ÜBER DEN KRIEG (OSTBERLIN)

(1977 bis 1982)

Mein Weg zur Schule führte durch eine lange krumme Strasse alle Häuser waren von Kugeln durchlöchert
es gab keine zehn Zentimeter Putz der nicht ein schwarzes bräunliches Loch hatte
Ein Schulkilometer im Jahr 77
sah aus wie
im Mai 45

An der Straßenkreuzung vor meinem Hauseingang
verkaufte ein beinloser Mann im Rollstuhl Zündhölzer Schnürsenkel
er schüttelte eine seiner Schachtel um mit seiner Strechholzsamba
auf sein kleines Geschäft aufmerksam zu machen
Seit 1918 hatte die Stadtverwaltung von Grossberlin Kriegsversehrten
meist blind oder ohne Gliedmaßen kostenlose steuerfreie
Lizenzen sowie Standorte für den Strassenverkauf von Zündhölzchen
und Schnürsenkeln angeboten
in Ostberlin übernahm man diese Maßnahme
Schuld war nur der Bossa Nova

In drei Jahren haben meine Schulfreund Peter und ich
zwischen der Senefelder Strasse der Schönhauser und dem
Kollwitzplatz ein verrostetes Stug44 eine Handgranate und
eine Pilotka gefunden Peter wollte eine Wehrsportgruppe
damit gründen hat er im ZDF gesehen dass die da sowas haben
und fast so heissen wie ich Hoffmann Hawemann
Ich hab ihm eine gescheuert denn ich dachte wir wollten
eine Partisaneneinheit gründen
No Pasaran
dann scheuerte ich ihm noch
eine

Meine Mutter ging ab und an ins Ganymed
um dort mit Heiner Müller Tafelspitz zu essen
es soll der beste Tafelspitz der DDR gewesen sein
Sie wurden immer vom selben Kellner bedient
mit größter Aufmerksamkeit und besonderer Liebenswürdigkeit
in der sonst sehr unliebenswürdigen DDR
Heiner Müller sagte während einer der
Besuche zu meiner Mutter
Er ist übrigens Jugoslawe wie du
und sie luden den Kellner auf einen
Wein ein nach dessen Schichtende
Er war Ustascha in der schwarzen Legion
nun Kellner im Ganymed erzählte er
Mein Vater war Politkomissar seit 41
in der 6. Krajina Partisanenbrigade
und hätte dich erschossen Ustascha
und sie tranken den
Wein aus und gingen im folgenden
Monat Tafelspitz essen und der Kellner
bediente sie wieder mit größter Aufmerksamkeit
und besonderer
Liebenswürdigkeit

Im Schusterjungen gegenüber vom Hackepeter
zwei sich genau gegenüberliegenden Eckkneipen
in denen ich frisch gezapftes Bier für meinen Vater
holen ging saßen in einer Ecke die Überlebenden
des Sturms 17 der Schusterjunge war schon vor 33 ihr
Sturmlokal jetzt sangen sie hier jeden Abend das
Horst Wessel Lied
Ostberlin 1981
Machen sie bitte den Krug voll
Biste 16
Nee

Über der Löffelerbse
einem einfachen Suppenrestaurant
wohnte ein Mann der zehn Dörfer
angezündet hat mit Menschen drin
der sich mit der Wehrmacht zurückgezogen
hat und nun seit 49 über der Löffelerbse
wohnt mit falschen Namen und mit Bart
das erzählte mir sein Enkel mein Schulkumoel
der Mann sein Opa sagte mir als wir ihn
besuchten nur wie schön es für ihn
sei wieder in seiner Muttersprache mit
mir zu sprechen kroatisch
ich sagte serbokroatisch
er sagte nur noch
geh
er war Offizier in der
Schwarzen Legion
Löffelerbse
1982


in illustrer runde umamrte der einarmige
theaterkritiker meine zierliche mutter
ich durfte ihr wunderbares land
als junger mann kennenlernen
mit meiner junkers 88
flog ich über den grausamen velebit
die betörende dinara das berauschende neretvatal
meine mutter nickte nur artig
in diesen bergen und schluchten
kämpfte ihr vater gegen die deutschen
italienischen einheimischen faschisten
glücklicherweise hatte der einarmige mit seiner
JU 88 ihren vater nicht gesehen
die schönheit der naturinszenierung
hatte die sprengbomben im mutterbauch
belassen

Irgendwann 77 als sie Biermann ausgebürgert haben
kam mein Opa zu Besuch nach Ostberlin
dort traf er auf einem Familienfest den Vater
meines eingeheirateten Onkels
den weissgardistischen Emmigranten und
Biognetiker der nun bei Grimma strenggeheime
Datschengrosse Kürbisse Melonen und Zucchini
für die DDR züchtete die die NVA billig satt machen
sollte und heimlich tanzte er in den Gewächshäusern
er war der begabteste Ballettänzer in Belgrad 1939
das Biologiestudium nur eine Episode vor dem Sprung
Die beiden Männer soffen sich unter den Tisch
redeten russich der Genetiker das seiner Jugend
der Dreissiger Jahre in Belgrad der Partisanengeneral
das russisch der Militärakademie Frunse 1946
mit den Deutschen
wechselten sie
kein Wort

Ich habe regelmässig im Plänterwald
mit zehn Schüssen zehn Nelken
getroffen obwohl die Gewehre ihre
Läufe schief und krumm waren
die Stofftiere schenkte ich irgendeinem
Metal oder Hippiemädchen aus Thüringen
oder Sachsen die am Scooter herumhingen
Ich war ein guter Schütze das wusste
meine Pankerbande also gaben sie mir
ihr gesamtes Geld um den Campari aus dem Intershop
freizuschiessen meine Schiessschule
im Plänterwald 1981 machte mich wohl
zum Scharfschützen der jugoslawischen
Armee 1991 in der traurigen Ebene
Ich schoss nur in den
Himmel keine
Angst

Micha hat mit einer Stielhangranate der Wehrmacht
die Trafostation am Arkonaplatz gesprengt
in der ganzen Gegend fiel das Licht aus
und wir brüllten auf den Tischtennisplatten
RAF RAF RAF die Stasi kam in unsere Schule
und Micha nach Torgau für vier Jahre
die schönen Tage von der Schwedter Straße
waren nun vorüber als ich mir mit Micha im Schafzimmer
seiner Eltern stillschweigend die Pokerpornokarten
aus den Fünfziger Jahren ansah
die Trafostation zerfetzt
die Häuser ohne Licht
RAF

Er trug immer sein Häftlingshemd mit dem rosa Winkel
egal ob ich ihn im Fenster des Café Schönhauser
oder am Tresen der Schoppenstube sitzen sass
einmal begegnet ich ihm an der Parkingausfahrt
in der Kastaninienallee einem beliebten Ort zum
cruisen was ich damals nicht wusste da stand er
mit seinem gestreiften Hemd und dem rosa Winkel
eines Tages verschwand er ist gestorben sagte der
Kneiper gab mir ein Bier und ein Taschentuch
für das Blut Naziskins haben uns überfallen
Wir sind in die Schoppenstube gerannt
nur in den schwulen Läden wurden wir Punks
in Frieden gelassen
Wo isn der mit dem rosa Winkel
Gestorben trink dein Bier und raus
Machst alle nervös
mit deinem Blutgesicht

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