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sascha (saša ) hawemann/regisseur&autor: textwerkstatt/tekstovi

  • Texte

  • MÜLLER EINE CHRONIK


    NEUNZEHNFÜNFUNDVIERZIG
    NEUNZEHNFÜNFUNDNEUNZIG


    TUPPA UND PEPE
    (liebesduett heiner inge.lyrik auf lyrik.inge spielt weltmeisterakkordeon
    der sozialismus wird aufgebaut.bunt nun kriegsgraue welt)

    INGE
    33 war ich ein gläubiges Kind meine Eltern warn gut und fleißig
    erwachsen wurde ich 39 als der Krieg anfing
    45 war jeder ein Greis, ich wollte nicht leben und nicht sterben
    In den Trümmer 45 da fand ich mich
    Und band mich in ein Tuch
    Ein Knochen für Mama
    Ein Knochen für Papa
    Einen in dies Buch
    Ich sah die Welt in Trümmern, ich sah den Tod und die Gewalt
    noch eh ich jung war war ich alt, ich lernte Tote bergen lernte weinen ohne Tränen
    Ich hab auch im Zuchthaus gesessen drei Tage im Keller wegen Wehrkraftzersetzung
    Ich wollte das Eiserne Kreuz nicht nehmen
    Für Selbstverständlichkeit Blutende und Sterbende nicht so Krepieren lassen
    Ich wollte das Kreuz nicht
    An dem Keller trag ich noch immer Schwer.
    Schreiben wollt ich Farben finden

    MÜLLER
    Worte verstehn

    INGE
    Lieben

    MÜLLER
    Sehn

    INGE UND MÜLLER
    Weitergehn.

    INGE
    Wer ist hinter mir her?

    MÜLLER
    Der Krieg hat aufgehört.Hinter den Bäumen schwimmt die letzte Wolke rötlich

    INGE
    Wir trafen uns im Kreis von Schreibern und solchen die es werden wollten
    Du hocktest da wie ein Greis

    ALLE RUFEN:
    JAZZ UND LYRIK!

    (Jazzrythmen. Poetry slamming in der Haupstadt der DDR.Politische Gedichte.Sonja die Sanitäterin nebelt den weißen Raum ein.Die DDR ein Jazzland)

    DAS IST UNSER KOMMUNISMUS


    I
    Gegen mittag der Bauplatz, die neue Schönere Landschaft Schornsteine. Montagehallen. Stahl und Beton. Erde, aufgerissen, Berge, versetzt mit Maschinen und Händen, Lärm und Staub.

    II
    Die Alten sammeln hier Reisig Fünf mal hundert Jahre lang Hier werden die Brikettfabriken stehen in Fünf Jahren und die neuen Kraftwerke. Hier ist Schönheit.

    III
    Der Folterer Barbiewar der Erfinder der Barbiepuppe.

    IV
    Hinter dem Traumwald der zum Sterben winktSah mein Gesicht mich an: das Kind war ich.

    V
    der Genosse Stalin ist mein Vater
    ich bin ein träumendes Kind
    mein Traum vom Kommunismus beginnt in Leuna 1920

    VII
    INGE UND HEINER

    HEINER
    so habe ich Inge kennengelernt
    sie war mit einem zirkusdirektor verheiratet

    INGE
    nicht mehr lange

    HEINER
    ihr dürft meinen rasen nicht betreten
    brüllte er noch der

    ALLE
    IM BEROLINA

    HEINER
    deine scham sein kundschafterversteck
    ich hab nen schwanz sagt inge

    ALLE
    ZEIGMAL

    INGE
    ist mir im krieg gewachsen
    wie meine trauer
    ein dunkles tier

    HEINER
    wir haben zuviel geraucht

    ALLE
    UNSER VEREINIGUNGSPARTEITAG

    INGE
    belomorkanal ost

    HEINER
    lucky west

    INGE
    in der mitte kinobesuch roten Wddimg

    ALLE
    JOHN WAYNE ERSCHIESST ADENAUER

    INGE
    am lehnitzsee rauchen
    weit der himmer die sterne hoch zum greifen nah

    HEINER
    wie majakowski sterben

    ALLE
    DER SCHUSS

    INGE
    ja oder mandelstam

    ALLE
    DER STRICK

    HEINER
    zuwenig gelesen LOS TUPPA lies schneller

    INGE
    Rosow Simonow Babel Charms Mandelstam

    ALLE
    ACHMATOWA

    HEINER
    na ja

    INGE
    ach komm heiner
    wir gingen jeden tag tanzen
    jazz und lyrik

    HEINER
    cafe nord ganymed bei den jugoslawen in der kristallbar
    UNSER JUGOSLAWISCHER TRAUM

    INGE
    Tito Selbstverwaltung der dritte Weg
    SLJIVOVITZ und SOZIALISMUS

    HEINER
    mit freunden die welt umkreisen
    laika sieht uns zu

    EMIL
    DARF ICH LAIKA SEIN
    INGE
    Möwe Kastanieneck Ratskeller
    wolf peter und bettina thomas wolfgang

    HEINER
    nee Wolfgang spiel mal jetzt nich
    bierdeckel voller träume
    schauspeler ohne maske

    INGE
    müde warn wir nie

    ALLE
    DENNSOZIALISMUSVAUFBAUN

    INGE
    haben viel getrunken in langen nächten

    ALLE
    SCHNAPS WODKA BIER

    HEINER
    wir haben viel geliebt
    bummsbummsbummsbummms

    INGE
    wir haben zu wenig geliebt
    bummsbummsbumms

    HEINER
    wir haben viel gearbeitet
    wieviel seiten hast du zehn ich zwanzig mist

    INGE
    wieviel seiten hast du jetzt hundert ich auch
    ein vertrag

    HEINER
    volk und welt AAAH
    vorschuss 500

    INGE
    hörfunk der ddr 1000 OOOH

    ALLE
    IST BESSER

    INGE
    neue wohnung in pankow
    urra

    HEINER
    wir haben zuwenig geschlafen
    urrra

    INGE UND HEINER
    wir schreiben kinderbücher gedichte lyrik pornogedichte
    liebesgedichte hördramen dramendramen monidramen

    ALLE
    ROMANE NICH

    HEINER
    dauert zu lang der Kommunismus kann nich warten

    INGE
    keine zeit für den schlaf
    Frage an den Hund im Kosmos WIE SIEHT DIE SACHE VON OBEN AUS

    EMIL
    Gut WUFF

    HEINER
    und alle rufen zum Mond junge Wöfe und Wölfinnen
    ein gespenst geht um unser ABC des Kommunismus
    … (tragen das bild rein)
    wir haben mit freunden diskutiert

    FREUNDE

    Rb
    Inge wie brauchen einfach eine neue Form des Lehrstückes
    radikaler als Brecht

    Ro
    so was wie Weiss aber mit Jazz

    Ju
    Nicht die illustrative Wiedergabe von sozialistischer Realität

    L
    sondern ihre Widersprüchlichkeit aufzeigen und somit Probleme
    aufzeigen

    E
    EIN GESPENST GEHT UM IN PANKOW huhuhu

    Jo
    HASTE MAL NE FLUPPE THOMAS

    R
    KLAR WEST OST
    nee Wolf spiel mal nich

    L
    aber die Widersprüchlichkeit darf nicht zum Instrument der InfrageStellung unserer sozialistischer Positionen werden

    B
    Parteilichkeit und viele Songs

    E
    VODKA FÜR INGE UND DEN WOLF

    JoNEE ICH HEUT NICH HAB MORGEN IN SCHWARZE PUMPE
    übrigens haste mal zehn mark

    E
    NEE aber Bettina

    Ju
    unsere Stärke liegt in der Parteilichkeit von Kunst
    Haltung klar machen Verfremden
    das befindliche emotionale Melodramatisiween des BRD Theaters ist

    F
    nicht weit weg vom gefühlgedröhne eines Rühmann Goebbels oder
    Heesters Waffen SS Strichjungencharme
    F
    ICH HAB SIE IN DEN BRAND GESCHOSSEN ALS VOLKSSTURMund in Schwerin die Straßen gefegt
    nee oder war das in Waren
    Das war so stumpf da im Norden
    schon

    L
    Du kannst nicht die vorrevolutionäre Erfahrung eines Brecht in die nachkriegliche staatsrevolutionäre umserer Republikgründung überleiten

    R
    Die Macht des Proletariats ist eine junge ungefestigte,so muss unsere Kunst sein YOUNG AND WILD WIE DER WESTERN IM ZOOPALAST Neue LEVIS die machen wir selber im Kommunismus,

    E
    nee in Grimma

    L
    Jung ungefestigt jedoch parteilich und nicht dogmatisch in seinem nationalkommunistischen Utopismus

    Rb
    JETZT REICHTS MIR

    J
    WAS DEN THOMAS
    THOMAS

    RPanzer in rotem PRAG in unserm roten Prag

    J
    das ist Budapest 1956 du bist zu früh
    mit deiner Ambition

    DIE KORREKTUR

    INGE HEINER
    Die Korrektur unser erstes gemeinsames Stück
    Ein Bericht

    INGE
    Vom Aufbau des Kombinats Schwarze Pumpe.

    HEINER
    Auftritt ein Brigadier: Bist du der Sekretär?

    INGE
    PARTEISEKRETÄRIN
    Ja.
    Was ist?

    HEINER/BREMER
    Ich heiße Bremer, bin Parteimitglied seit 1918, war im KZ bis 45, Funktionär bis vor acht Tagen. Die Partei hat mich in die Produktion kommandiert, weil ich einem Nazi in die Fresse geschlagen habe, der bei der Nationalen Front einen Posten hat. Und jetzt bin ich hier im Kombinat.

    INGE/PARTEISEKRETÄRIN
    Gut, Genosse Bremer. Du arbeitest im Abschnitt 6 als Brigadier.Du wirst Schwierigkeiten haben. Der Sozialismus wird nicht nur mit Sozialisten aufgebaut, hier nicht und wonders nicht, am wenigsten hier. Das Kombinat ist eine Großbaustelle, kein Musterbetrieb, und wir müssen schnell baun. Unsre Industrie braucht Strom und Kohle und braucht beides schnell. Du kommst nicht durch, wenn du dich nicht an die Partei
    hältst.

    HEINER/BREMER
    Hier bist du die Partei, was?

    INGE/PARTEISEKRETÄRIN
    Die Partei hat mich hier eingesetzt. Du kannst mich kritisieren, wenn ich Fehler mache. Dazu gibt es Versammlungen. Auch dazu.

    INGE
    Auftritt des Arbeiters Franz K.

    HEINER
    lieber gleich die ganze Brigade
    ein Tableau des Klassenkampfes

    SCHAUSPIELER
    Ich bin Bauarbeiter, rot seit 1918, seit 46 nicht mehr so. Ich habe mit der Wismut das Erzgebirge auf den Kopf gestellt, acht Stunden täglich, in Schächten one Sicherung, die jeden Tag absaufen konnten.

    SCHAUSPIELER
    Wer nicht mit dem Schacht absoff, soff ab im Schnaps. Wen der Schnaps nicht fertigmachte, den brachten die Weiber auf den Hund. Es war schwer, sich herauszuhalten: aus den Schächten, aus den Weibern, aus dem Schnaps.

    SCHAUSPIELER
    Jetzt hat sich das gebessert: die Schächte sind gesichert, und die Weiber sind verheiratet. Hier im Kombinat hab ich mir noch kein Bein ausgerissen.

    HEINER
    Szene Die Normenschaukel

    INGE
    Musik Jazz Auftritt Nazi

    DER MAJOR
    Komm auf die Schaukel Brigadir

    FRANZ K
    Er ist neu ,klär in auf Major

    MAJOR
    Das ist die Norm,gemacht von einem Streber.Die muss korrigiert werden.Also wird geschaukelt
    Was wir nicht schaffen,schaffen wir auf dem Papier.Den Bleistift hast du.

    BRIGADIER
    Bei mir steht hundertzwanzig.Betrug kommt nicht in Frage.

    MAJOR
    Ich schlag dir aufs Maul du Kommunist

    INGE
    Wir arbeiten an der Erneuerung des sozialistischen Lehrstück
    Epische Texte Jazz

    HEINE
    epische Spielweise

    FREUNDE MIT LEHRSTÜCKEN.UMSIEDLERIN.LOHNDRÜCKER


    SONJA:
    ACHT JAHRE EINE NACHT
    Wohnzimmer in Pankow. Bettina Wegner singt Schlager und wird von Fernsehreporter interviewt. Inge mit Akkordeon und Suff hat mit ihrem Blut ein Hakenkreuz gemalt.Sonja die sowjetische Sanitäterin verbindet ihr die Venen

    BETTINA
    singt

    FERNSEHMODERATOR
    So meine lieben Zuscahuer das war unsere zauberhafte Junge Bettina aus dem Vokalensemle
    des Fernsehens der DDR (Originaltext folgt)

    HEINER
    Acht Jahre
    Hör bitte auf

    INGE
    Du hast mich ausradiert
    Umsiedlerin HMüller
    Der Bau Heiner HMüller
    Die Lohndrücker HMüller
    Die Korrektur HMüller

    MÜLLER
    Hör auf zu saufen

    INGE
    Ich trinke

    MÜLLER
    Hör auf zu tanzen

    INGE
    Hier mein SELBSTBILDNIS ZWEI UHR NACHTS:Dein an der Schreibmaschine sitzen. Mein auf dem Boden liegen. Dein Blättern in einem Kriminalroman. Am Ende Wissen, was du jetzt schon weißt: Der glattgesichtige Sekretär mit dem starken Bartwuchs ist der Mörder des Senators und die Liebe des jungen Sergeanten der Mordkommission zur Tochter des Admirals wird erwidert. Aber du wirst keine Seite auslassen. Manchmal beim Umblättern ein schneller Blick auf das leere Blatt in der Schreibmaschine keiner zur Tür von meinem Zimmer.
    Der Sergeant ist gerade dabei den zweiten Mord zu verhindern Obwohl die Admiralstochter hm (zum erstenmal!) die Lippen hinhält, Dienst ist Dienst an der Kopulationsfront.Nebenan träumt deine Frau von ihrer ersten Liebe. Gestern hat sie versucht sich aufzuhängen. Morgen wird sie sich die Pulsadern aufschneiden oder wasweißich. Wenigstens hat sie ein Ziel vor den Augen. Das sie erreichen wird, so oder so und das Herz ist ein geräumiger Friedhof. Die Geschichte der Fatima von deiner Frau im Neuen Deutschland war so schlecht geschrieben, daß du darüber gelacht hast. Der Krimi ist gelesen.Jetzt kannst du schlafen. Morgen ist wieder ein Tag.

    HEINER
    Du schreibst doch nur Kinderbücher,Kinderverse. Höchstens mal eine Revue für den Friedrichstadtpalast natürlich für Kinder. (nimmt Manuskripte liest vor)
    Ach du grüne Neune Pittiplatsch wie willst du den Kosmonaut werden
    So eine Scheisse
    Verkrampft
    Nicht zu Ende geschrieben,nicht zündend geschrieben
    Meine Korrektur deiner Korrektur
    Korrigier dein fettiges trauriges Haar
    Das ist doch alles Scheisse
    Jetzt spielt sie wieder deine Weltmeister
    Die einzige Welt die du fassen kannst
    SchwarzWeiss die Knöpfe fleissig üben die Töne,fleißig schreibst du auch
    Und jetzt musst du mir beweisen,dass du gleichwertig und eigenständig bist als Autorin. Grotesk. Auf deiner Steuererklärung muss immer mehr einstehen an Einnahmen als bei mir,das ist alles zu unseren Ungunsten steuerlich gesehen…und wenn du mal was schreibst dann ist das immer mit Übereinsatz verbunden,mit Verkrampfungen

    INGE
    ICH SEH DICH SO AM SCHREIBTISCH SITZEN: GEBEUGT
    Unter der Last deiner Gedanken, ausruhend von den hetzenden Träumen der zu kurzen Nächte,
    ein Vogel auf dem Fenstergitter stört dich, sekundenlang ist da die Angst der Neugeborenen in deinen Augen und du greifst nach dem Bleistift wie nach meiner Hand (Wie ich nach deiner greife. Manchmal.) Und ich sag dir wie der Vogel heisst.Und wie er singt. Du schreibst es auf.
    Beruhigt malst du dein Gesicht auf eine Streichholzschachtel und nimmst eine neue Zigarette und schreibst mit unserm Blut die Chronik dieser Zeit.


    MÜLLER
    Acht Jahre schneide ich dich schon vom Strick, hol dich vom Balkon aus fremden Betten

    INGEMÜLLER SCHLÄFT WENN ER MÜDE IST
    MÜLLER ISST WENN ER HUNGRIG ISTARBEITET WENN ER KANN.MÜLLER LEBT WIE ER MUSS,ABER ER MUSS NICHT WAS WIR MÜSSENMiete zahlen Mittag machen Wäsche kochen
    Der Majakowski mitgekocht nur noch Brei in meinen Händen
    meine Lyrik schrumpft bei 60 Grad dass deine Schlüpfer glänzen
    ich wechsel die Männer wie du deine Sujets
    schaffst zehn Seiten am Tag
    ich nur einen halben Sprung
    vom Balkon
    weit ist der Himmel

    MANFRED KRUG
    Sag mal Heiner du hast da einen neuen Text

    HEINERDer Bau,es geht da um einen Brigadier Balla
    zitiert aus DER BAU

    MANFREDdit wirdn Film

    UNTER TRÜMMERN

    MÜLLER
    Inge hör auf
    Inge bitte

    INGE
    Zwei Seiten Hörspiel
    Zehn Seiten Kinderbuch
    ich möchte jetzt dass dieser Text gesprochen wird.verdammte scheisse
    dieser Text ist mir sehr wichtig
    wirklich wichtig, scheisse
    also sprechen spielen wir den jetzt
    sofort ich kann nur noch heulen
    träume vom krieg nazis auschwitz
    und meiner weltmeister und dem verkehr danach in Lichtenberg oder Pankow mit X Y Z unbedingt ein Genosse der Mutterschoß meine sozialistische Heimat unter Trümmern
    DIESER TEXT HIER IST Sozialistisch UND MIR SEHR WICHTIG mein Sozialismus Kommunismus MEIN FRIEDEN NACH DEM KRIEG:
    DIE WEIBERBRIGADE Auftritt vier Frauen in Schwarze Pumpe…
    bin ein zirkusloch das aus den trümmern kroch und nehme alles
    das nich nazi war und jünger als ein SS panzersoldat von großdeutschland
    ja, schreib nur mitkorrigier kuratier mich,dramatisier mich
    heiner,lies meine sätze heimlich in der Nacht unter Bauhauslicht
    in der Nacht..wir stopfen uns die Münder mit unseren Geschlechtern
    nehmen sie in Mund
    in jeder Öffnung explodieren
    das muss reichen für Frau Mann
    die Sätze für AUFBAU VOKLK UND KINDERBUCHVERLAG sind unser Flaschen Pfand ,ich schenk dir meine Prologe
    ich borge deine Epiloge
    das dazwischen ist verloren gegangen
    Geh und denk dir schöne Sätze aus
    hinter abgeschlossener Tür ausgeschieden

    (Inge spielt schweigt und spielt Akkordeon.Nachtkrieg.Nachtgeister, vier Frauen.)

    SONJA(verbindet)
    Wir lagen zwischen Moskau und Berlin
    Im Rücken einen Wald ein Fluß vor Augen
    Zweitausend Kilometer weit Berlin
    Einhundertzwanzig Kilometer Moskau
    In Schützenlöchern aus gefrornem Schlamm
    Und warteten auf den Befehl zum Einsatz
    Und auf den ersten Schnee Und auf die Deutschen Tags hörten wir die Front nachts sahn wir sie Die Deutschen hatten was wir brauchten Panzer
    Flugzeuge den Hochmut der Sieger Meine Soldaten hatten Angst und wenig mehr
    Angst ist die Mutter des Soldaten und
    Der erste Schnitt geht durch die Nabelschnur Und wer den Schnitt verpaßt stirbt an der Mutter Meine Soldaten kamen von der Schule Im Kino hatten sie den Krieg gesehn
    Ich war ihre Kommandeurin und meine Angst war
    Die Angst vor ihrer Angst Und näher kam
    Die Front und von der Front die Deserteur
    Wo kommt ihr her Genossen
    Aus dem Kessel

    INGE/J
    Unterm Schutt lieg ich
    der Himmel fiel auf einmal um 45
    ich lachte und war blind
    Und war wieder ein Kind
    unterm Schutt
    Im Mutterleib wild und stumm
    Mit Armen und Beinen die ungeübt stießen und griffen und liefen Bilder ringsum
    Kein Boden kein Dach
    Was ist - verschwunden
    Ein Atemzug Stunden
    Ein Augenblick hell wie im Meer
    Da klopft einer Den Globus her!
    Daß ich mich halte Brücken Land Pole Millionen Hände brauch ich
    Mich trägst du nicht, Tod, ich mach mich schwer
    Bis sie kommen und graben bis sie mich haben
    Du gehst leer.

    SONJA
    Der Deutsche Habt ihr ihn gesehn Wie kämpft er
    Ein Horizont aus Panzern ist der Deutsche
    Der auf dich zufährt So Ein Himmel aus
    Flugzeugen ist der Deutsche Und ein Teppich
    Aus Bomben der sich über Rußland legt
    Es gibt sie nicht mehr die Rote Armee
    Wenn wir geschlagen werden und ich wußte
    Geschlagen werden wir nicht von den Panzern
    Von keinem Flugzeug oder Bombenteppich
    Was uns schlägt ist der General der Angst heißt

    INGE/Ro
    Unterm Schutt unterm Gebell der Eisenrohre lag ich
    Schon im Griff der Erde und wachte auf als IRGENDWO im Herz der Kontinente
    Rauch Aufstieg aus offenem Meer
    Heißer als tausend Sonnen war kälter als Marmorherz
    auf sechzehn Füßen EIN BERGUNGSTRUPP DER ROTEN ARMEE
    ging ich in die Mitte genommen den ersten Schrittt gegen den Staub
    Ich lebe und der Hund der an den Knochen meiner Eltern nagt
    in den Trümmern von Berlin 45

    INGE/Ju
    In den Gaskammern
    Erdacht von Männern
    Die alte Hierarchie
    Am Boden Kinder
    Die Frauen drauf
    Und oben sie
    Die starken Männer Freiheit und democracy.
    Ein Blick von einer Macht zur andren Macht. Von einer Nacht in die andre Nacht Und dazwischen: vide! (Ich sehe) Da nehm ich mir lieber einen Fetzen Blau Vom Himmel
    Daß er schwarz dahinter ist weiß ich wenn ich weine
    Ich seh ihn,
    Und dann weiß ich nicht wie er war.

    INGE/L
    Flüchtlinge vorm Leben.
    Was haben wir zu geben?
    Flüchtlinge. Alle.
    Gewalt.
    Das war schon; viele wurden trotzdem alt!
    Wieviele sterben Bis wir uns aufheben.
    Hand vor Hand
    Und Fuß vor Fuß
    Männer brauchen Krieg
    Der Verlierer braucht den Sieg
    Der Kopf stirbt unterm Muß.
    Das Chaos
    Was fängt an?

    TODESANZEIGE
    (viermal müller viermal inge köpfe in gasherden.sonja die sowjetische sanitäterin legt eine platte auf.eher etwas russisches.)

    H/J
    Sie war tot, als ich nach Hause kam.
    Sie lag in der Küche auf dem Steinboden, halb auf dem Bauch, halb auf der Seite, ein Bein angewinkelt wie im Schlaf, der Kopf in der Nähe der Tür.
    Ich bückte mich, hob ihr Gesicht aus dem Profil und sagte das Wort, mit dem ich sie anredete, wenn wir allein waren.
    Ich hatte das Gefühl, daß ich Theater spielte.
    Ich sah mich, an den Türrahmen gelehnt, halb gelangweilt halb belustigt einem Mann zusehen, der gegen drei Uhr früh in seiner Küche auf dem Steinboden hockte, über seine vielleicht bewußtlose vielleicht tote Frau gebeugt, ihren Kopf mit den Händen hochhielt und mit ihr sprach wie mit einer Puppe für kein andres Publikum als mich.

    H/E
    Ihr Gesicht war eine Grimasse, die obere Zahnreihe schief in dem aufgeklapp ten Mund, als ob der Kiefer ausgerenkt wäre. Als ich sie aufhob, hörte ich etwas wie ein Stöhnen, das mehr aus ihren Eingeweiden als aus ihrem Mund zu kommen schien, jedenfalls von weit.

    H/R
    Ich hatte sie schon oft wie tot daliegen sehen, wenn ich nach Hause kam, und aufgehoben mit Angst (Hoffnung), daß sie tot war und der schreckliche Laut klang beruhigend, eine Antwort. Später klärte mich der Arzt auf: Eine Art Aufstoßen, durch die Lageveränderung bedingt, ein Rest von Atemluft, vom Gas aus den Lungen gepreßt. Oder ähnlich.

    H/F
    Ich trug sie ins Schlafzimmer, sie war schwerer als gewöhnlich, nackt unter dem Morgenrock. Als ich die Last auf der Bettcouch ableg te, fiel ihr eine Zahnprothese aus dem Mund. Sie mußte sich, in der Agonie, gelockert haben.Ich wußte jetzt, was ihr Gesicht entstellt hatte. Ich hatte nicht gewußt, daß sie eine Zahnprothese trug.

    H/E
    Ich ging zurück in die Küche und stellte den Gasherd ab, dann, nach einem Blick auf ihr leeres Gesicht, zum Telefon, dachte, den Hörer in der Hand, an mein Leben mit der Toten bzw. an die verschiedenen Tode, die sie dreizehn Jahre lang gesucht und verfehlt hatte, bis zu der heutigen erfolgreichen Nacht.

    H/R
    Sie hatte es mit einer Rasierklinge probiert: als sie mit einer Pulsader fertig war, rief sie mich, zeigte mir das Blut. Mit einem Strick, nachdem sie die Tür abgeschlossen, aber, mit Hoffnung oder aus Zerstreutheit, ein Fenster offen gelassen hatte, das vom Dach aus zu erreichen war. Mit Quecksilber aus einem Fieberthermometer, das sie, für diesen Zweck, zerbrochen hatte. Mit Tabletten. Mit Gas. Aus dem Fenster oder vom Balkon springen wollte sie nur, wenn ich in der Wohnung war. Ich rief einen Freund an, ich wollte immer noch nicht wissen, daß sie tot war und eine Sache der Behörden, dann das Rettungsamt.

    KRANKENSCHWESTER SONJA:
    SIND SIE WAHNSINNIG MACHEN SIE SOFORT DIE ZIGARETTE AUS TOT SIND SIE SICHER JA SEIT MINDESTENS ZWEI STUNDEN ALKOHOL DAS HERZ HABEN SIE NICHT GEMERKT DASS IHRE FRAU WO IST DER BRIEF WAS FÜR EIN BRIEF HAT SIE KEINEN BRIEF HINTERLASSEN WO WAREN SIE VON WANN BIS WANN MORGEN NEUN UHR ZIMMER DREIUNDZWANZIG VORLADUNG DIE LEICHE WIRD ABGEHOLT AUTOPSIE KEINE SORGE MAN SIEHT NICHTS.

    H/R
    Warten auf den Leichenwagen, ins Nebenzimmer gehen (dreimal), die Tote NOCH EINMAL ansehen (dreimal), sie ist nackt unter der Decke. Wachsende Gleichgültigkeit gegen Dasda, mit dem meine Gefühle (Schmerz Trauer Gier) nichts mehr zu tun haben. Die Decke wieder über den Körper ziehen (dreimal), der morgen aufgeschnitten wird, über das leere Gesicht. Beim drittenmal die ersten Spuren der Vergiftung: blau. Zurück ins Wartezimmer (drei mal).

