in europa wütet wieder ein krieg. vor ein paar jahrzehnten wütete in europa ein anderer krieg.
dies sind texte vom davor, jenes vor den kriegen,
vor den emmigrationen,vor den rissen und wunden.
vor der trauer,vom jungsein
vor dem krieg.
I.
SOMMERSTADT
(geschichten vor dem krieg)
zu jesus and the merry chaine tanzen / um vier uhr nachts schweissnass vom tanzen sich vom tankwagen die chucks nassspritzen lassen / der verrückte djole steppte wieder vor dem devotionalienladen der orthodoxen kirche ist auf lsd hängengeblieben / hinter ihm der heilige nikola in öl unbewegt die starren augen/ auf der heissen betontreppe sitzen auf ein mädchen warten und der fernseher der halblinden uhrmachers ist zu laut mit den lauten reden der neuen führer / um mitternacht mit freunden eine eistruhe aufbrechen und alle malaga kornetts essen, es waren dreissig / wir waren zu viert
JEN‘
im park kiffen und vor einem hunderttausend brüllen wir wollen waffen / am nächsten tag wollten noch mehr waffen da nahmen wir speed/ der himmel /nach dem verschossenen elfmeter im viertelfinale gegen argentinien heulen und aus trotz hej slaveni singen / ganz viele tequila sunrise trinken und mit ganz vielen knutschen / auch mit dragan der darum bat weil ich doch aus berlin komme du weisst bowie iggy cabaret/ nackt drei runden im zebra gehege rennen und den wetteinsatz zu den violent femmes versaufen / vor dem gleichaltrigen schwarzuniformierten mit seinen hassflugblättern an der strassenecke stehen und laut lachen / auf der heissen betontreppe sitzen auf ein mädchen warten und das mädchen kommt wir küssen uns drei stunden auf der treppe bis der wolfsmond über uns hängt/ um vier uhr am kios drei pitas mit cevapcici essen und fünf vespas knattern / bellen den sommermond an und mädchen lachen laut reden / wir lieben leise still
DVA‘
für einen progressiven deutschen regisseur auf einem festival übersetzen ignorieren dass er die bühnentechnik balkanaffen nennt / sein vater flog ne stuka zwischen split und dubrovnik lallt er / beim schnaps nach dem dutchlauf / sich drei stunden mit oma anschreien die den neuen führer liebt und ihre nation mit / du bist keine kommunistin oma/ mit opa einen ganzen tag schweigen den jungen wein beschneiden und die donau zu den füssen fließt träge zum schwarzen meer / speed vom dealer kaufen der für die staatssicherheit arbeitet / schon im mai den rucksack für das meer packen / vis hvar pelješac mljet / den vater in osteberlin anrufen und schweigen müssen/ der rote morgenhimmel am zweiten juli um sechs Uhr morgens / in den zug einsteigen und zehn stunden in der offenen tür neben dem klo sitzen bis der duft von zypressen und kiefern durch den zug weht / vor einem das meer / wir nennen es more / mit einem mädchen auf einer heissen betontreppe küssen/ sie ist salzig / kao more
TRI‘
JEN‘ DVA TRI
LINKS ZWO DREI VIER
II.
VIDEOTHEK
(geschichten vor dem krieg)
ich kann mich nicht genau erinnern wann genau,ich glaube aber im frühjahr 1989 begannen überall in jugoslawien videotheken zu eröffnen. einerseits hatte das mit der liberalen wirtschaftspolitik von ante markovic zu tun (vollkommene öffnung zur privatwirtschaft) andererseits wurden die videorekorder bezahlbar und bestandteil aller haushalte zwischen jesenice osijek brčko šibenik …belgrad.
meine lieblingsvideotheken in belgrad :
in einem fahrstuhlschacht einer wohnplatte in neubelgrad,indira ghandi strasse.
ein fenster eines einstöckigen hauses in zemun,baujahr 1904, man klopfte an das fenster und aus dem fenster heraus bekam man top gun,colour of money oder nen schwedenporno durchgereicht.
der blätterteigladen gegenüber von meinem hochhaus,dort konnte man zwischen den diversen handgemachten blätterteigen für burek,pita, štrudla und mehlig weissen vhs-kassetten wählen,vor allem eine erlesene bruce lee sammlung machte die videothek sehr beliebt im viertel. der besitzer nahm auch bestellungen entgegen,meine bergmann kenntnisse und die besten spinatbureks verdanke ich diesem laden.
