUNG AM TIERPARK
    er glotzt auf den Bärenzwinger
    ich korrigiere ihn und streiche mich
    die junge Schauspielerin steht vor der Tür
    dick der Bauch meiner ist flacher
    wache in Betten auf nicht meine
    DIE DEPRESSION nicht schon wieder hör ich ihn sagen
    DER WEIN schlecht und billig hör ich mich sagen
    AB UND ZU LSD
    Wenn ein Westverleger sich zehn Seiten in den Schlüpfer näht
    ICH LEGE EINE PLATTE AUF Lizenzdruck Jugoton
    ist jetzt unser jugoslawischer Traum
    die Seite springt unsere Sätze auch
    Wo warst du gestern
    Wo warst du gestern
    Schweigende FICKZELLEN ÖFFNEN SICH DAS FERNSEHEH DERDDR DER BRD der TÄGLICHE EKEL er sieht den Bären beim kopulieren zu
    ich rieche nur ihre Scheisse
    die Proben laufen schlecht
    der Kommunismus schlechter
    Sendeschluss PEEP

    MÜLLER(uneinsichtig halbnackt)
    In der Einsamkeit der Flughäfen
    Atme ich auf Ich bin Ein Privilegierter Mein Ekel Ist ein Privileg

    GINKA(vorwurf)
    Beschirmt mit Mauer
    Stacheldraht Gefängnis

    MÜLLER
    Ich will in meinen Adern wohnen, im Mark meiner Knochen, im Labyrinth meines Schädels. Ich ziehe mich zurück in meine Eingeweide. Ich nehme Platz in meiner Scheiße, meinem Blut. Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich wohnen kann in meiner Scheiße. Irgendwo werden Leiber ge-öffnet, damit ich allein sein kann mit meinem Blut. Meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn. Mein Gehirn ist eine Narbe. Ich will eine Maschine sein. Arme zu greifen Beine zu gehn kein Schmerz kein Gedanke.

    GINKA
    Aha…Ich geh in Westen.
    Zdravo.

    (Sie geht.)

    MÜLLERROBERT
    Im Sommer 197.. sah ich in einem Garten in Bulgarien eine Katze eine Heuschrecke töten. Im Keller, der aus mehreren Räumen bestand, einer davon mit einem Tisch und Stühlen ausgestattet, ein kühler Aufenthalt im Sommer, stand ein Radio. Ich hatte einen Sender mit arabischer Musik gefunden und das Gerät auf die volle Lautstärke eingestellt, da ich auf Nachbarn keine Rücksicht nehmen mußte: das Haus stand einsam zwischen Bergen. Die Katze lag auf der Treppe, die vom Keller zum oberen Teil des Gartens führte, und sonnte sich. Sie hatte die Heuschrecke nicht gesehn. Nachdem ich sie ihr gezeigt hatte, geschah lange Zeit nichts dann lief sie zwischen den Türpfosten hin und her, wimmernd und die Heuschrecke im Blick, mit kleinen Sprüngen wie Tanzschritte. Die Kinnbacken bebten, an den Barthaaren glänzte Speichel. Schließlich sprang sie, in zunehmend kürzeren Abständen, abwechselnd am linken und rechten 'Türpfosten hoch. Die Katze spielte mit ihr, vorsichtig und aufmerksam, die Krallen eingezogen. Zuerst versuchte die Heuschrecke noch zu springen. Die Katze bremste den Sprung mit einer Pfote, die Krallen immer noch eingezogen, so daß die Heuschrecke nur auf die nächste Treppenstufe zu liegen kam, wo die Katze das Spiel fortsetzte, indem sie das Insekt zunehmend schneller zwischen ihren Pfoten hin und her warf. Beim nächsten Sprung erreichte die Heuschrecke die nächste Stufe nicht mehr. Die Katze nahm sie vorsichtig ins Maul, trug sie zwei Stufen höher, legte sie ebenso vorsichtig ab, wartete geduldig, bis das halb betäubte Opfer sich wieder bewegte, biß der Heuschrecke ein halbes Sprungbein ab, einen Fühler, und gab sie wider frei. Daß ich mich neben sie hockte, um alles genau zu sehn, störte sie nicht. Ich dachte, selbst in einer Art von Trance durch die Musik der Wüste, die mir jetzt lauter vorkam, obwohl ich von dem Radio im Keller weiter entfernt war, an ein Buch aus meiner Kinderzeit, eine Nacherzählung der Nibelungensage, mein Held war Hagen von Tronje, der Verräter aus True, nicht der Traumtäter Siegfried, mit Illustrationen im Vierfarbendruck, der das Rot der Schwertwunden besonders gut zur Geltung brachte.

    REISE REISE REISE
    (Wolf Biermann im Kölner Sporthalle.Spricht Text und spielt Gitarre.Ein Umzugswagen wird schwer bepackt mit dreißig Jahren Leben im realen Sozialismus)

    BIERMANN:
    Liebe Genossonnen und Genossen der IG MEtall
    Kreisverband NRW liebe Mitstreiter innen und Mitklampfer
    (ICH KANNS NICHT HÖREN) liebe Freunde und Freundinnen des Ortsverbandes der Grünen Köln Mühlheim und Bonn Beuel, Genossen der DKP die ihr den Mut hattet, trotz Ostberliner
    UKAS (liebe westdeutsche Freunde/innen Ukas ist ein russischer Begriff für BEFEHL VON OBEN, da habe ich 1965 mal ein Kurzgedicht dazu geschrieben,Florian hat es mit einer Grafik untermalt FLORI ZEIG DOCH MAL BITTE DIE GRAFIK.FLORIAN HAWEMANN ZEIGT EINE GRAFIK. EINE STASIGIRAFFE OPERATIVT IHN
    Genossinnen und Genosen, haha NOsen bezieht sich auf Nase also auf Gogols
    also äh Gogols Parodien einer hiarchiachen Zwangsgesellschaft
    in Russland also äh auch der Sowjetunion.Apropos Sowjetunuion. ich habe auch eine bescheiden Bearbeitung von Bulat Okudshawas XXX im Gepäck und spiel es ganz kurz an
    Musik von Mir
    Text von Mir
    Gesamt ich
    Ich bin sehr stolz hier in Köln auftreten zu können,so als Hamburger Elbjung in der Domstadt
    Ein Lied zu dem leidigen Thema Kirche im Nationalsozialismus
    (ER SPIELT ES AN)… ich bin sehr gerührt aufgewühlt dass ich nun heute in der Kölner Stadthalle vor euch stehen und Klampfen kann in einer Zeit in der sich die USA und Russland waffenstarrend
    gegenüberstehen, unsere gemeinsame Welt gefährdet ist von atomarer Wettrüstung (dazu habe ich ein Lied komponiert) aber heute,heute kann ich nicht für euch spielen
    soeben hat mich aus Ostberlin (dazu habe ich ein Lied komponiert)
    eine Nachricht der Alten Männer erreicht das
    ich ausgebürgert wurde
    ach ich rede zu lang
    das Lied von den Allten Männer,den alten Genossen
    AN DIE ALTEN GENOSSEN

    HEINER
    Der Liedermacher Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter

    WOLF
    Manne was denn du gehst auch

    KRUG
    Ja klar,dreh hier nur noch Schrott und hab ein super Angebot für eine Truckerserie AUF ACHSE (zitiert daraus)

    HEINER
    IST ABER NICH SPUR DER STEINE

    KRUG
    is mir scheissegal…willste meinen biedermeiertisch für 12000 kaufen
    oder meinen Volvo für 30000 hast doch nen Preis bekommen

    WOLF UND HEINER
    Versoffen

    HEINER
    THOMAS DU AUCH

    THOMAS
    JA ich muss raus und die Katie kommt auch mit
    KATIE!

    HEINER
    ABER DU WEISST SCHON DASS ES IM WESTEN AUCH EINE ZENSUR GIBT

    THOMAS
    Thomas antwortet vor den Vätern sterben die Söhne
    nimmt ne Line redet was von Filmprojekten und dass er ne Vision
    EISENEGEL GLADOWBANDE die Revolution gibt’s nich nur noch die Kriminialität und Deogensucht erschüttert die Werteschöpfung der
    Auschwitz AG
    und ich erzähle noch

    KATIE
    das er denn bayrischem Filmpreis bekommt und bei der Überreichung Franz Josef Strauß in die fette feiste Fresse sagt:

    THOMAS
    Ich danke der Filmhochschule in Babelsberg DDR

    BETTINA
    THOMAS WARTE UFF MICH,WAT IS KATIE HASTEN PROBLEM

    KATIE
    NEE ICK TRENN MICH SOWIESO VON NACH DREI MONATEN IN WESTBERLIN

    BETTINA
    Mensch ick hab den geliebt und n Kind ooch

    KATIE
    Hab ick ooch,geliebt und Kind von ihm
    sag mal Thomas hat die Bettina nich alle Joan Baez Platten von dir

    THOMAS
    und nen Dylan

    BETTINA
    Glubschaugen und ne diese Lache
    machst bestimmt damit Karriere im Westen

    HEINER
    Bettina du auch?

    BETTINA
    Ja wenn alle meine Freunde jehen wat soll ick noch hier
    ooch wenn’s mein Staat is,in dem ick leben wollte aber musste
    mehr geliebt hab ick den als den bunten
    da mit den janzen alten nazibonzen in gelben pullovern
    Ick hab da mal ein Lied geschrieben
    BETTINA SPIELT EIN LIED ÜBER DIE DIE GEHEN
    ALLE HÖREN ZU

    (Auftritt Merteuil Laura)

    AUF DEN FLUGHÄFEN BAHNHÖFEN (FRANKFURT TOKYO SAN DIEGO)
    Ein Salon in Paris vor der französischen Revolution.
    Müller wird von Müllers neu eingekleidet.

    VALMONT
    Herr Müller ihr neuer Pass
    Sie können unbegrenzt aus der DDR in alle Staaten des NSW reisen

    MERTEUIL(L)
    Städte Länder Landschaften ändern sich
    Frankfurt Kalifornien Westberlin

    MÜLLER/ROS
    Nachtzug Berlin Friedrichstraße FrankfurtMain
    Nach der Fahrt durch die lichtlose Heimat der Hass auf die Lampen
    Dass die Leiche so bunt ist! Ich bin der Tod ich komme aus Asien

    MÜLLER/JULIA
    Manchmal wenn ich meine Privilegien genieße zum Beispiel im Flugzeug
    Whisky von Frankfurt nach Westberlin überfällt mich was die Idioten vom
    SPIEGEL meine wütende Liebe zu meinem Land nennen

    MÜLLER/EMIL
    Tokyo Osaka Express auf dem Bahnsteig zwischen den Zügen thront ein junger Mann,sein Reich ein Abfallkübel.Die Kleidung ist verdreckt wahrscheinlich stinkt er,sein Gesicht leer keine Freude kein Schmerz:Er ist aus dem rennen.