    H/Jo
    Mein erster Gedanke an den eigenen Tod 1945
    Nachtmarsch auf dem Bahndamm in Mecklenburg, in zu engen Stiefeln und zu weiter Uniform: die dröhnende Leere. HÜHNERGESICHT. (Inges stehen auf,umringen die Lebenden)
    Irgendwo auf dem Weg durch den Nachkrieg hatte sie sich an mich gehängt, eine dürre Gestalt im schlotternden Militärmantel, der am Boden nach schleifte, eine zu große Feldmütze auf dem zu kleinen Vogelkopf, ein Kind in Feldgrau. Trottete neben mir her, stumm, ich kann mich nicht erinnern, daß sie ein Wort gesagt hätte, nur wenn ich schneller ging, sogar lief, um sie abzuschütteln, stieß sie zwischen keuchenden Atemzügen kleine klägliche Laute. Wie Hundeheulen.Nie war mein Wunsch, einen Menschen zu töten, so heftig. Ich erschlug sie mit seinem Feldspaten.nicht einmal als sie das Spatenblatt kommen sah, brachte sie einen Schrei zustande. Sie hat in meinen Träumen keinen Platz mehr, seit sie ihn getötet habe (dreimal)

    INGE (vier Frauen,schwärzen die Welt.Terror)
    Ich bin Die die der Fluß nicht behalten hat.

    INGE/Ju
    Die Frau am Strick

    INGE DREI/R
    Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern

    INGE VIER/L
    Die Frau mit der Überdosis

    ALLE
    AUF DEN LIPPEN SCHNEE

    INGE/Je
    Die Frau mit dem Kopf im Gasherd. Gestern habe ich aufgehört mich zu töten.

    INGE/Ju
    Ich bin allein mit meinen Brüsten meinen Schenkeln meinem Schoß.

    INGE/L
    Ich zertrümmre die Werkzeuge meiner Gefangenschaft den Stuhl den Tisch das Bett.

    INGE/R
    Ich zerstöre das Schlachtfeld das mein Heim war.

    INGE/J
    Ich reiße die Türen auf, damit der Wind herein kann und der Schrei der Welt.

    INGE/L
    Ich zerschlage das Fenster. Mit meinen blutenden Händen zerreiße ich die Fotografien der Männer die ich geliebt habe und die mich gebraucht haben

    INGE/R
    auf dem Bett auf dem Tisch auf dem Stuhl auf dem Boden.

    INGE/Ju
    Ich lege Feuer an mein Gefängnis. Ich werfe meine Kleider in das Feuer. Ich grabe die Uhr aus meiner Brust die mein Herz war. Ich gehe auf die Straße, gekleidet in mein Blut.

    INGE I-IV
    Hier spricht Elektra Ophelia Tuppa Inge im Herzen der Finsternis.

    Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer.

    Ich stoße allen Samen aus, den ich emp-fangen habe.

    Ich verwandle die Milch meiner Brüste in tödliches Gift.

    Ich nehme die Welt zurück, die ich geboren habe.

    Ich ersticke die Welt, die ich geboren habe, zwischen meinen Schenkeln.

    Ich begrabe sie in meiner Scham.

    Nieder mit dem Glück der Unterwerfung.

    Es lebe der Haß, die Verachtung, der Aufstand, der Tod.

    Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.

    SONJA
    PANZERGERÄUSCHE.RAUCH.WÄNDE WERDEN ZU FLUGBLÄTTERN.ROLLING STONES UND DUBČEK.PAVEL IM AUTOREIFEN.EIN MENSCH BRENNT.
    PRAG 1968.CHILDREN OF THE REVOLUTION.THOMAS VERSUCHt EINEN FEUERMENSCH ZU LÖSCHEN.EINE SOWJETISCHE SOLDATIN REGELT DEN PANZERVERKEHR.(sie tut es) BETTINA SINGT EIN LIED FÜR PRAG.

    DER FINDLING

    THOMAS
    Heiner die Russen in Prag
    Wir müssen was unternehmen

    MÜLLER
    Du ich bin in grad Bulgarien, ich kann dazu jetzt nichts sagen
    Ich rede gerade mit afrikanischen Studenten in einer Bar

    THOMAS
    Heiner, Russenpanzer im Roten Prag

    BETTINA
    Russen raus aus Prag

    THOMAS
    Heiner du musst dich äußern

    HEINER
    Nee ich hab wirklich gerade Urlaub
    in Bulgarien, ist wirklich billig und ich bin pleite

    BETTINA
    Es lebe Dubcek

    THOMAS
    Heiner das ist das Ende unseres Traumes

    HEINER
    Nee du Thomas,ist gerade spannend was die afrikanischen
    Studenten gerade erzählen,über ihren Befreiungskampf

    THOMAS
    Stalin lebt
    Russen raus aus Prag

    B
    Singt weiter

    THOMAS
    Vater

    VATER
    Weißt du was du getan hast
    Hier hast du Wohnung Arbeit Sicherheit
    Dort gilt der Mensch nichts nur das Kapital
    Leichen im Keller und Geld auf der Bank Leichen mit Davidstern In Braun In Feldgrau
    Zerbrochen von Metall Zerkocht in Panzern Rauch aus dem Schornstein Staub im Bombenteppich
    Das jüngste Grab bewohnt der Kindertraum
    Von einem Sozialismus ohne Panzer
    Und pflegen ihre Gräber Hunde Katzen
    Und ihren Kontostand Bunt ist die Leiche
    Ins Paradies kommt wer es kaufen kann

    THOMAS
    Es regnete als ich vor seiner Tür stand
    Hand auf dem Klingelknopf ein nasser Hund
    Ich sah nur seinen Schatten Licht im Rücken

    VATER
    Weißt Du wie spät es ist Es gibt noch Leute
    Die brauchen ihren Schlaf für ihre Arbeit
    Und deine Mutter Du weißt daß sie krank ist
    Es interessiert dich nicht das weiß ich auch
    Und was an ihrem Leben frißt bist du

    THOMAS
    Sie sind hinter mir her Das Flugblatt Er fragte nicht Wer und Was für ein Flugblatt

    VATER
    Du bist betrunken Geh Schlaf deinen Rausch aus Gegen den Einmarsch der Bruderarmeen

    THOMAS
    Ich hab auch einen Bruder in Prag Das heißt Ich hatte einen Bruder
    in Prag Ein Haufen Asche ist er jetzt
    Ein Knochenbündel und ein Brandgeruch
    Er hat sich selbst verbrannt in Prag mein Bruder

    VATER
    Verrückte gibt es überall

    THOMAS
    Verrückte
    Ich weiß wer hier verrückt ist

    VATER
    Weißt du das
    Dann weißt du auch was jetzt passieren wird
    Ich bin nicht irgendwer Du bist es auch nicht
    Wenn ichs auch wollte Ich kann nicht so tun
    Nicht vor mir selber nicht vor der Partei
    Als hätt ich dein Geständnis nicht gehört

    THOMAS
    Geständnis sagte er Und ich Geständnis
    Wenn einer hier gesteht dann bist es du
    Genosse Vater Und mein Vater nicht
    Wie oft hab ich gewollt du wärst mein Vater
    Statt der Genosse der mich adoptiert hat
    Mein Feind in jedem Stellvertreterkrieg
    Den ihr geführt habt im Namen der Sache
    Krieg gegen lange Haare Jeans und Jatz
    Mit Händehoch im Polizeirevier
    Gesicht zur Wand und stehen bis du umfällst
    Was eure Sache ist weiß ich jetzt auch
    Mit Panzerketten auf den Leib geschrieben
    Habt ihr sie UNSERN MENSCHEN eure Sache

    VATER
    Zieh deinen Mantel aus Du bist durchnäßt
    Zieh meine Jacke an Sie paßt dir Oder

    THOMAS
    Ich glaub nicht daß mir deine Jacke paßt

    VATER
    Du warst meine Zukunft Alles haben wir
    In dich hineingestopft Das ist der Dank
    Das Hakenkreuz in Leipzig an der Tafel
    In Dresden auf der Brücke dein Geschmier
    FREIHEIT und RUSSEN RAUS Freiheit für wen
    Das hieß zehn Jahre Zuchthaus unter Brüdern
    Für dich wars eine andre Schule und
    Ein neuer Studienplatz Bedank dich und
    Auf Knien bei deiner Mutter So wie ich
    Auf Knien gekrochen bin vor der Partei
    Für deine Freiheit Und beeil dich Ihr Krebs kann nicht warten
    Russen raus aus Prag Was weißt du
    Uns alle hätten sie schon aufgehängt
    Wenn wir die Panzer nicht im Rücken hätten
    Und was hat dir gefehlt in all den Jahren
    Seit ich dich aus dem Dreck gezogen habe

    SONJA

    THOMAS
    Russen raus aus rotem Prag

    VATER
    Red leise Nebenan stirbt meine Frau

    THOMAS
    Merkst du das auch schon Wann hat sie gelebt
    Frag deine Frau Und wenn du deinen Arsch
    Nicht hochkriegst aus dem Sessel sag ich dir
    Was ihr gefehlt hat und was mir gefehlt hat
    Ihr Krebs du kannst Genosse zu ihm sagen
    Mein Hakenkreuz war auch aus deiner Schule
    Wie redet man mit einem Leitartikel
    Und wie umarmt man ein Parteiprogramm
    Du hast mich mit Geschenken abgespeist
    Und keine Antwort wenn ich wissen wollte
    Wer recht hat und warum der Volksmund oder
    Das NEUE DEUTSCHLAND eure Bilderbibel
    Der Plattenspieler war für Budapest
    Für meinen Freund erschossen an der Mauer
    Mußte es dann schon ein Motorrad sei
    Das Blauhemd auf dem Sattel war ein Extra
    Für das zerrissne beim Fahnenappell
    Das war mein Bildungsgang in deiner Schule
    Das rote Halstuch meine Nabelschnur
    Jetzt kann ich nur noch lachen
    Dann sprangen mir die Tränen aus den Augen
    Ich ging ins Nebenzimmer wo die Frau starb
    Die meine Mutter war und war es nicht
    Aber ich hatte keine andre Mutter
    Ich hörte zu wie sie mit ihrem Krebs sprach
    Zog meine Kleider aus vom Regen schwer
    Leckte den kalten Schweiß von ihrer Stirn
    Vermischt mit meinem Rotz mit meinen Tränen
    Ich legte mein Gesicht auf ihre Brüste
    In denen jetzt der Krebs zu Hause war
    Ich legte meinen Kopf in ihren Schoß
    Der meine Heimat nicht gewesen war
    Weil keine Mutter mich geboren hat
    Mein Vater eine leere Uniform
    Ich sagte Ich will eine Tochter sein

    BETTINA
    Ich weinte nicht Ich hatte keine Tränen
    Ging nicht ins Nebenzimmer wo die Frau starb
    Ich stand in meiner Schlammspur auf dem Teppich
    Was geht mich euer Sozialismus an
    Bald schon ersäuft er ganz in CocaCola
    VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN
    der Brustkrebs einer fremden Frau
    Warum nimmst du die Hand vom Telefon
    Zweifel am sozialistischen Strafvollzug
    Ein Minuspunkt in deiner Kaderakte
    Warum Genosse rufst du uns erst jetzt an
    Warum ziehst du die Jacke aus

    VATER
    Ich friere

    BETTINA
    Willst du heraus aus deiner Uniform
    Aus deinem Würgegriff mit Schlips und Kragen
    Weißt du ob du darunter noch ein Mensch bist
    Vielleicht wenn du die Haut dir auch noch abziehst

    VATER
    Mit unsern Knochen haben wir Und ihr jetzt Mit euren Knochen und mit andern Knochen

    BETTINA
    Ich weiß was ihr gebaut habt Ein Gefängnis
    Mein bester Freund erschossen an der Mauer
    Er hat sie hinter sich Ich hab sie vor mir
    drei Jahre Knast

    THOMAS
    Als du nach Hause kamst vor sieben Jahren
    Aus deiner Sitzung mit gebrochnem Kreuz
    Ich hätte keine Hand bewegt für dich
    Und keinen Finger Und dein Augenblick
    Der Fangschuß deine letzte Parteiarbeit

    MÜLLER
    Der Dienstrevolver ist kein Monopol THOMAS
    Im Sozialismus keine Privilegien
    Ich lege mich freiwillig zu den Akten
    Mein Dienstrevolver ist das Mausoleum
    Des deutschen Sozialismus Und ich spiele
    Heimvorteil Die Mauer ist volkseigen
    Die Munition die mich zerreißen wird
    Ist auch volkseigen und ich bin das Volk
    VERGESSEN UND VERGESSEN

    THOMAS
    Das letzte was ich hörte war sein Weinen
    Und seine Stimme die dagegen anschrie

    MÜLLER schreibt Schreibmaschine
    VATER DOPPELPUNKT
    Erschießen solln sie dich du Nazibastard. Erschießen solln sie dich wie einen Hund

    THOMAS
    Und das Geläut des Telefons als er
    Den Hörer aufnahm und wählte die Nummer

    MÜLLER
    …
    …
    …

    AUSSCHLUSS

    GENOSSE WAGNER
    Genosse Müller ihre Stücke
    Die Umsiedlerin
    Die Korrektur
    Der Bau
    Die Lohndrücker
    (Einruf von der Seite „die Gedichte nicht vergessen“)
    Sind in ihrem Wesen ihrem Inhalt ihrer Konsequenz nach konterrevolutionär, gegen die Staatsmacht und die Politik unserer Republik gerichtet. Wir lassen unseren Staat in einer derartigen Weise selbst von shakespearschrn Blankversen unseres Jahrhunderts HERR HACKS (der ist gerade auf Toilette) nicht beleidigen.Wir können uns nicht leisten,dass in dieser Situation (diplomatische Anerkennung unseres Staates durch…) wo die Deutsche Demokratidche Republik international ein solches Wachstum ihres Ansehens hat

    ANNA SEGHERS/L
    aber er ist noch jung

    GENOSSE WAGNER
    Und du liebe Genossin Seghers musst wieder aufs Klo

    MÜLLER
    Ich stehe in einem Fahrstuhl

    GENOSSE WAGNER
    Genosse Müller ihre Texte spiegeln nicht unsere sozialistische Gegenwart wieder

    MÜLLER
    ich fahre zu meinem Chef

    GENOSSE WAGNER
    konterrevolutionäre Tendenzen,Abkehr vom realistischen Menschenbild
    Verhöhnung aller Errungenschaften,ja Genosse Krug

    KRUG/R
    Ich finde seine Texte lustig und die Genossen Arbeiter haben auch gelacht

    GENOSSE WAGNER
    Danke Genosse Krug,der Genosse Müller ist seine Texte zur Veröffentlichung oder öffentliche Aufführung nicht geeignet
    Allein die Begrüssungsszene in in…einem ihrer sogenannten Lehrstücke
    Bei uns umarmen sich die Parteifunktionäre mit den Brigadieren
    bevor sie herzlich einen heben,in ihrer Szene kalte Worte

    DRAMATURGIEN UND VERLAGE WERDEN VON MÜLLER TEXTEN GESÄUBERT.

    MÜLLER
    Ich stehe zwischen Männern,

    GENOSSE WAGNER
    Ja die Männer…In Müller Bild unserer Republik herrscht ein immerwährende Kopulieren
    der Geschlechter NEIN GENOSSE HERMLIN die Toilette ist besetzt
    Genossin SEGHERS und der Herr Hacks sind schon vor Ort
    Der Genosse Müller wird mit sofortiger Wirkung aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. Nun die Selbstkritik des Genossen Müller

    MÜLLER
    ICH KANN DAS NICHT

    JUNGER SCHAUSPIELER
    Ich Heiner Müller speie euch eure Scheisse in eure alten Fressen
    Ihr zählt meine Kommas ich eure Toren
    Ich habe nichts zu schaffen mit eurem Paradies für Dauerredner. Eh ihr nicht gelernt habt euch selber in die Fressen zu spein braucht ihr mir nicht mehr unter die Augen zu kommen. Die Hoffnung daß ihr nicht aufhören werdet mit Lügen ist was mich am Leben erhält. Spart den Trauerflor, ich werde mich nicht auf die Schienen legen. Warum stürzen sich die Lemminge ins Meer auf Spitzbergen? warum seen die Bäume bei Windstille unschuldig aus? wen morde ich nachts? warum lebt ihr? warum will ich die Antwort nicht wissen? warum frage ich? Man sollte euch Scherben ins Maul stopfen, bis der Wind auf euren zerrissnen Gedärmen spielt. Ich hab euch den Spiegel gehalten für ein Trinkgeld. Auf meinem Schädel habt ihr in zertrümmert, weil euch eure Nase nicht gefallen hat.

    MÜLLERdas habe ich nie gesagt
    Ich stehe in einem Fahrstuhl
    zwischen Männern die mir unbekannt sind, in einem alten Fahrstuhl mit während des Aufstiegs klapperndem Metallgestänge. Ich bin gekleidet wie ein Angestellter oder wie ein Arbiter am Feiertag. Ich habe mir sogar einen Schlips umgebunden, der Kragen scheuert am Hals, ich schwitze. Wenn ich den Kopf bewege, schnürt mir der Kragen den Hals ein. Ich habe einen Termin beim Chef (in Gedanken nenne ich ihn Nummer Eins), sein Büro ist in der vierten Etage, oder war es die zwanzigste; kaum denke ich darüber nach, schon bin ich nicht mehr sicher. Die Nachricht von meinem Termin beim Chef (den ich in Gedanken Nummer Eins nenne) hat mich im Kellergeschoß erreicht, einem ausgedehnten Areal mit leeren Betonkammern und Hinweisschildern für den Bombenschutz. Ich nehme an, es geht um einen Auftrag, der mir erteilt werden soll. Ich prüfe den Sitz meiner Krawatte und ziehe den Knoten fest. Die Krawatten der andern Männer im Fahrstuhl sitzen fehlerfrei. Einige von ihnen scheinen miteinander bekannt zu sein. Sie reden leise über etwas, wovon ich nichts verstehe. Immerhin muß ihr Gespräch mich abgelenkt haben: beim nächsten Halt lese ich auf dem Etagenanzeiger über der Fahrstuhltür mit Schrecken die Zahl Acht. Ich bin zu weit gefahren oder ich habe mehr als die Hälfte der Strecke noch vor mir. Entscheidend ist der Zeitfaktor.

    GENOSSE WAGNER
    GENOSSEN
    FÜNF MINUTEN VOR DER ZEIT/ IST DIE WAHRE PÜNKTLICHKEIT.

    HEINER
    Als ich das letztemal auf meine Armbanduhr geblickt habe, zeigte sie Zehn. Ich erinnere mich an mein Gefühl der Erleichterung: noch fünfzehn Minuten bis zu meinem Termin beim Chef. Beim nächsten Blick war es nur fünf Minuten später. Als ich jetzt, zwischen der achten und neunten Etage wider auf meine Uhr sehe, zeigt sie genau vierzehn Minuten und fünfundvierzig Sekunden nach der zehnten Stunde an: mit der wahren Pünktlichkeit ist es vorbei, die Zeit arbeitet nicht mehr für mich. Schnell überdenke ich meine Lage: ich kann beim nächsten möglichen Halt aussteigen und die Treppe hinunterlaufen, drei Stufen auf einmal, bis zur vierten Etage. Wenn es die falsche Etage ist, bedeutet das natürlich einen viel leicht uneinholbaren Zeitverlust. Ich kann bis zur zwanzigsten Etage weiterfahren und, wenn sich das Büro des Chefs dort nicht befindet, zurück in die vierte Etage, vorausgesetzt der Fahrstuhl fällt nicht aus, oder die Treppe hinunterlaufen (drei Stufen auf einmal), wobei ich mir die Beine brechen kann oder den Hals, gerade weil ich es eilig habe. Ich sehe mich schon auf einer Bahre ausgestreckt, die auf meinen Wunsch in das Büro des Chefs getragen und vor seinem Schreibtisch aufgestellt wird, immer noch dienstbereit, aber nicht mehr tauglich. Vorläufig spitzt sich alles auf die durch mine Fahrlässigkeit im voraus nicht beantwortbare Frage zu, in welcher Etage der Chef

    OKTOBERKLUB
    DEN ER IN GEDANKEN NUMMER EINS NENNT

    MÜLLER
    einem wichtigen Auftrag auf mich wartet. (Es muß ein wichtiger Auftrag sein, warum sonst läßt er ihn nicht durch einen Untergebenen erteilen.) Ein schneller Blick auf die Uhr klärt mich unwiderlegbar über die Tatsache auf, daß es auch für die einfache Pünktlichkeit seit langem zu spät ist, der Stundenzeiger steht auf Zehn. Mit meiner Uhr scheint etwas nicht zu stimmen,
    aber auch für einen Zeitvergleich ist keine Zeit mehr: ich bin, ohne daß ich bemerkt habe, wo die andern Herren ausgestiegen sind, allein im Fahrstuhl. Ich sehe auf meiner Uhr, von der ich den Blick jetzt nicht mehr losreißen kann, die Zeiger mit zunehmender Geschwindigkeit das Zifferblatt umkreisen, so daß zwischen Lidschlag und Lidschlag immer mehr Stunden vergehn. Mir wird klar, daß schon lange etwas nicht gestimmt hat: mit meiner Uhr, mit diesem Fahrstuhl, mit der Zeit. Ich verfalle auf wilde Spekulationen: Die Zeit ist aus den Fugen und irgendwo in der vierten oder in der zwanzigsten Etage (das Oder schneidet wie ein Messer durch mein fahrlässiges Gehirn) wartet in einem wahrscheinlich weitläufigen und mit einem schweren Teppich ausgelegten Raum hinter seinem Schreibtisch, mit meinem Auftrag der Chef (den ich in Gedanken Nummer Eins nenne) auf mich Versager.

    OKTOBERKLUB (spielt SAG MIR WO DU STEHST)
    GEGENSTANDSLOS

    MÜLLER
    in der Sprache der Ämter, die ich so gut gelernt habe

    OKTOBERKLUB
    BEI DEN AKTEN

    MÜLLER
    die niemand mehr einsehen wird, weil er gerade die letzte mögliche Maßnahme gegen den Untergang betraf, dessen Beginn ich jetzt erlebe, eingesperrt in diesen verrückt gewordenen Fahrstuhl mit meiner verrückt gewordenen Armbanduhr.

    OKTOBERKLUB

    GENOSSE WAGNER
    und zum feierlichen Abschluss unseres Schriftstellerkongresses spielen unsere jungen Genossen vom Oktoberklub SAG MIR WO DU STEHST

    MÜLLER
    Verzweifelter Traum im Traum: ich habe die Fähigkeit, einfach indem ich mich zusammenrolle, meinen Körper in ein Geschoß zu verwandeln, das die Decke des Fahrstuhls durchschlagend die Zeit überholt. Kales Erwachen im langsamen Fahrstuhl zum Blick aut die rasende Uhr. Ich stelle mir die Verzweiflung von Nummer Eins vor. Seinen Selbstmord. Sein Kopf, dessen Porträt alle Amtsstuben ziert, auf dem Schreibtisch. Blut aus einem schwarzrandigen Loch in der (wahrscheinlich rechten) Schlähabe keinen Schuß gehört, aber das beweist nichts, die Wände seines Büros sind natürlich schalldicht, mit Zwischenfällen ist beim Bau gerechnet worden und was im Büro des Chefs geschieht, geht die Bevölkerung nichts an, die Macht ist einsam.

    MÜLLER(R)
    Ich verlasse den Fahrstuhl beim nächsten Halt und stehe ohne Auftrag, den nicht mehr gebrauchten Schlips immer noch lächerlich unter mein Kinn gebunden, auf einer Dorfstraße in Bulgarien. Trockener Schlamm mit Fahrspuren. Auf beiden Seiten der Straße greift eine kahle Ebene mit seltenen Grasnarben und Flecken von grauem Gebüsch undeutlich nach dem Horizont, über dem ein Geim Dunst schwimmt. Wie soll ich meine Gegenwart in diesem Niemandsland erklären. Ich habe keinen Fallschirm vorzuweisen, kein Flugzeug oder Autowrack. Wer kann mir glauben, daß ich aus einem Fahrstuhl nach Bulgarien gelangt bin, vor und hinter mir die Straße, von der Ebene flankiert, die nach dem Horizont greift. Wie soll überhaupt eine Verständigung möglich sein, ich kenne die Sprache dieses Landes nicht, ich könnte genausogut taubstumm sein. Besser ich wäre taubstumm: vielleicht gibt es Mitleid in Bulgarien.(KLARINETTE)
    Wo die Straße in die Ebene ausläuft, steht in einer Haltung, als ob sie auf mich gewartet hat, eine Frau. Ich strecke die Arme nach ihr aus, wie lange haben wir keine Frau berührt, und höre eine Männerstimme sagen DIESE FRAU IST DIE FRAU EINES MANNES. Der Ton ist endgültig und ich gehe weiter. Als ich mich umsehe, streckt die Frau die Arme nach mir aus und entblößt ihre Brüste.

    FRAUGinka

    HEINER
    Sie heißt Ginka

    FRAU
    Ginka Tscholakova

    HAMLETMASCHINA
    (Ein Orchester in Sofia,die Hochzeit in Bötien.Balkanbaroque)

    GINKA
    Soll ich von mir reden
    Ich (Wer ist das)
    Im Regen aus Vogelkot Im Kalkfell
    Oder anders
    Ich eine Fahne ein
    Blutiger Fetzen ausgehängt Ein Flattern Zwischen Nichts und Niemand Wind vorausgesetzt
    Ich Auswurf eines Mannes
    Ich Auswurf Einer Frau Gemeinplatz auf Gemeinplatz
    MEIN GROSSVATER WAR
    IDIOT IN BULGARIEN
    Ich MEINE Seefahrt
    Ich MEINE Landnahme
    Mein Gang durch die Vorstadt Berlin Hauptstadt der DDR
    im Regen aus Vogelkot im Kalkfell und ich bin Dünn von deutschem Fleisch irgendwas zwischen Ich und Nichtmehrich
    Der Himmel über Berlin übt eisige Aufsicht über meine glücklose Landung
    Der Knall der Bierdosen beim Gang durch die Karl Marx Alle
    auf bulgarisch sagt mein KARL MARKS Ich laufe
    zwischen Trümmern und Bauschutt wächst DAS NEUE Fickzellen mit Fernheizung.
    Der Bildschirm West speit Welt in die Studentenstube.
    Verschleiß ist eingeplant. Parade der Zombies perforiert von Werbespots in den Uniformen der Mode von gestern vormittag
    Die Jugend von heute: Gespenster der Toten des Krieges der morgen stattfinden wird AM ALEXANDERPLATZ so hieß auch ein bulgarischer König. Die Kinder entwerfen Landschaften aus Müll. Eine Frau ist der gewohnte Lichtblick ZWISCHEN DEN SCHENKELN HAT DER TOD EINE HOFFNUNG oder der Jugoslawische Traum vom Sozialismus
    Zwischen zerbrochnen Statuen der Karl Marc Allee STALIN LEBT IN OSTBERLIN denk ich auf der Flucht von Bett zu Bett, von Mann zu Mann von Mitko zu James an die kalten Augen der deutschdemokratischen Männer. Finger spielen in der Scheide nachts im Fenster zwischen Stadt und Landschaft irgendwo im Studentenheim bei Straussberg? Ein Wolf stand da auf der Straße während der Busfahrten im Morgengrauen Rechts und links ans Theater.FM hat eine Krise,wartet auf meinen Strich
    Meine GLÜCKLOSE LANDUNG in das Theater meines Todes
    Ich spürte MEIN Blut aus MEINEN Adern treten
    Und MEINEN Leib verwandeln in Landschaft
    Der Rest ist Lyrik Wer hat bessre Zähne
    Das Blut oder der Stein

    (Sie isst mit dem Orchester,später ein Theaterensemble eine Currywurst bei Konnopke)

    JUNGER SCHAUSPIELER
    Heiner sag mal was zu meiner Idee

    MÜLLER
    nee mach mal so weiter

    JUNGER SCHAUSPIELER
    Fritz was denkst du wenn ich jetzt die Axt nehme und das Stalin Gemälde zerhacke

    Ein Regisseur im Vollrausch lallt mit Senf im Gesicht.

