CALENDARIUM


SONNTAG(das vergessene Gespräch,Ende August.)

irgendwann war ich allein.
die besten freunde im westen oder knast,ich durfte nicht studieren,die stasi und kripo waren hinter mit her.ich wollte und musste raus aus der ddr. illegal.das habe ich meiner mutter irgendwann erzählt,im frühling 86.ich erinnere mich an kein wort,kein gefühl,kein ton,kein geruch,keinen tag,keinen monat,keine zeit. dieses gespräch ist ausradiert, fand nie statt,mein lebensgespräch. es hat mein leben verändert und ist verschwunden.ich floh nach jugoslawien.lebte und liebte dort.wollte nie zurück nach D. musste in den krieg und zurück nach D.und lebe neugebaut,halbiert nun hier,eigentlich dort und es fällt mir heute ein, das herausgerissene ausradierte gespräch,denn ich putze gerade mit dem schwamm den weissen stein,unter dem nun meine eltern leben, nur drei sätze erinnere ich,trag die worte im brustkorb,die ich meiner mutter sagte,in ostberlin 1986:
er darf es nie erfahren. es bricht ihm das herz oder die stasi ihn. also kein wort. mein papa.

DIENSTAG (im September.)

leg mich ins schiefe regal zu den anderen alten büchern, verwittern nun zusammen,schwedisch.


sie laufen,schwimmen mit halbem bein,zu kleiner keiner hand
sehen weder start noch ziel, beine durch sprengstoff
von herz und kopf getrennt, ihre freude
kommt aus dem herzen
und leuchtet.


antagonistisch die widersprüche sagt mork vom ork oder nanonano,ich warte auf den elektriktrick,der sie löst.


sonne mond und sterne.

MITTWOCH ( im September.)

sich zudecken mit einer hermlin biographie
hoffe auf keine seeboe,still das wasser


ganz in blau das kapital hinter corto maltese versteckt,das vereinfacht vieles


im briefkasten leben nur drohungen oder die angst,bunte postkarten kleingeschrieben und um die ecke, sind postpartisanen


sieh den augusthimmel,weit und blau,
dort oben wohnen vater und mutter,
beim marx und ian curtis

MONTAG (im September ab zwanzig Uhr)

Der Sänger auf Krücken, die Zuschauer mit krummen Rücken,die Neubauten sind auf sie auf ihn und uns heruntergestürzt, brüchig das Fundament im Lauf der Zeit. Am Grazer Damm wird man zum Alleinsänger, wir mögen seine kalte Traurigkeit und tanzen
krumm zu altem schönen Zeug.

SONNTAG ( in der Mitte vom September.)

an unbestimmten tagen, monaten, ohne besonderen grund rieche ich plötzlich bestimmtes,vergangenes, erlebtes:


es riecht nach erkaltetem kohlenrauch, russverschmiert und dunkel die gebäude. hauptbahnhof dresden und dresden neustadt - in den fugen lebt schwere und rauch.


es riecht nach trockenen würzig süßen kiefernadeln, wie das grab meiner eltern heute, wie auf dem kleinen felsvorsprung am eingang zur bucht von veli lošinj. das meer ist dort schwarz im februar.


es riecht nach sommerstaub,tausende kleiner staubsterne fallen träge auf den teppich,das mädchen schliesst leise die tür, sie möchte nicht, dass sie meine oma sieht. ende september in belgrad.


es riecht nach seife aus dem spiegelschrank,durch das heruntergezogene fenster breitet sich drückende hitze, nach maisblättern riechend, im schlafwagenabteil aus. im feld stehen ungarische grenzer in schmutzigblauen overalls, die AKs auf uns gerichtet.


es riecht nach mottenmolver im schrank meiner tante aus sarajevo.
sie rief einmal aus der belagerten stadt an. danach nie wieder.


schlamm und mündungsgas.
FREITAG (Ende September)

meine zeimaschine: den staub von der 30 jährigen lieblinggsplatte lecken,unkown pleasures
joy division.
träume von cypressen sind schön
die nicht endende hecke
ist der tod

fallende sterne mit einer hand auffangen
in der geballten faust glühenden sterne
zwei minuten

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