    MÜLLER/FRANK
    Habe Zahnfäule in Paris
    etwas frisst an mir
    Ich rauche zu viel
    Ich trinke zu viel
    Ich sterbe zu langsam

    MERTEUIL(Bringen Bild hinein)
    Ab der Ausreise Biermanns und vieler Freunde beginnt Müller
    sich in introspektivische Texte zu äußern

    VALMONT
    hermeneutisch postmodern

    MERTEUIL VALMONT
    Bildbeschreibung…
    eine landschaft zwischen steppe und savanne,der himmel preussischblau
    eine frau engel der nagetiere die kiefer malen wortleichen und sprachmüll
    die frau steht bis über das knie im nichts amputiert vom bildrand oder wächst
    sie aus dem boden ein sturm scheint aus dem haus zu kommen zieht die frau den
    sturm an oder ruft sie ihn hervor mit ihrer erscheinung,der auf sie gewartet hat
    in der asche des kamins

    MÜLLER/ROBERT
    Bei der Vorbeifahrt am Schlosspark Charlottenburg plötzlich die Trauer
    Die Bäume gehören den Toten INGE!
    Gestern an einem sonnigen Nachmittag als ich durch die tote Stadt Berlin fuhr,heimgekehrt aus irgendeinem Ausland,hatte ich zum erstenmal das
    Bedürfnis meine Frau auszugraben aus ihrem Friedhof
    Zwei Schaufeln voll habe ich selbst auf sie geworfen
    Und nachzusehen was von ihr noch daliegt
    Knochen die ich nie gesehen habe
    Ihren Schädel in der Hand zu halten und mir vorzustellen was ihr Gesicht war hinter der Maske die sie getragen hat
    durch die tote Stadt Berlin und andere Städte

    MERTEUIL
    Herr Müller die Preisverleihung beginnt gleich
    MÜLLER TRINKT WHISKY

    MÜLLER/ROBERT
    Ich habe dem Bedürfnis nicht nachgegeben aus Angst vor der Polizei und dem Klatsch meiner Freunde

    MERTEUIL
    Kommen sie bitte Herr Müller die Preisverleihung

    (KULTURPROGRAMM,WIE ADLIGEN AUF BÜHNENSITZ BRINGEN,ZIGARRE REICHEN UND WHISKY,sein königsstab und zepter)

    MERTEUIL
    Wollen wir einander aufessen, Valmont, damit die Sache ein Ende hat, bevor Sie ganz geschmacklos werden.

    VALMONT
    Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß ich schon gespeist habe, Marquise.
    Die Präsidentin ist gefallen.

    MERTEUIL
    Die ewige Gattin.

    VALMONT
    Madame de Tourvel.

    MERTEUIL
    Sie sind eine Hure, Valmont.

    VALMONT
    Ich bin ein Dreck. Ich will Ihren Kot essen.

    MERTEUIL
    Dreck zu Dreck. Ich will, daß Sie mich anspein.

    VALMONT
    Ich will, daß Sie Ihr Wasser auf mich lassen.

    MERTEUIL
    Ihren Kot.

    VALMONT
    Beten wir, Mylady, daß die Hölle uns nicht trennt.

    MERTEUIL
    Und jetzt wollen wir die Präsidentin sterben lassen, Valmont, an ihrem ver
    geblichen Fehltritt. Das Damenopfer.

    LAURA
    Ich habe mich Ihnen zu Füßen gelegt, Valmont, damit Sie nicht mehr strau-cheln. Sie haben
    mich getauft mit dem Parfüm der Gosse. Aus dem Himmel meiner Ehe habe ich mich in den
    Abgrund Ihrer Begierden geworfen zur Rettung dieser Jungfrau. Ich habe Ihnen gesagt, daß
    ich mir den Tod geben werde.Sie sind mein Mörder, Valmont.

    JONAS
    Bin ich das. Zu viel Ehre, Madame. Sie sind nicht zu kalt für die Hölle,
    wenn ich nach unsern Bettspielen urteilen darf. Und was der Pöbel Selbstmord nennt, ist die Krone der Masturbation. Sie gestatten, daß ich mein Lorgnon zu Hilfe nehme, damit ich das Schauspiel besser betrachten kann, Ihr letztes, Königin, mit Furcht und Mitleid. Ich habe Spiegel aufstellen lassen, damit Sie im Plural sterben können.

    LAURAo
    Ich werde meine Adern öffnen wie ein unge-lesenes Buch. Sie werden es lesen lernenIch werde es mit einer Schere machen, weil ich eine Frau bin. Jeder Beruf hat seinen eigenen Humor. Sie können sich mit meinem Blut eine neue Fratze schminken. Ich werde einen Weg zu meinem Herzen suchen durch mein Fleisch. Den Sie nicht gefunden haben, Valmont, weil Sie ein Mann sind, Ihre Brust leer, und in Ihnen nur das Nichts wächst. Ihr Leib ist der Leib Ihres Todes, Valmont. Eine Frau hat viele Leiber. Ihr müßt es euch ab-zapfen, wenn Ihr Blut sehen wollt. Der Neid auf die Milch unsrer Brüste ist, was euch zu Schlächtern macht.

    Ich habe Sie geliebt, Valmont. Aber ich werde eine Nadel in
    meine Scham stoßen, bevor ich mich töte, um sicherzugehn, daß in mir nichts wächst, was Sie
    gepflanzt haben, Valmont. Sie sind ein Ungeheuer, und ich will es werden. Grün und
    aufgeschwemmt von Giften werde ich durch Ihren Schlaf gehn. Ich werde für Sie tanzen,
    schaukelnd am Strick. Mein Gesicht wird eine blaue Maske sein. Die Zunge hängt heraus. Den
    Kopf im Gasherd werde ich wissen, daß Sie hinter mir stehen mit keinem andern Gedanken als
    wie Sie in mich hineinkommen, und ich, ich werde es wollen, während mir das Gas die Lungen
    sprengt. Es ist gut, eine Frau zu sein, Valmont, und kein Sieger. Wenn ich die Augen schließe,
    kann ich Sie verfaulen sehn. Ich be-neide Sie nicht um die Kloake, die in Ihnen wächst, Valmont.
    Wollen Sie mehr wissen. Ich bin ein sterbendes Konversationslexikon, jedes Wort ein Klumpen
    Blut.

    JONAS
    Tod einer Hure. Jetzt sind wir allein Krebs mein Geliebter.

    VALMONT
    Hiermit überreichen wir den diesjährigen Kleistpreis an den hochgeschätzten Dramatiker Heiner Müller für seine Reflexion der Rolle des Intellektuellen in einer Stillstandszeit.Es geht Müller nicht mehr um die Linearität einer Fabel mit dem marxistischen Anspruch auf Erfassung gesellschaftlicher Totalität.

    MERTEUIL
    Seine Ausschnitte von Wirklichkeit werden immer enger bis zur
    Mikrowelt der Geschlechterbeziehungen in Bildbeschreibung und Quarttet,der Zuschnitt auf sich selber immer präziser.Der Autor wird zum Protagonisten.Wussten sie eigentlich das Quarttet zu ihren erfolgreichsten Stücken in der Bundesrepublik gehört

    IM HESSISCHEN HOF 1985

    MÜLLER/JULIA
    Ich hocke wie ein Vogel schief und krumm IM HESSISCHEN HOF der
    Büchner Preis angebrochen im dünnen Couvert
    Ich hab einen Traum in meinem Traum spricht INGE
    dirigiert den großen Vogelchor BRÜDER ZUR SONNE ZUR FREIHEIT
    und wir singen so laut im hessischen Hof, dass es schallt

    INGE UND MÜLLER
    der Genosse Stalin ist mein Vater
    ich bin ein träumendes Kind
    mein Traum vom Kommunismus beginnt in Leuna 1920

    INGEdie Bonner interessierts n scheiss
    hinter der Elbe lag für sie schon immer Asien
    …
    MÜLLER/JULIA
    Im Hotelrestaurant NICHT DAS GANYMED sitzt die Unschuld der Reichen
    Der gelassene Blick auf den Hunger der Welt
    mein Platz ist zwischen den Stühlen
    Ich träume:Die faltige Kehle der Witwe vom Nebentisch
    Aufzuschneiden mit dem Messer des Kellners
    Der ihr den Lammrücken vorschneidet
    Ich Werde auch diese Kehle nicht aufschneiden
    Mein Leben lang were ich nichts dergleichen tun
    Ich bin nicht Jesus mit dem Schwert bringt Ich BIN MÜDE INGE SPRICH BITTE WEITER

    INGE
    Die Lügen der Dichter sind aufgebraucht vom Grauen des Jahrhunderts
    An den Schaltern der Weltbank riecht das getrocknete But wie kalte Schminke
    Der schlafende Penner vor ESSO SNACK&SHOP Widerlegt die Lyrik der Revolution, du fährst im Taxi vorbei, du kannst es dir leisten. Benn hatte gut reden, er hat mit seinen seinen Gedichten kein Geld verdient und krepiert ohne Haut- und Geschlechtskrankheiten .In der Nacht im Hotel ist deine Bühne, ungereimt kommen die Texte, die Sprache verweigert den Blankvers vor dem Spiegel zerbrechen die Masken, kein Schauspieler nimmt dir den Text ab. Du bist das Drama. Jetzt habe ich Lust auf einen Schnaps du noch Geld vom Büchner Preis

    MÜLLERja bitte

    INGE
    bitte einen sljivovitz

    HEINER
    und sozialismus

    INGE
    wir malen unseren jugoslawischen traum

    HEINER
    sozialismus mit menschengesicht

    INGE
    im weltraum kreist ein hund
    wie siehts aus da oben

    HEINER
    gut

    INGE
    Schnürboden!

    BILD FÄHRT HINUNTERHEINER UND INGE MALEN AM RESTKOMMUNISMUS
    HINTERER WAGEN FÄHRT RAUS.HEINER VOM ANFANG LIEGT DA,
    BEIM IHM DIE KRANKENSCHWESTER.BUSCH LEISE
    VIDEO DEUTSCHE EINHEIT IWÄHRENDESSEN WERDEN MAUERN GEÖFFNET UND DENKMÄLER GESCHLIFFEN,BILDER GESCHWÄRZT. BERLIN ALEXANDERPLATZ.
    GROSSDEMONSTRATION.

