THOMAS B.

I.

Was ich mit Thomas B teile:

Die Kälte die man immer spürt,wenn man einmal im Knast war.

Die Plattensammlung, an die weiße Wand gelehnt.

Die Liebe zu Tschechow mit Tsch.

Die Texte, die nicht fertig werden, der Textabbruch.

Unser Leben in zwei Ländern,dabei in keinem ankommend.
(Nun gut,ich zähle eigentlich drei…aber vereinnehme mal das D)

Die Väter,an denen wir wachsen oder verkümmern.
(Ich liebe meinen sehr.)

II.

HAPPY BIRTHDAY

heut ist friedhofstag
ich fahre zu mutter vater
heule alte kaisers bäume
ziehen vorüber namenlos wie
der dicke der neben mir sitzt
in der s - bahn was liest
brandmauer dabei sind wir
längst beim aschelöschen
hinter dem sorglosen
der weiß er wählt den brand
zwei mit bleichen manga tattoos
auf schwammigen schultern in ausgewaschenen laufanzügen wie joggingbabys in feuerland
kurz hinter friedrichshagen
lachen schrill

III.

den faschismus verschlafen
eingemauert im fundament
die befreiung schnell verscharrt
regt sich träg die faust
lieber kopf vornüber so hängen lassen
vom ewigmüde wettbewerb
schon einmal hat man gewählt
freiwillig den dreck unterm fingernagel
fruchtbar das schwarz im sandland
der wälder der besitzer
das tier von der leine gelassen
wenn’s zeit wird
für die hatz oder
teuren sanddornmuss

IV.

hab nen müller gesehen
der krieg der welt
sehr weit weg
die sprache gewaltig
hohl wie der tropfstein
schön zu sprechen
im schönen kostüm
im faschistisch krummen schritt
ohne denken bleiben
die verse hohlgeschosse der
müller einer mit mühle und mehl
nicht der mit dem krieg
der revolution der stille danach
in einer clownswelt ein salon
nach dem dritten
weltkrieg

V.

alle wählen lins
oder mitte links
oder grün links
oder mitte rechts
oder mitte mitte
und doch wird es
viel rechts geben
in dem so hohen
haus von junkern
ohne volk vom volk
vom adel gebaut
die mit den rössern
und schlössern
oben sitzend
ich wähle die
soldaten arbeiter
räte das jahr 18
die sozialistische
republik alles auf
anfang ohne
hohe paläste

VI.

das mädchen hörte gern
the cure ich ihr herz in
der nacht vorm ersten mai
die panzerketten auf der
allee unsre auskopplung

TELEFON I
Mein Vater führte Regie
bei Thomas Brasch‘ Hörspiel
Vom dicken Herrn Bell, der das
Telefon erfunden hat 1974 und
ich hasse das Telefonieren seit 1986
als ich aus der DDR wegging taubstumm
in Belgrad vor dem Hörer stand
drei Stunden mein Opa sagte 10 Minuten
meinem Vater nichts sagen konnte
das ich geflüchtet bin aus der
falschen Republik und ihn
verlassen verraten habe
Er schwieg zu meinem
Schweigen

TELEFON II
Großmutter hielt den Hörer
in der Hand ich heulte im Korridor
Sommer 1990 rief meine große Liebe
an sagte wir gehen weg vom Krieg
lieben uns irgendwo hinter dem Ozean
Ich hatte Angst was soll ich in
einem fremden Land und zerbrach in
tausend Stücke im Halbdunkel
Ein halbes Jahr später zog man
mir die Uniform an gab mir ein
Gewehr die Stadt meiner Liebe
442 km von mir entfernt
war Feindstadt

TELEFON III
ich spreche in den
telefonhörer der kantine
mit zerschlagener fresse
mein rotz tropfte auf den
steinernen boden im
militärgefägnis sarajevo
auf dem weg zum bier
für meine verhörer die
gern schlagen und rauchen
ein bierchen trinken
ergreife ich die letzte
chance opa hol mich hier raus
du warst general
ich nie spion
sonst häng ich in drei
tagen von der decke
wie die sonne vom
himmel über der
beschissenen
jahorina

EPILOG
Ich mag es nicht das telefonieren,da ist zuviel Geschichte zwischen den gesprochenen Worten.

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