(texte in denen länder und zeiten sich ändern/von gestern und heute/momente und mehr in zwei tagen)
I
mutter
ich fahre durch die sommerliche stadt
vorüber an silberglänzenden bäumen
leuchtenden strassen, ein ruhiger hoher
blaugefasster himmel über mir
meine fahrt meine worte sind schon
vergessen bevor ich sie tat oder
aussprach,der fremde gegenüber mir näher als die frau im bett
die mich vergass bevor sie gebar
nichts bleibt nichts
und ich fahre in das vergessen
meine dunkle höhle
mama ich habe schlecht geträumt
und in das bett gepullert
ich habe dich geträumt mutter
und von keiner
liebe
II
traum
ich träume selten vom theater.eigentlich nie.doch diesmal trafen sich in meinem traum spieler*innen die zu früh gegangen sind, mein freund aus bosnien genaugenommem tuzla tanzte durch einen dichten wald, nun ein verrückter dänenprinz mit einen galileilschen sternen
fernrohr sah in den sternenhimmel und ich sagte nur sterben schlafen und alle meine tränen sah ich als sterne am nachthimmel und er sagt mir nur ICH WEISS WIE ICH ES SPIELEN WERDE im gras lag das bleiche mädchen später eine traurige frau die nicht leben wollte aber spielen, doch das spiel reichte nicht für ein leben und sie sprach nun im traum unter dem farn texte verschiedener figuren aus tschechowstücken und ich LIEBE DAS THEATER dachte nina, arkadina, sascha ein unendliches feld aus farn und anton spricht zu mir. im dickicht nackt der freund, den der krebs frass und ich weiss er ist lear, den der krebs in sanski most bosnien frisst und unser alter krieg.
der unser halbes herz augefressen hat deswegen gehen wir oft zu früh von dieser welt und wir nehmen beide horse und zünden ein haus an, er ist lear ich der soldat mit zwei roten streifen in tarn und grün und wir singen ZIVJELA JUGOSLAVIJA und ich wache auf, im berliner bett, die uniform auf nackter haut und meine toten freunde tanzen in diesem wald aus traumweh und jemand sieht durch das sternenrohr und jemand lebt und weint. bin ich zu spät. die bühne ein see,dahinter ein wald.
II
die kecmanovićs (adria 1990)
in der kleinen siedlung an der adria besaßen frau und herr kecmanovic ein bescheidenes kleines ferienhäuschen,ein wenig versteckt hinter wuchernden zypressen.häufig hörte man beim vorbeilaufen zwei schreibmaschinen rattern oder das setzen von bauern und springern.klak klak.
herr und frau kecmanovic waren nicht sehr gross, genaugenommen waren sie gleichklein,also kleiner als die meisten menschen. herr und frau kecmanovic taten alles gemeinsam, sie aßen gemeinsam ihre hühnersuppe,gemeinsam machten sie ihren strandspaziergang nach 17 uhr,denn eine sonnenempfindlichkeit war ihnen gemeinsam, sowie die liebe zum schachspiel. herr und frau kecmanović spielten gerne gegeneinander,aber es gab nicht wenige tage,an denen sie mit ihren schachkassetten unter den achseln ihre nachbarn besuchten,um bei einem oder zwei gläsern bevanda drei oder vier schachpartien zu spielen,gemeinsam war beiden,dass es frau und herr kecmanovic herzlich egal war,ob sie siegen oder verlieren,wichtig war das niveau des spieles,den beiden war niveau wichtig,schließlich waren sie beide angesehene intelektuelle aus sarajevo.
gemeinsam war ihr schreibmaschinenschreiben zwischen 14 und 16 uhr, während der mittagssiesta schrieben sie,frau und herr kecmanovic an ihren autobiographien,denn sie waren nicht nur angesehene intelektuelle sondern auch partisanen der ersten stunde.
ihre wichtigste gemeinsamkeit war,dass sie im juni 1941 aus einem dunklen loch krochen, in denen ihre beide familien und weitere 300 sarajevoer juden mit vorschlaghämmern totgeschlagen,mit stacheldraht aneinadergefesselt in das dunkle loch gestopft worden. weiß von kalk liefen sie gemeinsam durch einen wald,bis sie auf eine kleine partisaneneinheit trafen, der politkomissar, ein erfahrener spanienkämpfer, machte sie zu seinen partisanenkuriren und brachte ihnen das schachspielen und siesta halten bei, eine angewohnheit aus dem bürgerkrieg und er sagte seinen beiden jüngsten kämpfern nach jeder partie schach:
diesmal werden wir siegen.
III
das hochhaus gegenüber
12 stock :
illegale indoor minigolfanlage,geleitet von einen britischen ex marines.
11 stock :
ein blindes ehepaar,sie stehen oft an ihren offenen fenstern,lieben den wind,den es immer in den oberen stockwerken gibt,der ihnen die stadt in die zimmer trägt,am bauch spüren,sehen sie sie.die welt.
10 :
mutter mit ihrem geistig behinderten sohn,das katzennetz ist aus feinem draht,es soll den sohn vom fliegen abhalten.katzen wissen das.