    Müller
    HM HM

    REGISSEUR
    Nee wir müssen raus aus diesem Realismus. Corinna könntest du bitte

    CORINNA/L
    Heiner meinte ich soll vor Macbeth in einer Telefonzelle rauchen
    Ostberlin und Schottland werden ein
    Ort des Unglücks

    HEINER
    ja,so postdramatisch rauchen
    rauchen telefonieren und die Stones spielen was in W Berlin
    hinter der mauer

    JUNGER SCHAUSPIELER
    DIE STONES SPIELEN WAS
    KLEINER MENSCH ODER SO

    CORINNA
    Ich leg die als Hund an (ARTURO UI)

    REGISSEUR
    Jetzt fehlt hier nur NOCH
    einer der mechanisch blechern auf einem Ton in einem ungewöhnlichen kostum oder Nacht Medea Material runterleiert

    ES KOMMT JMD IN KOSTUM UND LEIERT BLECHERN MEDEAMATERIAL

    MÜLLER
    Guten Tag hab sie heute Morgen im Deutschen Theater gesehen

    GINKA
    Vogelkot und Kalkfell Bulgarische die Folklore
    und vergessen und vergessen und vergessen

    MÜLLER
    Ja das ist von mir.Ich bin der Heiner, Frank krieg ich deine
    Currywurst
    DIE REVOLUTION IST DIE MASKE DES TODES DER TOD IST DIE MASKE DER REVOLUTION

    GINKA
    Znam.Kenn ich

    MÜLLER
    Ich bin Heiner
    VERGESSEN BUDAPEST PRAGdas Gespenst des KOMMUNISMUS
    VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN

    GINKA
    Kenn ich
    (beschimpft Konnopkebeekäuferin auf bulgarisch,die Wurst war schlecht)

    MÜLLER
    Ich bin Heiner
    WO BLEIBEN DEN DIE PANZER DACHTE ICH
    SIE MÜSSEN KOMMEN DIE UNS GEBOREN HABEN
    FÜNFUNDVIERZIG

    GINKA
    Kenn ich

    MÜLLER
    …also ich bin der Heiner und ich…hoffentlich kommt jetzt eine Schauspieler, der mit blecherner Stimme einen hochkomplexen Text laut Zeit und TAZ von mir interpretiert.

    REGISSEUR
    in den Garderoben hängen die Schauspiele ihr Gesicht an den Haken

    JUNGER SCHAUSPIELER
    Ginka und Heiner
    Kennengelernt haben sie sich in Ostberlin
    Die Ginka hat da gerade

    BETTINA
    Theaterwissenschaften studiert
    kennengelernt haben sie sich in einer Kneipe
    am Straussberger Platz während

    JUNGER SCHAUSPIELER
    einer Schlägerei zwischen jungen Studenten HO HO CHI MIN
    und alten Männern DIE PARTEI DIE HAT IMMER RECHT mit roten Gesichtern und schlechtsitzenden Anzügen

    BETTINA
    DEDERON OBERON das verzerrt in junge fressen schlägt
    vor den Vätern sterben die Töchter

    GINKA SCHLÄGT SICH MIT ALTEN GENOSSEN
    WÄHREND SIE IHRE SCHLACHT SCHLÄGT

    MÜLLER
    Das Gefühl des Scheiterns, das Bewußtsein der Niederlage beim Wiederlesen der alten Texte ist gründlich. Versuchung, das Scheitern dem Stof anzulasten, dem Material. Europa ist eine Ruine, in den Ruinen werden die Toten nicht gezählt. Die Wahrheit ist konkret, ich atme Steine. Leute, die ihre Arbeit machen, damit sie ihr Brot kaufen können, haben für solche Betrachtungen keine Zeit. Aber was geht mich der Hunger an. Uneinholbarkeit des Vorgangs durch die Beschreibung; Unvereinbarkeit von Schreiben und Lesen; Austreibung des Lesers aus dem Text. Puppen, mit Wörtern gestopft statt mit Sägemehl. Herzfleisch. Das Bedürfnis nach einer Sprache, die niemand lesen kann, nimmt zu. Wer ist niemand. Eine Sprache ohne Wörter. Oder das Verschwinden der Welt in den Wörtern. Stattdessen der lebenslange Sehzwang, das Bombardment der Bilder die Augenlider weggesprengt. Das Gegenüber aus Zähneknirschen, Bränden und Gesang. Die Schutthalde der Literatur im Rücken.
    Das Verlöschen der Welt in den Bildern

    GINKAdas gefällt mir
    ein neues stück
    hast kalte augen
    welches theater
    schlaf mit mir
    besetzung schon raus
    liebe das meer
    wer inszeniert
    tanz aus dem herzen
    hast du musik

    SCHAUSPIELER/BETTINA
    einer der alten genossen schläger war erich mielke
    ginka wurde nach bulgarien ausgewiesen
    FEINDIN UNSERER REPUBLIK
    feindlich negativ dekadent
    sind das die Stones

    HEINERfass sie nicht an
    DIE PLATTE MANN
    fass in mich
    heirate mich

    (DAS HOCHZEITSGESCHENK LSD IN SOFIA.EIN STAATSBEGRÄBNIS.GINKA FÄHRT EIN AUTO NEBELcasettendeck qualmt.)

    GINKA
    ich sitze in einem auto RUSSISCH

    HEINER
    und wir fahren durch sofia
    wir nehmen LSD und da ist es
    die tür öffnet sich und wir stehen an der schwarzmeerküste und
    ich schreie
    BLABLA
    und

    GINKA
    EBEM MU MATER (fick deine Mutter)TODOR
    ovo je delo
    DAS IST DAS WERK
    es ist gerade jemand gestorben
    und wir lieben uns und schreiben
    und wir schreiben und lieben uns
    ich sitze in einem auto wir feiern eine

    BULGARISCHE HOCHZEIT

    CAJE ŠUKARIJE ORCHESTER. RAKIJA UND REVOLVER,
    FAHNEN UND GELD,NUN ENDLICH BALKANBAROCKEin grosse Hochzeitsgesellschaft.

    MÜLLER
    Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung

    GINKA UND MÜLLER
    BLABLA

    GINKA
    Im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein, Mörder und Witwe ein Paar, im Stechschritt hinter dem Sarg des Hohen Kadavers die Räte,heulend in schlecht bezahlter Trauer

    MÜLLER
    Ich stoppte den Leichenzug, stemmte den Sarg mit dem
    Schwert auf, dabei brach die Klinge, mit dem stumpfen Rest gelang es, und verteilte den toten Erzeuger FLEISCH UND FLEISCH GESELLT SICH GERN an die umstehenden Elendsgestalten.

    GINKA
    Die Trauer ging in Jubel über, der Jubel in Schmatzen, auf dem leeren
    Sarg besprang der Mörder die Witwe SOLL ICH DIR HINAUFHELFEN ONKEL MACH DIE BEINE AUF MAMA. Ich legte mich auf den Boden und hörte die Welt ihre Runden drehenim Gleichschritt der Verwesung.
    Sag was auf Englisch!

    MÜLLER
    I’M GOOD HAMLET ZWEITER CLOWN IM KOMMUNISTISCHEN FRÜHLING SOMETHING IS ROTTEN IN THIS AGE OF HOPE

    GINKA
    LETS DELVE IN EARTH AND BLOW HER AT THE MOON
    Die Hähne sind geschlachtet. Der Morgen findet nicht mehr statt.
    Ich will die Leiche in den Abtritt stopfen, daß der Palast erstickt in königlicher Scheiße.

    MÜLLER
    Dann laß mich dein Herz essen, Ophelia, das meine Tränen weint.

    GINKA
    Willst du mein Herz essen, Hamlet.

    HEINER
    sächsisch Na klar.
    Ich will eine Frau sein.

    INGE
    Aus dem Sarg. Was du getötet hast sollst du auch lieben.
    Der Tanz wird schneller und wilder. Gelächter aus dem Sarg.

    HEINER
    Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr. Meine Worte haben mir nichts mehr zu sagen. Meine Gedanken saugen den Bildern das Blut aus. Mein Drama findet nicht mehr statt. Hinter mir wird die Dekoration aufgebaut. Von Leuten, die mein Drama nicht interessiert, für Leute, die es nichts angeht. Mich interessiert es auch nicht mehr. Ich spiele nicht mehr mit.

    GINKA
    Heiner. Mein Drama, wenn es noch stattfinden würde, fände in der Zeit des Aufstands statt. Der Aufstand beginnt als Spaziergang. Gegen die Verkehrsordnung während der Arbeitszeit. Hier und da wird ein Auto umgeworfen. Polizisten, wenn sie im Weg stehn, werden an den Straßenrand gespült. Gruppen bilden sich, aus denen Redner aufsteigen. Aus dem Ruf nach mehr Freiheit wird der Schrei nach dem Sturz der Regierung. Man beginnt die Polizisten zu entwaffnen, stürmt zwei drei Gebäude, ein Gefängnis eine Polizeistation ein Büro der Geheimpolizei, hängt ein Dutzend Handlanger der Macht an den Füßen auf, die Regierung setzt Truppen ein, Panzer.

    MÜLLER
    Ginka…Mein Drama hat nicht stattgefunden. Das Textbuch ist verlorengegangen. Die Schauspieler haben ihre Gesichter an den Nagel in der Garderobe gehängt. In seinem Kasten verfault der Souffleur. Die ausgestopften Pestleichen im Zuschauerraum bewegen keine Hand. Ich gehe nach Hause und schlage die Zeit tot, einig/Mit meinem ungeteilten Selbst.
    Hast du noch LSD

    GINKA
    Ist alle

    HEINER
    RÜCKKEHR NACH OSTBERLIN 1976

    GINKA
    DIE DEPRESSION DER WEIN WIRD LSD
    ICH LEGE EINE PLATTE AUF

    HEINER
    FICKZELLEN ÖFFNEN SICH FERNSEHEH DERTÄGLICHE EKEL

    MÜLLERwie sagt man ekel auf bulgarisch

    GINKA
    vergessen und vergessen und vergessen

    (FICKZELLEN ARD BRD IRGENDWANN TAUCHT MANFRED KRUG AUF
    DRAUSSEN IST ALLES GRÜNN,DRINNEN IST ALLES GRAU SCHLAGER AM ENDE DER FAHNENSTANGE)

    MÜLLER/FRANK
    Fernsehn
    Der tägliche Ekel
    Ekel Am präparierten Geschwätz
    Am verordneten Frohsinn
    Wie schreibt man GEMÜTLICHKEIT
    Unsern Täglichen Mord gib uns heute.
    Denn Dein ist das Nichts
    Ekel an den Lügen die geglaubt werden
    von den Lügnern und niemandem sonst

    MÜLLER/ROS
    Ekel
    An den Lügen die geglaubt werden
    Ekel
    an den Visagen der Macher gekerbt
    Vom Kampf um die Posten Stimmen Bankkonten
    Ekel
    Ein Sichelwagen der von Pointen blitzt

    MÜLLER/LAURA
    Geh ich durch Straßen
    Kaufhallen Gesichter
    Mit den Narben der Konsumschlacht
    Armut Ohne Würde
    Armut ohne die Würde
    Des Messers des Schlagrings der Faust

    MÜLLER/JENNY
    Die erniedrigten Leiber der Frauen,Hoffnung der Generationen
    In Blut Feigheit Dummheit erstickt
    Gelächter aus toten Bäuchen
    Heil COCA COLAEin Königreich
    Für einen Mörder

    GINKA
    Komm lass uns etwas Antikes proben
    wir brauchen einen Antiken Stoff
    ein Chor
    Könntet ihr bitte alle kommen
    hier die Text
    R kannst du bitte einatmen
    also auf eins…eins…nee nochmal das war nicht auf eins
    tut mir leid ich habe dich nicht gehört
    ich komm mal zu dir rüber

    CHOR

    GINKA
    DAS IST DOCH SCHEISSE
    WIR BRAUCHEN WAS DIREKTES
    Zuviele Sprachbilder
    hier streichen
    hier streichen
    das auch weg
    vielleicht das raus und das rein

    THEATERPROBEN

    JUNGER SCHAUSPIELER
    Gong Gong Gong
    Theaterproben Ginka und Heiner
    am Deutschen Theater an der Voklsbühne am Maxim Gorki Theater
    DIE SCHAUSPIELER SPIELEN HEINER RAUCHT GINKA RAUCHT
    GINKA SUCHT SICH EINEN MANNHEINER SUCHT SICH EINE FRAU

    (THEATER 71-77.ZEMENT (russischer Bürgerkrieg)DIE SCHLACHT (der zweite weltkrieg)
    PHILOKTET (das antike zu zweit) geschichte der männer und der frauen
    Ginka faltet einen Schauspieler zusammen.Heiner raucht und korrogiertt EINEN SATZ PRO KOPF

    MÜLLER
    …haben wir noch Whisky

    GINKA
    Ist alle
    OSTBERLIN 1976 NEUE WOHNUNG AM TIERPARK
    er glotzt auf den Bärenzwinger
    ich korrigiere ihn und streiche mich
    die junge Schauspielerin steht vor der Tür
    dick der Bauch meiner ist flacher
    wache in Betten auf nicht meine
    DIE DEPRESSION nicht schon wieder hör ich ihn sagen
    DER WEIN schlecht und billig hör ich mich sagen
    AB UND ZU LSD
    Wenn ein Westverleger sich zehn Seiten in den Schlüpfer näht
    ICH LEGE EINE PLATTE AUF Lizenzdruck Jugoton
    ist jetzt unser jugoslawischer Traum
    die Seite springt unsere Sätze auch
    Wo warst du gestern
    Wo warst du gestern
    Schweigende FICKZELLEN ÖFFNEN SICH DAS FERNSEHEH DERDDR DER BRD der TÄGLICHE EKEL er sieht den Bären beim kopulieren zu
    ich rieche nur ihre Scheisse
    die Proben laufen schlecht
    der Kommunismus schlechter
    Sendeschluss PEEP

    MÜLLER(uneinsichtig halbnackt)
    In der Einsamkeit der Flughäfen
    Atme ich auf Ich bin Ein Privilegierter Mein Ekel Ist ein Privileg

    GINKA(vorwurf)
    Beschirmt mit Mauer
    Stacheldraht Gefängnis

    MÜLLER
    Ich will in meinen Adern wohnen, im Mark meiner Knochen, im Labyrinth meines Schädels. Ich ziehe mich zurück in meine Eingeweide. Ich nehme Platz in meiner Scheiße, meinem Blut. Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich wohnen kann in meiner Scheiße. Irgendwo werden Leiber ge-öffnet, damit ich allein sein kann mit meinem Blut. Meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn. Mein Gehirn ist eine Narbe. Ich will eine Maschine sein. Arme zu greifen Beine zu gehn kein Schmerz kein Gedanke.

    GINKA
    Aha…Ich geh in Westen.
    Zdravo.

    (Sie geht.)

    MÜLLERROBERT
    Im Sommer 197.. sah ich in einem Garten in Bulgarien eine Katze eine Heuschrecke töten. Im Keller, der aus mehreren Räumen bestand, einer davon mit einem Tisch und Stühlen ausgestattet, ein kühler Aufenthalt im Sommer, stand ein Radio. Ich hatte einen Sender mit arabischer Musik gefunden und das Gerät auf die volle Lautstärke eingestellt, da ich auf Nachbarn keine Rücksicht nehmen mußte: das Haus stand einsam zwischen Bergen. Die Katze lag auf der Treppe, die vom Keller zum oberen Teil des Gartens führte, und sonnte sich. Sie hatte die Heuschrecke nicht gesehn. Nachdem ich sie ihr gezeigt hatte, geschah lange Zeit nichts dann lief sie zwischen den Türpfosten hin und her, wimmernd und die Heuschrecke im Blick, mit kleinen Sprüngen wie Tanzschritte. Die Kinnbacken bebten, an den Barthaaren glänzte Speichel. Schließlich sprang sie, in zunehmend kürzeren Abständen, abwechselnd am linken und rechten 'Türpfosten hoch. Die Katze spielte mit ihr, vorsichtig und aufmerksam, die Krallen eingezogen. Zuerst versuchte die Heuschrecke noch zu springen. Die Katze bremste den Sprung mit einer Pfote, die Krallen immer noch eingezogen, so daß die Heuschrecke nur auf die nächste Treppenstufe zu liegen kam, wo die Katze das Spiel fortsetzte, indem sie das Insekt zunehmend schneller zwischen ihren Pfoten hin und her warf. Beim nächsten Sprung erreichte die Heuschrecke die nächste Stufe nicht mehr. Die Katze nahm sie vorsichtig ins Maul, trug sie zwei Stufen höher, legte sie ebenso vorsichtig ab, wartete geduldig, bis das halb betäubte Opfer sich wieder bewegte, biß der Heuschrecke ein halbes Sprungbein ab, einen Fühler, und gab sie wider frei. Daß ich mich neben sie hockte, um alles genau zu sehn, störte sie nicht. Ich dachte, selbst in einer Art von Trance durch die Musik der Wüste, die mir jetzt lauter vorkam, obwohl ich von dem Radio im Keller weiter entfernt war, an ein Buch aus meiner Kinderzeit, eine Nacherzählung der Nibelungensage, mein Held war Hagen von Tronje, der Verräter aus True, nicht der Traumtäter Siegfried, mit Illustrationen im Vierfarbendruck, der das Rot der Schwertwunden besonders gut zur Geltung brachte.

    REISE REISE REISE
    (Wolf Biermann im Kölner Sporthalle.Spricht Text und spielt Gitarre.Ein Umzugswagen wird schwer bepackt mit dreißig Jahren Leben im realen Sozialismus)

    BIERMANN:
    Liebe Genossonnen und Genossen der IG MEtall
    Kreisverband NRW liebe Mitstreiter innen und Mitklampfer
    (ICH KANNS NICHT HÖREN) liebe Freunde und Freundinnen des Ortsverbandes der Grünen Köln Mühlheim und Bonn Beuel, Genossen der DKP die ihr den Mut hattet, trotz Ostberliner
    UKAS (liebe westdeutsche Freunde/innen Ukas ist ein russischer Begriff für BEFEHL VON OBEN, da habe ich 1965 mal ein Kurzgedicht dazu geschrieben,Florian hat es mit einer Grafik untermalt FLORI ZEIG DOCH MAL BITTE DIE GRAFIK.FLORIAN HAWEMANN ZEIGT EINE GRAFIK. EINE STASIGIRAFFE OPERATIVT IHN
    Genossinnen und Genosen, haha NOsen bezieht sich auf Nase also auf Gogols
    also äh Gogols Parodien einer hiarchiachen Zwangsgesellschaft
    in Russland also äh auch der Sowjetunion.Apropos Sowjetunuion. ich habe auch eine bescheiden Bearbeitung von Bulat Okudshawas XXX im Gepäck und spiel es ganz kurz an
    Musik von Mir
    Text von Mir
    Gesamt ich
    Ich bin sehr stolz hier in Köln auftreten zu können,so als Hamburger Elbjung in der Domstadt
    Ein Lied zu dem leidigen Thema Kirche im Nationalsozialismus
    (ER SPIELT ES AN)… ich bin sehr gerührt aufgewühlt dass ich nun heute in der Kölner Stadthalle vor euch stehen und Klampfen kann in einer Zeit in der sich die USA und Russland waffenstarrend
    gegenüberstehen, unsere gemeinsame Welt gefährdet ist von atomarer Wettrüstung (dazu habe ich ein Lied komponiert) aber heute,heute kann ich nicht für euch spielen
    soeben hat mich aus Ostberlin (dazu habe ich ein Lied komponiert)
    eine Nachricht der Alten Männer erreicht das
    ich ausgebürgert wurde
    ach ich rede zu lang
    das Lied von den Allten Männer,den alten Genossen
    AN DIE ALTEN GENOSSEN

    HEINER
    Der Liedermacher Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter

    WOLF
    Manne was denn du gehst auch

    KRUG
    Ja klar,dreh hier nur noch Schrott und hab ein super Angebot für eine Truckerserie AUF ACHSE (zitiert daraus)

    HEINER
    IST ABER NICH SPUR DER STEINE

    KRUG
    is mir scheissegal…willste meinen biedermeiertisch für 12000 kaufen
    oder meinen Volvo für 30000 hast doch nen Preis bekommen

    WOLF UND HEINER
    Versoffen

    HEINER
    THOMAS DU AUCH

    THOMAS
    JA ich muss raus und die Katie kommt auch mit
    KATIE!

    HEINER
    ABER DU WEISST SCHON DASS ES IM WESTEN AUCH EINE ZENSUR GIBT

    THOMAS
    Thomas antwortet vor den Vätern sterben die Söhne
    nimmt ne Line redet was von Filmprojekten und dass er ne Vision
    EISENEGEL GLADOWBANDE die Revolution gibt’s nich nur noch die Kriminialität und Deogensucht erschüttert die Werteschöpfung der
    Auschwitz AG
    und ich erzähle noch

    KATIE
    das er denn bayrischem Filmpreis bekommt und bei der Überreichung Franz Josef Strauß in die fette feiste Fresse sagt:

    THOMAS
    Ich danke der Filmhochschule in Babelsberg DDR

    BETTINA
    THOMAS WARTE UFF MICH,WAT IS KATIE HASTEN PROBLEM

    KATIE
    NEE ICK TRENN MICH SOWIESO VON NACH DREI MONATEN IN WESTBERLIN

    BETTINA
    Mensch ick hab den geliebt und n Kind ooch

    KATIE
    Hab ick ooch,geliebt und Kind von ihm
    sag mal Thomas hat die Bettina nich alle Joan Baez Platten von dir

    THOMAS
    und nen Dylan

    BETTINA
    Glubschaugen und ne diese Lache
    machst bestimmt damit Karriere im Westen

    HEINER
    Bettina du auch?

    BETTINA
    Ja wenn alle meine Freunde jehen wat soll ick noch hier
    ooch wenn’s mein Staat is,in dem ick leben wollte aber musste
    mehr geliebt hab ick den als den bunten
    da mit den janzen alten nazibonzen in gelben pullovern
    Ick hab da mal ein Lied geschrieben
    BETTINA SPIELT EIN LIED ÜBER DIE DIE GEHEN
    ALLE HÖREN ZU

    (Auftritt Merteuil Laura)

    AUF DEN FLUGHÄFEN BAHNHÖFEN (FRANKFURT TOKYO SAN DIEGO)
    Ein Salon in Paris vor der französischen Revolution.
    Müller wird von Müllers neu eingekleidet.

    VALMONT
    Herr Müller ihr neuer Pass
    Sie können unbegrenzt aus der DDR in alle Staaten des NSW reisen

    MERTEUIL(L)
    Städte Länder Landschaften ändern sich
    Frankfurt Kalifornien Westberlin

    MÜLLER/ROS
    Nachtzug Berlin Friedrichstraße FrankfurtMain
    Nach der Fahrt durch die lichtlose Heimat der Hass auf die Lampen
    Dass die Leiche so bunt ist! Ich bin der Tod ich komme aus Asien

    MÜLLER/JULIA
    Manchmal wenn ich meine Privilegien genieße zum Beispiel im Flugzeug
    Whisky von Frankfurt nach Westberlin überfällt mich was die Idioten vom
    SPIEGEL meine wütende Liebe zu meinem Land nennen

    MÜLLER/EMIL
    Tokyo Osaka Express auf dem Bahnsteig zwischen den Zügen thront ein junger Mann,sein Reich ein Abfallkübel.Die Kleidung ist verdreckt wahrscheinlich stinkt er,sein Gesicht leer keine Freude kein Schmerz:Er ist aus dem rennen.

    MÜLLER/FRANK
    Habe Zahnfäule in Paris
    etwas frisst an mir
    Ich rauche zu viel
    Ich trinke zu viel
    Ich sterbe zu langsam

    MERTEUIL(Bringen Bild hinein)
    Ab der Ausreise Biermanns und vieler Freunde beginnt Müller
    sich in introspektivische Texte zu äußern

    VALMONT
    hermeneutisch postmodern

    MERTEUIL VALMONT
    Bildbeschreibung…
    eine landschaft zwischen steppe und savanne,der himmel preussischblau
    eine frau engel der nagetiere die kiefer malen wortleichen und sprachmüll
    die frau steht bis über das knie im nichts amputiert vom bildrand oder wächst
    sie aus dem boden ein sturm scheint aus dem haus zu kommen zieht die frau den
    sturm an oder ruft sie ihn hervor mit ihrer erscheinung,der auf sie gewartet hat
    in der asche des kamins

    MÜLLER/ROBERT
    Bei der Vorbeifahrt am Schlosspark Charlottenburg plötzlich die Trauer
    Die Bäume gehören den Toten INGE!
    Gestern an einem sonnigen Nachmittag als ich durch die tote Stadt Berlin fuhr,heimgekehrt aus irgendeinem Ausland,hatte ich zum erstenmal das
    Bedürfnis meine Frau auszugraben aus ihrem Friedhof
    Zwei Schaufeln voll habe ich selbst auf sie geworfen
    Und nachzusehen was von ihr noch daliegt
    Knochen die ich nie gesehen habe
    Ihren Schädel in der Hand zu halten und mir vorzustellen was ihr Gesicht war hinter der Maske die sie getragen hat
    durch die tote Stadt Berlin und andere Städte

    MERTEUIL
    Herr Müller die Preisverleihung beginnt gleich
    MÜLLER TRINKT WHISKY

    MÜLLER/ROBERT
    Ich habe dem Bedürfnis nicht nachgegeben aus Angst vor der Polizei und dem Klatsch meiner Freunde

    MERTEUIL
    Kommen sie bitte Herr Müller die Preisverleihung

    (KULTURPROGRAMM,WIE ADLIGEN AUF BÜHNENSITZ BRINGEN,ZIGARRE REICHEN UND WHISKY,sein königsstab und zepter)

    MERTEUIL
    Wollen wir einander aufessen, Valmont, damit die Sache ein Ende hat, bevor Sie ganz geschmacklos werden.

    VALMONT
    Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß ich schon gespeist habe, Marquise.
    Die Präsidentin ist gefallen.

    MERTEUIL
    Die ewige Gattin.

    VALMONT
    Madame de Tourvel.

    MERTEUIL
    Sie sind eine Hure, Valmont.

    VALMONT
    Ich bin ein Dreck. Ich will Ihren Kot essen.

    MERTEUIL
    Dreck zu Dreck. Ich will, daß Sie mich anspein.

    VALMONT
    Ich will, daß Sie Ihr Wasser auf mich lassen.

    MERTEUIL
    Ihren Kot.

    VALMONT
    Beten wir, Mylady, daß die Hölle uns nicht trennt.

    MERTEUIL
    Und jetzt wollen wir die Präsidentin sterben lassen, Valmont, an ihrem ver
    geblichen Fehltritt. Das Damenopfer.

    LAURA
    Ich habe mich Ihnen zu Füßen gelegt, Valmont, damit Sie nicht mehr strau-cheln. Sie haben
    mich getauft mit dem Parfüm der Gosse. Aus dem Himmel meiner Ehe habe ich mich in den
    Abgrund Ihrer Begierden geworfen zur Rettung dieser Jungfrau. Ich habe Ihnen gesagt, daß
    ich mir den Tod geben werde.Sie sind mein Mörder, Valmont.

    JONAS
    Bin ich das. Zu viel Ehre, Madame. Sie sind nicht zu kalt für die Hölle,
    wenn ich nach unsern Bettspielen urteilen darf. Und was der Pöbel Selbstmord nennt, ist die Krone der Masturbation. Sie gestatten, daß ich mein Lorgnon zu Hilfe nehme, damit ich das Schauspiel besser betrachten kann, Ihr letztes, Königin, mit Furcht und Mitleid. Ich habe Spiegel aufstellen lassen, damit Sie im Plural sterben können.

