UNTER TIEREN



UNTER TIEREN I

lauf
schneller
lauf
nur eine runde noch
ich lief seit stunden, vielleicht nur ein zwei minuten
ich lief und fiel und mit jedem fall färbte mich die stinkende
erde, ich wuchs mit jedem riss im knie,
der golem auf horse war ich nun und lief
meine runden und stank nach zebrapisse
der junge aus schlamm und innen weiss und warm
lief im zebragehege seine runden und fünf zebras sahen mir zu
lagen meist auf der fast kreisrunden wiese und sahen mir zu,
beim laufen und fallen
ich lief auf der galopprennbahn, die keine war nur
einer sehr ähnelte, die grüne insel eingeschlossen von der
schmutziggelben erdigen bahn war das zuhause der zebras vom belgrader zoo inmitten der stadt. belgrad mai 1991
die berge brennen schon, dort in kroatien.
die angst ist in mich hineingekrochen
am sechsten februar
als ich nicht reden
nur sehen sehen
schweigen konnte
wortlos ging
der letzte zug
fuhr,die ebene danach slawonisch
zum sterben flach
seit dem sechsten februar reitet mich das
pferd,mein tiefes weiss.mein süßes warmes meer
dass mich küsst,umarmt.zart flüstert.
mein dealer wohnt direkt am belgrader zoo
es ist ein katzensprung zum zebragehege, dass eigentlich
eine galopprennbahn war (in den zwanziger jahren war das gelände
noch ein parcour der serbischen gardekavallerie. die schönsten offiziere
ritten ihre weissen pferde aus, angesehen,
meist desinteressiert jedoch mit guten ton von den attraktivsten jungen belgrader damen) und auf dem ich nun
renne
los
lauf
lauf
falle nicht
falle nicht und denke träume
dass die berge nicht brennen
dass du sprechen und lieben kannst
nicht wortlos in züge steigst
im februar gleis drei
am morgen wache ich auf, inmitten der zebras und ich schmiege
mich an ihre warmen, borstigen körper und wir lecken uns
die risse und stiche, verscheuchen die dicken madenfliegen
sie haben keine angst, meine zebras
denn sie kennen mich schon seit
einer woche. jede nacht klettere ich über den zaun
reite auf meinem weißen pferd meine runden
unbesehen von dem schönen mädchen
zu dem man nicht sprechen kann
von denen man wegfährt im februar
die uniformen auf dem bahnhof der fremden stadt angst
zählt dreissig vierzig achtzig so bunt und farbenfroh.
sie für immer verliert und fünf stunden in den
nikotinschweren fenstervorhang des waggons heult
die welt nicht sehen,liegen in slawonien,
da und dort
das feld noch brach, auf demselben werde ich
ein paar monate mein schützenloch mit meinen
händen hineinreissen und ein dorf wird brennen
lauf
na los
lauf
falle nicht
ich trinke am morgen nach dem laufen gemeinsam mit den
zebras das lauwarme stinkende wasser, zoowächter gibt es keine
die inflation frisst gerade das geld, das land
es kommt niemand mehr in den zoo,
nur der direktor
wohnt noch dort und sorgt für futter
einmal am tag.
ich trinke mein wasser aus,lehne mich an meine zebras
an, sie riechen meine trauer und ich höre ihren herzen
zu im frühjahr 1991
liebte ich zebras
mehr
als die menschen.
und berge brennen
züge fahren.
lauf
lauf