    OSTBERLIN 1989

    KRANKENSCHWESTER SONJA
    Ein Horizont aus Panzern ist der Deutsche
    Der auf dich zufährt so ein Himmel aus
    Flugzeugen ist der Deutsche und ein Teppich
    aus Bomben Du wirst ihn selber sehn Und eh du aufwachst
    Vom nächsten Schlaf Und vielleicht wachst du nicht auf Vom nächsten Schlaf
    Wart nur auf den Deutschen
    Der Deutsche greift nicht an da wo du glaubst
    Das hat er nicht gern
    Und was hat er gern
    Der Deutsche
    In die Zange nimmt er dich
    Der Deutsche
    Der neue Krieg steht im Beginn
    Ein Schrei ging um Die Deutschen wie ein Echo

    BETTINA
    Auf dem Bildschirm sehe ich meine Landsleute
    Mit Händen und Füßen abstimmen gegen die Wahrheit
    Die vor vierzig Jahren mein Besitz war
    Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend

    GINKA/MÜLLER
    Im Fernsehen die Verhaftung Erich Honeckers nach der Krebsoperation am Tor der Charité.
    Ich sehe die Bilder und denke and Rambows Theaterplakate in Frankfurt, Hauptstadt der Banken und der Prostitution und, eine kurze Zeit lang, des politischen Theaters in der Bundesrepublik
    Ich seh auf dem Dach des Haus des Reisens links oben flatternd das
    NEUE DEUTSCHLAND eine Zeitung ohne Leser; verlorenes Bramsegel der sozialistischen Totgeburt.

    INGE
    In der Valuta-Bar des Hotels METROPOL Berlin Hauptstadt der DDR bemüht sich eine Hure um einen Greis mit Schnupfen. Zwischen den Kapiteln seines Vortrags „Über die Freiheit in den USA“ rotzt er ins Taschentuch und schreit nach dem Abfalleimer. Ich höre zwei Geschäftsreisende Bayern dem Geräusch nach Asien verteilen:
    ALSO MALAYSIA TAT MIR GFALLN
    THAILAND AUCH KOREA GHÖRT DAZU
    ALSO DAS KREUZSCHIENENSYSTEM FÜR DEN JEMEN TÄT ICH NOCH PLANEN
    DANN HAT SICH DIE SACHE
    CHINA GHÖRT AUCH DAZU
    CHINA IST ALS EINZIGES PROJEKT VERKAUFT WORDN

    GINKA
    In der S- Bahn ZOOLOGISCHER GARTEN FRIEDRICHSTRASSE
    habe ich zwei DDR-Bürger kennengelernt: Einer erzählt
    Mein Sohn drei Wochen alt wurde geboren mit einem Schild vor der Brust
    ICH WAR AM NEUNTEN NOVEMBER IM WESTEN
    Meine Tochter gleichaltrig (Ich habe Zwillinge) trägt die Aufschrift
    ICH AUCH

    BETTINA
    AUF DEM BILDSCHIRM BERLIN ALEXANDERPLATZ
    DIE GROSSE DEMONSTRATION
    EIN MANN MIT PAPIER IN DER HAND
    STEHT IM REGEN UND STOTTERT
    ICH SPIELE DAZU auf grosse Plätze traue ich mich nicht

    MÜLLER (FRANK)
    Ich äh…also ich würde hier gerne eine Forderung der unabhängigen Gewerkschaften vorlesen

    INGE
    Der Autor steht auf der Tribüne
    Sieht sich, sieht die ausgerissenen Fingernägel des Janos Kadar
    der die Panzer gegen sein Volk rief als es anfing


    EMIL
    Der Autor sieht sein Sterben BONES AND SHOES das Fernsehn war dabei auf demAlexanderplatz

    MÜLLER/ROBERT
    Der Autor sieht sich verscharrt mit dem Gesicht zur Erde sein
    Sein BudaPest 1956 heißt nun Alexanderplatz 1989(auf den Boden)
    in der zittrigen Hand hält er den zu grossen Zettel

    MÜLLER/FRANK
    Der Autor verlässt die Tribüne läuft durch die leere Stadt
    Ein junger Mann kommt und schlägt ihm ins Gesicht
    Er schlägt ihn nochmal ins Gesicht.Das Brillenglas splittert.

    JUNGER SCHAUSPIELER/EMIL
    Der junge Mann schlägt ihm erneut in das Gesicht
    er hat den Autor erkannt
    Glas bohrt sich in Hand.

    MÜLLER/GINKA
    Ein Autor quickt wie eine Sau.
    So sterben Götter
    lacht der Junge Mann
    Du rote Sau
    Der junge Mann schlägt ihm ins Gesicht
    Die Tribüne ist längst abgebaut

    MÜLLER/ROBERT
    Menschen sitzen vor Bildschirmen
    Der Platz ist leer
    leicht der Regen
    mein Quiecken
    hört man nicht
    ich gehe Tiere anschauen

    MÜLLER/FRANK
    FERNSEHEN in der Charite nehm mein Ende vorweg
    Blixa Bargeld spielt seine Melodien
    Sechs Betten im kalten Weiß stehen nun in kalifornischer atomverseuchten Wüste death and destruction in Mitte
    Eine SONDE BOHRT SICH IN MEINE KREBSKAMMER NICHT DIE
    DIE SOWJETMACHT UND
    HELLT MEIN HERZ NICHT AUF
    MEIN ABC IST MIT
    30000 DOTIERT UND KLEIST KOTZT MIR AUFS JACKET FÜR DEN VERRAT
    komm Blixa hör uff ich mach jetzt was mit Laibach




    AJAX ZUM BEISPIEL

    BLIXA BARGELD/JONAS
    Ajax zum Beispiel:
    In den Buchläden stapeln sich die Bestseller
    Literatur für Idioten denen das Fernsehn nicht genügt
    Ich Dinosaurier nicht von Spielberg sitze
    Nachdenkend über die Möglichkeit eine Tragödie zu schreiben
    Heilige Einfalt im Hotel in Berlin unwirklicher Hauptstadt
    Mein Blick aus dem Fester fällt auf den Mercedesstern
    Der sich im Nachthimmel dreht melancholisch
    Über dem Zahngold von Auschwitz und andern Filialen
    Der Deutschen Bank auf dem Europacenter Europa

    KRANKENSCHWESTER SONJA
    Die Bauernkriege das größteUnglück der deutschen Geschichte las ich kopfschüttelnd
    Wie kann eine Revolution ein Unglück sein.DER MAUERFALL ein Exkurs über Revolution und Zahnmedizin geschrieben im Jahrhundert der Zahnärzte das zu Ende geht.Zwei Zahnprothesen ein Büchner Preis.Das kommende wird den Advokaten gehören

    BETTINA
    Die Zeit Steht als Immobilie zum Verkauf im Hochhaus unter dem Mercedesstern
    in den Etagen der Kulturverwaltung Brennt noch Licht rauchen die Köpfe im Sparzwang
    proben die Amputierten den aufrechten Gang unter Aufsicht des Finanzsenators
    ZUM GELDE DRÄNGT AM GELDE HÄNGT DOCH ALLES

    MÜLLER/FRANK
    Ich Dinosaurier im Rauschen der Klimaanlage selbst in der Steuerschraube bis zum Hals
    Die Staatsgewalt geht vom Geld aus Geld Muß kaufen Arbeit macht unfrei
    Heimat ist wo die Rechnungen ankommen sagt meine Frau

    JUNGER SCHAUSPIELER
    Ein Mann in Stalinstadt Bezirk Frankfurt Oder auf die Nachricht vom Klimawechsel in Moskau
    nahm stumm von der Wand das Porträt des geliebten Führers der Arbeiterklasse des Weltkommunismus, trat mit Füßen das Bild des toten Diktators hängte sich auf an dem frei gewordenen Haken.Sein Tod hatte keinen Nachrichtenwert - Ein Leben für den Reißwolf
    KEINER ODER ALLE war das falsche Programm:
    Für alle reicht es nicht!

    INGE
    Mein Schreibglück der fünfziger Jahre als man aufgehoben war im Blankvers aufgerieben
    Zwischen den Planken des kenternden Geisterschiffs
    beschirmt vom ironischen Pathos des Knittelreims.
    Nur die Hebungen werden gezählt, gegen den Steinschlag der Denkmäler im Elend der Information BILD KÄMPFT FÜR SIE wird Erzählung Prostitution BILD KÄMPFT gibt die Tragödie den Geist auf, Stalin zum Beispiel. Seine Totems zum Verkauf stehn am Brandenburger Tor für Hitlers Enkel.Welchen Text soll ich ihnen in den Mund legen oder ins Maul stopfen

    GINKA
    Der Rausch der alten Bilder Die Müdigkeit im Rücken das unendliche Gemurmel
    Des Fernsehprogramms BEI UNS SITZEN SIE IN DER ERSTEN REIHE
    Die Schwierigkeit den Vers zu behaupten gegen das Stakkato der Werbung,
    UNSERN TÄGLICHEN MORD GIB UNS HEUTE
    In meinem Gedächtnis taucht ein Buchtitel auf DIE ERSTE REIHE Bericht von Toden in Deutschland.Kommunisten gefallen im Krieg gegen Hitler
    Jung wie die Brandstifter von heute
    wenig Wissend vielleicht wie die Brandstifter von heute
    Andres wissend und andres nicht wissend
    im Kreisverkehr der Ware mit der Ware
    Ihre Namen vergessen und ausgelöscht
    Im Namen der Nation aus dem Gedächtnis
    Der Nation was immer das sein oder werden mag
    Im aktuellen Gemisch aus Gewalt und Vergessen
    In der traumlosen Kälte des Weltraums

    KREBSSTATION

    INGE
    Ich will nicht mehr essen atmen,eine Frau lieben, einen Mann
    Im Schädel Königreiche Universen, der trübe Rest an Schläuchen aufgehängt
    Ein Sack Chemie …der Krebstod auf den Fersen

    BETTINA
    Wat soll ick denn jetzt noch spielen.Mein Hände sind total kaputt und für wen…

    KRANKENSCHWESTER SONJA
    Glückliche Idioten vor Bildschirmen

    MÜLLER
    Die Welt ist beschrieben kein Platz mehr für Literatur
    Im Kopf ein Drama
    für kein Publikum (stirbt)

    KRANKENSCHWESTER SONJA
    sie werden alles vergessen
    den sozialismus vergessen
    den krieg vergessen
    den faschismus vergessen
    die ddr vergessen
    vergessen und vergessen

    INTERIM LOVERS

    Song. Bühne wird abgebaut.