    LAURAo
    Ich werde meine Adern öffnen wie ein unge-lesenes Buch. Sie werden es lesen lernenIch werde es mit einer Schere machen, weil ich eine Frau bin. Jeder Beruf hat seinen eigenen Humor. Sie können sich mit meinem Blut eine neue Fratze schminken. Ich werde einen Weg zu meinem Herzen suchen durch mein Fleisch. Den Sie nicht gefunden haben, Valmont, weil Sie ein Mann sind, Ihre Brust leer, und in Ihnen nur das Nichts wächst. Ihr Leib ist der Leib Ihres Todes, Valmont. Eine Frau hat viele Leiber. Ihr müßt es euch ab-zapfen, wenn Ihr Blut sehen wollt. Der Neid auf die Milch unsrer Brüste ist, was euch zu Schlächtern macht.

    Ich habe Sie geliebt, Valmont. Aber ich werde eine Nadel in
    meine Scham stoßen, bevor ich mich töte, um sicherzugehn, daß in mir nichts wächst, was Sie
    gepflanzt haben, Valmont. Sie sind ein Ungeheuer, und ich will es werden. Grün und
    aufgeschwemmt von Giften werde ich durch Ihren Schlaf gehn. Ich werde für Sie tanzen,
    schaukelnd am Strick. Mein Gesicht wird eine blaue Maske sein. Die Zunge hängt heraus. Den
    Kopf im Gasherd werde ich wissen, daß Sie hinter mir stehen mit keinem andern Gedanken als
    wie Sie in mich hineinkommen, und ich, ich werde es wollen, während mir das Gas die Lungen
    sprengt. Es ist gut, eine Frau zu sein, Valmont, und kein Sieger. Wenn ich die Augen schließe,
    kann ich Sie verfaulen sehn. Ich be-neide Sie nicht um die Kloake, die in Ihnen wächst, Valmont.
    Wollen Sie mehr wissen. Ich bin ein sterbendes Konversationslexikon, jedes Wort ein Klumpen
    Blut.

    JONAS
    Tod einer Hure. Jetzt sind wir allein Krebs mein Geliebter.

    VALMONT
    Hiermit überreichen wir den diesjährigen Kleistpreis an den hochgeschätzten Dramatiker Heiner Müller für seine Reflexion der Rolle des Intellektuellen in einer Stillstandszeit.Es geht Müller nicht mehr um die Linearität einer Fabel mit dem marxistischen Anspruch auf Erfassung gesellschaftlicher Totalität.

    MERTEUIL
    Seine Ausschnitte von Wirklichkeit werden immer enger bis zur
    Mikrowelt der Geschlechterbeziehungen in Bildbeschreibung und Quarttet,der Zuschnitt auf sich selber immer präziser.Der Autor wird zum Protagonisten.Wussten sie eigentlich das Quarttet zu ihren erfolgreichsten Stücken in der Bundesrepublik gehört

    IM HESSISCHEN HOF 1985

    MÜLLER/JULIA
    Ich hocke wie ein Vogel schief und krumm IM HESSISCHEN HOF der
    Büchner Preis angebrochen im dünnen Couvert
    Ich hab einen Traum in meinem Traum spricht INGE
    dirigiert den großen Vogelchor BRÜDER ZUR SONNE ZUR FREIHEIT
    und wir singen so laut im hessischen Hof, dass es schallt

    INGE UND MÜLLER
    der Genosse Stalin ist mein Vater
    ich bin ein träumendes Kind
    mein Traum vom Kommunismus beginnt in Leuna 1920

    INGEdie Bonner interessierts n scheiss
    hinter der Elbe lag für sie schon immer Asien
    …
    MÜLLER/JULIA
    Im Hotelrestaurant NICHT DAS GANYMED sitzt die Unschuld der Reichen
    Der gelassene Blick auf den Hunger der Welt
    mein Platz ist zwischen den Stühlen
    Ich träume:Die faltige Kehle der Witwe vom Nebentisch
    Aufzuschneiden mit dem Messer des Kellners
    Der ihr den Lammrücken vorschneidet
    Ich Werde auch diese Kehle nicht aufschneiden
    Mein Leben lang were ich nichts dergleichen tun
    Ich bin nicht Jesus mit dem Schwert bringt Ich BIN MÜDE INGE SPRICH BITTE WEITER

    INGE
    Die Lügen der Dichter sind aufgebraucht vom Grauen des Jahrhunderts
    An den Schaltern der Weltbank riecht das getrocknete But wie kalte Schminke
    Der schlafende Penner vor ESSO SNACK&SHOP Widerlegt die Lyrik der Revolution, du fährst im Taxi vorbei, du kannst es dir leisten. Benn hatte gut reden, er hat mit seinen seinen Gedichten kein Geld verdient und krepiert ohne Haut- und Geschlechtskrankheiten .In der Nacht im Hotel ist deine Bühne, ungereimt kommen die Texte, die Sprache verweigert den Blankvers vor dem Spiegel zerbrechen die Masken, kein Schauspieler nimmt dir den Text ab. Du bist das Drama. Jetzt habe ich Lust auf einen Schnaps du noch Geld vom Büchner Preis

    MÜLLERja bitte

    INGE
    bitte einen sljivovitz

    HEINER
    und sozialismus

    INGE
    wir malen unseren jugoslawischen traum

    HEINER
    sozialismus mit menschengesicht

    INGE
    im weltraum kreist ein hund
    wie siehts aus da oben

    HEINER
    gut

    INGE
    Schnürboden!

    BILD FÄHRT HINUNTERHEINER UND INGE MALEN AM RESTKOMMUNISMUS
    HINTERER WAGEN FÄHRT RAUS.HEINER VOM ANFANG LIEGT DA,
    BEIM IHM DIE KRANKENSCHWESTER.BUSCH LEISE
    VIDEO DEUTSCHE EINHEIT IWÄHRENDESSEN WERDEN MAUERN GEÖFFNET UND DENKMÄLER GESCHLIFFEN,BILDER GESCHWÄRZT. BERLIN ALEXANDERPLATZ.
    GROSSDEMONSTRATION.

    OSTBERLIN 1989

    KRANKENSCHWESTER SONJA
    Ein Horizont aus Panzern ist der Deutsche
    Der auf dich zufährt so ein Himmel aus
    Flugzeugen ist der Deutsche und ein Teppich
    aus Bomben Du wirst ihn selber sehn Und eh du aufwachst
    Vom nächsten Schlaf Und vielleicht wachst du nicht auf Vom nächsten Schlaf
    Wart nur auf den Deutschen
    Der Deutsche greift nicht an da wo du glaubst
    Das hat er nicht gern
    Und was hat er gern
    Der Deutsche
    In die Zange nimmt er dich
    Der Deutsche
    Der neue Krieg steht im Beginn
    Ein Schrei ging um Die Deutschen wie ein Echo

    BETTINA
    Auf dem Bildschirm sehe ich meine Landsleute
    Mit Händen und Füßen abstimmen gegen die Wahrheit
    Die vor vierzig Jahren mein Besitz war
    Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend

    GINKA/MÜLLER
    Im Fernsehen die Verhaftung Erich Honeckers nach der Krebsoperation am Tor der Charité.
    Ich sehe die Bilder und denke and Rambows Theaterplakate in Frankfurt, Hauptstadt der Banken und der Prostitution und, eine kurze Zeit lang, des politischen Theaters in der Bundesrepublik
    Ich seh auf dem Dach des Haus des Reisens links oben flatternd das
    NEUE DEUTSCHLAND eine Zeitung ohne Leser; verlorenes Bramsegel der sozialistischen Totgeburt.

    INGE
    In der Valuta-Bar des Hotels METROPOL Berlin Hauptstadt der DDR bemüht sich eine Hure um einen Greis mit Schnupfen. Zwischen den Kapiteln seines Vortrags „Über die Freiheit in den USA“ rotzt er ins Taschentuch und schreit nach dem Abfalleimer. Ich höre zwei Geschäftsreisende Bayern dem Geräusch nach Asien verteilen:
    ALSO MALAYSIA TAT MIR GFALLN
    THAILAND AUCH KOREA GHÖRT DAZU
    ALSO DAS KREUZSCHIENENSYSTEM FÜR DEN JEMEN TÄT ICH NOCH PLANEN
    DANN HAT SICH DIE SACHE
    CHINA GHÖRT AUCH DAZU
    CHINA IST ALS EINZIGES PROJEKT VERKAUFT WORDN

    GINKA
    In der S- Bahn ZOOLOGISCHER GARTEN FRIEDRICHSTRASSE
    habe ich zwei DDR-Bürger kennengelernt: Einer erzählt
    Mein Sohn drei Wochen alt wurde geboren mit einem Schild vor der Brust
    ICH WAR AM NEUNTEN NOVEMBER IM WESTEN
    Meine Tochter gleichaltrig (Ich habe Zwillinge) trägt die Aufschrift
    ICH AUCH

    BETTINA
    AUF DEM BILDSCHIRM BERLIN ALEXANDERPLATZ
    DIE GROSSE DEMONSTRATION
    EIN MANN MIT PAPIER IN DER HAND
    STEHT IM REGEN UND STOTTERT
    ICH SPIELE DAZU auf grosse Plätze traue ich mich nicht

    MÜLLER (FRANK)
    Ich äh…also ich würde hier gerne eine Forderung der unabhängigen Gewerkschaften vorlesen

    INGE
    Der Autor steht auf der Tribüne
    Sieht sich, sieht die ausgerissenen Fingernägel des Janos Kadar
    der die Panzer gegen sein Volk rief als es anfing


    EMIL
    Der Autor sieht sein Sterben BONES AND SHOES das Fernsehn war dabei auf demAlexanderplatz

    MÜLLER/ROBERT
    Der Autor sieht sich verscharrt mit dem Gesicht zur Erde sein
    Sein BudaPest 1956 heißt nun Alexanderplatz 1989(auf den Boden)
    in der zittrigen Hand hält er den zu grossen Zettel

    MÜLLER/FRANK
    Der Autor verlässt die Tribüne läuft durch die leere Stadt
    Ein junger Mann kommt und schlägt ihm ins Gesicht
    Er schlägt ihn nochmal ins Gesicht.Das Brillenglas splittert.

    JUNGER SCHAUSPIELER/EMIL
    Der junge Mann schlägt ihm erneut in das Gesicht
    er hat den Autor erkannt
    Glas bohrt sich in Hand.

    MÜLLER/GINKA
    Ein Autor quickt wie eine Sau.
    So sterben Götter
    lacht der Junge Mann
    Du rote Sau
    Der junge Mann schlägt ihm ins Gesicht
    Die Tribüne ist längst abgebaut

    MÜLLER/ROBERT
    Menschen sitzen vor Bildschirmen
    Der Platz ist leer
    leicht der Regen
    mein Quiecken
    hört man nicht
    ich gehe Tiere anschauen

    MÜLLER/FRANK
    FERNSEHEN in der Charite nehm mein Ende vorweg
    Blixa Bargeld spielt seine Melodien
    Sechs Betten im kalten Weiß stehen nun in kalifornischer atomverseuchten Wüste death and destruction in Mitte
    Eine SONDE BOHRT SICH IN MEINE KREBSKAMMER NICHT DIE
    DIE SOWJETMACHT UND
    HELLT MEIN HERZ NICHT AUF
    MEIN ABC IST MIT
    30000 DOTIERT UND KLEIST KOTZT MIR AUFS JACKET FÜR DEN VERRAT
    komm Blixa hör uff ich mach jetzt was mit Laibach




    AJAX ZUM BEISPIEL

    BLIXA BARGELD/JONAS
    Ajax zum Beispiel:
    In den Buchläden stapeln sich die Bestseller
    Literatur für Idioten denen das Fernsehn nicht genügt
    Ich Dinosaurier nicht von Spielberg sitze
    Nachdenkend über die Möglichkeit eine Tragödie zu schreiben
    Heilige Einfalt im Hotel in Berlin unwirklicher Hauptstadt
    Mein Blick aus dem Fester fällt auf den Mercedesstern
    Der sich im Nachthimmel dreht melancholisch
    Über dem Zahngold von Auschwitz und andern Filialen
    Der Deutschen Bank auf dem Europacenter Europa

    KRANKENSCHWESTER SONJA
    Die Bauernkriege das größteUnglück der deutschen Geschichte las ich kopfschüttelnd
    Wie kann eine Revolution ein Unglück sein.DER MAUERFALL ein Exkurs über Revolution und Zahnmedizin geschrieben im Jahrhundert der Zahnärzte das zu Ende geht.Zwei Zahnprothesen ein Büchner Preis.Das kommende wird den Advokaten gehören

    BETTINA
    Die Zeit Steht als Immobilie zum Verkauf im Hochhaus unter dem Mercedesstern
    in den Etagen der Kulturverwaltung Brennt noch Licht rauchen die Köpfe im Sparzwang
    proben die Amputierten den aufrechten Gang unter Aufsicht des Finanzsenators
    ZUM GELDE DRÄNGT AM GELDE HÄNGT DOCH ALLES

    MÜLLER/FRANK
    Ich Dinosaurier im Rauschen der Klimaanlage selbst in der Steuerschraube bis zum Hals
    Die Staatsgewalt geht vom Geld aus Geld Muß kaufen Arbeit macht unfrei
    Heimat ist wo die Rechnungen ankommen sagt meine Frau

    JUNGER SCHAUSPIELER
    Ein Mann in Stalinstadt Bezirk Frankfurt Oder auf die Nachricht vom Klimawechsel in Moskau
    nahm stumm von der Wand das Porträt des geliebten Führers der Arbeiterklasse des Weltkommunismus, trat mit Füßen das Bild des toten Diktators hängte sich auf an dem frei gewordenen Haken.Sein Tod hatte keinen Nachrichtenwert - Ein Leben für den Reißwolf
    KEINER ODER ALLE war das falsche Programm:
    Für alle reicht es nicht!

    INGE
    Mein Schreibglück der fünfziger Jahre als man aufgehoben war im Blankvers aufgerieben
    Zwischen den Planken des kenternden Geisterschiffs
    beschirmt vom ironischen Pathos des Knittelreims.
    Nur die Hebungen werden gezählt, gegen den Steinschlag der Denkmäler im Elend der Information BILD KÄMPFT FÜR SIE wird Erzählung Prostitution BILD KÄMPFT gibt die Tragödie den Geist auf, Stalin zum Beispiel. Seine Totems zum Verkauf stehn am Brandenburger Tor für Hitlers Enkel.Welchen Text soll ich ihnen in den Mund legen oder ins Maul stopfen

    GINKA
    Der Rausch der alten Bilder Die Müdigkeit im Rücken das unendliche Gemurmel
    Des Fernsehprogramms BEI UNS SITZEN SIE IN DER ERSTEN REIHE
    Die Schwierigkeit den Vers zu behaupten gegen das Stakkato der Werbung,
    UNSERN TÄGLICHEN MORD GIB UNS HEUTE
    In meinem Gedächtnis taucht ein Buchtitel auf DIE ERSTE REIHE Bericht von Toden in Deutschland.Kommunisten gefallen im Krieg gegen Hitler
    Jung wie die Brandstifter von heute
    wenig Wissend vielleicht wie die Brandstifter von heute
    Andres wissend und andres nicht wissend
    im Kreisverkehr der Ware mit der Ware
    Ihre Namen vergessen und ausgelöscht
    Im Namen der Nation aus dem Gedächtnis
    Der Nation was immer das sein oder werden mag
    Im aktuellen Gemisch aus Gewalt und Vergessen
    In der traumlosen Kälte des Weltraums

    KREBSSTATION

    INGE
    Ich will nicht mehr essen atmen,eine Frau lieben, einen Mann
    Im Schädel Königreiche Universen, der trübe Rest an Schläuchen aufgehängt
    Ein Sack Chemie …der Krebstod auf den Fersen

    BETTINA
    Wat soll ick denn jetzt noch spielen.Mein Hände sind total kaputt und für wen…

    KRANKENSCHWESTER SONJA
    Glückliche Idioten vor Bildschirmen

    MÜLLER
    Die Welt ist beschrieben kein Platz mehr für Literatur
    Im Kopf ein Drama
    für kein Publikum (stirbt)

    KRANKENSCHWESTER SONJA
    sie werden alles vergessen
    den sozialismus vergessen
    den krieg vergessen
    den faschismus vergessen
    die ddr vergessen
    vergessen und vergessen

    INTERIM LOVERS

    Song. Bühne wird abgebaut.

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    30. April 2023

  • THEATER / MUTTER

    mutter ich
    fahre durch bahnhöfe
    unter der erde die kacheln noch
    die alten,die vom hoffen und
    morgenrot,darüber lagen die toten
    auf weissen sand,toter strand
    auf den bahnsteigen stehen gehen skizzen von heute die glotzen in ihre bildschirme vergessen und vergessen und vergessen
    singt nun meine mutter im hydraulischen bett ist heut meine medea auf der katheterargos
    sie geht der welt verloren im
    rehaloch märkisches viertel jetzt
    singt ihr höchstens sido von der ebrofront das solidaritärslied
    ich hocke zwischen kacheln und skizzen und ihrem vergessen die
    blaue flecken die arbeiterklasse nun pflegekräfte
    schlögt lieber heimlich altes
    als das kapital an der inneren front
    oder äusseren am schwarzen meer
    aussengrenze europas gesichert vor
    der asiatischen barbarei so nennt sie
    die wie einst ihr grossvater von
    der SS später spiegel redakteur ich
    selber verachte beide den russischen
    und den anderen imperien ismus
    ICH BRAUCHE EINEN LICHTWECHSEL
    WENIGSTENS MUSIK
    VIELLEICHT JUGOSLAWISCH
    MOCHTE DER HEINER DOCH AUCH

    mutter es herrscht ein weltkrieg unter unserem himmel
    sie nennen ihn anders,als ob halbe worte den
    tod den krieg halbieren könnten
    heut ist es schwer
    sagt sie die mutter
    das fahren zu dir
    sag ich der sohn
    und seh die stadt hinter
    dem busfenster salzig wegen
    tränen sind ein schwerer vorhang
    mutters faust dritter teil
    das vergessen urin im bett
    mein klassiker ist heutig
    sagt mir meine Mutter
    HEINERMÜLLERkanntest du
    ihn gut
    MEINE MUTTER
    sie wusste genau wo sie war und wer ich bin,reagierte jedoch mit massiven Angstausbrüchen auf jeden Versuch zu reden
    Kamst du dich an Heiner Müller erinnern
    JA KLAR,der saß immer auf der roten Couch
    Warum
    Wegen der Texte
    Dein Vater den habe ich sehr geliebt wo ist er
    TOD
    ach das ist traurig
    der vater tot
    WAS HATTEST DU VOR
    weiß nicht,was machen diese schläuche in meinen körper
    MAMA KATHETER DAS SIND KATHETER,WAS WOLLTEST DU MIT DEN TEXTEN
    warum.was soll das alles
    pack meinen koffer aus
    ich will nach moskau
    dort ist krieg
    in moskau
    nein dort
    wo wir herkommen
    ja
    ICH WILL MIT DIR UBER MÜLLER REDEN
    ich hab ihn in das Serbokroatische übersetzt,man kannte ihn noch nicht in Jugoslawien …ich fand er ist einer der wichtigsten Autoren seiner Zeit
    WELCHE TEXTE HAST DU DENN ÜBERSETZT
    Ich habe angst wo bin ich was mache ich hier
    DEN AUFTRAG UND
    mischa mein lieber bruder ach schön
    dass du da bist
    hier in belgrad
    belgrad ist berlin
    BIN NICHT MISCHA ICH BIN DEIN SOHN
    Heiner Müller war sehr freundlich
    Die Frauen hier sind schlecht
    Schreien mich an
    MAMA WAS HAST DU NOCH FÜR ERINNERUNGEN AN HEINER MÜLLER
    EIN CHOR:
    Seine Mutter spricht ihren Lieblingstext aus Medeamaterial
    MUTTER SPRICHT MEDEAMATERIAL.
    KRANKENHAUS.KATHETER.
    Piep
    Wüste in Kalifornien
    Ein Autor hat einen Herzinfarkt.
    Die Kinjal Rakete trifft Odessa
    Eisenstein getötet.

    heiligabend

    nein ich bleibe lieber hier
    sagt sie liegt im stahlbett
    hoch über den bäumen
    lieber hier lieber
    ich lese vor
    von römern
    von müttern
    vätern und hirten
    von bethlehem und sternen
    und gott und sehe sie dünn
    nur halb von dieser welt
    im bett liegen und erhoffe mir
    ein wunder im pflegeheim
    aber es geschieht nicht

    sie liegt an heiligabend auf
    dem stahlbett und meine
    tränen fallen auf vier bunten
    von der leitung ausgewählten
    fotokopierten bibelseiten
    die geburt jesu die ich stockend
    lese zittere heule sie hört zu
    vom wunder der geburt
    von den sternen über
    dem dachlosen stall
    ich gehe
    kein wunder
    in der nacht

    vater ich
    wenn ich meinen
    vater besuche berichtete ich
    von der welt und mutter rauche mit
    ihm eine lange 100er
    dann spüle ich das
    moos aus dem weissen stein
    den gewidmeten worten
    und schweige nach altem brauch
    bevor ich zur s bahn laufe im
    kaiserforst nun behindertenwerkstatt
    leer ist die alte bahn an diesen tagen
    sie sitzen in häuser die wohner
    voller angst und geifer
    aussen frisst nach innen
    der satzbau ist fensterlos
    dachlos ruchlos woanders steht
    man vor verkohltem stein dachpappe
    in erdschwarzer hand man sitzt unter bäumen an flüssen treibgut
    ich schweige seit monaten
    meine frontlinie bewegt sich nicht
    im stellungskrieg denk ich an
    alte meere sich wiegende bäume
    bevor ich mich übergebe
    sauer mein lebenswasser
    gross fressende angst ich
    rauche und spüle den
    weissen stein ab
    dort wo nun mein vater liegt
    dünn wie papier
    wird er der stein
    wie du papa
    und ich schleife ihn zu papier
    den weissen stein so dünn
    leicht und namenlos
    bis ihn ein wind
    aufwirbelt der
    sonne entgegen

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    30. April 2023

  • BUSFAHRT ( vom unterwegssein)

    zwei roma jungs in der letzten reihe
    beiden fehlte ein bein. dem einen das linke,dem anderen das rechte. als gehhilfe benutzen sie tschechoslowakische eishockeyschläger.

    in der mitte sitz 35 sass eine etwa sechszigjährige frau.sie weinte ununterbrochen erzählte jedoch den sitzen 36 38 und 39 die nur stumm nickten,sie hätte eine stauballergie und die busse wären doch immer schmutzig, warum für sie bei ihren busfahrten eigentlich immer nur heulte.als wir in den bergen durch leere dörfer fuhren weinte sie nicht mehr, in einem dieser leeren russschwarzen dörfer stieg sie aus, ein roter golf eins wartete auf sie.das dinara gebirge lag im nebel. oder rauch.

    ganz vorne saß ein etwa fünfundfünfzigjähriger mann, ihm fehlten beide arme, die prothesen hat er auf den sitz 8 abgelegt, sie glänzten ihn der sonne, sahen die gelben felder slawoniens, die karpfenreiche in podrinien, zwei unbesiegbare stahlschwerter von ivanhoe, leuchtend
    der turniersieg an einem wolkenlosen augusttag und der armlose mann lachte gerne und laut, erzählte, dass er immer den nachbarsitz für seine zwei prothesen für den vollpreis kaufe.
    er lehne mitleid ab.

    an einer raststätte hielt ich eine caprisonne in der hand und der mann ohne arme trank mit einem strohhalm unter vielen entschuldigungen (tut mir leid,manchmal vergesse ich meine arme,bin froh,dass sie mal nicht scheuern) den saft hastig aus. ich dachte nur daran, dass er vielleicht auf mich geschossen hat vor jahren. er hatte einen slawonischen dialekt, so sprach man dort, wo ich nicht sein wollte, vor über dreissig jahren im schützenloch inmitten eines gelben feldes gegenüber der armlose, damals hatte er noch beide,beide waren wir 24.

    auf dem sitz 24 sass ein älterer mann.
    er hört seit der abfahrt haustor (auf deutsch hauseingang) eine new wave band aus zagreb, alle alben natürlich, denn die fahrt an das meer dauert 12 stunden und er singt seid sie die grenze passiert haben mit, leise natürlich, um nicht die weinende frau zu stören, den lachenden armlosen invaliden, die roma jungs mit den tschechoslowakischen eishockeyschlögern und die restlichen passagiere, die in dieser geschichte nur schwitzende körper sind und die körper bewegen ihre köpfe zu dem haustorsong, wie er. sie springen von der mole, beim entauchen verlieren sie ihre ausgeleierten speedo badehosen,kurz sieht man zuviel
    und sie schämen sich vor den mädchen,
    sie liegen nackt unter sternen, trinken billigen rotwein und hoffen, dass der mond die brüste der mädchen schönscheinen lässt, während sich alle routiniert über das neueste dreifachalbum von clash unterhalten. nur tanja nicht, die hört nur jacques brel. und die körper weinen und zittern drei tage in der leeren panzerhalle die nach diesel, schmieröl und lavendel riecht. sie greifen in den brustkorb, das loch so gross wie eine melone, sie singen immer leise während sie in bussen fahren, der mund voll schwarzer erde, damit sie nicht schreien, wie einst im sommer der angst. der bus singt, die körper singen haustor,träumen von küssen

    Unter all diesen Fahnen
    Die überall um uns herum wehen
    Da gibt es keinen Ort
    An dem wir stehen könnten
    Unsere Hände in die Höhe recken
    Und unsere Lieder singen
    Und unsere Lieder singen

    sie singen und ihre haut riecht nach sommer und rauch, ich sitze immer auf dem sitz 24, denn an dem tag wurde ich geboren und an dem tag zog ich in den krieg und das radio vorne neben dem
    verschwitzten busfahrer spielt andere lieder, die vom siegen und adlern. ihre lieder in den bussen die hymne unseres schweigens. ich singe mein lied,in mich hinein:

    KRIEG ANGST UNRUHE
    wenn der krieg die angst
    die unruhe die trauer
    in die träume bricht
    hilft manchmal:

    vor dem schlafen das geräusch eines knatternden fischerbootes hören
    sich den ersten sprung des sommers in das stille nachmittagsmeer vorstellen
    der duftende lavendel in der nase und draußen ist es winter in berlin karow
    schwerelos vor einer muschelübersähten unterwassermine verharren
    sich die hosentaschen mit dalmatinischen kiefernadeln vollstopfen
    bis sie herausstechen und die eigene haut hineinstechen
    auf einer anhöhe im fläming auf weissem sand stehen und in die ferne sprechen als wäre sie ein schöner bekannter
    sich den verschlussmechanismus eines Z 70 vorstellen
    an einen kuss in tuzla denken,im rücken weiße plattenbauten vor den füssen der fluss neugierig süss die lippen
    zweimal hintereinander ich war neunzehn ansehen
    sich einmal wenn die kraniche ziehen ansehen
    zehn digedag hefte hintereinander lesen und makronentörtchen essen
    denken man wäre in bad salzungen und stürbe an ddr langeweile
    an eine aufgeheizte parkbank am senefelder platz 1981 denken
    auf dem mittleren bett des schlafwagens liegen und vier stunden auf die puszta und ebene bei vierzig grad celsius sehen
    mit dem zug von berlin nach belgrad fahren und brno liegt schon am meer
    papa auf dem friedhof besuchen,die mutter im pflegeheim
    die ihr leben vergisst mit baklava füttern
    nach dem friedhof dem heim, meinen neuen heimatorten, mit der sbahn in die stadt fahren und die jungs und mädchen aus der behindertenwerkstatt lachen zu laut
    aber schön. aus dem herzen,meins ist ein melonenloch.

    der bus hält in einer hafenstadt.
    ich warte auf jemanden.
    kein lied,stumm.