UNTER TIEREN II

mitten unter sternen
stehen und hineinsehen in ihr licht
sie leuchten über meinem kopf
tanzen um mich herum, landen auf der
stirn auf dem handrücken
mancher stern fällt zu boden
erlischt stirbt tonlos
ich greife nach ihnen mit einer hand
die andere hält mein cousin
er hält mich und sich und tränen
leuchten im hellen nachtgrün unsere
dreihundert sterne in den bergen
bei bosanski novi gehören nur uns
zwei jungen aus berlin und bosanski novi
wir sehen uns einmal im jahr
und in diesem jahr leuchten wir
inmitten der sterne
LAMPYRIDAEN
unser milchstrasse sind heute nacht
die glühwürmchen
von bosanski, von der una
die man in der ferne hört
wie die stimme über uns
es ist ur-oma todora
die 101 jahr alt ist
und seid dreissig jahren ihrem,mit ihrem
mit samt und purpur ausgelegten sarg
in der küche lebt -
ist mein schönstes möbelstück, sagt sie immer
wenn ich tot bin,hab ich nichts davon
sagt sie immer
seit dreissig jahren steht der sarg in ihrer
schiefen küche in dem dorf bei bosanski novi
er dient als frühstücks und mittagstisch
und wenn besuch aus der stadt kommt
wird er reich geschmückt mit allem
was ihre kühe und hühner von sich
hergeben gefragt oder nicht für drei tage drei nächte
mein opa der general hat ihr den sarg in belgrad
gekauft, vor dreissig jahren als oma todora
71 war und sterben sollte,aber nicht wollte
er schnallte den sarg auf seinen generalsdienstwagen
es war natürlich ein deutsches modell
genauso deutsch, wie der deutsche der opa
vier jahre durch die berge jagte und fotos machte
und dörfer niederbrannte
deutsch,wie der deutsche,der meine oma
eine sechszehnjährige partisanin gefangennahm
und laufen liess,damit ihr nicht kehle und augen
ausgestochen werden von den ustaschas
aus dem nachbardorf
deutsch wie der kleine halbe deutsche
der nun inmotten der grünen sterne
stand, hand in hand mit seinem
cousin aus sarajevo stand und vor
glück und schönem schein heulte,
mit dem cousin, der nicht mehr
in sarajevo lebt,
der nicht mehr lebt
unter den sternen, unseren
LAMPYRIDAEN
ist selber einer
eine mine riss in
entzwei
oma starb mit
104 vor ihm
schön in samt
ich träume oft diese nacht
unser leuchtenden
sterne
glühend
ewig
fliegen
sie

UNTER TIEREN III

ich hatte mal einen kanarienvogel
für einen tag
am zweiten weihnachtstag lag er
tot auf dem boden,neben dem baum
der erste tote in meinem damals noch
jungen leben
vater sagte nur
sie haben biermann ausgewiesen
das ist schlimmer
was hatte dieser biermann mit
meinem toten vogel zu tun
der dalag
bunt

UNTER TIEREN IV

ich höre ihr singen
zykaden
vielstimmig der ungesehene chor,die steine grau,
weiss in denen sie leben sterben
geschichtet von händen vor langer zeit
hinter den schweren steinen liegt die schwere erde,
rot unter der haut lebend, der grabenden und schichtenden
färbt die hönde für ein leben ein,meist ein schweres,
doch sie, die steinsänger singen gleichmütig vielstimmig
die steine weissgrau und ihre harte haut
wärmt meinen rücken, sie bohren sich
in das fleisch,mein clash tshirt
aufgeheizt vom tag nun ihr zykadenheim
das salz auf joe strummer mein weisser kontinent
angelehnt an das rissige spitze grau mein
konzertbesuch und weiss atme ich schwere heisse luft
warte auf den nächsten gesang
an der bushaltestelle mit meerblick
ich warte auf den 13 uhr bus
nach primošten auf wellen reiten
mein warten auf den bus splitexpress
weißes sommerglück
der gesang
UND
jeden tag fahre ich mit meinem
klappfahrrad 6 km die strasse staubig,
gleissend das weiss,selbst die kleinen steine
die mein PONY in das nahe blau
schiesst weiss, wie die berge hinter
den kleinen häusern der feriensiedlung
ich fahre 6km für eine kugel
vanilleeis aus dem eiscafee der kleinen hafenstadt
der besitzer schenkt mir jeden tag eine
kugel vanilleeis,
für meinem ersten kleinen blonden deutschen
den er in seinem leben
sah,nachdem er aus dem kosovo an das
blaue meer zog und mit seinen vier
brüdern der eiskönig meiner kindheit
wurde
mein königreich eine kugel vanilleeis
irgendwann zündete jemand sein eiscafé
an,danach brannte das eis
überall an der küste
irgendwann sangen sie
nicht mehr

zweihundert jahre lang
warfen die fischer schwere steine
von ihren schweren weissen holzbooten
aus in das meer
nach zweihundert jahren
errichteten sie auf den steinen
eine brücke und die insel war
nun keine insel mehr
auf der brücke laufe
ich hand in hand mit
einem mädchen aus bihać
auf die andere seite
der insel die keine
mehr war um uns
in ihren wäldern
zu küssen
und dem
gesang
zuzhören
ich höre sie
immer noch
auch in B
im regen im
september
zykaden