9:
ein pensionierter biologieprofessor,der sich ein balkonkraftwerk auf die terasse gestellt hat,er schenkt einen teil des sonnenstroms der mutter vom 10ten,sie lädt damit ihr internetradio auf.
jeden tag von 17-19 hört sie eine tangosendung direkt aus boca und tanzt.ihr sohn schreit oft laut.er weiß zuviel über sich.
im 8ten stock:
ist es still.manchmal hört man es klatschen,dann wimmert jemand,bis es wieder still ist. das klatschen hört man am wochenende häufiger.
im 7 stock :
wohnen zwei pensionierte busfahrer.beide haben zusammengelegt und ihre balkone mit einer wetterfesten weißgrünen pergola ausgestattet.sie unterhalten sich über ihre balkone hinweg.gegenseitig besucht haben sie sich nie.der busfahrer auf der linken hausseite lebt seit zwei jahren allein.er wird noch zwei jahre leben und dann auch sterben. die pergola wird ihn überleben. sie haben sich für die richtige entschieden,nicht gespart.im sechsten stock:
leben zwei ukrainnerinnen mit ihren vier töchtern. sechs frauen im sechsten stock.schwesternrepublik,denkt einer der busfahrer und ist wütend,dass er allein unter der unsterblichen pergola überlebt. die sechs frauen haben keine nachbarn,die wohnung gegenüber ist nicht vermietbar. es sei dort etwas passiert,sagte ihnen der bosnische hausmeister und er wusste,wovon er sprach,dass spürten die frauen
sofort.
IV
tod/mistral
Vom Westen wehte der Mistral,das Meer kräuselte sich milchig weiß und der Oleander hochgewachsen und kräftig blühend bog sich unter dem heißen Wind zur Seite,er entblößte in seiner Mitte einen ausgebeulten Gummiball mit Weltraummotiven: Kosmonauten wurden von Pionieren begrüsst,ein Satellit umkreisste das Ballventil und eine im Laufe der schweren Burawinde verblasste Inschrift “CCCR“ leuchtete schwach im hellen Grün.
Dieser WeltraumBall liegt sehr lange dort,seit dem Sommer 1990, als der Junge, dem dieser Ball gehörte mitten in der Nacht in einen gelben Golf Eins getragen wurde. Er schlief
noch, denn es war sehr früh, das Meer lag still da und nur das leichte Wiegen der krummen Kiefer kündigte an diesem Tag den Mistral an, den Wind der das Ende des Sommers einläutete. Der Junge starb während der Fahrt,genau an der Biegung von Pirovac, dort wo man noch Schwämme tauchte und sie vor den weißen Häusern in der Sonne und dem Mistral trocknete.Unter dem grünen Dach von Kiefern, Glaskraut und Meerfenchel hielt ein gelber Golf Eins an,es war sehr still, so still dass man die Kiefernrinde knacken hören konnte. Mit den Jahren umschloss der Oleander den Gummiball und unter seinen grünen Flügeln verblassten die Raketen, Satelliten, Pioniere und Kosmonauten, bis der Ball fast so weiß wie Knochen wurde.
V
karamell
karamell bruder.
wenn du hier krepierst wirst du wenigstens nach karamell riechen und wir werden alle an schmelzendes karamelleis in kleinen kinderhänden denken, an unser erstes eis, dass wir ohne vaterhilfe, vater den der krebs langsam ausgefressen hat, mit DAUERFEUER SCHALT AUF DAUERFEUER/KANN NICH ANGST/PIMMELFRESSE DAUERFEUER SONST SIND WIR IM ARSCH/
DAUERFEUER EINZELFEUER MG TRUPP AUF ELF / ANGST MANN ANGST / SCHIESS SCHEISS MAMA zitternder stimme, grossen warmen augen gekauft hatten und wir werden karamelleis essen in kleinen hafenstädten, unter dem grünen dach von zypressen, mandelbäumen und wuchernden oleanderbüschen denken und nicht heulen, wenn du mit einem loch im hals, auf den lippen die violent femmes in diese fruchtbare urerde beißt:
I'm out walking
I strut my stuff
And I'm so strung out
I'm high as a kite
I just might stop to check you out
Let me go on
Like I blister in the sun
Let me go on
Big hands, I know you're the one
du und ich liegen, die angst in den fingern
hier im slawonischen brei unter urkrebsen, weisste bruder, das hier war das panonische urmeer und wir sind die neuzeitkrebse, liegen auf dem rücken, die druckwelle hat uns umgeworfen und du denkst, du
krepierst oder ich, oder die fette sau von major, der seinen
gefechsstand im zusammengeschossenen weinlokal
„zu den drei fröhlichen troubadouren“ nicht verlässt, einen
gespritzenen nach dem anderen unter seiner sternen schapka
versenkt und das sternenrot unseren grosseltern in braunem kotzbrei erstickt, ach ach vater lieber vater
doch wie schön, lieber vater
überall roch es nach karamell
zwei 62mm granaten haben das dach durchgeschlagen
vater
es waren verbotene phosphorgranaten aus alten nva beständen,
die kennst du bestimmt, hast mit ihnen ungelenk geübt
und das langgezogene gebäude der milchkooperative brannte
und die milch brannte, das phoshor brannte sich in den kalk,
den mörtel, die ziegel, fenster türen, die milchkannen brannten
und in ihnen die milch und stevo tanzte nackt durch die brennende halle, schüttete rübenzucker, in die von angst verlassen starre aluminiumarmee,
gross die schwarzen mäuler
und stevo rief, grösstes glück in zahnloser fresse:
gelato caramello
gelato caramello
eis
eis
birra
cola
und wir dachten kurz, wir liegen an steingrauen stränden
im rücken, die macchia vor uns
kein urmeer, kein panonischer dreck
die adria und die viotent femmes:
Like I blister in the sun
Let me go on
Big hands, I know you're the one
Body and beats
I stain my sheets
I don't even know why
My girlfriend, she's at the end
She is starting to Cry
VI
ewig
Vom Westen weht heute der Mistral und das Meer ist das. Meer.So sieht der Tag aus,an dem alles Nichts wird,die Erde in das Schwarz der verloschenen toten Sterne zurückkehrt sagte mir der junge Fischer
er schnitt mir den Bauch auf
schabte die Silberplatten von
meiner salzigen Haut
und verbrannte mich
Rauch für die Sonne
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