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    30. April 2023

  • THEATER / MUTTER

    mutter ich
    fahre durch bahnhöfe
    unter der erde die kacheln noch
    die alten,die vom hoffen und
    morgenrot,darüber lagen die toten
    auf weissen sand,toter strand
    auf den bahnsteigen stehen gehen skizzen von heute die glotzen in ihre bildschirme vergessen und vergessen und vergessen
    singt nun meine mutter im hydraulischen bett ist heut meine medea auf der katheterargos
    sie geht der welt verloren im
    rehaloch märkisches viertel jetzt
    singt ihr höchstens sido von der ebrofront das solidaritärslied
    ich hocke zwischen kacheln und skizzen und ihrem vergessen die
    blaue flecken die arbeiterklasse nun pflegekräfte
    schlögt lieber heimlich altes
    als das kapital an der inneren front
    oder äusseren am schwarzen meer
    aussengrenze europas gesichert vor
    der asiatischen barbarei so nennt sie
    die wie einst ihr grossvater von
    der SS später spiegel redakteur ich
    selber verachte beide den russischen
    und den anderen imperien ismus
    ICH BRAUCHE EINEN LICHTWECHSEL
    WENIGSTENS MUSIK
    VIELLEICHT JUGOSLAWISCH
    MOCHTE DER HEINER DOCH AUCH

    mutter es herrscht ein weltkrieg unter unserem himmel
    sie nennen ihn anders,als ob halbe worte den
    tod den krieg halbieren könnten
    heut ist es schwer
    sagt sie die mutter
    das fahren zu dir
    sag ich der sohn
    und seh die stadt hinter
    dem busfenster salzig wegen
    tränen sind ein schwerer vorhang
    mutters faust dritter teil
    das vergessen urin im bett
    mein klassiker ist heutig
    sagt mir meine Mutter
    HEINERMÜLLERkanntest du
    ihn gut
    MEINE MUTTER
    sie wusste genau wo sie war und wer ich bin,reagierte jedoch mit massiven Angstausbrüchen auf jeden Versuch zu reden
    Kamst du dich an Heiner Müller erinnern
    JA KLAR,der saß immer auf der roten Couch
    Warum
    Wegen der Texte
    Dein Vater den habe ich sehr geliebt wo ist er
    TOD
    ach das ist traurig
    der vater tot
    WAS HATTEST DU VOR
    weiß nicht,was machen diese schläuche in meinen körper
    MAMA KATHETER DAS SIND KATHETER,WAS WOLLTEST DU MIT DEN TEXTEN
    warum.was soll das alles
    pack meinen koffer aus
    ich will nach moskau
    dort ist krieg
    in moskau
    nein dort
    wo wir herkommen
    ja
    ICH WILL MIT DIR UBER MÜLLER REDEN
    ich hab ihn in das Serbokroatische übersetzt,man kannte ihn noch nicht in Jugoslawien …ich fand er ist einer der wichtigsten Autoren seiner Zeit
    WELCHE TEXTE HAST DU DENN ÜBERSETZT
    Ich habe angst wo bin ich was mache ich hier
    DEN AUFTRAG UND
    mischa mein lieber bruder ach schön
    dass du da bist
    hier in belgrad
    belgrad ist berlin
    BIN NICHT MISCHA ICH BIN DEIN SOHN
    Heiner Müller war sehr freundlich
    Die Frauen hier sind schlecht
    Schreien mich an
    MAMA WAS HAST DU NOCH FÜR ERINNERUNGEN AN HEINER MÜLLER
    EIN CHOR:
    Seine Mutter spricht ihren Lieblingstext aus Medeamaterial
    MUTTER SPRICHT MEDEAMATERIAL.
    KRANKENHAUS.KATHETER.
    Piep
    Wüste in Kalifornien
    Ein Autor hat einen Herzinfarkt.
    Die Kinjal Rakete trifft Odessa
    Eisenstein getötet.

    heiligabend

    nein ich bleibe lieber hier
    sagt sie liegt im stahlbett
    hoch über den bäumen
    lieber hier lieber
    ich lese vor
    von römern
    von müttern
    vätern und hirten
    von bethlehem und sternen
    und gott und sehe sie dünn
    nur halb von dieser welt
    im bett liegen und erhoffe mir
    ein wunder im pflegeheim
    aber es geschieht nicht

    sie liegt an heiligabend auf
    dem stahlbett und meine
    tränen fallen auf vier bunten
    von der leitung ausgewählten
    fotokopierten bibelseiten
    die geburt jesu die ich stockend
    lese zittere heule sie hört zu
    vom wunder der geburt
    von den sternen über
    dem dachlosen stall
    ich gehe
    kein wunder
    in der nacht

    vater ich
    wenn ich meinen
    vater besuche berichtete ich
    von der welt und mutter rauche mit
    ihm eine lange 100er
    dann spüle ich das
    moos aus dem weissen stein
    den gewidmeten worten
    und schweige nach altem brauch
    bevor ich zur s bahn laufe im
    kaiserforst nun behindertenwerkstatt
    leer ist die alte bahn an diesen tagen
    sie sitzen in häuser die wohner
    voller angst und geifer
    aussen frisst nach innen
    der satzbau ist fensterlos
    dachlos ruchlos woanders steht
    man vor verkohltem stein dachpappe
    in erdschwarzer hand man sitzt unter bäumen an flüssen treibgut
    ich schweige seit monaten
    meine frontlinie bewegt sich nicht
    im stellungskrieg denk ich an
    alte meere sich wiegende bäume
    bevor ich mich übergebe
    sauer mein lebenswasser
    gross fressende angst ich
    rauche und spüle den
    weissen stein ab
    dort wo nun mein vater liegt
    dünn wie papier
    wird er der stein
    wie du papa
    und ich schleife ihn zu papier
    den weissen stein so dünn
    leicht und namenlos
    bis ihn ein wind
    aufwirbelt der
    sonne entgegen

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    30. April 2023

  • BUSFAHRT ( vom unterwegssein)

    zwei roma jungs in der letzten reihe
    beiden fehlte ein bein. dem einen das linke,dem anderen das rechte. als gehhilfe benutzen sie tschechoslowakische eishockeyschläger.

    in der mitte sitz 35 sass eine etwa sechszigjährige frau.sie weinte ununterbrochen erzählte jedoch den sitzen 36 38 und 39 die nur stumm nickten,sie hätte eine stauballergie und die busse wären doch immer schmutzig, warum für sie bei ihren busfahrten eigentlich immer nur heulte.als wir in den bergen durch leere dörfer fuhren weinte sie nicht mehr, in einem dieser leeren russschwarzen dörfer stieg sie aus, ein roter golf eins wartete auf sie.das dinara gebirge lag im nebel. oder rauch.

    ganz vorne saß ein etwa fünfundfünfzigjähriger mann, ihm fehlten beide arme, die prothesen hat er auf den sitz 8 abgelegt, sie glänzten ihn der sonne, sahen die gelben felder slawoniens, die karpfenreiche in podrinien, zwei unbesiegbare stahlschwerter von ivanhoe, leuchtend
    der turniersieg an einem wolkenlosen augusttag und der armlose mann lachte gerne und laut, erzählte, dass er immer den nachbarsitz für seine zwei prothesen für den vollpreis kaufe.
    er lehne mitleid ab.

    an einer raststätte hielt ich eine caprisonne in der hand und der mann ohne arme trank mit einem strohhalm unter vielen entschuldigungen (tut mir leid,manchmal vergesse ich meine arme,bin froh,dass sie mal nicht scheuern) den saft hastig aus. ich dachte nur daran, dass er vielleicht auf mich geschossen hat vor jahren. er hatte einen slawonischen dialekt, so sprach man dort, wo ich nicht sein wollte, vor über dreissig jahren im schützenloch inmitten eines gelben feldes gegenüber der armlose, damals hatte er noch beide,beide waren wir 24.

    auf dem sitz 24 sass ein älterer mann.
    er hört seit der abfahrt haustor (auf deutsch hauseingang) eine new wave band aus zagreb, alle alben natürlich, denn die fahrt an das meer dauert 12 stunden und er singt seid sie die grenze passiert haben mit, leise natürlich, um nicht die weinende frau zu stören, den lachenden armlosen invaliden, die roma jungs mit den tschechoslowakischen eishockeyschlögern und die restlichen passagiere, die in dieser geschichte nur schwitzende körper sind und die körper bewegen ihre köpfe zu dem haustorsong, wie er. sie springen von der mole, beim entauchen verlieren sie ihre ausgeleierten speedo badehosen,kurz sieht man zuviel
    und sie schämen sich vor den mädchen,
    sie liegen nackt unter sternen, trinken billigen rotwein und hoffen, dass der mond die brüste der mädchen schönscheinen lässt, während sich alle routiniert über das neueste dreifachalbum von clash unterhalten. nur tanja nicht, die hört nur jacques brel. und die körper weinen und zittern drei tage in der leeren panzerhalle die nach diesel, schmieröl und lavendel riecht. sie greifen in den brustkorb, das loch so gross wie eine melone, sie singen immer leise während sie in bussen fahren, der mund voll schwarzer erde, damit sie nicht schreien, wie einst im sommer der angst. der bus singt, die körper singen haustor,träumen von küssen

    Unter all diesen Fahnen
    Die überall um uns herum wehen
    Da gibt es keinen Ort
    An dem wir stehen könnten
    Unsere Hände in die Höhe recken
    Und unsere Lieder singen
    Und unsere Lieder singen

    sie singen und ihre haut riecht nach sommer und rauch, ich sitze immer auf dem sitz 24, denn an dem tag wurde ich geboren und an dem tag zog ich in den krieg und das radio vorne neben dem
    verschwitzten busfahrer spielt andere lieder, die vom siegen und adlern. ihre lieder in den bussen die hymne unseres schweigens. ich singe mein lied,in mich hinein:

    KRIEG ANGST UNRUHE
    wenn der krieg die angst
    die unruhe die trauer
    in die träume bricht
    hilft manchmal:

    vor dem schlafen das geräusch eines knatternden fischerbootes hören
    sich den ersten sprung des sommers in das stille nachmittagsmeer vorstellen
    der duftende lavendel in der nase und draußen ist es winter in berlin karow
    schwerelos vor einer muschelübersähten unterwassermine verharren
    sich die hosentaschen mit dalmatinischen kiefernadeln vollstopfen
    bis sie herausstechen und die eigene haut hineinstechen
    auf einer anhöhe im fläming auf weissem sand stehen und in die ferne sprechen als wäre sie ein schöner bekannter
    sich den verschlussmechanismus eines Z 70 vorstellen
    an einen kuss in tuzla denken,im rücken weiße plattenbauten vor den füssen der fluss neugierig süss die lippen
    zweimal hintereinander ich war neunzehn ansehen
    sich einmal wenn die kraniche ziehen ansehen
    zehn digedag hefte hintereinander lesen und makronentörtchen essen
    denken man wäre in bad salzungen und stürbe an ddr langeweile
    an eine aufgeheizte parkbank am senefelder platz 1981 denken
    auf dem mittleren bett des schlafwagens liegen und vier stunden auf die puszta und ebene bei vierzig grad celsius sehen
    mit dem zug von berlin nach belgrad fahren und brno liegt schon am meer
    papa auf dem friedhof besuchen,die mutter im pflegeheim
    die ihr leben vergisst mit baklava füttern
    nach dem friedhof dem heim, meinen neuen heimatorten, mit der sbahn in die stadt fahren und die jungs und mädchen aus der behindertenwerkstatt lachen zu laut
    aber schön. aus dem herzen,meins ist ein melonenloch.

    der bus hält in einer hafenstadt.
    ich warte auf jemanden.
    kein lied,stumm.