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    27. April 2023

  • MOSKVA – WARSZAWA – PRAHA-BEOGRAD-SPLIT(IN ZÜGEN)

    I
    WARSZAWA
    Ich habe einmal in der Wisla gebadet.
    Irgendwann im Herbst. Natascha sah mir zu,
    sie hatte mir die Stelle gezeigt, an der Berling Soldaten den Fluss
    überquert hatten und starben. Kurz zuvor haben unsere Mütter
    das ehemalige jüdische Ghetto besucht, ich bin ein schmales Treppenhaus hochgelaufen, die Zimmer waren leer.
    Danach Soda mit Himbeergeschmack. Waffeln mit Himbeergeschmack.
    Sie roch auch nach Himbeeren danach.
    Von meinem wenigen Taschengeld habe ich mir zuvor einen Comic gekauft, kurz nachdem wir das Ghetto verlassen haben, in dem ein polnischer Pilot 1939 von deutschen Faschisten abgeschossen wird, Warschau brennt, 1939.
    Ich habe in der Wisla gebadet und Natascha sah mir zu, sie stand am Ufer reglos, die Augen gross. Sie war zehn Jahre alt, ich elf und hat ihren Vater im Arbeitszimmer gefunden, er hing unter der Decke im zwölften Stock eines Plattenbaus von Praga. Ihre Stiefmutter fand sie und ihren toten Mann drei Stunden später, kurz nach Büroschluss im Büro für Marxismusstudien. Die beste Freundin meiner
    Mutter stammte aus Equador und musste nach Polen flüchten, nach einem Militärputsch. Man hatte sie vier Wochen lang in einem geheimen
    Gefängnis gefoltert und vergewaltigt, das hatte mir Natascha erzählt und dass sie ihre Stifmutter nie streichelt, kaum mit ihr spricht und gerne, wenn es Nacht wird,singt. Spanische Lieder. Ich wusste nicht, was das heißt „sie ist vergewaltigt worden“ und schaute mir die Wisla an, vom zwölften Stock aus und musste daran denken, wie mich Natascha ansah, als ich in der Wisla badete, dort wo die Berling Soldaten starben, den Fluss hinutertrieben.
    Die Stadt brannte.
    Der Fluss.

    II
    VIENNA

    kein trost die landschaft
    die zu schnell vorüberfährt
    die geschwungene Linie
    am graublauen horizont
    der weinberg darunter
    bleibt leer
    mit sich
    allein
    ein baum
    irgendwo

    III
    MOSKVA

    moskau 1962.
    theaterhochschule gitis und die liebe...entscheiden bewerten reagieren und das alles, mein vater musste sich zwischen einer kaukasierin und serbin entscheiden. als die kaukasierin ihn mit einem dolch zur heirat zwingen wollte, entschied er sich doch für meine mutter und die beatles, denn sie hatte immer einen weissen reiseplattenspieler dabei und war sehr zart.
    zwanzig jahre später ist die kaukasierin aus der sowjetunion ausgereist und unglücklich verheiratet künstlerische leiterin der französischen juniorinnenauswahl im eiskunstlauf geworden und hat deswegen einmal berlin/ddr besucht und sich bei uns gemeldet. mein vater war gerade nicht in berlin und ich traf sie an seiner statt im hotel stadt berlin. eine wunderschöne frau saß mir gegenüber und schwieg, eine oder zwei stunden und sah mich nur an. kein wort.
    irgendwann sagte sie “mein sohn” zu mir und heulte und bevor sie auf ihr zimmer ging sagte sie noch: “such dir eine aus.”
    ein paar tische weiter saßen bildhübsche französische eiskunstläuferinnen 16/17 jahre alt. sie führte mich an deren tisch und ging. ein mädchen nahm mich sofort an die hand (sie hatten auch schon entschieden und zuvor schließlich zwei stunden zeit) und führte mich in den fünfzehnten stock des hotels stadt berlin und schlief mit mir.
    sie kam aus bordeux.
    ich war fünfzehn.

    IV
    SANKT PETERSBURG/MOSKVA

    MEYERHOLD
    Man legte mich mit dem Gesicht nach unten auf den Fußboden
    schlug mir mit einem Riemen auf die Fersen
    den Rücken; als ich auf dem Stuhl saß
    schlugen sie mir mit demselben Gummi
    auf die Beine. An den folgenden Tagen
    als diese Stellen an den Beinen
    von einem riesigen inneren Bluterguß angeschwollen waren
    schlugen sie mir erneut gezielt mit dem Riemen
    auf diese blutunterlaufenen
    rot-blau -gelben Stellen, und das tat so weh
    daß ich das Gefühl hatte, als ob sie auf die kranken
    hochempfindlichen Stellen sprudelnd kochendes Wasser gießen würden
    ich schrie und weinte vor Schmerzen).
    Sie schlugen mir mit den Händen ins Gesicht...
    brachen mir erst zwei dann drei dann sechs Zähne
    Ihr brechen eine Fuge oder Ouvertüre für Schostakowitsch
    Mit dem Knüppel schlägt man ein Loch in meine breite Stirn
    Ich Rutsche auf meinen Urin
    Meinem Blut aus
    Otkaz
    Otpust
    Otkaz
    Otpust
    Der Untersuchungsrichter drohte in einem fort: '
    Wenn du schwules Judenschwein nicht unterschreibst,
    schlagen wir dich weiter, alles andere machen wir zu einem unförmigen, blutigen Klumpen
    und sie schlugen ihn zu klump
    Der Körper der Biomechanik ist der Körper der Revolution
    seine Muskelkraft und Schweiß unsere Fahne der Sowjetmacht
    In dem wir seine Kräfte entfesseln und wir uns aus den Fängen
    der bürgerlichen Kommas,Punkte,Absätze und Kapitel lösen
    befreien von der Ausbeutung und Unterdrückung
    des nur gesprochenen Wortes,
    auf unseren staubigen Bühnen
    indem wie mir federnder Ferse und tanzendem Bein
    Trizeps und Wadenmuskel
    die Welt erlösen im befreiten Tanz
    die papierner Welt erfunden auf Dichtertischen und aus
    selbstverliebtrn Federn in die Welt gestöhnt und geseufzt
    unter sehnigen Fußballen
    zerfetzen
    Körper sich von
    Kugelschreiber und totem Weisspapier
    befreien
    er schlägt mit ein Loch in den Kopf
    ich werde sterben
    in genau 24min
    in diesem Keller in Moskau
    meine Bühne ist
    eine Blut und Zahnpfütze
    es knirscht und schmiert
    Otkaz
    Otpust

    CHARMS
    Den achten Monat
    Schlucke ich Pillen
    Säure zersetzt Kopf Hoden
    Neben mir die psychotischen fressen ihre eigene Scheisse
    beschreiben die Wände
    mit Kot blutig fast von fortwährender Diarroehe
    Kohlsuppe jeden Tag
    die Parole Elektrizifizierung plus Eisenbahn
    gemalt aus Menschenscheisse grinst mich an
    ich nasche am braunen Kanal und fische wie ein bunter
    Kolibri im Dreck meiner Genossinnen und Genossen
    Mein Gott, ich habe nurmehr eine einzige Bitte an Dich: vernichte mich, zerschlage mich endgültig, stoße mich in die Hölle, laß mich nicht auf halbem Wege stehen, sondern nimm von mir die Hoffnung und vernichte mich schnell, in Ewigkeit.
    Mich interessiert nur der ‚Quatsch‘, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung.
    Ich arbeite im Bereich der Literatur. Ich bin kein politisch denkender Mensch, sondern die Frage, die mir nahesteht, ist: die Literatur. Ich erkläre, daß ich im Bereich der Literatur mit der Politik der Sowjetregierung nicht einverstanden bin, und wünsche als Gegengewicht zu den in diesem Punkt bestehenden Maßnahmen die Freiheit der Presse, sowohl für mein eigenes Werk als auch für das literarische Schaffen der mir nahestehenden Literaten, die mit mir eine eigene literarische Gruppe bilden
    Ich fresse fremde Scheisse
    In der psychiatrischen Klinik Nr 12

    ISAAC BABEL
    Stecke dir den Schwanz hinein
    schönes Mädchen du warst nur
    einmal schön,dein Haar die Haut
    wie im Heu in Galizien das Dorf
    verkohlt polnische Bäume einst
    Soldaten von den Kosaken an die
    Verandasäulen gefesselt der Spiritus
    auf Stirn und Brust und Pimmel
    gegossen
    stecke dir den Schwanz hinein
    später wird es eine unserer Vorausabteilungen
    tun,sechs an der Zahl
    Kuban Kosaken von unserer
    Reiterarmee Budjonnis Knochenmühle
    Schnitten dir die schöne Zunge ab,warfen sie
    in schwarzes Gestrupp stachelig und
    arm wie alles und jedes in Gallizien
    ein doppelter Spiritus auf Ex
    in deine feine Kehle geflösst
    angezündet
    dein Schrei verbrennt von innen nach außen
    die Kehle die Lippen von innen
    eine Reiterabteilung durchquert
    die graue rauchige galizische Ebene
    die Sonne stehe hoch
    ein nacktes Mädchen
    verbrennt
    Ich trinke hier im Keller den Spiritus
    denselben wie das Mädchen
    mein Vernehmer (ihm gefällt mein Buch nicht)
    ritt einst auf Galizischen Feldern
    in Budjonnys Reiterarmee
    heute wird er meine Brust
    meine Seele
    brechen
    Lubjanka
    heute Nacht
    meine Steppe

    V
    BREST LITOWSK

    Vor meinem Haus verkaufte ein Kriegsblinder Streichhölzer und Schnürsenkel in allen Farben des Regenbogens.Er schüttelte dabei immer die Streichholzschachteln,Töne und Klänge erfüllten die trostlose Schönhauser Allee, nassgrauer Pflasterstein glänzte in zäher Langeweile in meiner grossen lauten Strasse,ein Zündholzbossanova erfüllte sie mit frohen Klängen.Erst später wurde mir klar,dass seine grobe Kleidung eine umgearbeitete Wehrmachtsuniform war, eingefärbt und umgenäht.Wieso trug er noch seine Uniform,siebenundzwanzig Jahre nach dem Ende des Krieges,1972,wieso kaufte ich heimlich bei ihm Schnürsenkel und versteckte einunzwanzig gelbe rote und blaue davon unter meinen Bett.
    Nach seinem Einsatz in Weissrussland - noch spürte er die Hitze der brennenden Scheune,das Bienensummen der verbrennenden Menschen,den so klingen zweihundert brennende Frauen und Kinder, wie Bienen im Anflug auf ihr Haus ihr süßes brennendes Heim,wenn der Kraftwagen sich langsam,von der auf die Erde gestürzte flammende Sonne Richtung Brest bewegt und es in seinem warmen Rücken summt,während er langsam bis zehntausend zählt - nach seinem Einsatz spielte er den Streichholz Bossa Nova und an den Alleen hingen Menschen in Bäumen,aufgeknüpft an Schnürsenkeln.
    Eines Tages stand er nicht mehr blind und sehr musikalisch an unseres Ecke,eine Freundschaftsbesucherin aus Minsk hat ihn,nach ihrem Einkauf im Modelleisenbahnladen, zwei Waggons und eine Tatratrommel bitte-
    für ihren Enkel,erkannt.Sie brach vor dem Laden zusammen,von
    Weinkrämpfen geschüttelt in der Hand der Beutel mit den kostbaren Geschenken tara-tara tak erschütterte ihr MÖRDER MÖRDER die Dimitroffstrasse.Mit der zerbrochenen Tatratrommel von TT im Freindschafts-Beutel ,eine Matrjoschka umarmt den Berliner Bären,sah sie den dicken Volkspolizisten auf sie zukommen,
    sie hatte soeben den Mörder ihrer Elter erkannt
    War's der Mondenschein? Na na, der Bossa Nova
    Oder war's der Wein? Na na, der Bossa Nova
    Kann das möglich sein, yeah yeah, der Bossa Nova
    War Schuld daran?…
    Dieses Mann saß vor meinem Haus,in seiner kalten eingefärbten Kriegerhaut,schwang die Streichhölzer aus Riesa im Bossa Nova Rythmus aus der Nähe betrachtet wohl nicht mit Absicht.
    Am Bahnhof Lichtenberg stieg sie in den Zug nach Brest.In ihrem Freundschaftsbeutel klapperten die zwei Waggons und eine in der Mitte gebrochene Taigatrommel,sie klapperten tak taka taka, es klang wie -
    das Wasser liegt so flach wie Fell,das eine Katze leckte,ein Vogel, der sogar von weitem gross erscheint,glaubt, das Meer wäre sein Ei er sitzt geduldig auf dem Wasser,fühlt seine leisen Stösse dann und wannwie ein Bossa Nova.
    Das Abteil nach Brest roch nach altem,kalten Rauch.

    VI
    BRNO

    Viele Gesichter trug ich, viele Gesichter
    waren zu tragen mir auferlegt.
    Wenn ich lachte, war oft die Haut nur
    vom Lachen bewegt.
    Irrsinniges Weinen sprang
    mir um die Lippen -
    aber ich habe gelacht.
    Habe mein Gesicht zum Lachen gebracht.

    VII
    TRAUM IRGENDWO ZWISCHEN BRATISLAVA UND KOMAROM

    Ich habe von brennenden Schweinen geträumt.Ich war eins.
    Ich habe von einem leeren Schwimbad geträumt,alle Kachel wurden von den Wänden gerissen.
    Ich habe von einer steilen Straße geträumt warm von Blut und süß.
    Ich habe meinen Vater geträumt.Er schwieg.
    Ich habe von ihr geträumt und Ich habe von einem weißen Kalkloch geträumt,hinuntersehen durfte ich nicht.
    Ich habe mich in einen schwarzen Hinmel fliegend geträumt.
    Ich habe mich tot in einem Feldlazarett geträumt und sang trotzdem space odity von Bowie.
    Ich habe mich als Leinwand geträumt und kalten Farben auf mir und in mir.
    Ich habe mich ohne Kopf geträumt,er lief vorneweg durch London und dachte zuviel.
    Ich habe mich verbrannt in einem Panzer geträumt
    Diesen Traum zähle ich schon nicht mehr.
    Ich habe von einen unendlichem Hecke geträumt,sie summte wie früher die Telefonmasten,dahinter wohnte der Tod.

    VIII
    WARSZAWA ZWEI

    Im Winter 1980 habe ich mich mit drei gleichaltrigen polnischen Jungs mitten auf einem schneebedeckten Fußballplatz in Jelenia Gora geprügelt.Sie beschimpften mich als deutsche Nazisau und ich antwortete Ihnen auf serbokroatisch,dass ich Partisanenenkel bin...keine deutsche Nazisau.Wir hörten uns nicht.
    Das Weiß färbte sich rot.Den riesigen Rot gesprenkelter Fussballplatz im Nacken zog ich meinen roten Plastikschlitten hinter mir her.
    Weiß.
    Er hing einen Tag lang im zehnten Stock in seiner Plattenbauwohnung in Praga,an der großen Brücke standen seit Stunden Panzerwagen,General Jaruzelski hatte einen Tag zuvor geputscht,bis ihn Irina fand,ihren Vater,den schönen Journalisten.Sie war neun Jahre alt.
    Ein Jahr später küsste ich Irina im zehnten Stock in der Plattenwohnung,in der sich ihr Vater aufgehängt hatte.Mein Herz war gebrochen,die Nase auch,hatte mich gerade mit ihren Stiefbrüdern geprügelt,die sie wegen ihres immertraurigen Gesichtes quälten.Das erste Mädchen in das ich mich verliebt,schnitt in einer Nacht ihren Vater von der Decke und lächelte nie wieder.
    Warschau.
    Warszawa.

    IX
    PRAHA

    Dubček.
    Dubček.
    Dubček.
    Klara arbeitete sich langsam Richtung Haupteingang vor.Dubček.Sie brauchte mehr als eine Stunde,um vom Parlamentsgebäude zur gegenüberliegenden tschecho-slowakischen Botschaft im Boulevard der Revolution zu gelangen,Dubcek, normalerweise ein Weg von fünf Minuten, wenn man das stadtbeste Eis der Konditorei und Eisdiele Pelivan links vom Haupteingang ignorierte.Von der hausgemachten Boza* ganz zu schweigen,für die küsst man sogar dicke Ärsche und putzt fremde Schuhe.Klara, die für drei Kugeln Malaga,Zitrone und Haselnuss,inklusive Boza* aus dem Pelivan normalerweise zum Quisling geworden wäre, wie man in meiner Partisanenfamilie zu sagen pflegte, oder gerne auch den Arsch ihres älteren Bruders geküsst hatte „natürlich mit Hose drüber“ ließ diesmal das Pelivan links liegen.Sie musste zur Dubček Botschaft.
    Aus zehntausenden Mündern erklang immer wieder dieser Name.Dubcek.
    Man nannte die tschechosloeakische Botschaft Dubček Botschaft,weil sich die tschechoslowakischen Botschaften in „Dubček“ und „Sowjet“ Botschaften spalteten,meist abhängig von ihren Standorten in Ost-oder Westeuropa. Jugoslawien war irgendetwas dazwischen und dennoch irgendwie eindeutig eine Dubček Botschaft,irgendwie eher eine richtiggehend geschliffene Dubček-Festung.Die Botschaftspforte war täglich weit geöffnet,auf Wunsch des Botschafters wurden alle Polizisten abgezogen und ihn,den Botschafter traf man eher beim Baklavaessen im Pelivan (Visa wurden auch gerne am honigsüssen Kuchentisch persönlich von ihm unterschrieben,rochen in dieser Zeit nach Pistazien,Honig oder Vanillecreme)als in seiner marmornen zwanziger Jahre Bauhausresidenz im Boulevard der Revolution.Ein tschechoslowakischer Bauhausler hatte das Botschaftsgebäude in den Zwanzigern errichtet,als die beiden Staaten noch jung und frisch ineinander und in ihr neues Ich verliebt waren.Die Botschaft ist bis Heute,in der es weder Tschechoslowakei noch Jugoslawien gibt,eines von nur drei erhaltenen Bauhausgebäuden in Belgrad.Denn,wie es das Märchen es so will,verliebte sich der tschechische Architekt in eine wunderschöne Belgraderin,blieb dort und baute in Belgrad weitere Gebäude.Er wurde 1942 von den Deutschen in einem Opel Kraftwagen auf der Landstrasse Richtung Kosmaj vergast.
    Er war eigentlich nicht nur Bauhausschüler, Tschechoslowake und glühender Panslawe sondern auch Jude.Eigentlich waren die Deutschen meist Österreicher,aber das ist eine ganz andere Geschichte.
    Dubček.
    Dubček.
    Dubček.
    Klara hatte mit ihrem noch ungeküssten Arsch nur noch ein paar Meter bis zum Haupteingang vor sich.Die Menschen um sie herum weinten,schwenkten tschechoslowakische und jugoslawische Fahnen.Ein älterer kleiner Mann in einer kurzen britischen Uniformjacke sammelte Freiwillige in einer Ecke,gleich neben dem Eingangstor...
    Alter?
    55.
    Gekämpft?
    Ja.
    Wo?
    Erste Proletarische Division.
    42-45
    Der Nächste.
    26te,Lika.41-45.
    Nächster.
    Dalmatinische Fünfte.43-46.
    Die Partisanen,mittlerweile Angestellte,Lehrer,Taxifahrer oder Konditormeister unterschrieben eine selbtsangefertigte Liste,die der ältere Mann im Wehrkreiskommando Belgrad-Vračar am nächsten Morgen abgeben wollte.Zumindest erklärte er das allen Anwesenden.Frauen die sich freiwillig melden wollten,verwies er an eine ältere Dame„die Bohnenstange leicht zu erkennen an der leuchtendroten Strickmütze“,die ihren Stand gegenüber der tschechoslowakischen Botschaft,vor dem Belgrader Hauptbüro von JAT bezogen hatte.
    Mit uns nach New York stand in ihrem Rücken.
    Ihre JAT-Jugoslawische Fluggesellschaft.
    Klara taten die Backen immer noch weh.
    Sie hatte sich aus Solidarität mit den tschechoslowakischen Brüdern und Schwestern aus ihren alten Pionierhalstüchern und Mamas Chaneltuch ein rotblauweises Halstuch gebastelt,ist nach dem Mittagessen zur sowjetischen Botschaft gefahren und hat einen Stein in den Aeroflot Schaukasten vor der sowjetischen Botschaft geschleudert. Dummerweise bemerkte sie nicht den hageren Milizionär,der direkt neben ihr stand(auffällig war die vollkommene Abwesenheit der Miliz während der Ereignisse) und mit den Worten „Wie kannst du nur unsere sowjetischen Genossen hassen“ ihr zwei Backpfeifen verpasste.
    Sein Akzent war montenegrinisch. Wahrscheinlich war er einer der drei Montenegriner,die in diesen Tagen freiwillig die sowjetische Botschaft bewachten.
    Russenknechte.
    Klara machte sich mit ihren brennenden Backen auf, solidarisch in Richtung tschechoslowakische Botschaft,sie bemerkte gar nicht,wie der Milizionär von fünf Jungs zu Boden gerissen,verprügelt und dessen zerknautschte Schapka in das zertrümmerte Aeroflot Schaufenster gelegt wurde,als eine kleine montenegrinische Grabbeigabe für den sowjetischen Imperialismus.
    Russenknecht.
    Während Klara auf der größten Pro Dubček Kundgebung jenseits von Prag demonstrierte, mein Opa mit der Reserve der ersten Gardepanzerdivision an der ungarischen Grenze darauf wartetet,den tschechoslowakischen Brüder und Schwestern zur Hilfe zu eilen,meine Mutter in Sarajevo irgendetwas inszenierte,mein Vater alle Hoffnung verlor und meine Oma im Frauenkomitee Nahrung und Kleidung für tschechoslowakische Touristen sammelte,die in Jugoslawien steckengeblieben waren,mein Onkel Dragan mit Markuse und Fromm vor der sowjetischen Botschaft hübsche Mädchen bezirzte,kleisterte ich stundenlang mein Kinderzimmer zu.
    Ich war aufgrund der historischen Ereignisse lange allein und nutzte die mir gegebene aufsichtsfreie Zeit,um mein 20m2 großes Kinderzimmer mit feinster Kinderkacke komplett umzugestalten.Was ging mich die Welt an.
    Dubček.
    Dubček.
    Dubček.
    Klara saß nun endlich auf dem Zaun vor der Botschaft und sang mit mehreren Zehntausend Belgradern im Wechsel die jugoslawische und tschechoslowakische Hymne.Spät nach Mitternacht kam sie nach Hause,mit brennenden Backen und geküssten
    Arsch-ein Student der Medizin küsste ihn,nachdem Klara auf dem Zaun sitzend ihr T-Shirt auszog und Freiheit für freie Titten,Freiheit für die ČSSR brüllte.
    Laut späterer Augenzeugenberichte meiner Familie,sah man von der italienischen Mustertapete im Kinderzimmer nichts mehr und inmitten dieses nun eintönigen Raumes hockte ich nackt auf dem tiefroten Çelim(Teppich),schlief tief und fest in der Scheisse.Am nächsten Morgen fuhren sowjetische sowie Panzerdivisionen verbündeter „Bruderländer“ auf tschechoslowakischen Strassen,sie überschritten die Grenze und meine Familie beschloss,dass ich nicht mehr in die DDR zurückkehren sollte.So endete mein Prager Frühling 1968.
    1968 behielt mich meine Mutter in Belgrad.
    Wegen der Panzer in Prag.
    Wegen dem Ende vom Traum.
    Mein Vater wartete auf uns und das der Sozialismus wieder wärmer wird.
    Zwei oder drei Jahre wartete er.
    Der Sozialismus blieb kalt.
    Meine Mutter schiss auf Panzer und Sozialismus
    wegen ihres heißen Herzens und Heiner Müller.
    Vierzig Jahre später
    Klara
    Ich
    sprachlos und mutlos
    vor dem brand,dem sengen und versinken
    halt den schnellkopf unter wasser,eiswasser wohl
    vom pol, oder stilles teures und der kot und der dreck frisst mich an endmoränen und sandigen ufern, stehe auf pappe und becher glotze nur noch blöd die welt an, die blöde stimmlos und sattgefressen am ansehen
    überlebt den einen krieg,fresse schon den neuen,weich die hand,hat noch vor
    dem kopf aufgegeben,kluges kind -
    was einmal brannte brennt immermehr
    zu trocken,übersäuert unsere böden und
    rinden,herzen aus holz und leim,klebt
    sogar die nachrichtensprecherin weint
    kalt grau,dem liegemden ist es gleich
    frisst scheisse mit und ohne hafer oder haselnuss,budgettod
    fressen uns nun selber kopfabwärts
    die städte brennen,ihr gestank in unseren wohnzimmern,da hilft nur dufttanne oder
    die klinge,dreierblatt im angebot
    schneid mir damit gleich augen weg
    alter käse
    gagarin ist tot und der andere
    ich will ihn nicht mehr sehen
    seine sterne und flüge
    die lautlosen,die,die
    alles konnten
    in einer nacht
    schoss ich
    30 kugel in den
    himmel,meine
    sterne fallen