die videothek im gründerzeithaus / pariser stil im strengsten zentrum von belgrad fuhr man in einen nach holz und leder (es gab eine lederbezogene sitzbank) riechenden fahrstuhl in den vierten stock,wo eine sehr gepflegte ältere dame in chanelkostüm eine erlesene pornofilm videothek betrieb. man konnte (falls man nicht schreiend die treppen hinunterstürzte oder stotternd vor ihr stehend ) kurz seine interessen schildern und sofort unterbreitete die dame einen vorschlag oder drückte einem drei kassetten in die hand.
für mich gehören videotheken und der krieg zusammen. wir ( jugoslawen jahrgang 67-70) sind nach langen videoabenden mitten im krieg aufgewacht,die videorekorder waren noch heiß von der langen coppola nacht und wir saßen schon hinter abgeklepten autobusscheiben und wurden in kasernen gefahren.angezogen und nach slawonien geschickt.
drei wochen nach dem ich desertiert bin,meine uniform weggeworfen habe,in dem überfüllten zug nach budapest, mit pornoheftchenschmugglern vor angst um die wette schwitzte, die grenze überquerte und meine heimat verloren habe,rief ich meine grossmutter in belgrad an,bat sie zwei kurosawa filme und einen französischen pornoklassiker in der blätterteigvideothek abzugeben,sie legte nur auf und sprach sechs jahre nicht mehr mit mir. ich war ein deserteur und verräter. die vhs kassetten gab sie ab, parteidisziplin seit 1940.
III.
PORNO
(geschichten vor dem krieg)
die beiden pornokinos von belgrad hiessen partizan und odeon.
in das partizan ging man nicht,in das odeon, wenn man was zu foucault oder mindestens barthes zu sagen hatte oder das album zen arcade von hüsker dü für epochal hielt oder so ähnlich…französische bücher und die amerikanische indipendent szene waren dort das pornomass.
das kino partizan lag vis a vis vom bahnhof, entsprechend das publikum: taxifahrer mit tätowierten kreuzen auf handrücken, die oft zuhälter waren und im kino ihre huren an den mann brachten. es gab drei reihen im kino in denen die mädchen saßen,die freier konnten sie sich sitzend (um den film nicht zu stören) ansehen und auswählen, die partisanenenkelinnen nun in der zwanzigsten reihe.
bauern aus südserbien wärmten sich im kino partizan zusammen mit ihren käseeimern auf, weshalb der saal vor allem am freitag und samstag nach feta roch. hin und wieder verließ ein freier das kino partizan mit einem eimerchen käse an der einen und einer hure an der anderen hand das kino.
mazedonische melonenverkäufer schliefen dort neben ihren melonen, den sie fuhren nie nach hause, bevor sie nicht alle ihre süßen melonen aus kumanovo oder djevdjelia verkauft hatten. nicht selten sah man eine der bahnhofshuren mit melonen an der strasse stehen,oder am frühen morgen auf ihnen sitzen.
das kino odeon wiederum war das bürgerliche pornofilmkunsthaus von belgrad,man zog zum kinobesuch seine besten klamotten an, sprach nach der vorführung von kameraeinstellung, dynamischer schnittechnik, ausgefeiltem licht. während die filme liefen,schwiegen vierhundert menschen,die stuhlreihen waren eng besetzt,keine regung in den körpern. die blicke des aufgeklärten gemischten publikums 2/3 männer 1/3 frauen waren gleichgültig oder distanziert analytisch. das odeon war der pornotempel der jugoslawischen hauptstadt. das änderte sich ab 91,dann traf man nur flüchtlinge oder vielfarbige soldaten in dem kino an und kleine mädchen wurden in den kinosaal geführt, mit filmbeginn.
ich weiß gar nicht mehr, ob es zuerst die pornokinos oder die pornohefte gab. die pornohefte lagen in der ersten reihe der vielen kioske,in denen man alles bekam: von reiseschachspielen,meist abgelaufenen italienischen kondomen bis hin zu kalaschnikows (made in hong kong) und welligen milka schokoladen und natürlich diversen druckerzeugnissen: zwischen den nachrichtenmagazine in der ersten reihe lagen die einheimischen pornomagazine, anale freuden neben schusswechsel in borovo,hardfuck in italy neben polizeistation bei peć angezündet, tudjman befieht entwaffnung der miliz in knin. milfs in bizarre paradises.
die taxifahrer meldeten sich in paramilitärische milizen, organisierten vergewaltigungsbordelle in besetzten pionierhäusern, in den todeslagern von bosnien war die private videokamera zeugin von mord und vergewaltigung. snuff videos zirkulierten in brüssel,london oder amsterdam. glieder münder vulvas ärsche aufgerissen kalt geknipst glotzten uns an,
als wir im sommer in unseren panzerfahrzeugen durch die stadt richtung šid fuhren, von einer brücke flogen pornomagazine auf die offenen tragflächen der lkwˋs, mitten unter uns. mitten unter die angst.