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    27. April 2023

  • MOSKVA – WARSZAWA – PRAHA-BEOGRAD-SPLIT(IN ZÜGEN)

    I
    WARSZAWA
    Ich habe einmal in der Wisla gebadet.
    Irgendwann im Herbst. Natascha sah mir zu,
    sie hatte mir die Stelle gezeigt, an der Berling Soldaten den Fluss
    überquert hatten und starben. Kurz zuvor haben unsere Mütter
    das ehemalige jüdische Ghetto besucht, ich bin ein schmales Treppenhaus hochgelaufen, die Zimmer waren leer.
    Danach Soda mit Himbeergeschmack. Waffeln mit Himbeergeschmack.
    Sie roch auch nach Himbeeren danach.
    Von meinem wenigen Taschengeld habe ich mir zuvor einen Comic gekauft, kurz nachdem wir das Ghetto verlassen haben, in dem ein polnischer Pilot 1939 von deutschen Faschisten abgeschossen wird, Warschau brennt, 1939.
    Ich habe in der Wisla gebadet und Natascha sah mir zu, sie stand am Ufer reglos, die Augen gross. Sie war zehn Jahre alt, ich elf und hat ihren Vater im Arbeitszimmer gefunden, er hing unter der Decke im zwölften Stock eines Plattenbaus von Praga. Ihre Stiefmutter fand sie und ihren toten Mann drei Stunden später, kurz nach Büroschluss im Büro für Marxismusstudien. Die beste Freundin meiner
    Mutter stammte aus Equador und musste nach Polen flüchten, nach einem Militärputsch. Man hatte sie vier Wochen lang in einem geheimen
    Gefängnis gefoltert und vergewaltigt, das hatte mir Natascha erzählt und dass sie ihre Stifmutter nie streichelt, kaum mit ihr spricht und gerne, wenn es Nacht wird,singt. Spanische Lieder. Ich wusste nicht, was das heißt „sie ist vergewaltigt worden“ und schaute mir die Wisla an, vom zwölften Stock aus und musste daran denken, wie mich Natascha ansah, als ich in der Wisla badete, dort wo die Berling Soldaten starben, den Fluss hinutertrieben.
    Die Stadt brannte.
    Der Fluss.

    II
    VIENNA

    kein trost die landschaft
    die zu schnell vorüberfährt
    die geschwungene Linie
    am graublauen horizont
    der weinberg darunter
    bleibt leer
    mit sich
    allein
    ein baum
    irgendwo

    III
    MOSKVA

    moskau 1962.
    theaterhochschule gitis und die liebe...entscheiden bewerten reagieren und das alles, mein vater musste sich zwischen einer kaukasierin und serbin entscheiden. als die kaukasierin ihn mit einem dolch zur heirat zwingen wollte, entschied er sich doch für meine mutter und die beatles, denn sie hatte immer einen weissen reiseplattenspieler dabei und war sehr zart.
    zwanzig jahre später ist die kaukasierin aus der sowjetunion ausgereist und unglücklich verheiratet künstlerische leiterin der französischen juniorinnenauswahl im eiskunstlauf geworden und hat deswegen einmal berlin/ddr besucht und sich bei uns gemeldet. mein vater war gerade nicht in berlin und ich traf sie an seiner statt im hotel stadt berlin. eine wunderschöne frau saß mir gegenüber und schwieg, eine oder zwei stunden und sah mich nur an. kein wort.
    irgendwann sagte sie “mein sohn” zu mir und heulte und bevor sie auf ihr zimmer ging sagte sie noch: “such dir eine aus.”
    ein paar tische weiter saßen bildhübsche französische eiskunstläuferinnen 16/17 jahre alt. sie führte mich an deren tisch und ging. ein mädchen nahm mich sofort an die hand (sie hatten auch schon entschieden und zuvor schließlich zwei stunden zeit) und führte mich in den fünfzehnten stock des hotels stadt berlin und schlief mit mir.
    sie kam aus bordeux.
    ich war fünfzehn.

    IV
    SANKT PETERSBURG/MOSKVA

    MEYERHOLD
    Man legte mich mit dem Gesicht nach unten auf den Fußboden
    schlug mir mit einem Riemen auf die Fersen
    den Rücken; als ich auf dem Stuhl saß
    schlugen sie mir mit demselben Gummi
    auf die Beine. An den folgenden Tagen
    als diese Stellen an den Beinen
    von einem riesigen inneren Bluterguß angeschwollen waren
    schlugen sie mir erneut gezielt mit dem Riemen
    auf diese blutunterlaufenen
    rot-blau -gelben Stellen, und das tat so weh
    daß ich das Gefühl hatte, als ob sie auf die kranken
    hochempfindlichen Stellen sprudelnd kochendes Wasser gießen würden
    ich schrie und weinte vor Schmerzen).
    Sie schlugen mir mit den Händen ins Gesicht...
    brachen mir erst zwei dann drei dann sechs Zähne
    Ihr brechen eine Fuge oder Ouvertüre für Schostakowitsch
    Mit dem Knüppel schlägt man ein Loch in meine breite Stirn
    Ich Rutsche auf meinen Urin
    Meinem Blut aus
    Otkaz
    Otpust
    Otkaz
    Otpust
    Der Untersuchungsrichter drohte in einem fort: '
    Wenn du schwules Judenschwein nicht unterschreibst,
    schlagen wir dich weiter, alles andere machen wir zu einem unförmigen, blutigen Klumpen
    und sie schlugen ihn zu klump
    Der Körper der Biomechanik ist der Körper der Revolution
    seine Muskelkraft und Schweiß unsere Fahne der Sowjetmacht
    In dem wir seine Kräfte entfesseln und wir uns aus den Fängen
    der bürgerlichen Kommas,Punkte,Absätze und Kapitel lösen
    befreien von der Ausbeutung und Unterdrückung
    des nur gesprochenen Wortes,
    auf unseren staubigen Bühnen
    indem wie mir federnder Ferse und tanzendem Bein
    Trizeps und Wadenmuskel
    die Welt erlösen im befreiten Tanz
    die papierner Welt erfunden auf Dichtertischen und aus
    selbstverliebtrn Federn in die Welt gestöhnt und geseufzt
    unter sehnigen Fußballen
    zerfetzen
    Körper sich von
    Kugelschreiber und totem Weisspapier
    befreien
    er schlägt mit ein Loch in den Kopf
    ich werde sterben
    in genau 24min
    in diesem Keller in Moskau
    meine Bühne ist
    eine Blut und Zahnpfütze
    es knirscht und schmiert
    Otkaz
    Otpust

    CHARMS
    Den achten Monat
    Schlucke ich Pillen
    Säure zersetzt Kopf Hoden
    Neben mir die psychotischen fressen ihre eigene Scheisse
    beschreiben die Wände
    mit Kot blutig fast von fortwährender Diarroehe
    Kohlsuppe jeden Tag
    die Parole Elektrizifizierung plus Eisenbahn
    gemalt aus Menschenscheisse grinst mich an
    ich nasche am braunen Kanal und fische wie ein bunter
    Kolibri im Dreck meiner Genossinnen und Genossen
    Mein Gott, ich habe nurmehr eine einzige Bitte an Dich: vernichte mich, zerschlage mich endgültig, stoße mich in die Hölle, laß mich nicht auf halbem Wege stehen, sondern nimm von mir die Hoffnung und vernichte mich schnell, in Ewigkeit.
    Mich interessiert nur der ‚Quatsch‘, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung.
    Ich arbeite im Bereich der Literatur. Ich bin kein politisch denkender Mensch, sondern die Frage, die mir nahesteht, ist: die Literatur. Ich erkläre, daß ich im Bereich der Literatur mit der Politik der Sowjetregierung nicht einverstanden bin, und wünsche als Gegengewicht zu den in diesem Punkt bestehenden Maßnahmen die Freiheit der Presse, sowohl für mein eigenes Werk als auch für das literarische Schaffen der mir nahestehenden Literaten, die mit mir eine eigene literarische Gruppe bilden
    Ich fresse fremde Scheisse
    In der psychiatrischen Klinik Nr 12

    ISAAC BABEL
    Stecke dir den Schwanz hinein
    schönes Mädchen du warst nur
    einmal schön,dein Haar die Haut
    wie im Heu in Galizien das Dorf
    verkohlt polnische Bäume einst
    Soldaten von den Kosaken an die
    Verandasäulen gefesselt der Spiritus
    auf Stirn und Brust und Pimmel
    gegossen
    stecke dir den Schwanz hinein
    später wird es eine unserer Vorausabteilungen
    tun,sechs an der Zahl
    Kuban Kosaken von unserer
    Reiterarmee Budjonnis Knochenmühle
    Schnitten dir die schöne Zunge ab,warfen sie
    in schwarzes Gestrupp stachelig und
    arm wie alles und jedes in Gallizien
    ein doppelter Spiritus auf Ex
    in deine feine Kehle geflösst
    angezündet
    dein Schrei verbrennt von innen nach außen
    die Kehle die Lippen von innen
    eine Reiterabteilung durchquert
    die graue rauchige galizische Ebene
    die Sonne stehe hoch
    ein nacktes Mädchen
    verbrennt
    Ich trinke hier im Keller den Spiritus
    denselben wie das Mädchen
    mein Vernehmer (ihm gefällt mein Buch nicht)
    ritt einst auf Galizischen Feldern
    in Budjonnys Reiterarmee
    heute wird er meine Brust
    meine Seele
    brechen
    Lubjanka
    heute Nacht
    meine Steppe

