IM BUS
(Beograd 1991. Frühsommer.)
ich fahre durch die stadt / sehe sie nur halb / denn man hat den einst weißen bus mit einer schwarzen folie zugeklebt / der name des busunternehmnes „die möwe“ ist nun schwarz halbiert / eigentlich wie geteert / und aus der „möwe“ wurde ein „we“ / und hinter schwarzer folie saßen nun sechs jungs / zwangsmobilisiert / um vier uhr in fahrstühle gezerrt / auf die nachtwarme strasse / in den geteerten busvogel geprügelt / blutig die blauen sitze / geschwollen unsere münder in der halbierten belgrader möwe / ich sitze auf dem sitz 24 / und hoffe / das mein geburtsjahr auch meine glückszahl ist / das glück ist ein kurzes
/ der militärpolizist /
schlägt mir in die nieren / ich singe:
ulala he ulala he
mein weg in den bus mit dem vogelnamen
DIE MÖWE staatliches reiseunternehemen belgrad
mein atemzug nun stilles ersticken ein STAU wie
unter wasser leben hier an der donau
in der filmstadt košutnjak drehen sie bunte videos laut und
zu schnell schnelle schnitte dank des staatsregisseurs
vor 10 jahren drehte er new wave videos
jetzt turbofolk zum schmutzkrieg und der regisseur
brüllt SRBIJA anstatt klappe (zu affe tot)
dreht life das sehen heben brüllen der drei wurstfinger
serbien gott und fettige gibanitza die neue dreifaltigkeit
arm kopf gerreckt gestreckt andre werden abgehackt
nur wenige die meisten sind gerreckt gestreckt und brüllen
SRBIJA und der fluss das meer im kopf einen sommer ist
her das lieben im lavendelfeld das tauchen im blau
voll die lungen kein ersticken
bleibt trost in langer nacht
mein schwanz trostlos auf reisen im
schwarzen bus geteert meine möwe
LADTA und krieg zwei schwarze vögel
OSTBERLIN
(Herbst 1991)
schnitt
schnelle montage
ostberlin 1992
ich halb und roh habe nichts nur
wieder in das bett genässt ich nun exilboy mann hawe
kann nicht lachen mein strandblick im exil anstelle donau
schreib ich mir spree ins sterbebuch
denk mein herz ist eine kiesgrube
kalt klirrt das innen und ich schieb mir das braune
unter die haut leck den heissen löffel SCHEISSE MANN
besser drinnen unter wunder haut das flüssige
als das vor der tür sehen
JUGOSLAWIEN DER KRIEG VOR DER HAUSTÜR titel bild
denn bildleser wissen mehr im neuen dreischland im herbst 92
mein pazifismus heißt nun HORSE ÄTSCH oder HEROIN
meine angst ist gross und mitgenommen nach berlin
nun meine frontstadt zwei tage verkrieche ich mich
um in nem holzschrank zu ejakulieren
der kennt mich seit ich kind war
ist gross wie ein boot und riecht nach meinem vater biermann
leder und DDR ich summe BRÜDER ZUR SONNE
mein flüstern in das holz gewichst
arche du stinkst mit deinem solopassagier SCHRANKKRIEGER
mit mir draussen das neue D das schöne ist alt gemauert vor jahrhunderten von osmanischen habsburgischen baumeistern,
das neue NOVI BEOGRAD ruinen des neuen unterm germanen sonnenlicht schreib ich mit blut ins hotelholz ICH TRÄUME LÖFFEL
in paris amsterdam lissabon berlin vereint wir
die weggeher nichtschläfer löffellecker
aus dem bus
auf der flucht
ich oder wir in teakzimmern in ostberlin andre unter segeltuch bad luck
da leb ich nun REISE REISE alexander der kleine
das land das mir fehlt stinkt unter ammoniakschwerer
decke meine pisse ist südslawisch nackt in der angst
ich liege ich an der spreeküste GENUG vom krieg
spreetrauriger strand ich springe ins blau
wie die pillen in mein maul, die ich verschrieben schlucke
ich sehe mir drei mal im jahr den film
ich war neunzehn von konrad wolf an
seit jahren sehe ich mir konrad wolf
filme an wenn mir die welt zu schwer
wird ich war neunzehn insbesondere
das lebensjahr in dem er mit dem krieg
in ein schuldschweres D wie
deutschland zurückkehrte
ich war einundzwanzig
als ich aus meinen krieg
in jugoslawien das mir heimat wurde
zurückkam in die fremde heimat D wie
deutsch die sprache und ich hörte
konni wolf sagen ich werde mich ein leben
lang nicht entscheiden können
was meine heimat ist das fremde
deutschland oder das land der sowjetischen völker das mir neue heimat wurde
ich werde mich auch nie
entscheiden können und am 22 juni
neunzehnhunderteinundneunzig
war ich einundzwanzig und
sass in einem schützenpanzer
und weinte um meine
heimat
jugoslavija
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