IV. ZÜGE (vor dem krieg)
der nachtzug ans meer hatte zwei startbahnhöfe, einen in zagreb den anderen in belgrad. die beiden teilzüge wurden am frühen morgen in knin zusammengekoppelt und fuhren von dort nach split.in split stieg man direkt auf eine fähre oder bus um,der bahnhof lag direkt am hafen.
I.
Klapp.Klapp.Hundert Lichter in einem Tal.
Klapp.Klapp.Das müsste Sarajevo sein.Zigarette weiterreichen.Wichser,du ziehst zu lange.Die muss für alle reichen.Die Zigarette wanderte einmal von Mund zu Mund,musste für zehn Jungs reichen,ausser für T. der hat sich schon in Belgrad im Klo eingeschlossen,vorher schrieb er noch TOALET NE RADI an die Tür und seitdem sitzt er still auf der Klobrille.Manchmal, wenn ein dicker,meist besoffener Mann in zu engem Hemd nicht lesen kann oder will brummt er mit falschem Bass
TOALET NE RADI die schwitzigen Männer fragen nicht nach,warum ein WC ihnen sagt,dass es heute nicht arbeitet,sie sind wohl Autoritäten gewohnt.In diesem Fall einem autoritären WC.
Klapp.Ein Bahnwärterhäuschen.Zwei Geranientöpfe,hängen schief von einem schiefen Dach.
Klapp.Klapp.Klapp.Unter der gelbleuchtenden Laterne steht ein weißer Fiat 500. Klapp.
Sieh mal-ohne Vorderreifen,was für Bauernpisser.
Das war S. - sein Vater fur einen YUGO KORAL, was ihm peinlich war, deswegen lernte er aus deutschen Autozeitschriften alles über Fahrzeuge auswendig und erzählte uns „das sein Vater VW,Audi und BMW fährt“
Er konnte die Autos immer haargenau beschreiben.
Wir stutzen nur, wenn er über Tesstrecken und Belastungsproben redete
und er nahm jede Gelegenheit war, kleinere Autos klein zu reden bis die in seinen Geschichten fast erbsengross irgendwo herumstanden und sich schämten.
Diesmal schämte sich ein FIAT 500 unter einer gelbleuchtenden Laterne in einem Vorort von Sarajevo.
Klapp.Bahnhof Podlugovi.Es stinkt nach Pisse.
Sie läuft direkt aus dem verstopften Klo zu uns, sickert in unsere teuren italienischen Rucksäcke und saugt sich in meine flachen, schwarzen Chucks.
Auch die roten und gelben Chucks von M und P haben es gerade nicht leicht.
Klapp.Klapp. Gornji Vakuf.Stinkt wie immer,sagt M.- wie jeden Sommer.
Klapp.Donji oder Gornji Vakuf so heißt der Ort, den wir nur Nachts sahen, auf unseren Fahrten von Belgrad nach Split,via Knin.
Sommer für Sommer.Klapp.Klapp.
Jeden Sommer bis zum großen Brand fuhren wir vom Belgrader Hauptbahnhof nach Split ans Meer.Klapp.Klapp.
Ans Meer, ans Meer, rief ich durch die offene Tür, in die schwarze Nacht, zu den Berge hinaus. Die Rufe wurden lauter, bald rief der ganze Waggon
ans Meer, ans Meer,ans Meer.
Es war nicht schwer die anderen 80 oder 100 Jungs von meiner Sehnsucht zu überzeugen und sie in die bosnischen Berge zu schreien.
Der Bahnhofswärter winkte uns mit seiner Kelle zu und es schien, als riefe er mit.
Ans Meer.
Zugdurchfahrt.
Klapp,klapp.
Die Tür klapperte seit Stunden, stand weit offen und ich atmete tief die frische, nach Kiefer und Gebirgsbächen riechende Bergluft ein.