    V
    BREST LITOWSK

    Vor meinem Haus verkaufte ein Kriegsblinder Streichhölzer und Schnürsenkel in allen Farben des Regenbogens.Er schüttelte dabei immer die Streichholzschachteln,Töne und Klänge erfüllten die trostlose Schönhauser Allee, nassgrauer Pflasterstein glänzte in zäher Langeweile in meiner grossen lauten Strasse,ein Zündholzbossanova erfüllte sie mit frohen Klängen.Erst später wurde mir klar,dass seine grobe Kleidung eine umgearbeitete Wehrmachtsuniform war, eingefärbt und umgenäht.Wieso trug er noch seine Uniform,siebenundzwanzig Jahre nach dem Ende des Krieges,1972,wieso kaufte ich heimlich bei ihm Schnürsenkel und versteckte einunzwanzig gelbe rote und blaue davon unter meinen Bett.
    Nach seinem Einsatz in Weissrussland - noch spürte er die Hitze der brennenden Scheune,das Bienensummen der verbrennenden Menschen,den so klingen zweihundert brennende Frauen und Kinder, wie Bienen im Anflug auf ihr Haus ihr süßes brennendes Heim,wenn der Kraftwagen sich langsam,von der auf die Erde gestürzte flammende Sonne Richtung Brest bewegt und es in seinem warmen Rücken summt,während er langsam bis zehntausend zählt - nach seinem Einsatz spielte er den Streichholz Bossa Nova und an den Alleen hingen Menschen in Bäumen,aufgeknüpft an Schnürsenkeln.
    Eines Tages stand er nicht mehr blind und sehr musikalisch an unseres Ecke,eine Freundschaftsbesucherin aus Minsk hat ihn,nach ihrem Einkauf im Modelleisenbahnladen, zwei Waggons und eine Tatratrommel bitte-
    für ihren Enkel,erkannt.Sie brach vor dem Laden zusammen,von
    Weinkrämpfen geschüttelt in der Hand der Beutel mit den kostbaren Geschenken tara-tara tak erschütterte ihr MÖRDER MÖRDER die Dimitroffstrasse.Mit der zerbrochenen Tatratrommel von TT im Freindschafts-Beutel ,eine Matrjoschka umarmt den Berliner Bären,sah sie den dicken Volkspolizisten auf sie zukommen,
    sie hatte soeben den Mörder ihrer Elter erkannt
    War's der Mondenschein? Na na, der Bossa Nova
    Oder war's der Wein? Na na, der Bossa Nova
    Kann das möglich sein, yeah yeah, der Bossa Nova
    War Schuld daran?…
    Dieses Mann saß vor meinem Haus,in seiner kalten eingefärbten Kriegerhaut,schwang die Streichhölzer aus Riesa im Bossa Nova Rythmus aus der Nähe betrachtet wohl nicht mit Absicht.
    Am Bahnhof Lichtenberg stieg sie in den Zug nach Brest.In ihrem Freundschaftsbeutel klapperten die zwei Waggons und eine in der Mitte gebrochene Taigatrommel,sie klapperten tak taka taka, es klang wie -
    das Wasser liegt so flach wie Fell,das eine Katze leckte,ein Vogel, der sogar von weitem gross erscheint,glaubt, das Meer wäre sein Ei er sitzt geduldig auf dem Wasser,fühlt seine leisen Stösse dann und wannwie ein Bossa Nova.
    Das Abteil nach Brest roch nach altem,kalten Rauch.

    VI
    BRNO

    Viele Gesichter trug ich, viele Gesichter
    waren zu tragen mir auferlegt.
    Wenn ich lachte, war oft die Haut nur
    vom Lachen bewegt.
    Irrsinniges Weinen sprang
    mir um die Lippen -
    aber ich habe gelacht.
    Habe mein Gesicht zum Lachen gebracht.

    VII
    TRAUM IRGENDWO ZWISCHEN BRATISLAVA UND KOMAROM

    Ich habe von brennenden Schweinen geträumt.Ich war eins.
    Ich habe von einem leeren Schwimbad geträumt,alle Kachel wurden von den Wänden gerissen.
    Ich habe von einer steilen Straße geträumt warm von Blut und süß.
    Ich habe meinen Vater geträumt.Er schwieg.
    Ich habe von ihr geträumt und Ich habe von einem weißen Kalkloch geträumt,hinuntersehen durfte ich nicht.
    Ich habe mich in einen schwarzen Hinmel fliegend geträumt.
    Ich habe mich tot in einem Feldlazarett geträumt und sang trotzdem space odity von Bowie.
    Ich habe mich als Leinwand geträumt und kalten Farben auf mir und in mir.
    Ich habe mich ohne Kopf geträumt,er lief vorneweg durch London und dachte zuviel.
    Ich habe mich verbrannt in einem Panzer geträumt
    Diesen Traum zähle ich schon nicht mehr.
    Ich habe von einen unendlichem Hecke geträumt,sie summte wie früher die Telefonmasten,dahinter wohnte der Tod.

    VIII
    WARSZAWA ZWEI

    Im Winter 1980 habe ich mich mit drei gleichaltrigen polnischen Jungs mitten auf einem schneebedeckten Fußballplatz in Jelenia Gora geprügelt.Sie beschimpften mich als deutsche Nazisau und ich antwortete Ihnen auf serbokroatisch,dass ich Partisanenenkel bin...keine deutsche Nazisau.Wir hörten uns nicht.
    Das Weiß färbte sich rot.Den riesigen Rot gesprenkelter Fussballplatz im Nacken zog ich meinen roten Plastikschlitten hinter mir her.
    Weiß.
    Er hing einen Tag lang im zehnten Stock in seiner Plattenbauwohnung in Praga,an der großen Brücke standen seit Stunden Panzerwagen,General Jaruzelski hatte einen Tag zuvor geputscht,bis ihn Irina fand,ihren Vater,den schönen Journalisten.Sie war neun Jahre alt.
    Ein Jahr später küsste ich Irina im zehnten Stock in der Plattenwohnung,in der sich ihr Vater aufgehängt hatte.Mein Herz war gebrochen,die Nase auch,hatte mich gerade mit ihren Stiefbrüdern geprügelt,die sie wegen ihres immertraurigen Gesichtes quälten.Das erste Mädchen in das ich mich verliebt,schnitt in einer Nacht ihren Vater von der Decke und lächelte nie wieder.
    Warschau.
    Warszawa.

    IX
    PRAHA

    Dubček.
    Dubček.
    Dubček.
    Klara arbeitete sich langsam Richtung Haupteingang vor.Dubček.Sie brauchte mehr als eine Stunde,um vom Parlamentsgebäude zur gegenüberliegenden tschecho-slowakischen Botschaft im Boulevard der Revolution zu gelangen,Dubcek, normalerweise ein Weg von fünf Minuten, wenn man das stadtbeste Eis der Konditorei und Eisdiele Pelivan links vom Haupteingang ignorierte.Von der hausgemachten Boza* ganz zu schweigen,für die küsst man sogar dicke Ärsche und putzt fremde Schuhe.Klara, die für drei Kugeln Malaga,Zitrone und Haselnuss,inklusive Boza* aus dem Pelivan normalerweise zum Quisling geworden wäre, wie man in meiner Partisanenfamilie zu sagen pflegte, oder gerne auch den Arsch ihres älteren Bruders geküsst hatte „natürlich mit Hose drüber“ ließ diesmal das Pelivan links liegen.Sie musste zur Dubček Botschaft.
    Aus zehntausenden Mündern erklang immer wieder dieser Name.Dubcek.
    Man nannte die tschechosloeakische Botschaft Dubček Botschaft,weil sich die tschechoslowakischen Botschaften in „Dubček“ und „Sowjet“ Botschaften spalteten,meist abhängig von ihren Standorten in Ost-oder Westeuropa. Jugoslawien war irgendetwas dazwischen und dennoch irgendwie eindeutig eine Dubček Botschaft,irgendwie eher eine richtiggehend geschliffene Dubček-Festung.Die Botschaftspforte war täglich weit geöffnet,auf Wunsch des Botschafters wurden alle Polizisten abgezogen und ihn,den Botschafter traf man eher beim Baklavaessen im Pelivan (Visa wurden auch gerne am honigsüssen Kuchentisch persönlich von ihm unterschrieben,rochen in dieser Zeit nach Pistazien,Honig oder Vanillecreme)als in seiner marmornen zwanziger Jahre Bauhausresidenz im Boulevard der Revolution.Ein tschechoslowakischer Bauhausler hatte das Botschaftsgebäude in den Zwanzigern errichtet,als die beiden Staaten noch jung und frisch ineinander und in ihr neues Ich verliebt waren.Die Botschaft ist bis Heute,in der es weder Tschechoslowakei noch Jugoslawien gibt,eines von nur drei erhaltenen Bauhausgebäuden in Belgrad.Denn,wie es das Märchen es so will,verliebte sich der tschechische Architekt in eine wunderschöne Belgraderin,blieb dort und baute in Belgrad weitere Gebäude.Er wurde 1942 von den Deutschen in einem Opel Kraftwagen auf der Landstrasse Richtung Kosmaj vergast.
    Er war eigentlich nicht nur Bauhausschüler, Tschechoslowake und glühender Panslawe sondern auch Jude.Eigentlich waren die Deutschen meist Österreicher,aber das ist eine ganz andere Geschichte.
    Dubček.
    Dubček.
    Dubček.
    Klara hatte mit ihrem noch ungeküssten Arsch nur noch ein paar Meter bis zum Haupteingang vor sich.Die Menschen um sie herum weinten,schwenkten tschechoslowakische und jugoslawische Fahnen.Ein älterer kleiner Mann in einer kurzen britischen Uniformjacke sammelte Freiwillige in einer Ecke,gleich neben dem Eingangstor...
    Alter?
    55.
    Gekämpft?
    Ja.
    Wo?
    Erste Proletarische Division.
    42-45
    Der Nächste.
    26te,Lika.41-45.
    Nächster.
    Dalmatinische Fünfte.43-46.
    Die Partisanen,mittlerweile Angestellte,Lehrer,Taxifahrer oder Konditormeister unterschrieben eine selbtsangefertigte Liste,die der ältere Mann im Wehrkreiskommando Belgrad-Vračar am nächsten Morgen abgeben wollte.Zumindest erklärte er das allen Anwesenden.Frauen die sich freiwillig melden wollten,verwies er an eine ältere Dame„die Bohnenstange leicht zu erkennen an der leuchtendroten Strickmütze“,die ihren Stand gegenüber der tschechoslowakischen Botschaft,vor dem Belgrader Hauptbüro von JAT bezogen hatte.
    Mit uns nach New York stand in ihrem Rücken.
    Ihre JAT-Jugoslawische Fluggesellschaft.
    Klara taten die Backen immer noch weh.
    Sie hatte sich aus Solidarität mit den tschechoslowakischen Brüdern und Schwestern aus ihren alten Pionierhalstüchern und Mamas Chaneltuch ein rotblauweises Halstuch gebastelt,ist nach dem Mittagessen zur sowjetischen Botschaft gefahren und hat einen Stein in den Aeroflot Schaukasten vor der sowjetischen Botschaft geschleudert. Dummerweise bemerkte sie nicht den hageren Milizionär,der direkt neben ihr stand(auffällig war die vollkommene Abwesenheit der Miliz während der Ereignisse) und mit den Worten „Wie kannst du nur unsere sowjetischen Genossen hassen“ ihr zwei Backpfeifen verpasste.
    Sein Akzent war montenegrinisch. Wahrscheinlich war er einer der drei Montenegriner,die in diesen Tagen freiwillig die sowjetische Botschaft bewachten.
    Russenknechte.
    Klara machte sich mit ihren brennenden Backen auf, solidarisch in Richtung tschechoslowakische Botschaft,sie bemerkte gar nicht,wie der Milizionär von fünf Jungs zu Boden gerissen,verprügelt und dessen zerknautschte Schapka in das zertrümmerte Aeroflot Schaufenster gelegt wurde,als eine kleine montenegrinische Grabbeigabe für den sowjetischen Imperialismus.
    Russenknecht.
    Während Klara auf der größten Pro Dubček Kundgebung jenseits von Prag demonstrierte, mein Opa mit der Reserve der ersten Gardepanzerdivision an der ungarischen Grenze darauf wartetet,den tschechoslowakischen Brüder und Schwestern zur Hilfe zu eilen,meine Mutter in Sarajevo irgendetwas inszenierte,mein Vater alle Hoffnung verlor und meine Oma im Frauenkomitee Nahrung und Kleidung für tschechoslowakische Touristen sammelte,die in Jugoslawien steckengeblieben waren,mein Onkel Dragan mit Markuse und Fromm vor der sowjetischen Botschaft hübsche Mädchen bezirzte,kleisterte ich stundenlang mein Kinderzimmer zu.
    Ich war aufgrund der historischen Ereignisse lange allein und nutzte die mir gegebene aufsichtsfreie Zeit,um mein 20m2 großes Kinderzimmer mit feinster Kinderkacke komplett umzugestalten.Was ging mich die Welt an.
    Dubček.
    Dubček.
    Dubček.
    Klara saß nun endlich auf dem Zaun vor der Botschaft und sang mit mehreren Zehntausend Belgradern im Wechsel die jugoslawische und tschechoslowakische Hymne.Spät nach Mitternacht kam sie nach Hause,mit brennenden Backen und geküssten
    Arsch-ein Student der Medizin küsste ihn,nachdem Klara auf dem Zaun sitzend ihr T-Shirt auszog und Freiheit für freie Titten,Freiheit für die ČSSR brüllte.
    Laut späterer Augenzeugenberichte meiner Familie,sah man von der italienischen Mustertapete im Kinderzimmer nichts mehr und inmitten dieses nun eintönigen Raumes hockte ich nackt auf dem tiefroten Çelim(Teppich),schlief tief und fest in der Scheisse.Am nächsten Morgen fuhren sowjetische sowie Panzerdivisionen verbündeter „Bruderländer“ auf tschechoslowakischen Strassen,sie überschritten die Grenze und meine Familie beschloss,dass ich nicht mehr in die DDR zurückkehren sollte.So endete mein Prager Frühling 1968.
    1968 behielt mich meine Mutter in Belgrad.
    Wegen der Panzer in Prag.
    Wegen dem Ende vom Traum.
    Mein Vater wartete auf uns und das der Sozialismus wieder wärmer wird.
    Zwei oder drei Jahre wartete er.
    Der Sozialismus blieb kalt.
    Meine Mutter schiss auf Panzer und Sozialismus
    wegen ihres heißen Herzens und Heiner Müller.
    Vierzig Jahre später
    Klara
    Ich
    sprachlos und mutlos
    vor dem brand,dem sengen und versinken
    halt den schnellkopf unter wasser,eiswasser wohl
    vom pol, oder stilles teures und der kot und der dreck frisst mich an endmoränen und sandigen ufern, stehe auf pappe und becher glotze nur noch blöd die welt an, die blöde stimmlos und sattgefressen am ansehen
    überlebt den einen krieg,fresse schon den neuen,weich die hand,hat noch vor
    dem kopf aufgegeben,kluges kind -
    was einmal brannte brennt immermehr
    zu trocken,übersäuert unsere böden und
    rinden,herzen aus holz und leim,klebt
    sogar die nachrichtensprecherin weint
    kalt grau,dem liegemden ist es gleich
    frisst scheisse mit und ohne hafer oder haselnuss,budgettod
    fressen uns nun selber kopfabwärts
    die städte brennen,ihr gestank in unseren wohnzimmern,da hilft nur dufttanne oder
    die klinge,dreierblatt im angebot
    schneid mir damit gleich augen weg
    alter käse
    gagarin ist tot und der andere
    ich will ihn nicht mehr sehen
    seine sterne und flüge
    die lautlosen,die,die
    alles konnten
    in einer nacht
    schoss ich
    30 kugel in den
    himmel,meine
    sterne fallen