    XII
    BELGRAD-KNIN-SPLIT

    I.
    Klapp.Klapp.Hundert Lichter in einem Tal.
    Klapp.Klapp.Das müsste Sarajevo sein.Zigarette weiterreichen.
    Wichser,du ziehst zu lange.Die muss für alle reichen.
    Die Zigarette wanderte einmal von Mund zu Mund,musste für zehn Jungs reichen,ausser für T. der hat sich schon in Belgrad im Klo eingeschlossen,vorher schrieb er noch TOALET NE RADI
    an die Tür und seitdem sitzt er still auf der Klobrille.Manchmal, wenn ein dicker,meist besoffener Mann in zu engem Hemd nicht lesen kann oder will
    brummt er mit falschem Bass
    TOALET NE RADI
    die schwitzigen Männer fragen nicht nach,warum ein WC ihnen sagt,dass es heute nicht arbeitet,sie sind wohl Autoritäten gewohnt
    In diesem Fall einem autoritären WC.
    Klapp.Ein Bahnwärterhäuschen.Zwei Geranientöpfe,hängen schief von einem schiefen Dach.
    Klapp.Klapp.Klapp.Unter der gelbleuchtenden Laterne steht ein weißer Fiat 500. Klapp.
    Sieh mal-ohne Vorderreifen,was für Bauernpisser.
    Das war S. - sein Vater fur einen YUGO KORAL,was ihm peinlich war,deswegen lernte er aus deutschen Autozeitschriften alles über Fahrzeuge auswendig und erzählte uns „das sein Vater VW,Audi und BMW fährt“
    Er konnte alles haargenau beschreiben.
    Wir stutzen nur,wenn er über Tesstrecken und Belastungsproben redete
    und er nahm jede Gelegenheit war,kleiner Autos klein zu reden bis die in seinen Geschichten fast erbsengross irgendwo herumstanden und sich schämten.
    Diesmal schämte sich ein FIAT 500 unter einer gelbleuchtenden Laterne in einem Vorort von Sarajevo.
    Klapp.Bahnhof Podlugovi.Es stinkt nach Pisse.
    Sie läuft direkt aus dem verstopften Klo zu uns,sickert in unsere teuren italienischen Rucksäcke und saugt sich in meine flachen,schwarzen Chucks.
    Auch die roten und gelben Chucks von M und P haben es gerade nicht leicht.
    Klapp.Klapp. Gornji Vakuf.Stinkt wie immer,sagt M.-wie jeden Sommer.
    Klapp.Donji oder Gornji Vakuf so heißt der Ort,den wir nur Nachts sahen,auf unseren Fahrten von Belgrad nach Split,via Knin.
    Sommer für Sommer.Klapp.Klapp.
    Jeden Sommer bis zum großen Brand fuhren wir vom Belgrader Hauptbahnhof nach Split ans Meer.Klapp.Klapp.
    Ans Meer,ans Meer,rief ich durch die offene Tür,in die schwarze Nacht,die Berge hinaus.Die Rufe wurden lauter,bald rief der ganze Waggon
    ans Meer,ans Meer,ans Meer.
    Es war nicht schwer die anderen 80 oder 100 Jungs von meiner Sehnsucht zu überzeugen und sie in die bosnischen Berge zu schreien.
    Der Bahnhofswärter winkte uns mit seiner Kelle zu und es schien,als riefe er mit.
    Ans Meer.
    Zugdurchfahrt.
    Klapp,klapp.
    Die Tür klapperte seit Stunden,stand weit offen und ich atmete tief die frische,nach Kiefer und Gebirgsbächen riechende Bergluft ein.Die orangene Tür klappte nach jeder Biegung im Tal zu und auf,oder andersum,auf und zu,
    das lag auch daran,das wir unsere Rücksäcke in die Türöffnung gestopft hatten,
    wir wollten nichts verpassen-den Schottergeruch in Vinkovci nicht,die kalte Bergluft bei Sarajevo,den süßen Duft der Zypressen kurz vor Split
    das No fumare Schild auf dem Klo.
    Irgendwann um sechs,oder sieben,eher um Acht Uhr sollten wir in Knin ankommen.Dort würden,wie jeden Sommer,die Sonderzüge aus Zagreb und Belgrad zusammengekoppelt werden und nach Split weiterfahren.
    Wir zogen uns frische T Shirts an,die besten die wir hatten,
    verdient beim Fassaden waschen einer Belgrader Bank
    anderen Putzarbeiten
    Noch nie haben Jungs so viel geputzt in Belgrad wie im Mai und Juni.
    Wahrscheinlich auch später nicht.
    Wenn wir uns trafen sagten wir uns immer Zahlen
    Fünf Zehn Fünfzehn
    Die Zahlen standen für die Anzahl der Übernachtungen am Meer inklusive ein zwei Bier,manchmal ein Eis und Brot und billige Salami.
    Nur einmal sagte D Vierzig!
    Er hatte in Zemun gefälschte Interrail Tickets hergestellt und verkauft.
    Später machte D viel Geld in Südafrika mit einem Reiseunternehmen spezialisiert auf Dampflokreisen durch das Burengebiet.
    Zurück zu den Chucks/Converse All Stat low)...
    Wir rieben uns mit Klopapier unsere pisseversifften Chucksohlen ab und hielten Ausschau nach dem Zagreber Sonderzug.Manchmal stand er schon im brüllendheissen Bahnhof von Knin,manchmal war unser Belgrader Adriasonderzug Stunden vorher da und wir lungerten, Sarajevoer Marlboro rauchend,auf dem dem weißen Bahnsteig herum.
    Knin ist es ein Drecksloch.Nur verfickte Hurensöhne,Chetniks und Zigeuner von Roter Stern leben in diesem Drecksnest nölte P.
    wie immer und schnipste seine Zigarette Richtung Stadtzentrum,mit der leisen Hoffnung,dass das Städtchen in einem halben Atemzug auf ihre Grundmauer niederbrennen würde und der Sonderzug aus Zagreb in dieses Leuchtfeuer hineinfahren und sich mit unserem vereint
    Richtung Meer fahren würde.Das besondere dieses Sonderzuges aus Zagreb war,das er genauso mit jungen Mädchen und Jungs vollgestopft war,die mit ihren bunten Rucksäcken, urinriechenden Chucks und frisch gebügelten Tshirts in die Nacht sangen,wie der Belgrader,mit einem großen Unterschied:
    Dutzende von schönen,duftenden Mädchen aus Zagreb sassen in den Türen,standen in den Gängen putzen sich und rauchten,tauschten untereinander Mixtapes und Bikinioberteile aus,erzählten von ihren letzten Sommerküssen,schwiegen voller leiser Hoffnung,schminkten sich vor den blinden Abteilspiegeln "Besuchen Sie Mostar" und zählten die Stunden bis zur Ankunft in Knin.
    Zumindest stellten wir uns das so vor...
    wenn wir Pech hatten,war der Zug voll mit Familien,VaterMutterKind...Mist riefen dann
    Hundert Jungs in einem Atemzug
    Mist
    Mist
    Mist
    aber das ist keine Geschichte vom Pech,also war der Zug voll mit hübschen Mädchen aus Zagreb(über die Jungs schreib ich nicht,das können die Belgrader Mädchen gerne machen,die sich auf die Zagreber Jungs freuten,oder die Zagreber Jungs über die Belgrader Mädchen)

    II.
    Knin.
    Auf und ab.
    Auf und ab.
    P. sprang wie ein Hampelmann auf und ab.
    Wichser.
    Ich war gerade fertig geworden mit dem Bild,gemeinsam mit M. hatte ich das Kap Horn durch gezieltes Zahnlücken-spucken auf den weißen Bahnsteigstein gemalt.
    "Keine peinliche Sorgen machen,Bruder,bis die feinen Mädchen da sind,hats die verfickte Sonnte über Knin weggebrannt".Wir schwiegen und unser Kap verdunstete langsam.Wann kommt endlich der Zug aus Zagreb.
    Italien in Knin seufzte M.und spuckte erneut auf den weißen Stein.
    P.mit fing mit seinen Aufwärmübungen an,als wir uns am italienischen Stiefel versuchten.Er wollte wohl die Zagreber Mädchen beeindrucken,das tat er jeden Sommer,mehr oder weniger erfolgreich.
    Begonnen hat es mit Breakdance.
    Vor drei Jahren empfing er den Zagreber Sonderzug,mit,aus nem angesagten Film abgekupferten Drehungen,Schrauben und unbeholfenen Robotman Breakdance Moves,während wir im Halbkreis um ihn herumstehen und idiotisch klatschen mussten.Er hatte schon Monate vorher in Belgrad geübt,den Breakdance-Film,ich glaube Beatstreet, dreißig Mal in vier Wochen im Kino 20.Oktober gesehen.Wahrscheinlich war er der einzige Nichtroma im Kino,dessen Repertoire nur aus Bruce Lee Filmen und diesem Breakdancefilm bestand.
    Der Robotman bekam in der knietiefen Zugklo-Pisse mitten in Bosnien noch seinen letzten Schliff,irgendwo kurz hinter Donji Vakuf.
    Vor zwei Jahren spielten wir ein The Cure Video auf dem Bahnsteig nach,nur mit mäßigen Erfolg,es gab wohl nur drei Gothicmädchen in Zagreb,die unser Tun erkannten,der Rest hielt uns eher für schwul,das waren sonst eigentlich nur die Jungs aus Ljubljana.
    Dieses Jahr hatte P.einen neuen Einfall.
    Ich probiers mal "russisch".
    Russisch.
    Wichser.
    Es gab für uns nichts schlimmeres als das irgendwas "russisch" sein sollte.
    Russisches Zeug war was für Provinzler,Parteikader und Montenegriner.
    Wir liebten illegal kopierte amerikanische Blockbuster in OV,hohe und flache rote und schwarze Chucks,The Jam und Virgin Records,einmal im Jahr nach London fahren um Dr.Martens zu kaufen und in Covent Garden ladmässig an einer Hauswand gelehnt P&S,weiche Packung,zu rauchen,italienische Motorroller und japanische Walkmens.
    Und P. wollte was russisches probieren...
    Das lag wohl an seiner Mutter,die die besten Schokoladenpalatschinken von Neu-Belgrad machte und schwerst schizophren und in Behandlung war,das wussten wir alle von unseren Besuchen bei ihm zu Hause,oder an seinem Großvater,der sich mit der Axt die rechte Hand in der Badewanne abgehackt hatte,der hatte als einziger von seiner Familie irgendein Massaker '41 überlebt.
    Übrigens in der Nähe von Knin.
    Auf und ab.
    Auf und ab.
    Der Hampelmann wärmte sich auf.
    Doch der Zagreber Sonderzug kam nicht.
    An alle Belgrader Idioten-der Zagreber Sonderzug verspätet sich um zwei Stunden.
    Der schmierige Bahnhofsvorsteher mit dem jogurtversifftem Chetnikbart mochte uns nicht (wahrscheinlich wurde der Wichser in den 90igern Eisenbahnminister der Krajinarepublik) und knarzte genüsslich seine Durchsage ins versiffte Mikro.Man hörte sogar,wie er an seiner Zigarette sog,bestimmt eine Drina ohne Filter.Man rauchte schon grenzübergreifend.
    Halt die Fresse,Wichser.Ein Bierkonserve knallte gegen seinen blindgläsernen Bauernbunker genannt Bahnsteigbüro.
    Auf und ab.Auf und ab.
    P.wollte uns seine russische Idee nicht verraten.
    Stunden später lief er auf den Gleisen unseren zusammengekoppelten Zügen hinterher.
    Er hatte in der Belgrader Kinothek einen russischen Schwarzweißfilm gesehen,wo ein junger sowjetischer Offizier seiner geliebten Frau hinterherlief,die in einem Zug ins Hinterland evakuiert wurde,in letzter Sekunde auf den letzten Waggon aufsprang,sie küsste,um am nächsten Bahnhof wieder auszusteigen und Richtung Front zu fahren.Einige Einstellungen später starb er in weißrussischen Sümpfen,von Deutschen verfolgt,einsam und schwer verwundet.
    Die Kamera kreist.Birken.Schnitt.
    P.rechnete jedoch nicht damit,dass unser Zug schneller fuhr,als der im Film.
    Er lief noch sehr lange dem Zug hinterher.
    Einen Tag später kam er dann in Split an.
    Ein Bauer hatte ihn in den Bergen um Knin aufgelesen und ihn,samt seiner fünfzig Wassermelonen nach Split zum Markt gefahren.
    Wir waren schon längst mit einigen duftenden,schönen Mädchen aus Zagreb auf der Insel Hvar und tauchten nach Seesternen.


    XIII
    BERLIN

    das leise schlagen der wellen
    der kalte körper neben mir
    ein sanddornbusch glüht
    ich mag ihn nicht im april
    mein kopf mit seinen fragen
    die antworten kenne ich
    die füsse schwer der kopf schwerer
    SAG WAS MICHA senkblei
    ich sehe das graue meer
    schwer schiebt es sich zur küste
    die schiffe verrotten in windschiefen hütten
    mit ihren vätern und söhnen
    den leisen tretern
    hab uns jeden sommer die fressen poliert
    die arbeiter und bauern fischer nicht vergessen
    die ostseezeitung ins meer getunkt
    schwer wie bleirohr der schlag auf die
    denkerstirn,der rotz pladdert ins sandorngelb
    vor hiddensee unsere liebliche hidden sea
    weg aus der hauptstadt ost und dort
    in sand und dorn unsere dornenkrone
    getropft,atolle von rotz und blut
    reise reise seemann reise
    ostseezeitung manchmal ND
    was gerade ungelesen rumlag in
    kaufhalle oder kiosk am weissen strand
    in arbeiter bauern oder fischerfaust
    WARUM SAGST DU NICHTS
    ZEIT ZU GEHENmüde worte des abschieds
    wir liegen im sand
    ich zähle sekunden
    eins zwei drei vier fünf
    ICH HALTS HIER NICHT
    MEHR AUS
    ein zwei drei vier fünf
    der Ausreise-Karton
    SALAMANDER EXQUISIT steht drauf
    ein Rest von mir drin
    zweimal Pistols einmal Sham69
    die finger graben sich in den nassen sand
    möchte unter ihm liegen unterm sand und dorn
    der zorn
    ihn ins maul stopfen alter kumpel
    süßer verräter aufm sprung
    salzig ist er und schwer sand unter
    deinen leichten worten du fickfresse der sand
    im april im jahr achtundachtzig
    an ihm ersticken mich ins grau werfen
    an dieser verfickten küste dummes
    bla bla bla vom gehen und bleiben
    hörensagen von drüben
    träumen und leben einstürzende
    neubauten im ohr der stachel
    verrotten an der saale oder pleisse
    am eingang von nem friedhof kirchlich
    natürlich,gesegnet mit korn und avantgarden
    töpfen,die kleine lehmfreiheit oder lang
    haariges hexametern die sich vor sanften menschen
    an holztischen gut vortragen lassen
    knoblauchbrot und bettina w mein
    beschissenes abendmal
    Sind so kleine Hände
    Winz'ge Finger dran
    Darf man nie drauf schlagen
    Die zerbrechen dann
    Sind so kleine Füße
    Mit so kleinen Zehen
    Darf man nie drauf treten
    Könn' sie sonst nicht geh'n
    Sind so kleine Ohren
    Scharf und ihr erlaubt
    Darf man nie zerbrüllen
    Werden davon taub
    tripper inklusive lied mitgenommen von der mittelalten verbotenen
    dichterin danach, die liest und liebt nur antiquarisch
    staatsfernes, nasskaltes bett, patchouli
    den bericht in der selben nacht geschrieben
    den blanvers, den hab ich gefressen jahre später
    in trauriger gauck platte hundertvier seiten lang
    kurzgefasst:
    BORN IN THE GDR FUCKED IN THE GDR
    harte Küsse steife Glieder
    saale und spree girls von
    ipanema erinnre mich gut
    NOCH EIN ZWEI TRIPPER IN WERNIGERODE
    HEIMLICHES LESEN VON BAHRO ODER MARON
    bück dich gewissen,leise rieselt schwarzer schnee
    die fresse zugenäht,hinter den bockwurstfressen
    zum ND PRESSEFEST oder aufm alex irgendwas
    die miesen fisuren dahinter magdeburch leipzig halle
    wartet auf mich nur noch
    faconschnitt und rummelsburg
    mit viel glück ein forumcheck und ein BAP
    konzert im palast in balu
    mittendrin in der roten rotze
    werd ich zur überlebersau
    scheiss nur noch und beschlafe die bitteren
    mit kurzen haaren wir trösten uns,fad der speichel
    man weiß nie wo es hinströmt
    das graue Schwere da draussen

    XIV
    MOSKVA WARSZAWA PARIS
    Gezeugt in Moskau.
    Geboren in Berlin.
    Gewohnt in Belgrad.
    Gewohnt in Berlin.
    Studiert in Belgrad.
    Krieg.
    Studiert in Berlin.
    Wohnt in Berlin.
    Arbeitet am Theater.
    Verheiratet.Ein Kind.
    Ich sitze fahre
    in Zügen
    leben
    und

    u vozu sedim i gledam sa brda
    more plavo i brda siva
    polako se spuštam
    i sanjam dodire i poljupce
    i zatvorit cu oči

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    26. April 2023

  • RUMMELSBURG / SARAJEVO

    PROLOG er war in der ddr und jugoslawien im gefägnis, u-haft genaugenommen. in der ddr wegen herabwürdigung des staates , im militärgefägnis sarajevo wegen angeblicher zersetzung der militärdisziplin.


    Rummelsburg 1985

    der bussard
    sitzt auf
    dachlosem lokschuppen
    vor ihm
    der betriebsbahnhof
    rummelsburg
    hinter ihm
    qualmt das kraftwerk
    ohne knast
    den haben sie abgerissen
    nach der einheit

    die politischen
    waren gute heizer
    soffen weniger
    als die herrschende klasse
    erzählte oft
    mein vater
    auf dem betriebsbahnof
    habe ich blut gespuckt
    und zähne

    der knast war damals voll
    mit guten heizern
    im lokschuppen
    hämmerte die herrschende klasse
    an taigatrommeln herum
    oder in meiner fresse
    auf dem bahnhof
    nach der schicht

    vor der einheit
    hockte der bussard
    im wald oder
    auf der wiese
    das ist jetzt
    anders
    meine fresse ist
    zahnlos
    das ist geblieben
    seit rummelsburg
    betriebsbahnhof 1985

    Faules Holz/Sarajevo 1988

    wie ein faules holz
    treibst du vor dich hin
    die sonne über dir wärmt
    nicht mehr
    zu tief
    die löcher darin
    vollgesogen
    stehend
    das wasser
    fault alt
    mit den jahren in die seitenlage
    geraten treibst vor dich hin
    bis eine zarte hand dich greift
    innen zu
    aussen
    wendet
    dich wärmt
    ihre hand nun sonne
    für faules holz
    das trieb nur so
    vor sich hin
    unter kalter sonne
    ich wache auf im militärgefägnis
    sarajevo
    budi mi sjećanja
    izadji iz mene
    das licht geht nie aus
    weiss die neonsonne
    unter ihr liege ich faules holz
    treibe vor mich hin
    zwei rippen gebrochen
    die hoden faustgross
    die antworten falsch
    die schläge gekonnt
    die sonne über mir wärmt
    nicht mehr
    zu tief
    die löcher
    ich hoffe auf eine zarte hand
    die mich greift
    das innen und aussen wendet
    es wärmt die hand
    wie eine sonne
    die tür geht auf
    an diesem tag
    werden noch zwei rippen
    brechen knacken
    wie faules holz
    darin das wasser
    fault alt
    im august 1988
    sarajevo erinnerung aus kristall
    sarajevo gemacht aus schlamm
    und schnee
    izadji iz mene
    izadji iz mene

    (militärgefägnis sarajevo,1987)

    Keibelstrasse 1984 Ostberlin

    Nacht mit Hundegebell.
    Kam nicht nur einmal vor.Im Sommer häufiger.
    Mein Weg zur Schule führte an ihr entlang.
    Schüsse gab es dreimal.
    Erst neunte Klasse und schon Stasi an der Schule,Verhör im Direktorenzimmer.
    Ist mir an allen drei Schulen passiert,die Männer in den schlecht sitzenden Anzügen.
    In der Keibelstrasse habe ich zwei Zähne verloren.Die hatten Hartgummiknüppel aus der Nazizeit,das nackte Herumstehen, stundenlang,wärmen tut mich nur die eigene Pisse.
    Das habe ich gelernt,DDR mein Vaterland: auf Knopfdruck einpullern,war mein wärmender Anorak in der Keibelstrasse,Sitz des Polizeipräsidiums von Ostberlin.
    Die Pisse musste man aufwischen,davor noch der Schlag genau auf die Vorderzähne.
    Gelb und rot mischt sich unter meinem geschwollenen Geschlecht.
    Vincent von der Keibelstrasse.
    Zehnte Klasse.Wieder Stasi an der Schule.
    Und Elf und Zwölf.Meine Zahlen sind krumm,schiefe Männer sind sie,die ein Kind
    zertreten wollen,weil der Klassenkampf es so will.So nannte man das,wenn große Männer vor einer Direktorin einem
    Jungen in die Nieren boxen und er vor ihr Schmerz erbricht.
    Ach Schiller,Geothe,Lessing und Fontane lagen sonst auf ihren schmalen blauen UnterrichtsLippen,die Erziehung zum Menschen,diesmal liegt nur Verachtung und ein wenig geiler Speiche auf ihrem klassischen Gesicht.
    Der Lieblingsschüler liegt auf Linoleum.
    Braun,er erbricht sauer.
    Ich sehe die Fahnen im Rücken der Direktorin.
    Höre kaum etwas,langes hohes Summen in der Stirnrinde,darauf sitzen schwarze Vögel.Eine Minute vorher hat mir ein verpickelter Sachse mit beiden Händen auf die Ohren geschlagen,meine Antwort gefiel ihm nicht.Summ-Summ-Summm.Ich verrat meine Brüder nicht und deiner Votzenmutter scheiss ich in die Fresse,Sachsensau.
    Die Direktorin schaut mich nicht an.
    Kalt.
    Ein weißer Vorhang Dederon dahinter liegt sie,die alte Kohlehandlung.Eine dünne Rauchsäule.Den harten Worten drinnen entfliehe ich in den Rauch,den schmutzigen Schnee,die Schrift bleicht an zerschossener Wand.Warnekes Kohlenhandlung seit 1931,unter dem Tisch verkauft er Schnaps an uns Schüler.
    Kalt.
    Rauch.
    Der weiße Dederon Vorhang hängt schlapp dazwischen,zwischen der Freiheit,dem geschwärztem Schnee und den krummen Männern.
    Die Stimme der Direktorin drinnen.
    Wird nicht zum Studium zugelassen.
    Feindlich negativ.
    Dekadent.
    Schmarotzer.
    Parasit.
    Meine Ohren summen und ich tanze den schwarzen Stern.So hieß eines meiner Lieblingslieder.Die Küsse mit den Mädchen waren immer zu hart,das andere auch und ihre Haare rochen alle gleich.Action.VEB Kosmetik in Berlin Mitte.
    Drei von den vielen hart küssenden Mädchen sagten mir,sie wollen,weil sie müssen.
    Männer kamen,sagten KÜSS IHN DANN FRAG IHN
    Was er liest?Was sein Vater erzählt?Die Mutter träumt?
    Und jetzt fick mich,die Verrätersau sagte eines der Mädchen.Ich nahm sie in den Arm und erzählte ihr was ich lese,was mein Vater erzählt und was meine Mutter träumt.
    Und ich sagte ihr,erzähl alles den Männern mir ist alles egal, ich bin dreizehn,vierzehn, fünfzehn,sechzehn Jahre alt und Angst habe ich keine,Leben will ich auch nicht mehr.
    In der Straßenbahn müde Augen.
    In der UBahn Baujahr 1930 müde Augen.In den nach kalten Rauch,Erbrochenem und Schweiß riechenden Zügen müde Augen.Zu lange starrten sie wohl die Mauer an.
    Krankgesehen am betonierten Danebenleben.
    Warum fuhren all die Züge immer an der Mauer entlang.Was war der Plan der alten Männer.Zu früh aufs falschen Pferd gesetzt, alles auf ROT und Traum,dann dastehen-die leeren Hände und es blieb nur noch der leere Blick auf Beton und das Leuchten dahinter.
    Auf den Wegen zu den ungeliebten Arbeitsstellen und Fickzellen DANKE H im Danach,fuhren wir immer an der Mauer entlang.Wie mein Gesicht in der Garage Keibelstrasse am Rohbeton zurechtgeschliffen wurde.
    Irgendwann ging ich weg aus dem Land.Als ich wiederkam,war es eins.
    Mir tut das alte Land immer noch weh NICHT MIT SCHÖNEN ACH UND WEH ohne dieses verklärte Schäumen zwischen Werra und Mulde.Es tut weh:Mit heißer Wut,halbtauben Ohren und halbierten Zähnen
    hass ich dich Staat der Gewalt,
    der kalten Garagen,
    der kalten Küsse,
    des müden Verrates.
    Auf Knopfdruck einpissen war mein Weg in den Kriegskommunismus und ich rieche die Pisse unter mir und es ist warm und mein Blut spritzt an die Garagenwand,fahr an der Keibelstrasse vorbei,irgendwas neues, helles Teures steht jetzt da.Der Anorak Sachse und seine Kinder und Kindeskinder stehen jetzt wohl rechts neben mir.Das Grab der Direktorin wollt ich umgraben und ihre Knochen in der Lottumstrasse und Oderberger verstreuen,ich ließ es sein.
    Habe etwas gelernt unter neuer Sonne,trotze Wohl und Weh...habe dazugelernt im warmen Süden-die Großzügigkeit meiner jugoslawischen Heimat,die habe ich langsam gelernt und sie mitgebracht.
    Und ich ersticke,wenn ich mit der Bahn an der unsichtbaren Mauer entlangschramme.
    Und ich sehe die schiefen Männer,meine Direktorin und die alten Fahnen hinter dem Demeterladen und Schawarma,Applestore and Biocompany.
    Still feiere ich die gewonnene Freiheit,hab aufm Weg Zuviel verloren.
    Vom Jetzt schweigt dieser Text.
    Das hat hier keinen Platz.
    Und ich höre noch Schüsse in der Nacht,vereinzelt und das Gebell der Hunde,den Verrat küssender Mädchen,warm ist es unter mir.Es stinkt nach warmer Pisse.
    Pssst keine Angst Anorakkind,Junge,Mann.
    So ist mein November.
    Ich erinnere mich.