Die orangene Tür klappte nach jeder Biegung im Tal zu und auf,oder andersum,auf und zu - das lag auch daran, das wir unsere Rücksäcke in die Türöffnung gestopft hatten, wir wollten nichts verpassen-den Schottergeruch von Vinkovci nicht, die kalte Bergluft bei Sarajevo, den süßen Duft der Zypressen kurz vor Split
das no fumare Schild auf dem Klo.
Irgendwann um sechs oder sieben, also eher um Acht Uhr sollten wir in Knin ankommen. Dort würden,wie jeden Sommer, die Sonderzüge aus Zagreb und Belgrad zusammengekoppelt werden und nach Split weiterfahren.
Wir zogen uns frische T Shirts an, die besten die wir hatten, verdient beim Fassaden waschen einer Belgrader Bank oder anderen Putzarbeiten
Noch nie haben Jungs so viel geputzt in Belgrad wie im Mai und Juni.Wahrscheinlich auch später nicht.
Wenn wir uns trafen sagten wir uns immer Zahlen
Fünf Zehn Fünfzehn - Die Zahlen standen für die erarbeitete Anzahl der Übernachtungen am Meer inklusive ein zwei Bier, manchmal ein Eis und Brot und billige Salami.
Nur einmal sagte D
Vierzig!
Er hatte in Zemun gefälschte Interrail Tickets hergestellt und verkauft.
Später machte D viel Geld in Südafrika mit einem Reiseunternehmen spezialisiert auf Dampflokreisen durch das Burengebiet.
Zurück zu den Chucks/Converse All Star natürlich low
Wir rieben uns mit Klopapier unsere pisseversifften Chucksohlen ab und hielten Ausschau nach dem Zagreber Sonderzug. Manchmal stand er schon im brüllendheissen Bahnhof von Knin, manchmal war unser Belgrader Adriasonderzug Stunden vorher da und wir lungerten, Sarajevoer Marlboro rauchend,auf dem dem weißen Bahnsteig herum.
Knin ist es ein Drecksloch.
Nur verfickte Hurensöhne,Chetniks und Idioten von Roter Stern leben in diesem Drecksnest nölte P.
wie immer und schnipste seine Zigarette Richtung Stadtzentrum,
mit der leisen Hoffnung,dass das Städtchen in einem halben Atemzug auf ihre Grundmauer niederbrennen würde und der Sonderzug aus Zagreb in dieses Leuchtfeuer hineinfahren und sich mit unserem vereint
Richtung Meer fahren würde.Das besondere dieses Sonderzuges aus Zagreb war, das er genauso mit jungen Mädchen und Jungs vollgestopft war, die mit ihren bunten Rucksäcken, nach urinriechenden Chucks und frisch gebügelten Tshirts in die Nacht sangen, wie der Belgrader, mit einem großen Unterschied:
Dutzende von schönen, duftenden Mädchen aus Zagreb sassen in den Türen, standen in den Gängen putzen sich und rauchten, tauschten untereinander Mixtapes und Bikinioberteile aus, erzählten von ihren letzten Sommerküssen oder schwiegen voller leiser Hoffnung, schminkten sich vor den blinden Abteilspiegeln "Besuchen Sie Mostar"
und zählten die Stunden bis zur Ankunft in Knin.
Zumindest stellten wir uns das so vor...
wenn wir Pech hatten,war der Zug voll mit Familien,VaterMutterKind...Mist riefen dann hundert Jungs in einem Atemzug
Mist
Mist
Mist
aber das ist keine Geschichte vom Pech,
also war der Zug voll mit hübschen Mädchen aus Zagreb
...über die Jungs schreib ich nicht,das können die Belgrader Mädchen gerne machen,die sich auf die Zagreber Jungs freuten,oder die Zagreber Jungs die sich auf die Belgrader Mädchen freuten
V.