    XII
    BELGRAD-KNIN-SPLIT

    I.
    Klapp.Klapp.Hundert Lichter in einem Tal.
    Klapp.Klapp.Das müsste Sarajevo sein.Zigarette weiterreichen.
    Wichser,du ziehst zu lange.Die muss für alle reichen.
    Die Zigarette wanderte einmal von Mund zu Mund,musste für zehn Jungs reichen,ausser für T. der hat sich schon in Belgrad im Klo eingeschlossen,vorher schrieb er noch TOALET NE RADI
    an die Tür und seitdem sitzt er still auf der Klobrille.Manchmal, wenn ein dicker,meist besoffener Mann in zu engem Hemd nicht lesen kann oder will
    brummt er mit falschem Bass
    TOALET NE RADI
    die schwitzigen Männer fragen nicht nach,warum ein WC ihnen sagt,dass es heute nicht arbeitet,sie sind wohl Autoritäten gewohnt
    In diesem Fall einem autoritären WC.
    Klapp.Ein Bahnwärterhäuschen.Zwei Geranientöpfe,hängen schief von einem schiefen Dach.
    Klapp.Klapp.Klapp.Unter der gelbleuchtenden Laterne steht ein weißer Fiat 500. Klapp.
    Sieh mal-ohne Vorderreifen,was für Bauernpisser.
    Das war S. - sein Vater fur einen YUGO KORAL,was ihm peinlich war,deswegen lernte er aus deutschen Autozeitschriften alles über Fahrzeuge auswendig und erzählte uns „das sein Vater VW,Audi und BMW fährt“
    Er konnte alles haargenau beschreiben.
    Wir stutzen nur,wenn er über Tesstrecken und Belastungsproben redete
    und er nahm jede Gelegenheit war,kleiner Autos klein zu reden bis die in seinen Geschichten fast erbsengross irgendwo herumstanden und sich schämten.
    Diesmal schämte sich ein FIAT 500 unter einer gelbleuchtenden Laterne in einem Vorort von Sarajevo.
    Klapp.Bahnhof Podlugovi.Es stinkt nach Pisse.
    Sie läuft direkt aus dem verstopften Klo zu uns,sickert in unsere teuren italienischen Rucksäcke und saugt sich in meine flachen,schwarzen Chucks.
    Auch die roten und gelben Chucks von M und P haben es gerade nicht leicht.
    Klapp.Klapp. Gornji Vakuf.Stinkt wie immer,sagt M.-wie jeden Sommer.
    Klapp.Donji oder Gornji Vakuf so heißt der Ort,den wir nur Nachts sahen,auf unseren Fahrten von Belgrad nach Split,via Knin.
    Sommer für Sommer.Klapp.Klapp.
    Jeden Sommer bis zum großen Brand fuhren wir vom Belgrader Hauptbahnhof nach Split ans Meer.Klapp.Klapp.
    Ans Meer,ans Meer,rief ich durch die offene Tür,in die schwarze Nacht,die Berge hinaus.Die Rufe wurden lauter,bald rief der ganze Waggon
    ans Meer,ans Meer,ans Meer.
    Es war nicht schwer die anderen 80 oder 100 Jungs von meiner Sehnsucht zu überzeugen und sie in die bosnischen Berge zu schreien.
    Der Bahnhofswärter winkte uns mit seiner Kelle zu und es schien,als riefe er mit.
    Ans Meer.
    Zugdurchfahrt.
    Klapp,klapp.
    Die Tür klapperte seit Stunden,stand weit offen und ich atmete tief die frische,nach Kiefer und Gebirgsbächen riechende Bergluft ein.Die orangene Tür klappte nach jeder Biegung im Tal zu und auf,oder andersum,auf und zu,
    das lag auch daran,das wir unsere Rücksäcke in die Türöffnung gestopft hatten,
    wir wollten nichts verpassen-den Schottergeruch in Vinkovci nicht,die kalte Bergluft bei Sarajevo,den süßen Duft der Zypressen kurz vor Split
    das No fumare Schild auf dem Klo.
    Irgendwann um sechs,oder sieben,eher um Acht Uhr sollten wir in Knin ankommen.Dort würden,wie jeden Sommer,die Sonderzüge aus Zagreb und Belgrad zusammengekoppelt werden und nach Split weiterfahren.
    Wir zogen uns frische T Shirts an,die besten die wir hatten,
    verdient beim Fassaden waschen einer Belgrader Bank
    anderen Putzarbeiten
    Noch nie haben Jungs so viel geputzt in Belgrad wie im Mai und Juni.
    Wahrscheinlich auch später nicht.
    Wenn wir uns trafen sagten wir uns immer Zahlen
    Fünf Zehn Fünfzehn
    Die Zahlen standen für die Anzahl der Übernachtungen am Meer inklusive ein zwei Bier,manchmal ein Eis und Brot und billige Salami.
    Nur einmal sagte D Vierzig!
    Er hatte in Zemun gefälschte Interrail Tickets hergestellt und verkauft.
    Später machte D viel Geld in Südafrika mit einem Reiseunternehmen spezialisiert auf Dampflokreisen durch das Burengebiet.
    Zurück zu den Chucks/Converse All Stat low)...
    Wir rieben uns mit Klopapier unsere pisseversifften Chucksohlen ab und hielten Ausschau nach dem Zagreber Sonderzug.Manchmal stand er schon im brüllendheissen Bahnhof von Knin,manchmal war unser Belgrader Adriasonderzug Stunden vorher da und wir lungerten, Sarajevoer Marlboro rauchend,auf dem dem weißen Bahnsteig herum.
    Knin ist es ein Drecksloch.Nur verfickte Hurensöhne,Chetniks und Zigeuner von Roter Stern leben in diesem Drecksnest nölte P.
    wie immer und schnipste seine Zigarette Richtung Stadtzentrum,mit der leisen Hoffnung,dass das Städtchen in einem halben Atemzug auf ihre Grundmauer niederbrennen würde und der Sonderzug aus Zagreb in dieses Leuchtfeuer hineinfahren und sich mit unserem vereint
    Richtung Meer fahren würde.Das besondere dieses Sonderzuges aus Zagreb war,das er genauso mit jungen Mädchen und Jungs vollgestopft war,die mit ihren bunten Rucksäcken, urinriechenden Chucks und frisch gebügelten Tshirts in die Nacht sangen,wie der Belgrader,mit einem großen Unterschied:
    Dutzende von schönen,duftenden Mädchen aus Zagreb sassen in den Türen,standen in den Gängen putzen sich und rauchten,tauschten untereinander Mixtapes und Bikinioberteile aus,erzählten von ihren letzten Sommerküssen,schwiegen voller leiser Hoffnung,schminkten sich vor den blinden Abteilspiegeln "Besuchen Sie Mostar" und zählten die Stunden bis zur Ankunft in Knin.
    Zumindest stellten wir uns das so vor...
    wenn wir Pech hatten,war der Zug voll mit Familien,VaterMutterKind...Mist riefen dann
    Hundert Jungs in einem Atemzug
    Mist
    Mist
    Mist
    aber das ist keine Geschichte vom Pech,also war der Zug voll mit hübschen Mädchen aus Zagreb(über die Jungs schreib ich nicht,das können die Belgrader Mädchen gerne machen,die sich auf die Zagreber Jungs freuten,oder die Zagreber Jungs über die Belgrader Mädchen)

