JUNI 1991 / JUNI 1990
I
wieviel hast du heute verschossen
fünf,genosse major
fünf
fünf,genosse major
der himmel heute ohne wolken. leer. schlamm und urmuscheln
am donaustrand.
wie lange warst du auf deinem posten, soldat
II
das haus halbverkohlt, auf den schwarzverkohltem rosa wänden lass ich nur krummerhand geschrieben, grossserbien, roter stern belgrad, ustascha ich fick deine mutter, es lebe der könig und dragan is ne schwuchtel. iron maiden. das häuschen ähnelte den jugoslawischen standartbungalows am meer, einstöckig, zwei zimmer, eine kleine küche, eine betonterasse mit dach für den kaffee und die langen gespräche darunter. mit viel zucker. das haus roch nach brand und mottenkugeln, nach warmen felsen und vormittagsmeer, ich hockte hinter den heruntergelassenen rolläden, feine sonnenstrahlen milchstrassen staubsterne drängten durch die kleinen löcher der rolläden, mein gewehr schob sich durch einen spalt, im zielfernfrohr die stadt hinter dem fluss, seit zwei wochen eingekesselt. die. dort.
III
vier stunden, genosse major
du hast 20 schuss als tagessoll
und 30 in der reserve
zu befehl, genosse major
ich sehe die donau in seinem rücken.
ruhig.
schwanzlutscher hörst du mir zu,
du sollst mit deinen votzenfingern
20 mal abschüsse tätigen,körper oder
kopfttreffer scheissegal. da drüben in der stadt gehen die votzenfressen spazieren, schneiden unseren müttern bäuche auf, unsere väter sind treibgut auf der donau, die köpfe zertrümmert von gardena spaten.und du erfüllst dein soll nicht. ich scheiss dir ins mundloch. volle ladung.
IV
durch das zielfernrohr sah ich frauen wasser holen. ein angler lag tot am donauufer und wurde von den gasen immer dicker. wie ein ballon, farblos und leblos, angeschnitten von der stadt, abgeschnitten vom fluss und vom himmel, ab und zu bekam er besuch von einem kahlen pudel, der tat was er musste. happy birthday toter wal. die wasser holenden frauen beobachteten den ballon nicht, ich sah ihre wimpern, die angstschiefen münder, meist gelbe zähne und ich schoss ihnen nicht in kopf, in brust,
in den bauch unter dem leeren himmel, der bauch dauert länger, lang wie meine angst, das blut verlieren. die fahrt zur front. lang. die nächte, länger. die gegnerischen soldaten boris du schwuchtel, mieden dass ufer, die urmuscheln unberührt, ein ganzes volk unter dem stiefel und ich trinke gleich die donau aus, ich hatte drei häuser loziert in denen sie unterstände hatten, familien wohnten mit ihnen zusammen, freiwillig oder als schild. vielleicht liegt der ältere mann am nächsten morgen neben dem wal. am urmeerstrand liegen zwei ballons, happy birthday wale vor vukovar. ich zählte die patronen, der himmel ohne wolken. leer, wie im juli. die donau vor mir, ruhig. urmeer. muschelmehl. happy danube.
V
Jeden Tag fuhr ich mit meinem rostigen Klapprad,sechs Kilometer,immer an der Adria entlang,zum albanischen Bäcker in dem kleinen Fischerort R.unweit von unserer Feriensiedlung „Jadran“(Adria).Manchmal öffnete ich meinen Mund so weit,dass das salzige Meerwasser und ein heißer Seewind in meinen Rachen schossen und ich bis heute überzeugt bin,ein Stück des Meeres gegessen zu haben.Häufiger war es jedoch windstill,nur die brennende Sonne und das silbrigblaue Meer an meiner linken Seite,meine zu kleine rote Speedobadehose auf dem Arsch und das löchrige Bakunin T-Shirt im schlecht angeschweissten Körbchen,raste ich auf meiner selbstverwaltet finanzierten (340 zu 70 Stimmen für den Bau eines FahradundFussweges,angeführt vom Belgrader Staranwalt Onkel Dušan siegten die Belgrader und Zagreber Eigentümer gegen Restjugoslawien,meist Bosnier und ein oder zwei Slowenen) kieselreichen Betonpiste nach R.