MOBILISIERT
(geschichten vor den krieg)
ich saß in drei stunden im korridor des hauptgebäudes kaserne der ersten gardepanzerdivision
obwohl mitten im juli 1991 war mir kalt barfuss und im pyjama zerrte man mich in den traurigen schwarzen bus von lasta serbisch deutsch DIE MÖWE ALLES TOT UNTER FALSCHEM MOND SPIELEN WIR MENSCHEN LIEBEN
nachdem mich die militärpolizisten aus dem folienverklebten vogelbus herausprügelten war mir kalt mitten im juli 1991 drei vier rote tropfen auf grauem stein wärmen schwach das angstherz der fleck in der hose vorn und hinten alle halbe stunde erschien ein junger regrut und tröstete mich die einheiten
wären in voller sollstärke
du kannst bestimmt wieder nach hause
wo kommst du her
fragte ich
slavonski brod
sagte er und
kroate
leise dazu
um 9.30 wurde eine tür aufgestossen
dienstbeginn aktenkoffer fliegen arme schwingend unter der schapka
die fette sau gle moj švabo
sieh einer an mein deutscher
vor mir stand mein major aus der grundwehrdienstzeit 1987
du warst mein bester soldat damals in banja luka jetzt bin ich doch noch in belgrad gelandet und ich bin keine möwe
du kommst natürlich in meine einheit
gemeinsam in den krieg von clausewitz
für ruhm und vaterland besungen
clausewitz deutscher wie du
deutscher sascha mein aufklärer
scharfschütze damals und messerspezialist
beides brauchen wir nun deine
stille schnelle klinge den leise tod
und den schuss aus der ferne laut
musst nur dein dragunow einschiessen
#in einer woche in slawonien singen lassen
PEVAM NJOJ SAMO NJOJ
JEDINA MALENA SAKAM TE
mein deutscher sascha partisanenenkel
mein bester soldat deutscher serbe
beste mischung für den krieg fürs töten
den sturm das feuer in der nacht die
brennende nacht erinnerst du dich
wie du das hausangezündet hast
die lust euer lachen im panzer läuft
hey ho lets go lodert über der dorfattrappe
unsere probebühne für den häuserkrieg
banja luka tito kserne vier uhr morgens
damals musste ich dem major clausewitz simultan übersetzen während er seinen herzegowiner schnaps soff und sang und heulte wegen seiner frau dem tropf tripper
den er sich bei einer melonenhändlerin
holte sie kamen beide aus demselben herzegowinischen kaff wo stalins tabak
wuchs der rauch immer voll tod war
ich schoss eine woche mein dragunow ein
und probte nachmittags in einer
leeren panzerhalle BAAL
meine diplominszenierung
meine freunde haben herausbekommen,dass ich mobilisiert worden bin
und weil eine der mädchen in einer angesagten soap mitspielte
BOLJI ZIVOT /DAS BESSERE LEBEN
durften sie mich täglich besuchen und mit mir proben
eine leere panzerhalle in belgrad
ölflecken der ausgerückten T 55
kettenfurchen diesel unter dem beton
kalt
baal der grosse asoziale
gespielt von mirsad
94 in višegrad in die andrić drina geworfen
verführt ein mädchen ich denke an einen kuss#
und schluck‘ speed speedo soap und boris sei dank
der grosse asoziale ist mir egal
strich auf
ende
drei wochen später drück ich dem offizier
SASCHA MEIN BESTER SOLDAT,HALBDEUTSCH HALBSERBISCH
HALBER HAHN
KNACKT KÖPFE AUF EINTAUSEND METER
unter dem meer,stilles blau
ubiću te/ich bring dich um/svinjo/du sau
das kalte hineingesteckt
ins mundloch der fetten sau in einem namenlosen slawonischen dorf
9mm zastava kragujevac(dienstwaffe „die fahne“)
ich gehe jetzt
nach hause
ein schützenpanzerwagen fährt mich zur theaterhochschule vukovar belgrad express ich sitze horse sei dank im dunklen theatersaal
meine uniform stinkt nach rauch angst und sperma vor lauter angst haben wir tag für tag in unserem schützenpanzeragen
masturbiert und menschen spielen liebe unter einem papiermond mein kopf fällt langsam auf die stuhllehne
drei tage fällt er horse sei dank und boris
der mein licht machte und verstand und mich fütterte mit tröstendem hell
mirsad spielt für mich
mirsad treibt die drina unbesungen von
andrić flussabwärts hinunter
hat nie in einer soap gespielt
mein belgrader panzerhallenbaal
hat mein diplom erspielt
und sanja die soapkönigin
mit auszeichnung bestanden
flüsterte mir der dekan ins ohr
und weinte ich schwieg
horse und boris sei dank
boris liegt kalt auf dem zentralfriedhof
er starb in slawonien
einen monat nach mir
ich mache theater
im ausland
deutschland
VI.