    II.
    Knin.
    Auf und ab.
    Auf und ab.
    P. sprang wie ein Hampelmann auf und ab.
    Wichser.
    Ich war gerade fertig geworden mit dem Bild,gemeinsam mit M. hatte ich das Kap Horn durch gezieltes Zahnlücken-spucken auf den weißen Bahnsteigstein gemalt.
    "Keine peinliche Sorgen machen,Bruder,bis die feinen Mädchen da sind,hats die verfickte Sonnte über Knin weggebrannt".Wir schwiegen und unser Kap verdunstete langsam.Wann kommt endlich der Zug aus Zagreb.
    Italien in Knin seufzte M.und spuckte erneut auf den weißen Stein.
    P.mit fing mit seinen Aufwärmübungen an,als wir uns am italienischen Stiefel versuchten.Er wollte wohl die Zagreber Mädchen beeindrucken,das tat er jeden Sommer,mehr oder weniger erfolgreich.
    Begonnen hat es mit Breakdance.
    Vor drei Jahren empfing er den Zagreber Sonderzug,mit,aus nem angesagten Film abgekupferten Drehungen,Schrauben und unbeholfenen Robotman Breakdance Moves,während wir im Halbkreis um ihn herumstehen und idiotisch klatschen mussten.Er hatte schon Monate vorher in Belgrad geübt,den Breakdance-Film,ich glaube Beatstreet, dreißig Mal in vier Wochen im Kino 20.Oktober gesehen.Wahrscheinlich war er der einzige Nichtroma im Kino,dessen Repertoire nur aus Bruce Lee Filmen und diesem Breakdancefilm bestand.
    Der Robotman bekam in der knietiefen Zugklo-Pisse mitten in Bosnien noch seinen letzten Schliff,irgendwo kurz hinter Donji Vakuf.
    Vor zwei Jahren spielten wir ein The Cure Video auf dem Bahnsteig nach,nur mit mäßigen Erfolg,es gab wohl nur drei Gothicmädchen in Zagreb,die unser Tun erkannten,der Rest hielt uns eher für schwul,das waren sonst eigentlich nur die Jungs aus Ljubljana.
    Dieses Jahr hatte P.einen neuen Einfall.
    Ich probiers mal "russisch".
    Russisch.
    Wichser.
    Es gab für uns nichts schlimmeres als das irgendwas "russisch" sein sollte.
    Russisches Zeug war was für Provinzler,Parteikader und Montenegriner.
    Wir liebten illegal kopierte amerikanische Blockbuster in OV,hohe und flache rote und schwarze Chucks,The Jam und Virgin Records,einmal im Jahr nach London fahren um Dr.Martens zu kaufen und in Covent Garden ladmässig an einer Hauswand gelehnt P&S,weiche Packung,zu rauchen,italienische Motorroller und japanische Walkmens.
    Und P. wollte was russisches probieren...
    Das lag wohl an seiner Mutter,die die besten Schokoladenpalatschinken von Neu-Belgrad machte und schwerst schizophren und in Behandlung war,das wussten wir alle von unseren Besuchen bei ihm zu Hause,oder an seinem Großvater,der sich mit der Axt die rechte Hand in der Badewanne abgehackt hatte,der hatte als einziger von seiner Familie irgendein Massaker '41 überlebt.
    Übrigens in der Nähe von Knin.
    Auf und ab.
    Auf und ab.
    Der Hampelmann wärmte sich auf.
    Doch der Zagreber Sonderzug kam nicht.
    An alle Belgrader Idioten-der Zagreber Sonderzug verspätet sich um zwei Stunden.
    Der schmierige Bahnhofsvorsteher mit dem jogurtversifftem Chetnikbart mochte uns nicht (wahrscheinlich wurde der Wichser in den 90igern Eisenbahnminister der Krajinarepublik) und knarzte genüsslich seine Durchsage ins versiffte Mikro.Man hörte sogar,wie er an seiner Zigarette sog,bestimmt eine Drina ohne Filter.Man rauchte schon grenzübergreifend.
    Halt die Fresse,Wichser.Ein Bierkonserve knallte gegen seinen blindgläsernen Bauernbunker genannt Bahnsteigbüro.
    Auf und ab.Auf und ab.
    P.wollte uns seine russische Idee nicht verraten.
    Stunden später lief er auf den Gleisen unseren zusammengekoppelten Zügen hinterher.
    Er hatte in der Belgrader Kinothek einen russischen Schwarzweißfilm gesehen,wo ein junger sowjetischer Offizier seiner geliebten Frau hinterherlief,die in einem Zug ins Hinterland evakuiert wurde,in letzter Sekunde auf den letzten Waggon aufsprang,sie küsste,um am nächsten Bahnhof wieder auszusteigen und Richtung Front zu fahren.Einige Einstellungen später starb er in weißrussischen Sümpfen,von Deutschen verfolgt,einsam und schwer verwundet.
    Die Kamera kreist.Birken.Schnitt.
    P.rechnete jedoch nicht damit,dass unser Zug schneller fuhr,als der im Film.
    Er lief noch sehr lange dem Zug hinterher.
    Einen Tag später kam er dann in Split an.
    Ein Bauer hatte ihn in den Bergen um Knin aufgelesen und ihn,samt seiner fünfzig Wassermelonen nach Split zum Markt gefahren.
    Wir waren schon längst mit einigen duftenden,schönen Mädchen aus Zagreb auf der Insel Hvar und tauchten nach Seesternen.


    XIII
    BERLIN

    das leise schlagen der wellen
    der kalte körper neben mir
    ein sanddornbusch glüht
    ich mag ihn nicht im april
    mein kopf mit seinen fragen
    die antworten kenne ich
    die füsse schwer der kopf schwerer
    SAG WAS MICHA senkblei
    ich sehe das graue meer
    schwer schiebt es sich zur küste
    die schiffe verrotten in windschiefen hütten
    mit ihren vätern und söhnen
    den leisen tretern
    hab uns jeden sommer die fressen poliert
    die arbeiter und bauern fischer nicht vergessen
    die ostseezeitung ins meer getunkt
    schwer wie bleirohr der schlag auf die
    denkerstirn,der rotz pladdert ins sandorngelb
    vor hiddensee unsere liebliche hidden sea
    weg aus der hauptstadt ost und dort
    in sand und dorn unsere dornenkrone
    getropft,atolle von rotz und blut
    reise reise seemann reise
    ostseezeitung manchmal ND
    was gerade ungelesen rumlag in
    kaufhalle oder kiosk am weissen strand
    in arbeiter bauern oder fischerfaust
    WARUM SAGST DU NICHTS
    ZEIT ZU GEHENmüde worte des abschieds
    wir liegen im sand
    ich zähle sekunden
    eins zwei drei vier fünf
    ICH HALTS HIER NICHT
    MEHR AUS
    ein zwei drei vier fünf
    der Ausreise-Karton
    SALAMANDER EXQUISIT steht drauf
    ein Rest von mir drin
    zweimal Pistols einmal Sham69
    die finger graben sich in den nassen sand
    möchte unter ihm liegen unterm sand und dorn
    der zorn
    ihn ins maul stopfen alter kumpel
    süßer verräter aufm sprung
    salzig ist er und schwer sand unter
    deinen leichten worten du fickfresse der sand
    im april im jahr achtundachtzig
    an ihm ersticken mich ins grau werfen
    an dieser verfickten küste dummes
    bla bla bla vom gehen und bleiben
    hörensagen von drüben
    träumen und leben einstürzende
    neubauten im ohr der stachel
    verrotten an der saale oder pleisse
    am eingang von nem friedhof kirchlich
    natürlich,gesegnet mit korn und avantgarden
    töpfen,die kleine lehmfreiheit oder lang
    haariges hexametern die sich vor sanften menschen
    an holztischen gut vortragen lassen
    knoblauchbrot und bettina w mein
    beschissenes abendmal
    Sind so kleine Hände
    Winz'ge Finger dran
    Darf man nie drauf schlagen
    Die zerbrechen dann
    Sind so kleine Füße
    Mit so kleinen Zehen
    Darf man nie drauf treten
    Könn' sie sonst nicht geh'n
    Sind so kleine Ohren
    Scharf und ihr erlaubt
    Darf man nie zerbrüllen
    Werden davon taub
    tripper inklusive lied mitgenommen von der mittelalten verbotenen
    dichterin danach, die liest und liebt nur antiquarisch
    staatsfernes, nasskaltes bett, patchouli
    den bericht in der selben nacht geschrieben
    den blanvers, den hab ich gefressen jahre später
    in trauriger gauck platte hundertvier seiten lang
    kurzgefasst:
    BORN IN THE GDR FUCKED IN THE GDR
    harte Küsse steife Glieder
    saale und spree girls von
    ipanema erinnre mich gut
    NOCH EIN ZWEI TRIPPER IN WERNIGERODE
    HEIMLICHES LESEN VON BAHRO ODER MARON
    bück dich gewissen,leise rieselt schwarzer schnee
    die fresse zugenäht,hinter den bockwurstfressen
    zum ND PRESSEFEST oder aufm alex irgendwas
    die miesen fisuren dahinter magdeburch leipzig halle
    wartet auf mich nur noch
    faconschnitt und rummelsburg
    mit viel glück ein forumcheck und ein BAP
    konzert im palast in balu
    mittendrin in der roten rotze
    werd ich zur überlebersau
    scheiss nur noch und beschlafe die bitteren
    mit kurzen haaren wir trösten uns,fad der speichel
    man weiß nie wo es hinströmt
    das graue Schwere da draussen

    XIV
    MOSKVA WARSZAWA PARIS
    Gezeugt in Moskau.
    Geboren in Berlin.
    Gewohnt in Belgrad.
    Gewohnt in Berlin.
    Studiert in Belgrad.
    Krieg.
    Studiert in Berlin.
    Wohnt in Berlin.
    Arbeitet am Theater.
    Verheiratet.Ein Kind.
    Ich sitze fahre
    in Zügen
    leben
    und

    u vozu sedim i gledam sa brda
    more plavo i brda siva
    polako se spuštam
    i sanjam dodire i poljupce
    i zatvorit cu oči

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    26. April 2023

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