    Beograd-Malmö via Berlin

    dugine boje nosi moj zmaj voz.
    kompozicija je imala duzinu od dvadesetipet
    vagona. dvadesetipet sati dugo putovanje dugom ,
    od istočnog berlina do grada bijelog, zapravo sivog.
    bijelo. uzmi. sanjaj. maj i brda gore.
    nisam sanjao vojni zatvor u sarajevu,gumeno crevo u anusu, moj islednik iz ogiluna, porodicu mu jebem i zivot i decu i kuću.
    u zološkom vrtu ja jašem konje, horse against arse pain
    netko lezi ispred kaveza, ne vidi zebre, vidi boje, svoje.
    dvadesetpet vagona u tri boje.
    zeleno. crveno. plavo.
    duga nije bila prohodna, zidovi unutar voza, samo se izvana kreće,
    ključevi konduktera zabranili su slobodno kretanje.
    samo pogledi kroz zamagljene prljave, slobodni kao vjetar,
    gledaju polja, sela, mostove, rijeke, gradove, vodotornjeve, vatre, pincgauer kod Šida, spomenik išvrljan, blato, vikendice, autoputove, porušene crkve…
    iste slike, pogledi puni neke sjete, raznih zelja, oblaka bijelih, neba zaključanog.
    imaš li ključ za ono iznad nas,
    za ono oguljeno?
    nemam, sinko,
    samo za sjedenje i ležanje
    drugom klasom.
    nebo zaključano, klatimo se, sanjamo nemirno. jone šarene
    ugašenih očiju u teksasu, hvala bogu, levis strauss. ošišanom glavom pod
    pijesak, te nakon dvadesetipet sati otreseš šesti i drugi kat.
    kondukteru, zaključaj mi glavu.
    pada, teška je.
    za deset maraka može sve.
    konvertibilna amnezija, sinko, kriza je, svi bi plavo.
    putnici spavaćeg i plavog vagona su sa voznom kartom imali pristup
    vagon-restoranu, jedinoj prilici da sretnem ostale jone progutane
    i ispljuvane na dalekim obalama.
    u plavim i crvenim sretao sam jone iz strumice, kumanova, peći,
    valjeva, niša, pozarevca. nijeme, pune straha. ugurani, bezbojni, medju kartone
    bijele tehnike. A kad su prošli plavi i smedji policajci,
    kad kutije i kartoni nisu baceni na subotički kolodvor,
    kad krvavi svežanj kruna u djevojačkim gaćicama nije
    pronadjen, tek tada su jone progovorile.
    Nerijetko su otvarani prozori crvenih i plavih vagona
    (oni zeleni su svi ostali u budimpešti. keleti pu, brate, keleti pu
    jebem im nebo žičano) i ravnicom se razlijegla pjesma:
    širom svijeta put me vodio
    za sudbom sam svojom hodio,
    u srcu sam tebe nosio.
    krv se mnoga za te prolila,
    borba te je naša rodila
    ne znam tekst, ali gledam sve te glave i ruke
    koje izranjaju kroz prozore
    gutam dim dizela
    kenedijke,

    KONDUKTER:
    dizel- električne lokomotive serije 661 proizvedene su u američkoj tvornici "GM EMD". eksploatacija ovih lokomotiva na prugama jugoslavije počela je davne 1960. godine. ove lokomotive, popularno nazvane "kenedijevke"
    maksimalna brzina: 114 km/h kod podserije 000; 124 km/h kod podserija 100, 200 i 300.moj posljednji voz sa kenedsijevkom sam pratio zimi 1991.
    u vozu smo bili ja, jedan pijani kelner u vagon-restoranu i dvojica mladića,
    bio je to posljednji voz na toj relaciji. nosim jednog mladića i polažem ga na
    jednu drvenu klupicu.
    na beogradskoj željezničkoj stanici me je kondukter iznosio iz vagona
    i položio na jednu tanku, drvenu klupicu. nisam bio pijan,
    nešto me je slomilo, iščupalo korijenje i padam,
    posječen u vagonu, s rednim brojem 23, na nekom polju iza vinkovaca,
    ponekad, mislim, da i dalje ležim tamo ili
    na jednoj drvenoj klupici, na glavnoj beogradskoj željezničkoj stanici,
    kolodvor dva, pored mene kenedijevka i pet vagona
    ljubljana - zagreb - beograd
    posljednji voz
    zima 91.
    šal od svile slušam na walkmenu,
    u usta mi pada snijeg, pada na drvenu klupicu,
    ležim i gutam bijelo koje sporo pada,
    pjesmu sam(o) slušam,
    slučajno, valjda, zbog
    neba i mora,
    odnekuda odnedavna,
    strašna pjesma, nježno,
    podsjeća me na prijatelje, i
    ljubav, voz
    avion i horse,
    podsjeća da sam izgubio zivot na voz
    avion i horse podsjeća me na najbliže,
    koje sam izgubio,
    jebo vas voz
    avion i horse
    ljeto. osamdeset neke, neko polje obrano, prazno
    vraćam se iz vojnik zatvora
    ili stizem u beli grad iz sivog

    i dok su putnici pjevali,
    bacali su svoje prazne tužne flaše piva i rakija, ispijene u dvadesetipet nijemih nemirnih sati, na polja subotička, zasadili su šljivu, hmelj, duhan izgorjeli medju prstima, debelim i crnim, ispljuvak gorki, nekoliko kovanica švedskog i njemačkog novca, teškog.
    u povratku sam uvijek zamišljao kako prolazim pored beskrajnih polja tuborga, navipove šljivovice, zgužvanih kutija crvenog marlbora. sto je sve izraslo za 52 dana pod ovim mojim nemojim suncem?dno osušenog panonskog mora rodi čuda. gledam čudo, gledam nijemo pitanje
    što je
    kako je
    i zašto
    koliko dugo traje jedan poljubac?
    koliko dugo se pamti miris koze?
    Pitat ću svog pijanog oca, on zna sve,
    i jako je nježan. obrat ću mu dvadeset malih tuborga i šest šljiva, samo ruku moram ispruziti kroz prozor, i svi plodovi strumički, valjevski pećanski, opjevani i bačeni prije 51-og dana, naći će svoj put do mog oca.
    otac mrtav pijan a nismo ni blizu subotice, tako je uvijek bilo u povratku. ispod lavaboa lezi moj mrtvi otac, ja pijan gledam kukuruz i bačene flaše.
    daj mi boze malo mjesta ispod lavaboa,
    da legnem na osunčana ledja mog kratkog ljeta,
    da gledam sapun odozdo,
    bijeli sapun, moj posljednji oblak,
    pecat JZ na njemu utisnut,
    moje sunce
    posljednje
    bledi


    Keibelstrasse 1985

    ewiges polizeipräsidium
    härte gegen punk
    mein kopf auf der tischplatte
    knackt zwei vorderzähne gleich mit
    herabwürdigung öffentlich und paragraph 220 von den nazis.der schlag auf mein blutendes mundloch mit dem eingerollten
    proletarier aller lönder vereint euch ND
    bricht mir die unteren zähnchen
    kann mir das sandmännchen bringen
    draussen oder im schlaf
    im schlaf mutter ist ein trampeltier und der
    heiner müller steht an der tür
    kein mann im fahrstuhl
    den habn wir nicht altbau zweiter stock
    aber die keibelstrasse nen
    paternoster der schnelle schlag
    auf die hoden links rechts
    aufm weg in den dritten vierten stock
    rechts links der genosse macht
    schwarz die kinderhoden
    vierzehn jahre ist man da noch kind
    kleine hände sind so
    kleine hände singt die frau mit den
    fauligen Zähnen die bricht man mir
    gerade im paternoster
    finger streck die finger raus du sau
    der genosse macht sichs leicht mit dem
    befehl von ganz
    oben mfs ss
    selbstschuss und ein minenfeld damit
    es uns hier gut gefällt,damit es uns hier
    gut gefällt in unserem schönen staat
    in unseren schönen staat
    meine hoden schon schwarz und blau
    von arbeiter und bauernhand
    zeigefinger gebrochen und krumm bis
    heute im neuen deutschland
    kopf an die wand
    jetzt fick ich dich
    du sau sagt der genosse
    schiebt mir den knüppel in den
    arsch pretty vacant schrei ich nur
    das blut auf alten naziholz
    in der keibelstrasse holten die genossen
    gerne die reichsknüppel aus dem
    magazin warn grossdeutsch nicht so
    materialtechnisch sparsam wie der
    schkopauer gummi
    mein helles rot ein langsames
    fliessen mutterwärme auf beton
    verlier mit vierzehn mein herzloch
    an den vater staat wegen 220
    öffentliche Herabwürdigung
    alles im fluss über unter mir
    mundloch strömt und arschloch
    mit großen ach und weh
    ich bin der struwwelpeter
    in der keibelstrasse
    habe keine mutter mehr noch vater
    die seufzen nur biermann müller prag
    bahro alternative und markuse
    ich kleb mir die zähne und das
    arschblut in das schulheft
    sammle schmerzbienen
    andre sammeln mein
    geschlecht der steinharte lappen
    zwischen meine dicken hoden
    geschoben gottseidank ist das
    blut noch da pumpt wärme
    in den kalten lappen
    für die hunde
    wenn sie dich hetzen
    sagt er mir ins kaputte
    maul der genosse polizist
    in der nacht als mutter vater
    von biermann müller bahro
    sprachen und träumten vom
    dritten weg dem rotwein den schweren
    lag ich in meinem
    blut
    und liege noch da
    seit november
    83 und sehe keinen
    himmel und habe
    löcher in der fresse
    was kostet eigentlich ein implantat

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    25. April 2023

  • TYRANNISCHER SOMMER/REGIEANWEISUNG ( nach und mit Heiner Müller, Ostberlin, GDR)

    Ein Schauspieler
    Eine Schauspielerin
    spricht AJAX Text immer wieder erleidet Er oder Sie einen Herzinfarkt
    einen Tod so dass der AJAX Text von einem folgendem Kollegen oder einer Kollegin zuende gedacht gespielt wird
    das Krankenzimmer füllt sich
    die kalten weissen Betten die Leiber
    Blixa Bargeld spielt seine Melodien
    Sechs Betten im kalten Weiß stehen nun in kalifornischer atomverseuchten Wüste death and destruction ohne detroit
    Ein Clown eine Clownin sowjetisch die Uniform von 1941 ohne Rangabzeichen
    versucht zum vierten Mal die Eröffnung der Wolokolamsker Chaussee zu sprechen der deutsche vor uns
    der deutsche hinter uns
    ACH NEE DIE SCHON WIEDER
    OH NEE DER SCHON WIEDER
    KOMM VERPISS DICH MIT DEINEN
    PANZERN SOWJETS HITLER STALIN
    das brüllen die
    Männer und Frauen in sechs kalten weißen Betten in glänzenden Cowboyboots und weißen Totenhemden brüllen sie
    AAHH WER WILL DENN SOWAS
    RUSSENSCHEISS BOLSCHEWISTENDRECK
    DIE SONDE BOHRT SICH IN MEINE HERZKAMMER NICHT DIE
    DIE SOWJETMACHT
    HELLT MEIN HERZ NICHT AUF
    MEIN ABC IST MIT
    30000 DOTIERT UND KLEIST KOTZT MIR AUFS JACKET FÜR DEN VERRAT
    RUSSEN RAUS AUS FRANCKENBERG
    SCHIESS MIT DER PANZERFAUST
    DEN SOWJET AUS DEM T34
    komm Blixa hör uff ich mach jetzt was mit Laibach

    death and destruction oh
    yeah sagt blixa nimmt mescalin
    und tanzt im sand
    californian sun
    westberliner autumn

    BERLIN ALEXANDERPLATZ
    DIE GROSSE DEMONSTRATION
    EIN MANN MIT PAPIER IN DER HAND
    STEHT IM REGEN UND STOTTERT
    UND LEIERT

    THRAKISCHER SOMMER/KREBSSTATION

    I
    OSTBERLIN 1976
    DIE NEUE WOHNUNG AM TIERPARK
    ich starre auf den Bärenzwinger
    leer die Seiten auf dem Arbeitstisch
    Ich korrigiere den Bären und streiche mich dabei
    die junge Regisseurin steht vor der Tür
    dick ihr Bauch meiner ist flacher
    DIE DEPRESSION
    nicht schon wieder hör ich sie sagen
    meine Herzbulgarin DER WEIN schlecht und billig
    hör ich mich sagen
    AB UND ZU LSD im Winter in OstBerlin im Sommer in Sofia
    volkseigen beide und nur im weißen Rausch zu tragen er
    auf schmalen Autorenschultern vor dem Akt
    ICH LEGE EINE PLATTE AUF Lizenzdruck Jugoton
    wish you were here now
    leiert es über dem Bärenzwinger
    Ostberlin lacht - DAS ist jetzt unser jugoslawischer Traum
    die A Seite springt und leiert unsere Sätze auch
    nur dabei GROSSGESCHRIEBEN
    FICKZELLEN ÖFFNEN SICH ZUR NACHT
    DAS FERNSEHEN DER DDR
    DER BRD DER TÄGLICHE EKEL
    UNSERE NACHTSONNE OHNE WÜRDE
    ich sehe den Hängebauchschweinen beim kopulieren zu/
    rieche nur ihre Scheisse /die Proben laufen schlecht
    der Kommunismus läuft schlechter/ im Jahr 1976 mein
    Doppelpunkt auf dem Dach, der Tierpark schweigt ich brülle:
    ich will nicht mehr essen trinken atmen
    eine Frau lieben/ Ich ziehe mich zurück in meine Eingeweide/
    Ich nehme Platz in meiner Scheiße / meinem Blut/ Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich wohnen kann in meiner Scheiße / am Tierpark mit Bärenblick/die Firma fotografiert mich aus der Froschperspektive/ich verdächtige das Affengehege / Irgendwo werden Leiber geöffnet, damit ich allein sein kann mit meinem Blut/ Meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn/Mein Gehirn ist eine Narbe/Ich will eine Maschine sein. Arme zu greifen Beine zu gehn kein Schmerz kein Gedanke.

    II
    Heil LSD
    Heil Coca Cola
    Ich bin nun die Rauschmaschine an Thrakischer Küste
    Im Sommer 197…
    sah ich in einem Garten in Bulgarien eine Katze eine Heuschrecke töten. Im Keller, der aus mehreren Räumen bestand, einer davon mit einem Tisch und Stühlen ausgestattet, ein kühler Aufenthalt im Sommer, stand ein Radio. Ich hatte LSD genommen und einen Sender mit arabischer Musik gefunden und das Gerät auf die volle Lautstärke eingestellt, da ich auf Nachbarn keine Rücksicht nehmen mußte: das Haus stand einsam zwischen Bergen. Die Katze lag auf der Treppe, die vom Keller zum oberen Teil des Gartens führte, und sonnte sich. Sie hatte die Heuschrecke nicht gesehn. Nachdem ich sie ihr gezeigt hatte, geschah lange Zeit nichts dann lief sie zwischen den Türpfosten hin und her, wimmernd und die Heuschrecke im Blick, mit kleinen Sprüngen wie Tanzschritte. Die Kinnbacken bebten, an den Barthaaren glänzte Speichel. Schließlich sprang sie, in zunehmend kürzeren Abständen, abwechselnd am linken und rechten 'Türpfosten hoch. Die Katze spielte mit ihr, vorsichtig und aufmerksam, die Krallen eingezogen. Zuerst versuchte die Heuschrecke noch zu springen. Die Katze bremste den Sprung mit einer Pfote, die Krallen immer noch eingezogen, so daß die Heuschrecke nur auf die nächste Treppenstufe zu liegen kam, wo die Katze das Spiel fortsetzte, indem sie das Insekt zunehmend schneller zwischen ihren Pfoten hin und her warf. Beim nächsten Sprung erreichte die Heuschrecke die nächste Stufe nicht mehr. Die Katze nahm sie vorsichtig ins Maul, trug sie zwei Stufen höher, legte sie ebenso vorsichtig ab, wartete geduldig, bis das halb betäubte Opfer sich wieder bewegte, biß der Heuschrecke ein halbes Sprungbein ab, einen Fühler, und gab sie wider frei. Daß ich mich neben sie hockte, um alles genau zu sehn, störte sie nicht. Ich dachte, selbst in einer Art von Trance durch die Drogen und die Musik der Wüste, die mir jetzt lauter vorkam, obwohl ich von dem Radio im Keller weiter entfernt war, an ein Buch aus meiner Kinderzeit, eine Nacherzählung der Nibelungensage, mein Held war Hagen von Tronje, der Verräter aus True
    nicht der Traumtäter Siegfried
    mit Illustrationen im Vierfarbendruck
    der das Rot der Schwertwunden
    besonders gut zur Geltung brachte.

    II
    Traum.
    Ende.
    Kein Wind.
    Vom schwarzen Meer an bulgarischer Küste.
    Warten auf nichts auf der Krebsstation BERLIN 1995
    Ich kaue die Krankenkost, der Tod schmeckt durch
    Nahrung geht DIE SPRACHE WENIGER die nimmt ihren Weg
    in den Ausguss. Nach der Endoskopie / die Augen der Ärzte / sahen mein Grab offen, ich hörte die Schaufeln klirren, als ich ihre kalten Augen sah/ glücklicherweise keine Zahnärzte BEWARE OF THE DENTISTS sage ich
    sie lachen DIE ONKOLOGEN
    ich krächze nur bin der schwarze Rabe der Charité und
    Ich will nicht mehr essen atmen undsoweiter
    eine Frau lieben einen Mann ein Tier
    in meinem Schädel Königreiche Universen
    bin der trübe Rest im weißen Bett
    der WELTREST da draußen wie ich an Schläuchen aufgehängt,
    wird am Leben gehalten, will auch nicht mehr
    kann nicht mehr
    Ein Sack Chemie bin ich den Krebstod auf den Fersen
    Giftwälder blühen, Landschaften in Orange
    schlaflos die Nacht vom Tag nicht mehr zu unterscheiden
    Die Schwester füttert mich schlecht tätowiert
    MENSCHENBREI les ich blau gestochen auf dem dünnen Handrücken
    BRING MIR DIE KOTSCHÜSSEL
    krähe ich von meiner weissen Totenküste
    kein Bla Bla mehr nur heiseres Rabenflüstern
    mein Endspiel ohne Maske auf abwaschbaren PVC
    Der Morgenhimmel BERLIN 95 verspricht einen schönen Tag
    Die Welt ist beschrieben kein Platz mehr für Literatur
    Wen reißt ein gelungener Endreim vom Barhocker
    Das letzte Abenteuer ist der Tod

    SOWJET.KRANKENSCHWESTER:
    Heiner Müller wäre heute 94 geworden.

    REGIEANWEISUNG MÜLLER 2

    GINKA:
    Der Dichter liegt im Dichterbett
    Vielleicht sind es viele vielleicht auch die Dichter
    Freunde mit Gitarre Akkordeon Koks und LSD
    und der Blixa mit der Stahlstimme ohne Stahlhelm
    Heine nannte es anders das Bett die Gruft des
    Kapitals 1995 aber daran stirbt dieser Dichter nicht
    am Syphilis Kapitalismus Tripper Soziamlimus (geht schnell vorüber)
    es ist das böse woran er in und um sich
    stirbt vergeht und geht auf den Lippen Whisky und Zigarren
    die roten Fahnen fressen sich durch den Darm
    sein Lehrstück nun der Krebs nennt ihn im Traum
    Stalin Ullbricht Brecht Budapest Prag Thomas Wolf Inge
    und das Tier dass frisst,nun ihn
    Der Dichter spricht die Notiz 409
    …
    …
    …
    …
    …
    HEINER I-IV:
    Der Himmel verspricht einen schönen Tag Er beginnt
    Mit der Zeitungslektüre in der Hotelbar
    Ein Überlebender beschreibt ein Blutbad
    ICH LAG UNTER ICHWEISSNICHT WIEVIEL TOTEN
    MIT ANGST DASS EINER LEBT UND BEWEGT SICH
    ODER FÄNGT AN ZU SCHREIN ÜBER MIR SIE
    SCHOSSEN
    AUF ALLES WAS SICH REGTE ODER LAUT GAB GLÜCKLICHERWEISE WAREN ALLE TOT
    Das Glück muß sich nach der Decke strecken
    Leben weil alle tot sind ein Menschheitstraum
    Leerzeit Ein Tag wirft mich dem andern zu
    Man sollte Komödien schreiben
    Leben in diesem trüben Menschenbrei
    Mit glücklichen Idioten vor dem Bildschirm
    Heute nacht im Traum war ich Aktäon
    Ich wurde von sieben Frauen gejagt
    Eine Schauspielerin führte sie an
    Durch Wald und Feld wir zertraten die Blumen
    Sie jagten mich mit einer Drahtschlinge
    Ich belästigte einige Freunde mit Fragen
    Nach meinem neuen Stück ICH BIN IRRITIERT
    Sagte der höflichste Die andern schwiegen
    Eine Frau fragte mich BRAUCHST DU DAS
    Meine Antwort ICH STERBE HIER ALS WEISSGARDIST (zeigt auf Krankenhauskleidung)GESPENST AM TOTEN WEISSEN MANN
    BIN DENIKIN UND KOLTSCHAK IM BEATHE UHSE MUSEUM
    DIE ROTE REITERARMEE IST DAS BLUT DAS AUF PVC BODEN�AUS MEINEM DÜRREN HALS HINUNTERSTÜRMT
    Ich (sieht übelgelaunte Krankenschwester an) auf mallorcabraune nervöse Hände der Klasse die einst die Zukunft trug und meine Kackschüssel
    Auf KrankenschwesterSchultern tätowiert vom Kapital die Sätze des Studios Painfull Steel:
    Die Morgenröte einer Nacht Die Nacht
    Der Morgenröte Gott ist tot seine verwaisten Engel
    Leihen ihre Flügel nicht mehr aus
    Sein Skelett kreist im Weltraum
    In der Hotelbar langweilt ein betrunkener Gast
    Eine Serviererin sie hat dienstfrei und darf
    An der Theke sitzen mit dem Krebstod seiner Frau
    Dann unterhalten sie sich über Hunde
    ICH MAG CHOWCHOWS sagt die Serviererin
    WEIL SIE SO KLEIN SIND BITTE SEHR WO BLEIBT
    MEIN DRINK schreit der Betrunkene I HATE DOGS
    THEY TOOK MY TIME WHEN I LIVED WITH
    MY WIFE
    AND SHE'S DEAD NOW AND THE DOGS TOOK MY
    TIME
    Gestern habe ich Teorema gesehn
    ICH BIN GESTORBEN FÜR DIESE GESELI.SCHAFT
    Sagt der müde Kapitalist auf dem Bahnhofsstrich
    Wie soll die Welt enden wenn das Geld müde wird
    Der Strichjunge zieht sich schon auf dem Bahnsteig aus
    Mitten unter den Reisenden ins Nichts
    Die Welt ist beschrieben kein Platz mehr für Literatur
    Wen reißt ein gelungener Endreim vom Barhocker
    Das letzte Abenteuer ist der Tod
    Ich werde wiederkommen außer mir
    Ein Tag im Oktober im Regensturz


    Eine sowjetische Sanitäterin spricht das Ende der WOLOKOLAMSKER CHAUSSEE. 1995 und 1941 feiern nun Hochzeit.
    Der Krebs.
    Der Krieg.
    Verloren.
    Vergessen.
    Kein Morgen
    mehr.

    SOWJETISCHE SANITÄTERIN
    Wir lagen
    Moskau
    vor uns der Deutsche
    hinter uns der Deutsche

    Ein schwerer roter Vorhang fällt,Theatertod,Theaterleben

    dann wird alles vorbei sein.
    und die toten bleiben tot.
    und die lebenden müssen leben.
    mit den tötenden,leben
    meist ärmer als zuvor.
    kinder unter fremden sternen geboren.
    servieren flink oder liefern unter tarif.
    die verdächtigen ließ man laufen.
    oder sie kauften sich frei.
    oder man kauft wieder ihr blutöl.
    das teure gas.was schert konjunktur moral.
    moralisch degustieren,prozesse kommentieren.
    postbellizistiscg bellen seite fünf.
    neuer asphalt mit fördergeldern,das massengrab zwanzig meter daneben.
    man vergisst schnell,wo man nicht erlebt.
    man vergisst nie,wo man überlebt.
    hat.
    die einen werden haben wie zuvor,die anderen hatten dann nur noch.
    weniger in allem.
    haben (wenig)
    und
    sein (weniger)

    EIN DICHTER ODER ICH
    liege nur da,sabbere auf grau, welt erkannt und augenblei
    ich schlafe sabbere zu leben und schicksal, grossmann mein
    sandmännchen vielleicht platonow am morgen, heiss der tee
    die roten dächer der fernen stadt. möchte lieber kleiner buchstabe
    sein auf seite dreihundertzehn
    als da
    draussen
    sein

    verschenkte worte
    schreiben ins nichts
    kalt steh ich da
    einen halben meter
    neben meinem alten
    satz
    bau
    mein
    tage
    lohn wortsuche
    ersticke an der pointe
    oder hänge meine
    traurige fresse
    am garderobenhaken
    auf
    wenigstes
    ein drama

    ich liege auf dem rücken die nacht hat mein gesicht gefressen
    liege da und mir ist kalt kalt kalt
    im schwarzen wald fresse meine angst
    mit den kiefernadeln GRANICA GRANICA
    die zelle ist leer, meine zeichen stumm
    habe zuviel telefoniert
    mein unterkühltes sterben
    wird ein einsames sein, matsch die
    erde,brei wie zum füttern
    seh noch große kinderaugen
    sterbe hier unter dem kalten mond
    pssst POLICJA GRANICA
    im dunklen wald
    schluck die angst
    policja
    erfriere
    im nassen
    grass
    leben
    fress ich
    kurwa
    dahinten schiessen sie
    und schreien von freiheit
    mir ist’s egal
    faule unter wolhynischen gras
    unter mir noch andre
    knochenmieter in kalterde
    ein dutzend
    1944
    2020

    verdammte scheisse alle sind so scheiss aggressiv sie dürfen hier nicht lang ja da ist die onkologie HASS TÄTOWIERT AUF DEN FINGERKNOCHEN alle schreien auf mich an du sie da spast setzen sie die maske auf meine fresse bin ich müde
    werde alle fünf minuten angeschrien
    schrei zurück dumme dumme sau
    blöde votze ohne maske kommen
    sie nicht an mir vorbei
    bin der höllenhund belle schlechtbezahlt
    im klinikum
    HASS BLEICHBLAU TÄTOWIERT
    AUF DEN FINGERKNOCHEN
    der fährmann in zu großem
    anzug der anspruch von securitas
    miteingenäht in den billigstoff
    halt die fresse du votze
    mit deiner buntgenähten kratzwolleskepsis
    wenigsten still muss es sein
    das sterben
    das sterben
    das dich blöde sau nicht interessiert
    kenn deinen laden in der fussgängerzone
    piss ihn an
    wenn ich aus meinem totenhaus
    nach hause
    geh

    ich liege auf meinen rücken
    die nacht hat mein gesicht gefressen
    liege da und mir ist
    kalt
    kalt
    kalt
    kurwa
    Auf einem Berg oberhalb von Belgrad kotzte ich mir die Seele aus dem Leib mit Blick aufs Meer, das unsichtbare weit weg und neben mir der Panzer sowjetischer Bauart olivgrün, mit ihm segle ich an das Panonische Meer, Morgen früh,irgendwann um 5.10h das rote Sonnenlicht, wie immer im Juli über der Stadt und

    furchtbar kalt
    heißer Panzerwagen
    dreißig Sommer

    manchmal immer
    weiß nicht

    genau
    um 5.11h

    übergebe ich mich
    einfach nur so Vormittags ein bis zweimal
    Neundreussig Elfzehn zwanzigzweizwei, einundneunzig
    die Uhr mein Henker
    das Ticken mein täglicher Tod
    oder ich mache das Licht aus und muss
    drei Stunden am Stück
    weinen
    Manchmal ist meine Kopfhaut oder die
    ganz zarte unter dem Kinn
    die wo man sie wissen ja
    wo’s schnell geht aber pladdert
    zu lautes Geräusch
    wie das ticken der Uhr
    das tägliche Gesicht
    wie Stein und hart und doch weich genug
    dann nehme ich Zigarette oder Weinöffner
    oder frisch gebrühten Kaffee oder Teewasser
    und schütte drauf steche hinein brenne
    spüre versuche es
    mein dunkles Leben
    Manchmal gehe ich
    und atme
    und esse
    ganz langsam
    ganz vorsichtig
    oder zu hastig
    oder zu schnell
    berühre wundes Leben
    nur mit Fussspitzen und mit Zunge
    Sie rühren den Asphalt
    nur ganz leicht ganz schwach an
    ich traurig wie die Tage Nächte
    Monate Jahre
    nicht auf Chios oder Hiddensee
    ersticke langsam
    am langsamen essen
    lege mich auf den Ashphalt
    müde mit Lust auf den einmaligen Verkehr
    einmal drüberfahren
    manchmal tun die Augen weh und man
    reibt an ihnen wie an der Zündholzschachtel
    manchmal sind’s nur die Augen
    möcht sie zerschneiden
    tun weh obwohl sie weder gelesen noch gearbeitet hätten

    das auch noch
    zuviel ist zuviel

    Halts Maul
    Mischa,Mischa fährt unseren Panzerwagen und redet ununterbrochen seit unserer Abfahrt aus Belgrad um 5.30h.
    Es ist heiß im Panzerwagen im Juli 1991 und wir segeln an das Panonische Meer, das Schild sagt Zagreb und ich weine seid Stunden,
    habe nicht aufgehört.

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    25. April 2023

  • Busfahrt ( geschichten vom unterwegssein)

    zwei roma jungs in der letzten reihe
    beiden fehlte ein bein. dem einen das linke,dem anderen das rechte. als gehhilfe benutzen sie tschechoslowakische eishockeyschläger.

    in der mitte sitz 35 sass eine etwa sechszigjährige frau.sie weinte ununterbrochen erzählte jedoch den sitzen 36 38 und 39 die nur stumm nickten,sie hätte eine stauballergie und die busse wären doch immer schmutzig, warum für sie bei ihren busfahrten eigentlich immer nur heulte.als wir in den bergen durch leere dörfer fuhren weinte sie nicht mehr, in einem dieser leeren russschwarzen dörfer stieg sie aus, ein roter golf eins wartete auf sie.das dinara gebirge lag im nebel. oder rauch.

    ganz vorne saß ein etwa fünfundfünfzigjähriger mann, ihm fehlten beide arme, die prothesen hat er auf den sitz 8 abgelegt, sie glänzten ihn der sonne, sahen die gelben felder slawoniens, die karpfenreiche in podrinien, zwei unbesiegbare stahlschwerter von ivanhoe, leuchtend
    der turniersieg an einem wolkenlosen augusttag und der armlose mann lachte gerne und laut, erzählte, dass er immer den nachbarsitz für seine zwei prothesen für den vollpreis kaufe.
    er lehne mitleid ab.

    an einer raststätte hielt ich eine caprisonne in der hand und der mann ohne arme trank mit einem strohhalm unter vielen entschuldigungen (tut mir leid,manchmal vergesse ich meine arme,bin froh,dass sie mal nicht scheuern) den saft hastig aus. ich dachte nur daran, dass er vielleicht auf mich geschossen hat vor jahren. er hatte einen slawonischen dialekt, so sprach man dort, wo ich nicht sein wollte, vor über dreissig jahren im schützenloch inmitten eines gelben feldes gegenüber der armlose, damals hatte er noch beide,beide waren wir 24.

    auf dem sitz 24 sass ein älterer mann.
    er hört seit der abfahrt haustor (auf deutsch hauseingang) eine new wave band aus zagreb, alle alben natürlich, denn die fahrt an das meer dauert 12 stunden und er singt seid sie die grenze passiert haben mit, leise natürlich, um nicht die weinende frau zu stören, den lachenden armlosen invaliden, die roma jungs mit den tschechoslowakischen eishockeyschlögern und die restlichen passagiere, die in dieser geschichte nur schwitzende körper sind und die körper bewegen ihre köpfe zu dem haustorsong, wie er. sie springen von der mole, beim entauchen verlieren sie ihre ausgeleierten speedo badehosen,kurz sieht man zuviel
    und sie schämen sich vor den mädchen,
    sie liegen nackt unter sternen, trinken billigen rotwein und hoffen, dass der mond die brüste der mädchen schönscheinen lässt, während sich alle routiniert über das neueste dreifachalbum von clash unterhalten. nur tanja nicht, die hört nur jacques brel. und die körper weinen und zittern drei tage in der leeren panzerhalle die nach diesel, schmieröl und lavendel riecht. sie greifen in den brustkorb, das loch so gross wie eine melone, sie singen immer leise während sie in bussen fahren, der mund voll schwarzer erde, damit sie nicht schreien, wie einst im sommer der angst. der bus singt, die körper singen haustor:

    Unter all diesen Fahnen
    Die überall um uns herum wehen
    Da gibt es keinen Ort
    An dem wir stehen könnten
    Unsere Hände in die Höhe recken
    Und unsere Lieder singen
    Und unsere Lieder singen

    sie singen und ihre haut riecht nach sommer und rauch, ich sitze immer auf dem sitz 24, denn an dem tag wurde ich geboren und an dem tag zog ich in den krieg und das radio vorne neben dem
    verschwitzten busfahrer spielt andere lieder, die vom siegen und adlern. ihre lieder in den bussen die hymne unseres
    schweigens.