Ich besaß nur eine „Westbadehose“,die schon erwähnte rote Speedolizenzhose,irgendwo meerweitweg von fleißigen slawonischen Arbeiterrinen zusammengenäht.
Im November brannte die Fabrik,die Männer lagen unweit auf einem regennassen Feld,unter kettenzerrissenem Schlamm.
Eigentlich begann meine Brot-Fahrt schon einen Tag vorher,wenn ich bei meinem Nachbarn I.,der sich Jahre später,während eines Fronturlaubes im Kinderzimmer erhängte,den heiligen schwarzen Sony Walkmen ausborgte,um auf meinem Weg zur Bäckerei,jeweils eine halbe Stunde The Cure und eine halbe Stunde Mizar,eine Gothicband aus Skopje,zu hören und die einzelnen fleckig betonierten Badebuchten nach schönen Mädchen abzusuchen,die man vielleicht am späten Nachmittag nach der Siesta mit oder und ohne Wichsen mit M.,D.,R.,I.dem Bruder von M.,M.und D.besuchen und vielleicht sogar mit tollkühnen Sprüngen und Bunuel Kentnissen beeindrucken könnte.
D., wir nannten ihn nur „Langarm“,verließ sich zunehmend auf die Wirkung seines frischgeernteten Grases,dass er gemeinsam mit nem Hippie aus Split auf einer unbewohnten Inse,drei mal drei Meter,in Tomos 4 Reichweite anbaute.
Während wir kopfüber hechteten,mit einfachen oder doppelten Salti in das silbrige Blau sprangen,Bunuel und Breton zitierten,Szenen aus 1900 und dem Paten vorspielten,kiffte Langarm mit einem der Hippimödchen,es gab immer ein Hippimödchen in diesen magisch-snobistischen Mädchenbanden aus Zagreb oder Split,knutschte mit ihr im Wasser und vögelte nachmittags im Elternzimmer,während wir noch als faschistischer Donald Sunderland eine Katze ans Kirchenportal nagelten,natürlich in wechselnden Rollen und in Badehose:zweimal Adidas,eine alte Speedo,zwei Arena,einmal Yassa.
Ich durfte häufiger Gerard Depardieu sein,wahrscheinlich meinem mitteleuropäischen Aussehen geschuldet,Bertolucci kenne ich seitdem immer noch auswendig,er hatte mir zu einigen heißen Herzen aus Zagreb,Sarajevo und Bihać,Knutschen im Mitternachtsmeer,Fummeln in Zypressenwäldern und Petting in Autocampduschen verholfen,grazie maestro.
Ich sitze auf meinem Klapprad,habe mittlerweile schon zehn Nachbarinnen,Mütter und Tanten begrüßt,die schon auf dem Heimweg waren,in den durchsichtigen,schon leicht gerissenen Tüten die heißen albanischen Brotlaiber tragend,in der rechten Hand ne Kent oder Astoria (damals hatten Zigaretten für Frauen englisches Pedigree)
in angeregten Gesprächen über das letzte Buch von Danilo Kiš,die kürzlich erschienenen Kriegstagebücher von Svetozar Vukmanović Tempo in denen Tito endlich sein Fett wegbekommt und die neu erschienene Susanne Sontag,vertieft.
Ich hielt an der alten Trafostation,die seit Jahren konstant traurig Richtung mehr summte,kurz vor dem Ortseingang,dort wartete schon B.ein Mädchen aus dem kleinen Fischerort R.
Ich habe sie kennengelernt,als ich ein Torcida Split,so hiessen die härtesten Fans von Hajduk Split,Graffitti nach nem Diskobesuch mit Vorsatz erst vollgekotzt und später angepisst habe.Beide Bedürfnisse habe ich preußisch diszipliniert eine halbe Stunde-ich hatte ja ein hehres Ziel vor Augen und musste unbedingt zu Tainted Love,der letzten Nummer im Synthpopblock tanzen-zurückgehalten.