MEIN ERSTER FREUND
(vor dem krieg)
er starb mit 10 jahren und sah aus
wie fünf so alt wie ich
namenlos weil ich seinen namen
mit den jahren vergessen habe
aber ihn nicht und mit ihm das erste
mitgefühl und die trauer
mit menschen kindern an denen
unsere herzen seelen wachsen sollen
er hatte einen verdrehten körper
speichel floss ohne pause aus seinem
mund die beiden arme wie gebrochene
flügel zu kurz sein atmen wie ersticken
die augen gross dunkel
freudevoll leuchtend wenn ich sein
zimmer betrat in der karl marx allee
ostberlin ddr der speichel fließt aus
aufgerissenem mund
die worte gurgelnd
ein see bricht aus
aufgerissenem mund
unter aufgerissenen augen
er schreit mich an und stösst
und fällt auf den teppich
er freut sich immer auf dich
sagt seine mutter meine mutter
und sie schliessen uns ein
die Feinde wie Brüder
die Mütter in den hohen Häusern
mit weissen blättern bunten stiften
seine aufgerissenen augen
meine aufgerissenen Augen
mein krieg noch auf papier
der weg zur charité
klinik in der altmark weit die welt
ich laufe zwischen zwei müttern
trage eine schachtel pralinen
für die die nicht freundlich sind
dass sie freundlich sind
die schwestern die kalten
genossinnen nun dienstleisterinnen
zu meinem schreienden freund
dessen name die zeit der krieg
der krebs gefressen hat
namenlos der staub noch lebt
er diplomatenwohnung karl marx allee
er liebt dich
ich verstehe ihn nicht
nicht den see
der herausgerissene
sprudelnde stossende
wort laut ersticken gurgeln
er wird sterben
was ist das
sterben
er hört auf
zu sehen zu schreien
dich zu lieben
wenn du jeden donnerstag
mit seinen westfilzstiften
den krieg malst
und er dazu schreit und
sein speichel
auf deine blauen
roten panzer fliesst
eine landschaft verschwimmt
der krieg die augen seine
aufgerissen
seine filzstifte wollte ich nicht
seine mutter stopfte sie weinend
in meine blaue winterjacke
seine asche stand auf
dem tisch in der karl marx allee
sie würde mit der diplomatenpost
nach belgrad fliegen
seine aufgerissenen augen
der mund der see
ich vergesse ihn nicht
meinen ersten stummem
toten freund
namenlos
nun
Irgendwann 1991 besuchte ich seine ältere Schwester, sie wohnte in der Nähe meines Hochhauses in Belgrad Dušanovac, eher einer Jugendstilvillengegend. Das Haus war lichtlos, roch nach altem Laub und süßem Staub, alle grün verwitterten Rolläden waren seit Jahren geschlossen, der Rost verfärbte aderte das große Stadthaus, dass mitten im Park stand,der Kinderspielplatz belagerte die alten Steine
tief das Unglück im Mai und Juni.
In dem schwarzen Haus lebte sie allein,
die Mutter nahm fünfzig Tabletten und der Vater ertrank in Rakija über Jahre die Urne seines Sohnes auf dem Fenstersims des alten HAuses
starrte die Welt an, das Arbeitszimmer mit Parkblick erblindete und sie trug lang das Haar,
schwarz und dünn
grüne Augen wässrig
mehr der Welt zusehend als in ihr lebend
die traurige Schwester meines namenlosen Freundes. Als er lebte,sah ich sie nie,vielleicht weil ich immer drei Stunden eingesperrt mit ihm im Zimmer meine Bilder des Krieges mit seinen Schreien, dem unablässigen Speichelfluss zeichnete.Ich glaube sie führte mich in sein Zimmer während meiner Besuche und ihre Mutter schloss dann ab, denn ihre traurigen Augen
kannte ich seit langem. Ich stand im Vorraum der lichtlosen Stadtvilla,
sah sie an, ein zwei Minuten oder Stunden ersticken, eingeschlossen,
die Augen gross,vom Eingang aus konnte man das Arbeitszimmer sehen,die Urne stand auf dem Schreibtisch
so wie sie in der Karl Marx Alle 70
auf einem Sprelakattisch stand
mein unbenannter Freund
sahst nicht wie das Haus
niederbrannte mitten im Park
deine Schwester fand man nie
im Sommer
91 vor dem Krieg
Nach ihrer Rückkehr aus Ostberlin schickten ihre Eltern sie in das dritte Gymnasium.Dort las sie Geschichten über Elefanten die durch Travnik marschierten, durch Träume flogen, verliebte französische Husaren im schneebedeckten Travnik die einschneiten während Tausende in Moskau erfroren, einen fliegenden Imam in Višegrad der zweimal Gott sah und sehr viel über Flüsse, Flüsse,Flüsse. Der Zimmer mit der Urne betrat sie nie und als Mutter alle Rolläden von innen vernagelte und mit Packpapier verklebte,sie die rote Sonne über dem Park im späten August nur noch erahnen konnte,sich zum Schulbesuch immer falsch anzog
J. draußen liegt ein Meter Schnee und du kommst im Sommerpaletot zum Unterricht.
J.deine Lederjoppe ist zu dick,dreißig Grad im Schatten und die Donau blüht seit vier Wochen.