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    24. April 2023

  • maternji jezik / muttersprache

    maternji jezik/muttersprache I
    godine 44te ispred jedne popaljene kuće stoje njih dvoje,ponosni na pobedu,u punoj ratnoj spremi, garavi od pozara,kragujevcanka visi
    sa njenog opasača, njegova je raznela u ranu zoru jedan ustaški bunker iznad vrbasa. stoje i gledaju u objektiv,
    pobeda njihova ostat će upamćena na foto papiru i iste noći će voditi ljubav u jednoj povećoj štali na prilazima oslobodjenog grada. grad se zvao banja luka i nemci i ustaše će se vratiti nakon par nedelja, ali te noći 44te njih dvoje vodit će ljubav i započinje zivot moje mame. moja mama to više ne pamti, ona lezi u domu i zaboravlja sve, svoj zivot i onaj veći iznad nje. ja sedim kraj nje, i kragujevcanka visi da mog opasača.
    sutra ću razneti jedan bunker, gledat ću vrbas i grad garavi. danas hranim mamu zaboravnu sitnim rezancima. padaju gradovi pored reka.ne znam njihova imena, kao što moja mama više ne
    zna moje.

    maternji jezik II/muttersprache II
    jugopetrolova cisterna,rdja ispod zuto crvenog.jedan maslinjak u oktobru.
    vojna torba pod krevetom, trava u celofanu. voz pun straha. popodnevno sunce. plinske boce,naslagana narandzasta piramida i miris blizog mora. odvaljeni prozori,kuce bez očiju.tovar ide sporo ukrug,ogroman malj se pokreće, melje…gledaj nebo sine, plavo iznad svetlosivog. čaure padaju na stari krivi kamen. tišina u tri i četiri, sunce na golim ledjima. most pod kišom moj pogled pun straha. golovi u moru potonuli kraj trafo stanice. mermer hladan pored crkve, čempresi. čempres u rakovici,krivudava baraka tuzni stanari strašnog grada, neki grbavi velemajstor pun tuge voli da priča. pištolj medju peškirima,hodaj hodaj
    stara pesma u nepoznatoj ulici. sediš u autobusu nekud odnekud. jesen u grudima. rupa ko longplejka
    mozda i dupli album.
    mama dementna moja ljubav
    ja ti pričam svoje
    da ne izbledi kao tvoje
    mi smo deca rata
    bar nešto
    srodno

    MUTTERSPRACHE IV / MATERNJI JEZIK IV
    ich räume die wohnung / praznim stan
    sie wird immer leerer / sve je prazniji
    leer von mutter
    leer von vater
    leer von gelebten
    leer von gedachten
    und finde meine erste fibel
    erstes lesen und schreiben
    von majkica (oma) beigebracht
    in beograd in berlin weitergemacht
    allein mit tsch tch dj
    die andre oma war deutsch und national
    die mutter
    der vater
    hatten zuviel um die ohren
    sozialismus und kunst
    die vollen zimmer sind nun
    leer

    ps::
    ich fange wieder mit A an
    počinjem iznova sa a
    a kao avijon
    a kao auto
    a

    maternji jezik/muttersprache V
    heiligabend
    nein ich bleibe lieber hier
    sagt sie liegt im stahlbett
    hoch über den bäumen
    lieber hier lieber
    ich lese vor
    von römern
    von müttern
    vätern und hirten
    von bethlehem und sternen
    und gott und sehe sie dünn
    nur halb von dieser welt
    im bett liegen und erhoffe mir
    ein wunder im pflegeheim
    aber es geschieht nicht

    sie liegt an heiligabend auf
    dem stahlbett und meine
    tränen fallen auf vier bunten
    von der leitung ausgewählten
    fotokopierten bibelseiten
    die geburt jesu die ich stockend
    lese zittere heule sie hört zu
    vom wunder der geburt
    von den sternen über
    dem dachlosen stall
    ich gehe
    kein wunder
    in der nacht

    maternji jezik VI/muttersprache VI
    pitaju me kako bi htela da budeš sahranjena
    još si ziva i voliš slatko
    i misliś da sam ti brat voljeni
    ne onaj nevoljeni rodjeni
    pored kreveta sedi broji sate
    ja samo kazem kremacija
    zbog materijalnog stanja
    oprosti
    besparicu
    pepeo i prah

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    23. April 2023

  • Wien – Belgrad (beč – beograd )

    I
    kaltes halogen über dem kopf.
    im keller der stadt,unter der autobahn
    den betonpfeilern liegt die nach urin stinkende busbahnhof.die schiffe verrostet und schlammbespritzt, meist blau, auf saurer alter pisse nach timesoara sarajevo beograd skopje.
    sie haben die schiefen,krummen, zu kleinen,zu dicken,zu unglücklichen,
    zu dunklen,zugestochene unglücksvögel, blassblau
    der adler
    der panzer
    das gebutsjahr des sohnes
    die vulva der penis
    steaua partizan bosna
    an deck oben und unten
    direkt neben dem
    chemischen klo

    II
    ich fahre,im rücken die weisse stadt
    hinter glas das öl
    an einer strassenecke
    steh ich mit koffern
    nach belgrad nachbelgrad
    in den nächten träumte
    ich mich angstgejagt als prometheus
    zahnlos der bauch bukolisch
    rauchlos mein feuer
    keine wärme kein licht
    die städte zertrümmert
    betonmehl am dnepr
    sagt mir der bunte bildschirm
    ich mache in öl meine
    ängste tragen andere namen
    nur in der nacht gehör ich
    welt der krumme finger auf
    dem frontverlauf

    III
    ankunft
    kaltes herz
    grau das antlitz
    dass nie weiß
    war

    IV
    an der rezeption der mann im himmelblauen nike trainingsanzug
    es ist halb vier morgens
    er ist munter und freundlich und
    erinnert an die belgrader heroindealer
    der achtziger (alle von geheimdienst )
    und prometheus brachte uns das
    feuer und wir verbrannten
    treba mi svet otvoren za poglede
    (sang die band wir fielen)
    die nutte im abgewetzten
    braunen ledersessel gegenüber von dem nikemann ist eingeschlafen
    ruhe an der geschlechterfront
    ich rieche sie
    lauwarm säuerlich ich
    werde sie nicht besteigen
    im foyer um halb vier
    der nikemann wird nicht lächelnd
    dabei zusehen und keine tür wird aufgehen beim eindringen
    kein auftritt von geraldine chaplin
    aus der fahrstuhltür
    sie wird mir nicht ihr traurigstes
    (von zweitausend traurigen gesichtern ) zeigen denn ich
    schlafe im rücken die weiße stadt
    die eine graue ist

    V
    der pope bekreuzigt sein rührei mit würstchen und schlingt ohne blick für die welt,fleisch und ei verklebt das bärtige gesicht. er sieht die hände nicht,die seinen augiasstallteller wegräumen.sie gehören einem schmalen bleichen mädchen mit grossen augen in hoteluniform.
    sie trägt die teller,die tassen,gläser voller hingabe,übt sich im leben und stolpert kurz vor der küchentür,ihr sturz war angekündigt,die geliehenen highheels waren zwei nummern zu gross und das rührei mit fetakäse,tomaten und wurstresten,vom schmatzenden popen zu einem brei zermalen flog gegen die küchentür.keiner bemerkte es,befand sich die tür doch am äussersten rand des frühstückssaals.
    das mädchen mit den grossen augen weinte,es schien als würde sie von umfallen,sie schwankte in ihren riesigen higheels. der pope schmatzte.eine fette blondierte ließ sich kaffee von einem kleinen devoten jungen mit abgeschnittener fingerkuppe servieren,grunzte
    “mehr mehr”
    der kahlköpfige slowenische it spezialist ass müsli und sah sich einen porno dabei an. der chef des saals korrigierte die fliege eines 2.06m (ich habe ihn gefragt) grossen azubis und musste sich nicht strecken,denn er war fast gleich gross. das mödchen stand am ende des saals und weinte, niemand kam, niemand half,nur ich sah sie an, ihre scham, das verschwinden. ihre schuhe waren zwei nummern zu gross für ihre kleinen füsse,ihrer vorgängerin waren sie zu klein,manch einer passten sie, anfang der neunziger vielleicht, als in diesem hotel warlords ihre regrutierungsbüros
    im grossen hotelfoyer unterhielten.
    zeitweise waren es drei milizen, die unter dem art deco luster für volk und vaterland mobilisierten.
    der pope verließ grusslos den saal.
    sein rührei würstchen brei klebte an der küchentür, hinter der ein mädchen mit zu grossen augen und schuhen
    angeschrien wurde.

    VI
    ich krieche herum in den trümmern. einer stadt die einmal war, sich bunt geschminkt hat, grell die lipoen, die fenster schief,krumm dreifarbig zerfetzte fahnen auf grauen gebäuden,die schuld hat sie wohl gefresseh,jede fassade angenagt,vor die tûr geschissen,jede fläche beschmiert,die sprache der vorstadt,der felder und ställe hör ich an jeder strassenecke,genauso zerfetzt auf halbmast wie die kleine fahne, smogzerfressen wie die aufgespritzten lippen der sechszehnjährigeh.ich laufe durch eine stadt,die ihr gesicht verloren hat vor 30 jahren.schuld macht krumm und hässlich.hochmut dröhnt durch die stadt,alle brüllen sich an,taub für zweifel. der lehm klebt an füssen.man hinkt und wankt,lässig der gang über schiefe strassen. drunter wächst der tod.ich wünsch mir,sie würden ihre fresse halten,die lauten die wissen wie es geht.ich wünsch mir die würden die fresse halten,die vaterland brüllen, deren ministerkonten sich füllen, aber deren fahnen aussehen als hätten sie drauf geschissen.ich wünschte sie würden die fresse halten,die vom krieg brüllen, den führen die stimmlosen, ohne geld und erbe, die ungefragten,die ohnmächtigen.
    ich wünsch mir den stern zurück in die falschen fahnen.die korrektur des hässlichen.oca vam jebem.i mater.

    (Beograd,Januar 2023)

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    23. April 2023

  • Über Krieg (und Arbeit)

    1941 1967 August
    in der serbischen stadt kragujevac wurden 1941 von der wehrmacht sechstausend geiseln erschossen
    alles von 12 jahren bis 80 jahren leben 
    die professoren und ihre klassen
    hand und hand loch um loch in
    brust kopf arm bein erschossen 
    fast alle gymnasiasten der 
    stadt ca. 800 waren es wohl
    die deutsche arithmetik verlangte
    100 tote geiseln für einen toten deutschen herrengleichung rechenschieber kies und kalk in dem kleinen wäldchen patronengurte leergeschossen das mg luftgekühlt trockenes knacken der walter 
    habe nun ach ins genick gesprochen
    deutschstunde auf südöstlichen diwan und natürlich spielte ein roma orchester dazu besonders beliebt war die ode an…das orchester erschoss man zuletzt mit spaten klopfte man sie in die übervolle grube am waldrand 
    mein vater war der erste deutsche der
    nach dem massaker von 1941 der im
    jahr 1967 die stadt betreten durfte
    es war deutschen verboten kragujevac zu betreten
    als der berühmteste dichter der stadt kragujevac den jungen deutschen 
    regisseur in seine stadt einlud
    wurde das verbot aufgehoben
    und der junge deutsche musste in
    jeder kneipe der stadt mit jedem
    trinken denn dass war so sitte 
    ein toter ein schnaps pflaume birne
    für dessen seele ruhe frieden 
    und er trank mit den grossvätern
    den vätern und brüdern sieben tage sieben nächte und der dichter zeigte ihm die stadt die lebenden die toten
    und sie sagten ihm lachten weinten 
    trink guter deutscher 
    auf unsere kinder enkel söhne 
    hast eine gute seele dass erzählen
    deine augen deine tränen
    und der junge marx in deiner
    manteltasche
    guter deutscher
    ein jahr später wurde das schild
    vor der stadt abgebaut
    eine vw delegation aus wolfsburg 
    war zu besuch im motorenwerk 
    zastava 
    kragujevac
    
    1991 Juli
    ratschläge eines unteroffiziers der ersten gardedivision
    an einen jungen mann, der nur noch zittern kann:
    leicht schreien viele alle in den krieg, raten zu, mein rat
    wenn du angst hast pisst du dir in die hose
    ein tarnmuster mehr sagt dann jemand und einige lachen
    wenn du angst hast schnallst du den stahlhelm so fest an das kinn, 
    dass du fast erstickst, viel reden willst du sowieso nicht saša
    wenn du angst hast schneidest du dir in die hand 
    die schiessen soll, in das knie das stürmen soll, 
    den bauch denn in ihm lebt die angst 
    wenn du angst hast gräbst du dein schützenloch so tief, 
    dass du nur noch den himmel NEBO PLAVO JE 
    (ein lied geht los, ein tanz in der ebene den himmel sehen
    und die wurzeln einer platane die donau still und )
    NEBO PLAVO JE wenn du angst hast 
    zittern deine hände deine oberschenkel und 
    du machst musik mit deinen knochen
    wenn du angst hast willst du 
    den fetten major im schlaf erschiessen
    und dann durch die puszta rennen bis 
    du sie überholt hast
    wenn du angst hast 
    schießt du
    hoffentlich vorbei
    die angst bleibt
    unter der haut
    ist
    
    ER / ICH 
    SCHIESST IN DEN JUNIHIMMEL M70 EINZELFEUER, SIEHT KURZ IAN CURTIS, EIN KLAPPFAHRRAD EIN KIND EINE MUTTER
    OHNE VATER DER TRINKT WEGEN PRAG DEN PANZERN DEM SOZIALISMUS 
    KEINE ALTERNATIVE EIN JUNGE SCHIESST UND SCHNEIDET SICH IN DAS EIGENE,DIE ANGST NUN EINE EBENE. DIE FELDER SCHWARZ. A NEBO PLAVO JE.
    
    Arbeit I
    Swobodas.Video
    Deletovac oder…
    Junger Mann wird erschossen 
    Lifecam. Im Innern des Tankwagens
    vielleicht ein Leichenberg
    Alte Platte leiert Cream 
    ein kopfloses Reh verblutet am 
    Proscenium …jmd mit Rehkopf
    anstelle Menschkopf
    
    ein gelber tankwagen
    ein verrostetes verkehrsschild
    ein flipperautomat im burggraben
    ein gelbes haus gegenüber ein zoo 
    aufgetürmte propanglasflaschen 
    eine eiernde langspielplatte 
    das sitzen auf einer betontreppe
    das speed auf der platte 
    das küssen im fahrstuhl
    ohne licht seit acht jahren 
    der geruch nach leder im laden
    ohne schuhe die stadt abgebrannt
    dunkelgrün der bus auf den
    gelenken tanzen sommernacht 
    die fahrt ohne halt
    am ort vorbeifahren 
    der schmerz ein leben lang 
    wo finde ich mich wieder
    mottenkugeln in sarajevo 
    mein cousin verschwunden in bergen 
    
    2022 Winter
    sprachlos und mutlos 
    vor dem brand,dem sengen und versinken halt den kopf unter wasser,eiswasser wohl 
    vom pol der kot und der dreck 
    frisst mich an endmoränen und sandigen ufern glotze nur noch 
    blöd die welt an stummoperiert
    überlebt den einen meinen krieg fresse 
    schon den neuen weich die hand
    hat schon vor dem kopf aufgegeben das kluges kind was einmal brannte brennt immermehr tag wie nacht
    zu trocken übersäuert unsere böden 
    fressen uns nun selber kopfabwärts
    die städte brennen ihr gestank in unseren wohnzimmern da hilft nur dufttanne oder die klinge
    dreierblatt im angebot
    mit gilette endlich zur kontur 
    schneid mir damit gleich augen weg
    alter käse hinter der linse 
    gagarin ist tot ich will ihn nicht mehr sehen weltall erde mensch 
    seine sterne und flüge 
    die lautlosen die
    alles konnten 
    die mit dem
    besseren morgen
    
    Arbeit II
    BAKU 1920
    eine kalkgrube neben einer raffinerie. das kaspische meer, ein amerikanischer sergeant spielt ragtime auf einem klavier in einem ab fahrenden panzerzug.zwei unbeteiligte schauspieler sehen sich eine serie an und in wien treffen sich sie spielen nicht mehr mit
    die Aktionäre der mittelösterreichischen r erdölgeselkschsft auftritt tomow und tomowa zu ragtime.
    
    TOM(OW)
    ein erdölfeld bei baku
    die revolution braucht das öl
    die tanks und panzerwagen fressen benzin/auf dem weg zur sowjetmacht/von tomsk bis liverpool/und kalk frisst knochen fleisch weiß 1200 frauen männer kinderknochen/kollateralfrass der seals and marines ein tag vor dem rückzug /mit yuppiayeh/ denn denn denn/apschihaaa nies nies/hab ne nafta allergie/nafta petrolio öl oil/
    BENZIN tanks und amerikanische britische marines haben die raffinerien von baku gesprengt/ihre kommandeure im frieden direktoren directors bei BP und Texaco / kalte blicke zahlen/ haben sich die förderrechte bis 1962 gesichert und den aseris FREEDOM AND DEMOCRACY glasperlen um hälse gelegt/ vickers gatlin mauser und zwei drei oligarchen FAMILYS sichern ewigen fluss/schwarz das gold/schwarz das kaspische meer
    
    TSCHUMALOW
    halte die fresse alle meine texte wurden 
    tausendmal gesagt mit und ohne brüche 
    schulabhängig brecht konstantin 
    
    TOM(OW)
    sorry leute streamtime ich hab noch keine folge von house of dragons verpasst
    danach folgt bunkerbauten am atlantik 
    
    TSCHUMALOW
    genosse-
    worum geht es denn da
    
    LJUDMILA
    …
    (mund zugenäht von weissen kosaken)
    
    TOM(OW)
    ich übersetz die mal
    sie 
    erzählt sehr liebevoll und mit
    hingabe detailreich und engagiert
    den genosse der zerstörten raffinerie von Sovkomneft etwas über
    HOUSE OF DRAGONS sie vergessen
    ihren hunger den kriegskommunismus
    und die revolution nur ein mädchen stopft ein loch in der pipeline 
    in der bucht von baku 1920
    
    1991 Juli
    In einer langen Panzerkolonne verließen wir Belgrad.
    Die roten Sterne auf den Stahlhelmen mussten wie auf Befehl
    mit unseren Bajonetten am Vorabend abschaben.
    Ich brauchte 10 Minuten um meinen Stern abzukratzen und heulte
    bis ich in meinen Schützenpanzer einstieg, wir fuhren los, vier
    Stunden später.
    Sechsuhr und vier Minuten.
    Ich liege in einem Schlammloch.
    Irgendein Dorf.
    Ohne Namen.
    Leuchtspur.
    Vom irgendeinen anderen Dorf abgefeuert.
    Ich liege im Schlamm.
    Das Loch füllt sich mit mir.
    Warm.
    Juli Neunzehnhunderteinundneunzig
    Leuchtspur
    PANZERFAHRER
    Ich sitze im Stahl
    der Helm drückt kalt im Nacken
    durch das schwarze Panzerloch glotzt meine
    Angstfresse BORN TO KILL über den Sternschatten geschmiert
    auf eine nicht meine slawonische
    Bukolische Landschaft eintönig
    der Frieden der Kühe
    das Gedächtnis 
    der Toten 
    hinter Ilok begraben 
    Unter dem Kitsch der Monumente 
    den gefallenen Helden unseres Partisanenkampfes
    liege ich im Erbrochenen, jemand sprüht ein Hakenkreuz
    auf Sichel und verschwundenen den herausgerissenen 
    Stern das schlechte Gewissen 
    auf der Autobahn zwischen Zagreb und Belgrad
    Asphalt das Massengrab 
    
    rauch 
    du 
    (ich spreche seit vier tagen fremd mit mir)
    du
    liegst im eignen blut 
    slawonischen schlamm
    lippen zerbissen im
    schweren traum 
    hörst sie pfeifen die kugeln 
    zu stiller forst bei fehrbellin 
    slawonischer staub die haut wie erde 
    fest stich ohne schmerz 
    du 
    riechst verbrannte milch 
    auf dem kinderspielplatz 
    neben der kirche 
    kalt der stein 
    kalt die haut 
    siehst einmal 
    die sterne 
    im juli einundneunzig
    mein freund branko fault im schützenloch 
    erkannt am kiefer
    der rest ist erde 
    verklebt mit blut 
    geronnene erinnerung
    mein bahnhof unüberdachtes
    glück vor jahren
    in den nächten fahre ich
    am tage zähle ich 
    die stunden
    bis zur nacht
    nummerierte knochen und
    halogensonnen an der grube
    neben der donau europäischer strom 
    im traum zähle ich die silbernen
    fernsehtürme in der puszta
    noch lacht mein
    vater ohne krebs
    in der blauen tüte
    knochensplitter und ein 
    panninibild von gattuso
    laut bericht des experten
    wir öffnen die panzerluke 
    hundert köpfe glotzen
    in die tote puszta
    das lied von tito
    von unserer heimat
    leuchtet im staub
    neben der donau europäisch
    unter der schwarzen erde 
    versteckt und kalkweiss
    knochen und kiefer lieg ich
    seit neunzehneinundneunzig
    im sommer
    besuche ich immer
    die meinen
    ankunft ungewiss
    rede mit meinen geistern 
    bin selber 
    einer
    
    Arbeit III
    
    REGIEANWEISUNG
    Ein Schauspieler
    Eine Schauspielerin
    spricht AJAX Text immer wieder erleidet Er oder Sie einen Herzinfarkt
    einen Tod so dass der AJAX Text von einem folgendem Kollegen oder einer Kollegin zuende gedacht gespielt wird
    das Krankenzimmer füllt sich
    die kalten weissen Betten die Leiber
    Blixa Bargeld spielt seine Melodien
    Sechs Betten im kalten Weiß stehen nun in kalifornischer atomverseuchten Wüste death and destruction ohne detroit 
    Ein Clown eine Clownin
    versucht zum vierten Mal die Eröffnung der Wolokolamsker Chaussee zu sprechen
    ACH NEE DIE SCHON WIEDER
    OH NEE DER SCHON WIEDER
    KOMM VERPISS DICH MIT DEINEN
    PANZERN SOWJETS HITLER STALIN
    das brüllen die 
    Männer und Frauen in sechs kalten weißen Betten in glänzenden Cowboyboots und weißen Totenhemden brüllen sie
    AAHH WER WILL DENN SOWAS
    BOLSCHEWISTENDRECK
    DIE SONDE ( KREBS ACH NEE) BOHRT SICH IN MEINE HERZKAMMER NICHT DIE
    DIE SOWJETMACHT 
    HELLT MEIN HERZ NICHT AUF 
    MEIN ABC IST MIT
    30000 DOTIERT UND KLEIST KOTZT MIR AUFS JACKET FÜR DEN VERRAT
    RUSSEN RAUS AUS FRANCKENBERG
    SCHIESS MIT DER PANZERFAUST
    DEN SOWJET AUS DEM T34
    komm Blixa hör uff ich mach jetzt was mit Laibach
    
    death and destruction oh
    yeah sagt blixa nimmt mescalin 
    und tanzt im sand 
    californian sun
    westberlin autumn
    
    BERLIN ALEXANDERPLATZ
    DIE GROSSE DEMONSTRATION
    EIN MANN MIT PAPIER IN DER HAND
    STEHT IM REGEN UND STOTTERT
    UND LEIERT KOT INS GESICHT GESCHMIERT VON DER ARBEITERKLASSE
    
    MÜLLER
    die gründung von gewerkschaften…
    
    1991 Im Juli
    ich wurde an einem scharfschützengewehr ausgebildet.
    ich habe gelernt mit zwei systemen von panzerabwehrraketen umzugehen.
    ich habe habe gelernt antipersonen sowie antipanzerminen zu legen.
    ich habe den umgang mit dem M70, der skorpionmpi,der makarow pistole 
    dem PAP 66, der gewehrgranate M60 AT sowie antipersonenhandgranate geübt. ich habe ein jahr lang, nach ende meiner armeezeit in der jugoslawischen armee jede nacht alpträume gehabt. ich habe geträumt, geheult, geschwitzt gezittert…ich müsste in den krieg 
    1991 musste ich in den krieg
    ich wurde ich zwangsmobilisiert
    ich träume ihn bis heute
    ich verstehe nicht wie leicht man
    von krieg reden kann er ist 
    kaum zu tragen
    er frisst ein leben lang
    ewig sein schatten
    bin an ihn gekettet 
    
    4.40 früh
    morgen 
    drei muskuläse miltärpolizisten stehen in meinem zimmer.
    ich liege im bett und starre auf ihre uniformen.
    einer schlägt mir mit der faust in gesicht 
    steh auf du schwuchtel,zieh dich an
    das vaterland braucht dich
    arschloch.
    sie lachen,
    ich spucke blut auf mein kopfkissen.
    
    4.45 früh 
    meine oma weint.
    du musst unsere heimat gegen die faschisten verteidigen.
    sagt sie, damit wir nicht umsonst gekämpft haben
    gestorben ermordet worden sind.
    sie hat die drei militörpolizisten in unsere wohnung geholt.
    sie haben beim nachbar geklingelt,der hat einen sohn in meinem
    alter,der sich auch seit wochen versteckt.
    der nachbar hat die militärpolizisten nicht in die wohnung gelassen,
    dafür tat es meine oma. 
    ja.
    mein enkel ist da.
    er schläft.
    
    4.47 früh 
    ich stehe mit den drei militärpolizisten im fahrstuhl.
    wie fahren vom 10ten stock nach unten.
    mein blut spritzt auf die angekokelten knöpfe 
    von etage vier und fünf. zwei schlagen mich,der dritte
    geht eine liste mit namen durch.
    
    4.51 früh 
    ich sitze in einem mit schwarzer folie abgeklebten reisebus des
    belgrader busunternehmens DIE MÖWE.
    ich bin nicht der einzige,ein dutzend junger männer in
    pyjameas iggy pop tshirt oder lacoste polo oder nur in schlüpfern 
    sitzen 
    traurige inseln auf braunen sesseln,
    mit geschwollenen gesichtern,dicken lippen und abgeknickten
    nasen,ich setze mich auf den sitz 
    22 gerade zahl 
    wegen dem 
    glück 
    
    das radio spielt.
    
    teške se kise spremaju
    nad gradom munje sijevaju
    uzalud pitaš ko ide 
    budaline u planine
    pustahije kroz kapije
    pogasi sve
    tek je počelo
    
    5.00 früh.
    die zeit in der
    kriege beginnen

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