Mitten in meiner Partizan Belgrad vs.Hajduk Split Abrechnung hörte ich nur eine dunkle Stimme hinter mir
„Wenn mein Bruder dich erwischt,hackt er die mit der Axt erst den Kopf und dann den Pimmel ab“,der Druck war jedoch zu groß,das versuchte ich auch zu sagen,was sie verstand fragte ich sie später nie.Sie sagte nur noch „Morgen früh um 8 treffen wir uns“ „Da schlaf ich noch“ „Anteee!““Is ja gut,ich komme,aber hör auf zu brüllen“
Am nächsten Morgen stand ich vor der sauberen Trafostation.
Sie wartete schon.
„Küss mich“
„Wat?“
„Küss mich,Arschloch aus Belgrad“
Seit diesem Morgen trafen wir uns vor der Trafostation zum Küssen.
Entweder saß sie schon auf ihrem verwaschenem Strandtuch von Adidas oder ich klingelte kurz und sie kam leicht verschlafen,aus dem alten Steinhaus gegenüber von der Trafostation,heraus.Wir küssten uns drei Jahre,drei Sommer auf meinem Weg zum albanischen Bäcker,um Acht Uhr Morgens zweimal in der Woche.
Ihr Bruder wurde von einer Panzergranate im Sommer ´93 vor Zadar getötet,wahrscheinlich hatte er ein Hajduk Trikot unterm Tarn an.
Ich habe sie nie gefragt wie sie heißt,sie mich auch nicht.Wir küssten uns nur,ich in meiner zu kleinen Speedohose,sie in ihrem leicht ausgeleierten Tigermuster Bikini.Irgendwann kam sie nicht mehr,ich hörte was von einer Hotelfachfraulehre in Opatija,das war ein paar hundert schöne Adriakilometer nördlich von R.-wo der Krieg nie hinkam.
Beim Bäcker kaufte ich drei Brote und fünf Lepinja für 300 Dinar.Der Rückweg ohne Küssen und Meer essen dauerte 15 Minuten.
VI
ich habe nicht geschossen, weil ich nicht kann, genosse major
schwule sau, du kannst den faschisten nicht in ihre kackfressen schiessen
nein, genosse major ich kann das nicht
gib mir dein gewehr.
zu befehl.
VII
mit dem schweren kolben meines scharfschützengewehres
schlug er mir auf das verrätermaul. er zerbrach alle meine vorderzähne
mit einem schlag, einer steckte im gewehrkolben der rest flog in den himmel, into the sky with diamonds, die schöne blaue donau, auf den boden des sommersonnenbungalows, jetzt kommandopunkt der aufklärereinheit. bis heute habe ich löcher in der fresse, der rest ist nachkriegsbau, trostlos und schnell hochgezogen, das geld für den frieden in der fresse habe ich nicht und ich rede über kunst und welt und liebe und der mund dabei ist kriegsversehrt, am urmeer, zähne mein muschelkalk am donaustrand. nachdem er mir die vorderzähne herausbrach, schickte der major mich auf eine achtstündige wache.
auf einem freien, abgeernteten feld.
die feindlichen stellungen waren
200m entfernt. freie schussbahn
mir war alles egal.
im so happy.
VIII
die bucht vor den augen hörte ich das vielfache lachen der kinder
vom strand vor unserem einstöckigen bungalow mit betonterasse und
ohne dach. ich hatte die rolläden heruntergelassen, durch kleine löcher tanzten sonnenstrahlen, sommerstaub, das salz auf meiner haut, glänzte im halbdunkel. heute abend würde ich sehr lange küssen
das meer zu unseren füssen
wir duften nach rosmarin
zypressen
kiefernadeln doch
ich blute aus dem maul
meine zahnreste
nur kleine felsen
im weiten meer
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