J. das Kleid ist zu dünn zu blumig,die Košava weht dich nach Montenegro,
und begann ihr Tagebuch zu schreiben,da sie aufhörte mit der Welt zu reden
und begann nachts, wenn alle schliefen die Einlegeböden des Schranks
auf dem die Urne stand zu beschreiben,mit einem selten zwei Wörtern die er nie lernen konnte.Im Laufe der Jahre stand die Urne, wuchs auf Vokalen und Konsonaten, wuchs auf den schönsten,ungewöhnlichsten Worten die J. im Laufe der Jahre und Monate am meisten gefielen, er lernte mit der Welt zu sprechen, der sprachlose, der Mund offen, zu den kurzen krummen Beinen der Speichel,sein Kindermeer damals nun Ascheturm.
Zwei Männer Anfang 30 entführten ein stummes Mädchens,sie schlugen sie die ganze Nacht,erfuhren jedoch nicht,wo das Geld in der Jugendstilvilla mitten im Park unter der roten Sonne,eingeschlossen von einem Kinderspielplatz versteckt war. Das Mädchen begraben unter Erde und Kalk wurde gefunden. Dreißig Jahre nach ihrem Verschwinden.
Die beiden Männer zogen noch in derselben Nacht, nachdem sie J,
in ein kleines Loch auf dem Topčider Berg gestopft hatten, den Kalk auf ihr dünnes Haar und die großen traurigen Augen geschüttet hatten im Sommer 91 an die Front, zündeten nach einer Woche ein Dorf an,
zündeten vier Frauen,sechs Kinder, zwei Grossmüttter
und einen Großvater an und erschlugen zwei Hunde.
Sie wurden dafür verurteilt.
J. liegt in einem Loch.
Niemand schrieb ihr schöne Worte unter den kalten Bauch,die
aufgerissenen Augen, stumm die Erde.
Nass.
Kalt.
VII.
MIGRÄNE
(nach dem krieg)
am neunten juli/ morgens / mittags / abends
I.
in meinem schrank hängt eine uniform / ich nahm sie mit nach budapest /auf halbem in das neue deutschland / 1991 / wegen der miltärpolizei an der grenze / wenn sie mich gefragt hätten hätte ich sagen können / ich bin auf dem weg zurück zur einheit / ins urmeer in slawonien / doch es kamen keine militärpolizisten / die uniform hängt dennoch in meinem schrank / in berlin seit jahrzehnten / wir reden miteinander / moja uniforma / i ja / meine uniform und ich
II.
einmal im jahr bekomme ich migräne
seit dem sommer 91 juli
drei tage nur angst
im sommer
III.
montag und donnerstag
kaltes fenster müde augen
rückkehr ohne mutter
zrak m 76
IV
familiengeografie :
mutter protest vor dem generalstab / in belgrad
ich lieg im erdloch unter muscheln / im urmeer
vater stirbt vor angst / in ostberlin
V.
ich liege da starr wie der
bleiche mond dank arte
weiß ich nun wie rom unter
schwarzer asche erstickte
das messer unterm mond
gotisch reiche senatoren
ins gleiche maß zu recht
schnitt und wie ich liege
riecht das kalte zimmer nach
zypressen und kiefernadeln
der bauch ist warm und
schiffe fahren wohin sie
müssen weit hinaus
aufs meer der mond
ihr navigator
VI.
wassili grossmann lesen und
den atem verlieren treblinka
die in die erde getrampelten
blonden zöpfe und kupferfarbenen
haare auf hellem sand der 120m langen allee zwischen tannen und stiefmütterbeeten schickten die selbstverliebten die sich immer
für die größten halten und hielten
frauen kinder alte in das gas
eine kapelle spielte laut ufa schlager
stumm der gang der menschen auf hellem
sand und schubert goethe bach in
den köpfen und herzen derer mit den schwarzen schirmmützen und
totenköpfen darunter
das nkwd nimmt 1960 alle entwürfe mit
grossmann bleibt verboten bis
1990 asche seine sätze
erde er unter kalten mond
nun vergessen
oder gebraucht
für fünf euro
zu haben
oswald spengler
ist teurer
VII.