UNTER TIEREN V

ich habe ungefähr hundert ameisen getötet
mit sechs oder sieben,vielleicht mit fünf
ich habe einen krieg verweigert
nicht zurückgeschossen
meine patronen vergraben
flach das grab
mit einundzwanzig genau
ich hoffe
nun die schuld
ist beglichen

UNTER TIEREN VI*

Pools of sorrow, waves of joy
Ein dampfendes Feld,dann Waldlichtung frisch ausgehoben
die Grube leichter Morgennebel ein LKW
Männer steigen aus leise wimmern schluchzen
wortlos knackt Holz unter leichten Schuhen
zweimal adidas puma dreimal borovo**allstars vier
Nebel streicht über das braunschwarze Loch
They tumble blindly as they make their way across the universe
woanders an den lauten Stränden
die Sonne brennt über gezähmten Köpfen
und verjüngten Brüsten am Strand, Jahre später
Weit weg der Wald das Loch
operierte Gesichter an Adrias Perle
gespreizte alte Beine Zigaretten werden zerknautscht
von operierten Lippen Münder daran lutschend wie Schweine
den grauen Brei im dampfenden Trog
Words are flowing out
an Waldlichtung in den Bergen
der Nebel zieht durch silberweiße Blätter
der verstreuten Baumgruppen im Busch unter den Bäumen
liegt ein TShirt ein roter Schlüpfer drei paar Schuhe
Lederbänder Holzkreuze von Zähnen weissgebissen
woanders nicht weit weg goldene Kreuze an ledernen Hälsen
schwer wie runde Steine des Strandes ein Lachen
ein Kreischen am Meer wo die operierten Gesichter
platzen unter holländischen Zeltdach ein roter Stern
Bierschatten.
Across the universe
Es leben zwei Ameisenvölker vom Fleisch der Grube auf der Lichtung
fleissig lösen sie die Fleischstücke vom alten stummen Berg
tragen sie in ihre Städte unter der Erde marschieren über das TShirt
den roten Schlüpfer Lederriemen ein kurzes ausatmen auf dem
verrottetem Schuh drei Streifen hat er kaum zu erkennen
Lehm klebt daran seit Jahren, der Weg vom LKW zur Lichtung kam wohl vom Regen
DAMALS getränkt ihre letzten Schritte vom schweren Schlamm
Woanders vier Damen schlürfen laut den sämigen Kaffe
Kaffee klebt an ihren Mündern schwarzer Schlamm
künftiger Tod bei Bergamo am Schuh
schwarze Löcher ihre Münder der tiefe Bass
kündet von Hauskäufen verfickten Hurensöhnen
eröffneten Shoppingmalls und wieviel Lehm passt
in eine glänzende braungoldene Handtasche
die Gräber flach und kalt niemand weiß es
Die Lippen aufgespritzt mit Lehm werden ewig wiehern
Ihre Männer haben vor Jahren das Loch auf der Lichtung ausheben lassen
von anderen Männern die wimmerten schwiegen auf Holzkreuze bissen
eine oder zwei Zigaretten geraucht,dann getan was getan werden musste
für Volk Vaterland und den neuesten Jeep
und die Frau zu Hause die wartet auf Gold und Urlaub am Meer
Die beiden alten Völker unter den Bäumen kümmert es nicht
das Leben und Sterben hoch über ihnen sie schweigen und arbeiten
das Loch ist tief der Berg noch hoch es gibt viel zu tragen.
Dies alles erzählte mir mein bester Freund auf der Terasse
während alle
schliefen am nachstillen Meer nach der Seuche
sein Bruder fuhr damals den LKW auf die Waldlichtung
er hörte eine best of Kassette von den Beatles
so laut er konnte
nothings gonna change my world
aus fleisch wurde weisser staub
die unterirdischen städte in nord und süd
werden aus knochenmehl gebaut seit jahren

Published by


Hinterlasse einen Kommentar