vor vielen jahrzehnten erschoss
die miliz branko vor meinen augen
am 9 märz 1990 in belgrad standen wir
ein jahr später lagen wir in schützenlöchern
am 9 märz standen wir noch
in hauseingängen unsere väter die miliz ohne volk schossen auf uns
automatisch die söhne die keinen krieg
keinen führer kein grossland
wollten und nun sonstwo
irgendwo leben und
sterben die kugel
flog lang
VIII.
ich sah das programm
und wusste ich würde
nicht hingehen es hatte
mir nichts zu sagen
einhellig
eintönig
einfältig
einsam
das ist auch
ein krieg
VIX.
mein gewehr
war schwer
X
einzelfeuer
ta
ta
ta
ta
ta
ta
ta
ta
ta
ta
magazin wechseln.
XI.
LAUFEN (MACCHIA ROTE ERDE)
Berge die sich aufrichten fingerbreiter Küste.
Brüder. Die Haut duftet nach wildem Lavendel und
Opas Sonnencreme Coppertone,die englisch klingt aber jugoslawisch war.Die scharfen Felsen unter den nackten Füssen, von denen man sich von Spitze zur Spitze Gipfel und Gipfel behende hangelte um im gewagten Kopfsprung scharf oberhalb der Seeigelspitzen in die Adria zu gleiten.Der schwere Duft des Zypressenwaldes,der die Tageshitze schwer trägt,die sonnenspröde Haut der Bäume die knackt während man sich küsst und das Salz von den Lippen leckt. Unter der höchsten Sonne laufen,laufen an Brombeebüschen vorbei, an grobgliedrigen hüfthohen Mauern vorbei, dahinter die Olivenhaine, an den Macciabüschen vorbei, an dem Fußballfeld mit nur einem Tor,ohne Netz auf ungerader roter Erde vorbei, an dem alten Esel vorbei der an einen rostigen Toppolino 500 gebunden ist, an Antes Knochen vorbei, am aufgetürmten leeren gelben Pepsi Cola Turm vorbei,daneben der leere dampfende Grill der nach gegrillten Sardellen riecht, an der Bäckerei vorbei,in ihrem unverputzten Betonbauch duftet es nach warmen Weissbrot, an der alten Trafostation vorbei, auf der unsere Namen Jahr für Jahr verblassen bis sie Nichts mehr sind, an dem gesunken Fischerboot links von der Brücke vorbei,seit Jahrzehnten liegt es auf glasklarem Grund und wir sehen, wie es zuwächst mit Muscheln, einen Bart bekommt nen schiefen haarigen MuschelMund,an dem Cafè mit dem italienischen Namen vorbei,vor dem man den Bauch einzieht und mit strengem Gesicht und großem Desinteresse an seiner Zigarette zieht, wegen ihr,an dem Campingplatz vorbei auf dem drei Campingwagen Platz haben und eine dalmatinische Kiefer und die Liebe,drei Nächte drei Tage mit dem Mädchen aus Brno,das Meer lag zwei Meter vor der Tür,aus ihr heraus in das Meer springen und die salzigen Küsse und dann wieder die Liebe, an der Palme vorbeilaufen unter der meine Herzkammer zersprang, am Fischerboot vorbei,dass einmal in der Woche ganz schwarz war von Tintenfischwärze vermischt mit Blut,von dem aus die ebenfalls schwarzgefärbten Fischer in flachen Kösten diese Tintenfische verkauften und lauter Kleckse vor grünen Türen endeten,ein kleines Städtchen schwarzgefleckt seine Menschenwege zeichnete,an den Marmorplatten vorbei die Geburtsdaten könnten meine sein,unter den Platten liegt mein gegnerischer Torwart,Flügelspieler,Center vom Wasserball,die sich den Krieg wünschten, kämpfen und töten. Sie liegen auf der Inselspitze unter kalten Platten,schwarz unter dem Grün der Kirchplatzzypressen, von dort oben sieht man die Bucht, kleine weiße Boote, durchsichtigblau das Meer.Ich laufe an ihnen vorbei, an den acht Bäumen,an den acht Name unter schwarzem Stein fürs Vaterland,steht dort geschrieben und weiße Boote fahren auf die offene See,an der Insel vorbei die
Apfel heisst
